Artikkelin alkuosa


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Zur Beweiskraft des Finnischen


§ 62. KORHONEN "warnt vor der Gefahr, daß germ. Wörter in der vom Finnischen vorausgesetzten Form rekonstruiert werden und Rekonstruktionen, die mit der fi. Form nicht in Einklang sind, aus diesem Grunde abgelehnt werden und daß auf die- se Weise die Auffassung, daß das Finnische konservativ sei,ständig gestärkt werde" (HOFSTRA 1985, 415). Es ist nicht klar, an welche Adresse diese Warnung gehen soll. Es hätte schon der Mitteilung wenigstens eines Falles bedurft, in dem eine aus dem einzelsprachlichen Befund rekonstruierte urgermanische Form, die auch mit dem Urindogermanischen im Einklang ist, aufgrund einer Unvereinbarkeit mit dem ostseefinnischen Befund verworfen wurde 71.

Denn nur dann wären die zitierten Bedenken gerechtfertigt. Wenn die rekonstruier- bare urgermanische Form dem vom Urindogermanischen her zu Erwartenden nicht entspricht, ist mit Recht zu erwägen, ob nicht vielmehr die durch das Osteefinnische nahegelegte Form das Ursprüngliche widerspiegelt und das Germanische bzw. die jeweiligen Einzelsprachen zu einem späteren Zeitpunkt geneuert haben. Dies gilt un- ter der trivialen Voraussetzung, daß die ostseefinnische Abweichung nicht anderwei- tig erklärt werden kann. Die Berechtigung aber, das Ostseefinnische ins Treffen zu führen, liefert die Empirie. Es handelt sich dabei streng genommen nicht um Rekon- struktion, die per definitionem die Er- schließung eines historisch nicht verifizierbaren Zustands mit Hilfe der belegbaren Fortsetzer ist, sondern um einen Ansatz aufgrund des Befundes der Neben-überlieferung. Bei dem Ausdruck "konservativ" handelt es sich nun um keinen definierten linguistischen Terminus, sondern um einen relativen, die Erfahrung des historischen Sprachwissenschaftlers wiedergebenden Begriff.

71. Sollte KORHONEN dabei bestimmte germanische Etyma KOI- VULEHTOS im Auge gehabt haben, so muß man ihm recht geben, vgl. KOIVULEHTOS Deutung von fi.paljas (§42) oder fi.paula (§ 79).


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Wenn an. im Finnischen tanhua lautet (vgl. § 55), so ist das Finnische vom ger- manistischen Standpunkt als eine "erzkonservative" Sprache zu bezeichnen  72.

Wenn mit dem in Rede stehenden Begriff in der Finno-ugristik Schindluder getrieben wird, geht das den Germanisten nichts an. Natürlich muß die Zeugniskraft des Ost- seefinnischen von Fall zu Fall überprüft werden. Tatsächlich beweisen fi. viina ‘Branntwein’, punta ‘Pfund’ oder kattila ‘Kessel’ nicht, daß sie "an das Finnische weitergegeben wurden, als die germanische a-Deklination, in die diese Wörter über- getreten waren, ihr auslautendes a noch nicht verloren hatten" (VON POLENZ 25), denn *vin, *punt und *katil hätten im Ostseefinnischen - zumindest auf analogis- chem Wege - auch in die a-Klasse eingebaut werden können statt in die bei konso-nantischem Auslaut des Originals häufigeren Klassen (i und u). Gegen die Stichhal-tigkeit des Einwandes‚ daß schwedische auf Konsonant auslautende Wörter im Fin- nischen ganz verschiedenen Stammklassen zugeordnet wurden, im Zusammenhang mit der Frage, ob die ostseefinnische Stammklasse eine Aussage über den Stamm- vokal des urgermanischen Originals gestatte, hat sich mit Recht KOIVULEHTO gewandt (198lb 174 f., Anm. 7).

Generell ist festzustellen, daß nicht immer unbedingt vom Nominativ des Originals auszugehen ist. Da germanische n-Stämme i.a. zu Ostseefinnischen a-Stämmen führen, ist daran zu denken,daß maskulinen a-Stämmen, deren ostseefinnische Ent- sprechung kein s im Auslaut aufweist,der Akkusativ zugrunde liegt,etwa im Falle von fi. havukka ‘Habicht’ (an.haukr,s.HOFSTRA 214).Wenn ein germanischer a-Stamm im Ostseefinnischen durch einen e(h)e-Stamm reflektiert ist (vgl. HOFSTRA 1985, 214 f.), läßt sich an den Genitiv als Entlehnungsgrundlage denken, denn beispiels- weise hat auch ein urgermanischer Stamm *kalbez- im Finnischen kalve ‘junger Ochse’ (l.c.) ergeben. Freilich gilt es von der Semantik her wahrscheinlich zu ma- chen, daß ein bestimmter Kasus als Basis in Frage kommt;im Falle des Genitivs z.B. käme bei Nomina materiae die partitive Funktion in Betracht.Daß neben fi. ruhtinas ‘Fürst’ auch ruhtina existiert, könnte auf den Vokativ neben dem Nominativ deuten.


72 "Die konservative Rolle des Finnischen wird erneut bestätigt" (SCHMID 1986‚ 190), falls fi. olut tatsächlich aus einem baltischen *alut stammt - mit Verlust des Dentals apr. alu und mit Übergang in die maskulinen u-Stämme lit., lett. alüs(SCHMID 189)



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Fi. kuningas ‘König’ und ruhtinas sind mit ihren Ausgängen verhältnismäßig isoliert (vgl. noch ahingas ‘Fischgabel’, estn. toomingas ‘Faulbeerbaum’, mõningas ‘manch-‚ gewiss’). Es erscheint völlig un-plausibel, daß hier ostseefinnische Zwei- silbler auf -as oder die Mehrsilbler mit dem Formans -kas/-kkaa-‚ dem eine klar zu bestimmende Funktion zukommt und bei dem noch dazu die Konsonantenstufe ab- weicht, einen Einfluß ausgeübt haben sollen. Freilich könnte aufgrund der verwand- ten Bedeutung ein *kuninka nach ruhtinas oder ein ruhtina nach kuningas umge- bildet worden sein, es ist aber die Annahme wahrscheinlicher, daß mindestens in einem der beiden Fälle der Auslautkonsonant auf das germanische Original zurückgeht.

§ 63. Oben wurde die Frage des Reflexes unverschobener germanischer Klusile im Ostseefinnischen erwähnt. COLLINDER hat versucht, das seiner Meinung nach ein- zige prinzipiell diskutable der beiden von KARSTEN für einen Entlehnungszeitpunkt vor der Tenuisverschiebung beigebrachten Beispiele (reipas, reippaa-, vgl. an. rifr) mit folgenden Überlegungen zu entkräften: "Der Schluss, dass reipas auf eine vor- germanische form mit tenuis zurückzuführen sei,ist natürlich nur unter den folgenden Voraussetzungen zulässig:

1) dass in urnordischen oder späteren lehnwörtern eine finnische geminierte tenuis nie einer nordischen frikativa oder media gegenübersteht;

2) dass im finnischen wortvorrat entgleisungen aus der wechselreihe t - d, etc. in die wechselreihe lt - I, etc. nie oder jedenfalls nur selten stattgefunden haben" (1932).

Von den fast vier Dutzend Gegenbeispielen ist aber nur in einigen wenigen Fällen die zu erwartende Vertretung nicht daneben belegbar. Im Falle von fi. reipas gibt es offenbar keine Variante,denn sonst erübrigte sich die Diskussion.Ferner fällt auf,daß es sich überwiegend um Beispiele handelt,in denen vor der fraglichen finnischen Te- nuis bzw. Tenuisgeminata Liquida oder Nasalis steht. Nun ist aber im Finnischen die Quantität in den Verbindungen von Liquida bzw. Nasalis und Tenuis(geminata) so geregelt,daß vor einfacher Tenuis die Liquida und Nasalis lang artikuliert wird,d.h.,es gilt RRT vs. RTT. Der Finne steht demnach bei der Übernahme eines schwedischen Wortes mit RD vor der Wahl, die schwedische Media adäquat - in seinem System - mit der Tenuis wiederzugeben und die Liquida bzw. die Nasalis davor lang zu ar tikulieren oder den akustischen Eindruck der fremden Liquida oder Nasalis "korrekt" nachzuahmen, was aber die Längung der darauffolgenden Tenuis bedingt hätte.


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Dialektal und diachron könnte von beiden Möglichkeiten Gebrauch gemacht worden sein, z.B. fi. tonki und tonkki (schwed. stang ‘Stange’) 73.

Gegen KARSTEN hat man auch die Doppelvertretung baltischer Tenues ins Treffen geführt. Als Urheber der Erklärung, daß die unterschiedlichen Reflexe der baltischen Tenues chronologisch bedingt
seien,gilt in der jüngeren Literatur STEINITZ (s. z.B. HOFSTRA 1985,150f.). In älteren Arbeiten zitiert man THOMSENs "Andeutung, daß die Vertretung durch finnische lange Tenues aus einer späteren Zeit stamme als die Vertretung durch kurze Tenues" (WIKLUND 1917/20, 60).

Ein entscheidendes Argument THOMSENs und WIK- LUNDs war die Tatsache, daß die Elemente aus einer der baltischen vorausgehenden arischen Kontaktperiode ebenfalls einfache Tenues zeigen. STEINITZ läßt in seiner Wiederentdeckung der THOMSENschen Vermütung dessen Hinweis auf "diese vereinzelten und nicht systematisch untersuchten Fälle wesentlich ausser Betracht" (1965, 300, Anm. 1).

STEINITZ nimmt an, daß die Ostseefinnen während der ersten Kontakte mit den Balten den Unterschied zwischen Tenuis und Media nicht realisierten, weil diese Op- position in ihrem phonologischen System nicht vorhanden war,und sie erst mit wach- sender Intensität der Zweisprachigkeit den Gegensatz wiederzugeben lernten (300 f.). Eine andere Möglichkeit wäre folgende:Unter der Voraussetzung,daß es den ost- seefinnischen Stufenwechsel zu Beginn der Berührungen mit den Balten noch nicht gab, wären die Fälle mit einfacher Tenuis für die baltische Tenuis als Normalfall anzusehen.

Die Wiedergabe durch die zugrunde liegende Geminate ließe sich damit begründen, daß die betreffenden Wörter erst nach Herausbildung des Stufenwechsels entlehnt wurden. Es ist dabei zu berücksichtigen,daß bei der Substitution durch eine einfache Tenuis an vielen Paradigmastellen eine den fremden Klusil nur unvollkommen wiedergebende Spirans auftreten mußte.

73. Allerdings ist auch im heutigen Schwedischen teilweise eine den finnischen Verhältnissen entsprechen- de Artikulation festzustellen. ELERT gibt z.B.für hird ‘body of housecarls’ die phonetische Realisation /hir:d/ (neben /hi:rd/) usw. (andererseits aber auch /ga:rden/ u.a.) - 58 f. Die finnische Längung ist aber schon mit dem "bloßen Ohr" wahrnehmbar.



145.


Demgegenüber war die Geminate eine verhältnismäßig getreue Nachahmung der fremden einfachen Tenuis, die an den Paradigmastellen der schwachen Stufe die völlig adäquate Entsprechung zeitigte."Die Bestrebung" des Finnischen, "das Grund- wort genau und unversehrt wiederzugeben", demonstriert WIKLUND an einigen neueren Entlehnungen (1917/20, 55 f.). Es spricht a pri- ori nichts dagegen, daß das nämliche für die ältesten Entlehnungen galt.

In diesen sachlichen Zusammenhang mögen noch die folgenden germanischen Ent- lehnungen gehören: Fi. kimppu ‘Bündel’ erklärt LIIMOLA mit KARSTEN 1915 aus dem Altschwedischen, während das Wort in SKES zögernd zu syrj. kep ‘Büschel (Hanf, Stroh)’ gestellt wird, aber auch erwogen wird, ob das dialektale kimppu glei- cher Bedeutung hierherzustellen sei, und man vermutet, daß "wenigstens teilweise" (?)

[HM: *Kimp(s)ti on baltissa "lisätä objekti isompaan kokonaisuuteen" kuten halko pi- noon, tai yksi tietty kukka kimppuun.Kuurin kimpsut ja kampsut:laivan lasti toisaalta yksittäisten tavaroiden ja toisaalta laivan kannalta. Kun objektina on laiva, verbi on *kampsti,liettuan kam
šyti (kamšo),josta tulevat mm.suomen kansi,kansa = tungos, väki laivan miehistö, kama = lasti ja Hansa. Täältä tulee myös "kerääjä,varastoija *kampsteris, josta slaavin kautta hamsteri verbistä, jossa edestakaisuutta tarkoitta- van p:n paikalla on kuurissa -k- (ja liettuassa: kenk-=piinata,kiduttaa),tukee kuurista, alkuperäiskiellä, *kanksteris.]

Einfluß einer nordischen Wortsippe mit den Vertretungen schwed.(dial.) kippa, kip- pe, norw. kippe ‘Bündel’ vorliegt. Man vgl.aber auch an. kimbull ‘Bündel’ zu kimbla ‘bündeln’.In sachgeschichtlicher Hinsicht käme die germanische Herleitung der Fest- stellung VILKUNAs entgegen, daß die kleine Heumengen bezeichnenden Wörter sämtlich germanisch seien (s. §4, Anm.13, §16).

Die in SKES nicht behandelten Wörter lutus, lutka ‘Hure,Schlampe’ erinnern an die urindogermanische Wurzel *(s)leyt- ‘schlaff = löysä, veltto; herabhängen = roikkuva’ (IEW),


[HM. Tämä *(s)leyt- ei ole kantaindoeuroopan juuri, vaan vastaava sellainen olisi *s-len-s-,"pois-irrot-el-", eikä tämäkään siis ole juuri vaan johdin on molemmin puo- lin. Muoto *sleid- on lähinnä itäbalttia, joskin alun s- on usein, mutta ei aina korvattu omalla pois-etulitteellä: lt. iš-, lv (sl) aiz-, kr. -is-, jtv. -iz. Esimerkiksisi löysyyttää ta- sainen maa kuten tulvatasanko on liettuaksi slėnis. Samaa juurta kuin *len-s kanta- baltista ovat suomessa mm.laistaa, laittaa (sivuun), laita, loitto, mahdollisesti myös lentää.

"Lutka" tulee venäjän sanasta "bludka",jolla ei ole tekemistä saman sanueen kans- sa. Se mies on blud, (naisten)harhauttaja, huijari. Tulee tarkkailua, havainnointia tarkoittvasta sanasta, pelkän väärä kuvan luomisesta sellaiselle.]


die u.a.in dt. liederlich = huolimaton irstas,Lotterbube = roisto,"arpaveijari", an. lydda f. ‘träger Mensch, Nichtsnutz, Strolch=turhimus’ - vgl.noch die wohl altnordische Ent- lehnung air.lot ‘Hure’ - vorliegt.Im Finnischen hätte das germanische Wort am ehes- ten ein *lutV ergeben, die Eingliederung in die Personenbezeichnungen auf -us (van /zus ‘Greis’, lurjus ‘Schurke’) muß aber von einer Basis *luttV aus geschehen sein.

[HM: Lurjus voi olla vaikka kermaania mun puolestani...]


Die Variante lutka verdankt ihre Existenz vielleicht der Anlehnung des Grundwortes an die Tiernamen sotka ‘Ente’, kotka ‘Adler’, wobei hier vor allem das erstgenannte Wort in Betracht kommt.

[HM: Näillä SU-/paleosanoilla ei ole tekemistä IE-kielten kanssa.]

Über das Ost
finnische (KALEVALA:lutus) hinaus scheint die Sippe im Ostseefinnis- chen nicht nachweisbar zu sein. Für fi. lurjus ‘Schurke’ wird von KARSTEN (1943 /44) eine Deutung aus schwed. luri (lurifax ‘Flegel = varsta’) vorgeschlagen. Prinzipi- éll könnte aber auch schwed lurk ‘Flegel’ bzw.an. lurkr ‘Knüttel’ vorliegen. Als ältere Entlehnung hätte das Wort einen Stamm *lurkV- ergeben können, zu dem eine schwache Stufe mit rj gehören würde.

[Mitäs "lurjusmaista" varstassa eli "nykyiaikaisessa" varsinuijassa, on?

Tulee liettuan sanasta varstyti (varsto) = sitoa (lenkillä).]


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§ 64. Wenn man aufgrund der frühesten Entlehnungen aus dem Lateinischen fest- stellen kann, daß die Lautverschiebung im 3. oder 2. Jahrhundert v.Chr. abgeschlos- sen war (von POLENZ 17),ergäbe sich ein möglicher Zeitpunkt für die frühesten ger- manisch-ostseefinnischen Kontakte, der ohnehin von niemandem in Abrede gestellt wird.

Die Festlegung des Beginns der germanisch-ostseefinnischen Kontakte in die Bron- zezeit hingegen ist mit der Ansicht zu konfrontieren, daß die germanisch-keltischen Kontakte erst der Eisenzeit zuzuweisen sind (SCHMIDT 1986, 243). Das würde be- deuten, daß die Ostseefinnen bereits lange aus dem Urgermanischen entlehnten, als dessen Sprecher erste Kontakte mit den Kelten knüpften.

Fi. rikas wäre demnach eine Entlehnung, die durch das germanische Sprachgebiet von der germanisch-keltischen Grenze in den östlichen Ostseeraum gewandert ist (zur keltischen Herkunft von germ. *rikjaz s. op. cit. 238). Das Wort würde beweisen, daß die Ostseefinnen schon vor der Durchführung der Lautverschiebung Kontakte mit den Germanen hatten,denn die "eisenzeitliche" Entlehnung des keltischen *rīgio- setzt sie voraus.

Die Auffassung, daß die germanisch-ostseefinnischen Kontakte bereits um das Jahr 1000 v.Chr. begonnen haben könnten, verleiht zwangsläufig der in der "traditionellen Phase" der germanisch-finnischen Lehnwortforschung z.T. heftig diskutierten Frage, ob das Ostseefinnische Reflexe unverschobener Klusile zeige, wieder Aktualität. Der Umstand,daß es bisher nicht geglückt ist,einen sicheren Fall für eine Übernahme vor der Lautverschiebung beizubringen,würde vom Gesichtspunkt einer in den letzten Jahrzehnten entwickelten neuen Theorie bezüglich des urindogermanischen Konsonantensystems eine triviale Erklärung finden.

Nach dieser Theorie hätte das Germanische gar keine Lautverschiebung - jedenfalls nicht im gewöhnlichen Sinne - gekannt. Das urgermanische System der Verschluß- laute wäre nämlich aus folgendem urindogerma-nischen System hervorgegangen (s. GAMKRELIDZE/ IVANOV 1973, 152; 1984, 39):

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Dabei handelt es sich in der ersten Reihe des urindogermanischen Systems um glot- talisierte Phoneme, wie sie aus Kaukasussprachen bekannt sind. Der Ansatz dieses Systems werde u.a. durch folgende angebliche Schwächen des traditionellen Systems nahegelegt:

Ein System der Art T - D - D" sei typologisch nicht nachweisbar. Die Lücke bzw. schwache Frequenz in der ersten (labialen) Position der ersten Reihe sei nicht zu begründen, während die Seltenheit der entsprechenden Position in einer glottalisier- ten Reihe typologisch nachweisbar sei. Ferner ließen sich die urindogermanischen Wurzelbeschränkungsregeln in dem neuen System im Gegensatz zur alten Konzep- tion ebenfalls typologisch erklären (s. GAMKRELIDZE/ IVANOV 1973, 152 ff.).

Für die ältesten germanischen Entlehnungen - bzw. "vorgermanischen", mit denen KOIVULEHTO rechnet - wäre demzufolge zu überlegen, wie dieses neue System von Verschlußlauten im Ostseefinnischen wiedergegeben worden wäre. Da eine as- pirierte Tenuis als Fortis a fortiori eine ostseefinnische Geminata gezeitigt hätte, wä- re lediglich in der ersten Spalte ein anderes Ergebnis zu erwarten als bei Zugrunde- legung des traditionellen Systems, wenn man der Einfachheit halber nur eine Tektalreihe berücksichtigt.

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Da aber in der neuen Konzeption zur Erklärung der Ver- änderungen in den übrigen - traditionell nicht verschiebenden - Sprachen bzw. der Entglottalisierung im Germa- nischen, Armenischen und Hethitischen mit einer "niedrigen Intensität" der Phoneme der ersten Spalte gerechnet wird (GAMKRELIDZE/IVANOV 1973, 155 f.), wäre wie- derum im Ostseefinnischen die gleiche Vertre- tung wie bei den Mediae, nämlich die einfache Tenuis, das wahrscheinlichste.

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Relevanz hätte die Neuordnung des urindogermanischen Systems der Klusile aber ebensowenig für die baltischen Entlehnungen des Ostseefinnischen, obwohl das Baltische eine Verschiebung der Glottalisierten vorgenommen haben müßte:


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-

Die Affinität von Glottalisierten und Mediae zeigt auch das Karatschaisch-Balkaris- che, eine Turksprache des Kaukasus, die über die Klusile b, d, g - p, t, k, q ("tiefer Hinterzungenkonsonant") verfügt (JNSSSR 215) und die tscherkessischen Glottale häufig auch durch die Media substituiert: tscherk. käpxǝn ‘Schürze = esiliina’, kärxǝ ‘Revolver’, pastǝ ‘dicker ungesalzener Hirsebrei’ > kar.-balk. gefxin, gerox, basta (MYCYKAEB 69 f.).

§ 65. Der Status von "Fossilien" kann auch für Entlehnungen mit noch nicht durchgeführtem SIEVERSschem Gesetz beansprucht werden.

Die "generellste Formulierung" des "Sievers" ist aber durchaus nicht "die Regel, wo- nach die idg.Halbvokale/Sonanten i/ und u/ (=/y/ und /w/),...in der Stellung vor Vokal nach leichter (’kurzer’) Silbe unsilbisch (j, y bzw. j, w), nach schwerer (´langer’) Silbe jedoch silbisch (i, u) realisiert werden" (so KOIVULEHTO 1986a, 249). In der allge-meinen von SCHINDLER gegebenen Form erfaßt das Gesetz alle Sonoranten. Die für die Grundsprache anzusetzende, vom Wortende aus iterativ operierende Regel besagt, daß die unsilbischen Sonoranten zwischen unsilbischen Segmenten und zwischen Wortgrenze und einem unsilbischen Segment silbisch realisiert werden.



149.



Auf die so erzeugten Kontexte wirkt der eigentliche "Sievers", die silbische Realisa- tion der Sonoranten nach schwerer Silbe. Ein Spezialfall ist das LINDEMANsche Gesetz, das Auftreten von SIEVERSschen Varianten im Wortanlaut von Einsilblern.

KOIVULEHTO führt in seiner Spezialuntersuchung über die SIEVERSsche Regel im Spiegel der germanischen Entlehnungen des Ostseefinnischen aus,daß das traditio- nelle Material keinerlei Aufschlüsse über die Gültigkeit des SIEVERSschen Geset- zes - in seiner eingeschränkten Ausgestaltung - im Urgermanischen ergibt. Er zeigt jedoch an einer Reihe von neuen Etymologien, daß das Auftreten der sogenannten langen Affrikata die nichtsilbische Realisation des palatalen Halbvokals nach schwe- rer Silbe in der darreichenden Sprache voraussetzt - eine Voraussetzung, die durch den innergermanischen Befund abgesichert werden kann (s. RASMUSSEN 209 ff.). Die Affrikata sei für die germanische Verbindung *Tj' substituiert worden. Für die Substitutionshypothese gegenüber der anderen Möglichkeit, der Annahme einer Übernahme als *tj und eines Wandels über *t’t’ zu *c'c’ (fi.ts), entscheidet er sich u. a.aufgrund der lappischen Affrikata anstelle einer nordischen Verbindung tj. Hier lä- ge jedoch nur eine typologische Parallele vor; ein Beweis für ein gleiches Verfahren im Ostseefinnischen ist dadurch nicht gewonnen. Die zweite Möglichkeit ist vorzuzie- hen,weil bei KOIVULEHTOs Auffassung unverständlich bliebe, warum nicht auch ein baltisches *martjan mit Substitution durch die lange Affrikata zu *mortsan gewor- den war, sondern zu morsian, was im Einklang mit der communis opinio aus einer ostseefinnischen Realisation als *martian mit dem Übergang *ti > si erklärbar ist. Bei der Diskussion spielte auch das ostseefinnische Wort für die Melde (fi. maltsa 74) eine Rolle.

Ein dem Wort für ‘Melde’ homophones Lexem liegt in estn. malts ‘schlammige La- che, Moor’, karel. malc´c´a, weps. moyč(kivi) ‘Schiefer, leicht bröckelndes Gestein, Kalkstein vor.

74. Die Behauptung, daß im Finnischen in einer Verbindung von drei Konsonanten, wenn der zweite ein Plo- siv ist,der dritte nur derselbe Plosiv sein kann,korrigiert HOFSTRA zwar nach FROMM 1982 durch rts (60), fi. lts läßt er aber unerwähnt, obwohl er fi. maltsa mehrmals behandelt.



150.



HOFSTRA meint, daß die genannten Wörter "bei der Herleitung von fi. maltsa aus dem Germ.besser unberücksichtigt" bleiben sollen (1985,207).Er begründet die Auf- fassung damit, daß die Bezeichnung für die Melde "wegen der weißlich (mehlartig) bestäubten Blätter der Pflanze (KLUGE/MITZKA 1967; MARZELLI 1943, 510 f.)" zu uridg. *melh ‘mahlen’ gestellt wird.

Es wird leider nicht ausgeführt, wie man sich denn genau die Genese des urgerma-nischen *mald(i)j(n)- vorzustellen hat. Das Merkmal ‘weißlich, mehlartig’ inhäriert ja nicht der Wurzel *melh- ‘mahlen’, und das germanische Wort für ‘Mehl’ ist eine 510- Ableitung von dieser Wurzel.


[HM:"Maltta" tarkoitti ainakin Sääksmäen murteessa pehmeitä nopeakasvuisia rikka- ruohoja, erityisesti pihatähtimöä,mutta myös maltsaa, jauhosavikkaa (vuohenputkea, maitorsmaa), joita kerättiin sianporsaille koska

a) nämä kovasti tykkäsivät tällaisesta "salaatista" ja

b) koska nuo kasvit haittasivat puutarhassa tärkeämpiä kasveja.Olen kerännyt pikku- poikana sellaista "malttaa" varmaan tonnikaupalla sioille. Jauhoisuuden tai "valkoi- suuden" kanssa sillä ei ole tekemistä. Nuo ovat kasveja, joita ihmisetkin olisivat voineet syödä, ainakin maitohorsmaa on itärajan pinnassa viljeltykin keväisten ensimmäisten versojen takia. Ensin söivät ihmiset, sitten kesällä lehmät.]


Die Dentalerweiterung dieser Wurzel hat aber gerade die Bedeutung ‘zermahlen, zerbröckeln’, und die liegt ganz offensichtlich in den oben zitierten ostseefinnischen Wörtern vor. Diese können mithin im Zusammenhang mit fi. maltsa durchaus nicht beiseite bleiben. Was die "gängige Etymologie von Melde" angeht, so kann sie in der Form, wie sie in der Literatur dargestellt wird, schwerlich das Richtige treffen.

Die jo-Ableitung meint offenbar "zu einem *mald- gehörig",aber dieses *mald- heißt wie gesagt weder ‘Weißes’ noch ‘Mehl’, sondern ‘Zerbröckeltes, Erde’, allenfalls ‘Staub’. Aber in diesem Fall muß ‘Melde’ nicht notwendigerweise ‘die Bestaubte’ hei- ßen, sondern die Benennung kann mit dem Boden zusammenhängen, auf dem Art- riplex vorzugsweise wächst, wie weps. porohiin ‘Melde’ (zu poro ‘Pottasche’) und fi. saviheinä (zu savi ‘Lehm’) zeigen (weps. hiin,fi. heinä ‘Gras, Heu’). Diese Möglich- keit wird auch dadurch nicht ausgeschlossen, daß in anderen Sprachen bei der Namengebung für ‘Melde’ ein Merkmal ‘weiß’ zugrunde gelegt wurde,

vgl. russ. lebeda, das mit lebed´ ‘Schwan’ zu lat. albus usw. gestellt wird, und lit. balánda, in dem die Wurzel *bhel- vorliegen dürfte.

[HM: Liettuan balandis tarkoittaa "huhtikuussa".Liettuan huhtikuussa ei ole erityisem- min mitään valkoista, mahdollinen lukin on jo harmaata jäätä,paitsi ehkä muutolta vä- hän etelämpää palaavat kyyhkyset ja joutsenet.Balanda,saksaksi Gartenmelde, tar- koittaa "huhtikuunsalaattia". Sillä on luultavasti torjuttu keripukkia. Puutostautien tor- junta oli korkealla tasolla jo kivikaudella.Se oli yksi asia,joka ratkaisi,kuka elää ja ku- ka kuolee. Se on vaikuttanut ihmisen evoluutioonkin, esimerkiksi vaaleaverisyyteen.]

In
griech. bliton ‘Melde’ hat man ebenfalls uridg. *melh- gesehen.Auf jeden Fall be- zeugen die genannten ostseefinnischen Wörter für ‘bröckelndes Gestein’ die Exis- tenz einer Bedeutung ‘mürbe’ o.ä. für ein zu uridg. *melh- ‘mahlen’ gehöriges urgermanisches *mald(i)(n)- 75.


75. HOFSTRAS Kritik wäre vermutlich unterblieben, wenn KOIVULEHTO seinen Aufsatz zur SIEVERS- schen Regel vor HOFSTRA 1985 veröffentlicht hätte. KOIVULEHTO hält die ostseefinnischen Wörter für ‘bröckelndes Gestein’, ‘weiches Holz’ usw. mit dem Wort für die Melde für "etymologisch …identisch” und Benennungsmotiv:"Die Melde-Arten wurden wohl nicht so sehr nach ihrer leichten Mehlbestäubung benannt, sondern der Name bezieht sich vielmehr allgemeiner auf die weiche, zarte Konsistenz dieses Unkrautes, ..." (258 bzw. 260).


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Der Schauplatz der germanisch-ostseefinnischen Kontakte


§ 66. Die gängigen Darstellungen der germanischen Vorgeschichte bieten einen re- lativ begrenzten Siedlungsraum der Germanen zu einem im Verhältnis zu den neue- ren Ansichten über das Alter der germanisch-ostseefinnischen Kontakte sehr späten Zeitpunkt. Beispielsweise gibt die Karte über "die Ausbreitung der Kelten und Ger- manen vom 5. bis zum 3. Jh. v.u.Z." im A.z.G. als "ursprüngliches Siedlungsgebiet" der Germanen das heutige Dänemark und Schonen,Schleswig-Holstein und das Ge- biet zwischen Weser und dem Oberlauf der Havel - im Süden etwa durch die Nord- grenze Sachsens beschränkt (Bd.I, S. 11, Karte III). Die Ausdehnung vom 5. bis 3. Jahrhundert erfolgt in ein kleines Territorium südlich von Bremen, ins historische Sachsen und nach Vorpommern und in die westliche Hälfte Pommerns hinein.

Zu den Neuerungen,die in der modernen germanisch-ostseefinnischen Lehnwortfor- schung zu beobachten sind, gehört auch die Berücksichtigung Finnlands als das Ge- biet, auf dem der größe Teil der alten germanischen Elemente des Ostseefinnischen übernommen worden sein soll. Evidenz für eine solche Annahme könnten Erkennt- nisse über die urgeschichtliche Verbreitung des Referenten eines bestimmten ent- lehnten Lexems liefern, in erster Linie einer Nutzpflanze”. Bedauerlicherweise läßt sich beim Namen des Roggens, der in diesem Zusammenhang eine Schlüsselstel- lung einnehmen könnte, die germanische Herkunft nicht mit letzter Sicherheit erweisen.


76. Auch das Verbreitungsgebiet von Tierarten kann in Betracht gezogen werden. Das nördlichste Brutgebiet von Storch und Reiher ist die Südküste Finnlands (PAREY 34 bzw. 42). Es ist daher wahrscheinlicher, daß haikara von im Baltikum siedelnden Germanen übernommen wurde.


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Die konkurrierende Erklärung aus dem Baltischen kann immerhin als unwahrschein- lich bezeichnet werden. In baltischen Entlehnungen des Ostseefinnischen, denen of- fensichtlich der Nominativ des Typs auf -ys zugrunde liegt, ist der anzusetzende ur- baltische Ausgang *-ijas im Ostseefinnischen reflektiert estn. tak(i)jas‚ fi. takiainen ‘Klette’ (vgl. lit. dagis), estn. angerias, fi. ankerias ‘Aal’ (vgl. lit. ungurys), wobei im vorliegenden Fall auch ein baltisches Original auf -Cias im Finnischen unsilbische Wiedergabe des Halbvokals gezeitigt hätte.Auf jeden Fall wäre für die Bezeichnung des Roggens keine Form auf -is zu erwarten.

HOFSTRA ist der Ansicht, daß dieser Typ erst durch die germanischen Entlehnun- gen etabliert wurde, was im übrigen eindeutig dafür spräche, daß die baltischen Entlehnungen im Verhältnis zu den germanischen eine ältere Stufe repräsentieren.

Setzt man nun für fi.ruis germanische Herkunft voraus,so gerät man bei der Annah- me, die Übernahme sei in Finnland erfolgt, mit den Angaben über das urgeschicht- liche Verbreitungsgebiet des Roggens in der einschlägigen Literatur in Konflikt.

Laut BERTSCH hatte Secale cereale in römischer Zeit noch nicht einmal das Balti- kum erreicht! In einer prähistorischen Siedlung bei Bremerhaven, deren ältester Ho- rizont dem ersten nachchristlichen Jahrhundert zuzuweisen ist,findet sich noch keine Spur von Roggen.Im Einzelfall dürfte freilich immer zu berücksichtigen sein,daß viel- leicht die Bodenbeschaffenheit in dem fraglichen Gebiet für das Wachstum dieser Pflanze nicht günstig war; der Roggen verträgt keine hohe Bodenfeuchtigkeit.

HOFSTRA (1985, 285) bemerkt: "Der Roggen ist als Kulturpflanze zwar verhältnis- mäßig jung und in Mitteleuropa erst nach dem um 800 v. Chr. Geb. erfolgten Klima- sturz von Bedeutung geworden, er war aber bereits viel früher zusammen mit dem Emmer, einer der ersten Getreidearten, als Unkraut nach Europa gekommen". Aber auch als Ackerunkraut läßt sich eine Grasart prähistorisch nachweisen,etwa als Ver- unreinigung des Mehles bzw.als Rückstand beim Worfeln.Im Sinne der jüngsten Ansichten über das Kontaktgebiet von Germanen und Ostseefinnen wäre mithin zunächst das Vorkommen des Roggens in Finnland für die urgeschichtliche Periode nachzuweisen. In einschlägigen Veröffentlichungen scheinen entsprechende Angaben aber nicht vorzuliegen.


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Im Falle eines negativen Befundes wäre anzunehmen, daß die Ostseefinnen den Namen des Roggens südlich des finnischen Meerbusens übernommen und mit der Sache - sei es als Nutzpflanze oder als Unkraut im Saatgut bei der Ausdehnung ih- rer Wohnsitze nach Finnland dort heimisch gemacht haben. Die andere Möglichkeit, nämlich Einführung der Sache und Übernahme des Wortes auf dem finnländischen Schauplatz, würde eine relativ späte Entlehnungszeit bedeuten, etwa die skandina-vische Periode. Hierauf könnte der Gegensatz an. (aber auch ae.) rugi- - as., ahd. *rugan- deuten. Im Hinblick auf die zweifellos bequemste - wenn auch linguistisch weniger wahrscheinliche - Annahme baltischer Herkunft des ostseefinnischen Wortes wäre der Gesamtbefund des Namens in der europäischen Indogermania zu berücksichtigen. Auch die slavische Entsprechung gilt als urverwandt.

Bei dem traditionellen urindogermanischen Ansatz *urughio- bleibt unverständlich, warum sich im Altsächsischen oder Angelsächsischen der anlautende Labial nicht zumindest in einer dialektalen Variante nachweisen läßt.

Wenn man das Wort aus dem Thrakischen entlehnt sein läßt, wäre zwar der Anlaut des germanischen Wortes verständlich, es ergäbe sich aber das Problem, den Inlautskonsonanten im Baltisch-Slavischen und Germanischen auf einen Nenner zu bringen. Im übrigen dürfte es sich bei dem "thrakischen" βρίζα (briksa) um weiter nichts als eine griechische dialektische Variante von pica (ritsa?) ‘Wurzel = juuri’ handeln (zum Germanischen s. noch LÜHR 1988, 291).

Aus einer östlichen indogermanischen Sprache sollen nach VASMER (s.v. рожь ) syrj. rud´zegg, wotj. ǯiǯеk  und mordw. roz´ 77. entlehnt sein, während bei KLUGE/ MITZKA ausdrücklich festgestellt wird, daß den "östlichen indogermanischen Spra- chen" eine Entsprechung abgeht. Nach SHEVOROSHKIN sollen auch ostkaukasis- che Wörter für ‘Roggen’ die Existenz eines "Early Indo-Iranian *wrughyo-:‘rye’<Pro- to-West-Indo-European *wrug´hio-" (234,s.auch DOLGOPOLSKY 28) bezeugen.

Die Annahme östlicher Herkunft des westeuropäischen Wortes vertrüge sich mit ei- ner älteren Ansicht,daß der Emmer - allerdings schon im Neolithikum - über das Bal- tikum nach Norddeutschland gekommen ist, wenn man voraussetzt, daß der Roggen mit dem Emmer als Ackerunkraut bekannt wurde (s. oben).


77. Nach KATZ 1985 aus lautlichen Gründen nicht hierher, sondern russisches Lehnwort (266).


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Die Annahme einer späten Verbreitung der Sache in der umgekehrten Richtung stünde im Gegensatz zu einer Feststellung bei BERTSCH: "Die Slaven sind nicht die ersten Roggenzüchter gewesen. Sie haben den Roggen bei ihrer Einwanderung nach Norddeutschland vorge-funden, und ohne ihr Zutun, allein durch die natürliche Entwicklung ist er schließlich zum Hauptgetreide des Ostens geworden. Im 11. und 12. Jahrhundert war er im Gebiet von Smolensk…überhaupt nicht vorhanden. (61)

Die Hypothese des finnländischen Schauplatzes der wesentlichen ältesten Berüh- rungen muß zu der Lehrmeinung in Beziehung gesetzt werden, daß sich das lappis- che Sprachgebiet erst in relativ junger Zeit auf den äußersten Norden Skandina- viens reduziert hat.Es käme nur der schmale Küstenstreifen nördlich des finnischen Meerbusens als Berührungsgebiet in Betracht.

Daß die lehnnehmende urostseefinnische Bevölkerung so gering an Zahl gewesen sein soll, daß sie nur zu einem kleinen Teil auch südlich und östlich des finnischen Meerbusens angesiedelt gewesen wäre, erscheint nicht sehr plausibel.

[HM:Ei ole ehdottoman mahdotonta silti,etteikö juuri tuo alue nykyisen Oulun tienoilla olisi ollut Skandinavian rantoja pitkin purjehtineiden ja sieltä vanhoja löysästi sitoutu- neita ranta-asukkaista muualle karkottaneiden Jastorf-kultturin germaanien ensimmäinen kohtauspaikka suomalaisten kanssa.]

Es bliebe demnach nur die Alternativerklärung, den südlichen historischen lappis- chen Wohngebieten schon für die früheste Zeit den Charakter von Streusiedlungen beizulegen oder die traditionelle Auffassung bezüglich des Schauplatzes der germa-nisch-ostseefinnischen Be- rührungen beizubehalten.VAJDA vermutet, daß das lap- pische Siedlungsgebiet am Ende des 1.nachchristlichen Jahrtausends seine größte Ausdehnung gehabt hat:

"Lappische Gruppen gab es damals am südlichen Gestade des Weißen Meeres, in Ostkarelien und Ingermanland, zwischen dem Ladoga- und Onegasee‚ in großen Teilen von Finnland, auf der Kolahalbinsel sowie im Norden und Nordwesten Skan- dinaviens" (431). Nach VAJDA gestalten sich die frühen Bevölkerungsverhältnisse in Finnland folgendermaßen:

[HM: Inkeri (Inkere)on kuuria ja tarkoittaa ankkuria,lt. inkaras (samaa juurta kuin mm. onki), Laatokka (Ladoga) on liivin Aldoga = Maininkijärvi, slaavikielille tyypillisesti metateettisesti lyhyen vokaalialkuisen alkutavun tapauksessa,vastaavasti Alode-joki (olhavanjoki) on liivin Aalto(jen)joki, Onega = liivin Ääni-,Melujärvi Õneg = Ääninen. Kuolla = saamen < kala. Iĺmen (ven. Ilmajärvi) on liivin Ylimenojävi: sieltä pääsee laivalla jokia pitkin Baltian ympäri
Šelon-jokea pitkin.]

"Die Indizien u.a. das Beibehalten der nicht-finnisch-ugrischen Namen der im Wei- ßen Meer lebenden Seesäuger - lassen darauf schließen, daß die im 2. Jahrtausend v. Chr. von den Finno-Ugriern wahrscheinlich schon beeinflußten, z.T. sogar finno- ugrisierten protolappisch-frühlappischen Gruppen vorwiegend an der Weißmeerküs- te, nördlich vom Hauptblock der Finno-Ugrier lebten. Spätestens im 1. Jahrtausend v.Chr. hat der Fernhandel auch die nördlichsten Gegenden des heutigen Rußlands erreicht.


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Damit hängt vielleicht zusammen, daß die frühesten Lappen (beziehungsweise die restlichen Protolappen) sich zu dieser Zeit,wie es scheint,in großen Teilen von Nord- westrußland verbreitet haben: Im ganzen Raum zwischen der Mezeri-Mündung und Leningrad, in südlicher Richtung vielleicht bis zum Il’mensee‚ die Mehrheit hat aber vermutlich in der Ladogagegend gelebt. Etwa von der gleichen Zeit an rechnet man auch mit der Einwanderung von Lappen nach Finnland und der Kolahalbinsel (430).

Nach OZOLS ist in Estland und Südfinnland erst von der Mitte des ersten vorchrist-lichen Jahrtausends an mit Ackerbau und Viehzucht “als Haupterwerbsquelle neben Jagd und Fischfang" zu rechnen (1986, 346).

In den Jägern und Fischern der Kammkeramik sieht OZOLS die "Vorfahren der spä- teren Ostseefinnen", in den viehzuchttreibenden Trägern der Bootaxtkultur die Vor- bzw. Urbalten (347).

[HM: ensimmäiset tulijat eivät olleet kantabaltteja vaan jo voimakkaasti "(volgan)suo-malaistuneita" itäbaltteja, vasarakirveskansaa. Niin paradoksaalista kuin asia onkin lähimpä kantabaltteja olleita kantalatvialaisia/muinais-liettualaisia tuli etelästä vasta vasarakirves-itäbalttien JÄLKEEN.]

Die Kammkeramiker seien um die Mitte des 3. vorchristlichen Jahrtausends von Os- ten in ein Gebiet eingewandert, das um die Wende des 3. zum 2. Jahrtausend von den Trägern der Bootaxtkultur besiedelt wurde (346). Diese Kultur läßt sich im ge- samten Baltikum und in Südfinnland nachweisen (344). Demzufolge wären die Vor- fahren der Ostseefinnen ein halbes Jahrtausend vor Ankunft der Urbalten in Südfinnland autochthon.

§ 67.Die Annahme der Autochthonizität der Osteefinnen im Baltikum und in Finnland verträgt sich schlecht mit der Tatsache, daß die Namen der beiden wichtigsten Nutz- fische dieses Gebietes, des Lachses und des Aals, baltischer Herkunft sind: fi. lohi bzw. ankerias (vgl. lett. lāzis, lit. unguris). Dieser Umstand läßt vielmehr vermüten, daß sich die Herausbildung der ostseefinnischen Grundsprache in einem Gebiet voll- zog, in dem die genannten Fischarten nicht vorkamen oder keine wesentliche wirt- schaftliche Bedeutung haben konnten. Freilich ist dies nicht der einzig denkbare sachgeschichtliche "Hintergrund für die Entlehnung. Auch VILKUNA erklärt aber die Übernahme von lohi und ankerias mit Zuwanderung der Ostseefinnen ins Baltikum (1965, 39).


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Zusätzliche Evidenz könnte eine Etymologie von fi. taimen bieten,wenn die gewöhn- liche Bedeutung ‘salmo trutta’ (SKES), also ‘Meeresforelle’‚die ursprüngliche ist. Das Wort macht durchaus einen "baltischen" Eindruck. Mit fi. vermen ‘Oberhaut’, das zu ai. vännan- ‘Panzer, Schutz-(wehr)’ gestellt wird, sind es die baltischen Lehnwörter fi. siemen ‘Same’ und paimen ‘Hirt’,die einen erklecklichen Teil der finnischen Wör- ter auf -men ausmachen. Ein klares baltisches Etymon läßt sich für taimen jedoch nicht finden. Allenfalls könnte man an Übernahme eines urbaltischen *daigmen-, dem ein litauisches *diegmuo entsprechen würde,denken. Es handelt sich bei -muo um ein äußerst produktives Formans.

[HM: Johdin -m- on kanbaltin ja vasarakievekielen agenttipartisiipin pääte ja -en on neutrin pääte. Päätteestä -en on tullut liettuassa säännöllisesti -uo,josta on tullut yksi maskuliinin pääte,kun taas latviassa ja mm.kuurissa -en- on liitetty vartaloon ja isket- ty perään uusi nominatiivin pääte: s tai -e. Preussissa -en -päät- teestä on joko tullut -u  (pannu = tuli,pekku = karja) tai se on siirretty vartaloon: kaimens = paimen (jot- ka muuten EIVÄT tule sanasta, *kaimen tulee puolustamista tarkoittavasta sanasta *ken-,mutta *paimen juottamista tarkoittavasta kb. verbistä *pen-;hyvä paimen pa- nee hensäkin lampaiden edestä kun taas paha paimen tekee toisin päin..<:C (hymiö, tuo on oikeastaan Halonen ...)]

Die hierfür voraus-zusetzende Behandlung der inlautenden Konsonantenverbindung im Ostseefinnischen könnte durch fi. ynnä < *yknä (s. SKRK I  § 27.7, s.54) gestützt werden. Die Kürzung von *taimmen zu taimen wäre erwartungsgemäß. Die Basis müßte der urbaltische Vorläufer von lit. degti ‘Pflanzen setzen’ sein, zu dem noch lit. daigas,diegas ‘Keim = oras,Sproß = verso’ gehört.Die Grundbedeutung wäre mithin als ‘junge Saat’ anzusetzen,aus der sich die Bedeutung ‘junge Fischbrut’,weiter ‘jun- ge Forelle’ ergeben haben müßte. In der Bedeutung ‘junge Saat’ läge das Wort im dialektalen taimen vor, aus dem das weiter verbreitete taimi entstanden sein müßte 78.

[HM: Verbi on todennäköisemmin ollut kb. *dengti > vsk. *daigti = kattaa, peittää, is- tuttaa. Neutri *daigmen tarkoittaa "istutettua", vaikka kalaa. (Tätä ei pidä sekoittaa "aitauksessa" VILJELTYYN kalaan, joka taas on ollut *tautainen = "kansankala, ky- läkala", josta tulee kaikkiruokainen sitkeähenkinen "pula-ajan karppi" toutain, liettu- aksi muuten salatis = eritetty, tarhattu, josta tulee salaatti: nauriista ja suolakalasta tehty rosolli,entisaikojen yksi perusruoka.Ja kuten sanottu vasarakirveskansa oli aina kynnet pystyssä muuttamassa ja parantelemassa kaikkea, myös kasvistoa ja eläimis- töä, ei vain maata ja vesiä, kun taas heidän naapureilleen (jotka muuten lopulta kult- tuurisesti "voittivat" täällä meidän oloissa,muualla "hävisivät", sellainen oli uskonnol- listen tabujen kieltämää toimintaa.Heimot hyötyivät objektiivisesti toisistaan, varsinkin suomalaiset balteista, vaikka nuo veivätkin kaikkein parhaat peuran-, hirven- ja maja- vanlaitumet. Kts. daigus. Juuresta tulee myös vsk. *daigwas = "ylle kaareutuva" > taivas.]

78. Mit seiner Segmentenfolge -min- erhebt sich auch bei dem finnischen Wort für ‘Mensch’ (ihminen) der Ver- dacht einer entsprechenden Herkunft. Allerdings gilt hier aufgrund der altfinnischen Formen inhiminen, inhemi- nen und der Entsprechungen der Dialekte, der übrigen Ostseefinnischen Sprachen und des Mordwinischen (z.B. inehminen; weps. inehmoi; mordw. E inäe) die schriftfinnische Vertretung als Neuerung. Demnach müßte das m, da ein Einfluß von fi. ihme ‘Wunder’ kaum in Frage kommt,auf Dissimilation beruhen. Andererseits würde sich der dentale Nasal bei einer ursprünglichen Segmentenfolge *šm unschwer mit einer Assimilation an den homor- ganen Sibilanten nach einer Meta- these erklären. Bei dieser Konstellation erinnerte die Konsonantenfolge š-m-n stark an das baltische Wort für den Menschen:

lit. Pl. žmónės, apr. smünent- Die Beseitigung eines Clusters mit anlautendem Sibilanten durch Vokalprothese, insonderheit durch i, ist zwar ty- pologisch wohl dokumentiert, für das Ostseefinnische ist dieses Verfahren jedoch nicht nachweisbar.

Eine weitere Schwierigkeit bedeutete bei der Herleitung des Ostseefinnischen und mordwinischen Wortes aus ei- nem urbaltischen *žmän-žmün- oder - wenn man das Preußische berücksichtigt - žmänent- bzw. *žmünent- der palatale Binnensilbenvokal, denn ein *išmanen, *išmunen oder *ihmonen wäre an sich möglich gewesen. Für den Ansatz einer baltischen Kontinuante eines urindogermanischen *g´men-,aus der sich die ostseefinnis- chen Formen mit -i- am ehesten erklären ließen, gibt es aber keine Evidenz. In Anbetracht der identischen Be- deutung des baltischen und des ostseefinnischen Wortes, der auf das Mordwinische und das Ostseefinnische beschränkten Belegbarkeit und der merkmalhaften Phonemstruktur der Ostseefinnischen Vertretungen erscheint die Zusatzannahme einer alten Metathese,die im Finnischen teilweise rückgängig gemacht oder, was freilich nicht wahrscheinlich ist, nicht eingetreten ist, nicht schwerwiegend genug, um den Gedanken von vorn- herein zu ver- werfen. KATZ (1985, 212 f.) sieht in dem Wort ein *ənəš ‘Nicht-Arier’ < "frühurarisch" *énuš (ai. ánu- ‘Mensch, Bezeichnung nicht-arischer Leute’).

KOIVULEHTO (1990,8 ff.) geht von "idg./vorgerm./vorar. *gnh‚-,b zw. *g´nh-e/o- oder *g'nh‚-ye/o- (urind. *genh,- ‘erzeugen = siittää,synnyttää’) aus.Für die Substitution von *g´ durch *j (>i) verweister auf fi. aja- ‘fahren’ (uridg. *h‚ego-), das aber wegen des Fehlens des Laryngalreflexes einer ganz anderen - späteren - Zeit und/ oder einem ganz anderen Areal zuge- ordnet werden müßte - es könnte sich also schon um eine präpalatale Affrikate gehandelt haben, die natürlich mit j wiedergegeben werden konnte - und überdies ein Inlautsfall ist.




157


§ 68. Die herkömmliche Auffassung der Einwanderungshypothese wird noch 1980 von E. ITKONEN vertreten. Er sieht sich durch das Zahlenverhältnis der baltischen Lehnwörter im Ostseefinnischen und Lappischen zu dem Schluß genötigt, daß die Urostseefinnen zwischen den Balten zur Zeit der Kontakte in ihren heutigen Wohn- sitzen und den Urlappen ansässig waren und erst in den ersten Jahrhunderten vor der Zeitenwende nach Finnland gekommen sind (1980,6 f.). Das Verhältnis ändert sich nur unwesentlich,wenn man die Termini aus Ackerbau und Viehzucht, für deren Entlehnung aufgrund der ökologischen Verhältnisse bei den Urlappen kein Bedarf bestand, nicht berücksichtigt.

Eine vorgermanische, "alteuropäische" Bevölkerung - nach KILIAN würde es sich "mit hoher Wahrscheinlichkeit" um die Bootaxtleute handeln (298 f.) - scheint durch den Namen des südwestfinnischen Flusses Aurajoki (fi. joki ‘Fluß’) bezeugt, falls SCHMIDs Heranziehung der anklingenden alteuropäischen Gewässernamen das Richtige trifft (1973). Beipflichten muß man SCHMID in seiner Ablehnung eines Zusammenhanges des finnischen Flußnamens mit fi. aura ‘Pflug’.

Dagegen ist ein Zusammenhang mit fi. aura, auer ‘Dampf, Dunst’ nicht so ohne wei- teres von der Hand zu weisen, wenn auch der Dunst über dem Aurajoki sicher nicht größer als über anderen der zahlreichen südwestfinnischen Gewässer ist.

[HM: Vasrakirveskielen *aura-t- on kyntää on todennäköisimmin "ILMATA", kutenkin muodenkin balttikielten ja venäjäjän aurata verbit!

Ja vasarakirveskielen *aura = ilma, liettuan oras, ora , lv ara = avoin, ilmava tila, aukea, oran = ulos, ulkona, jotvingin aure. Suomen aura on "jostakin nouseva ilma", häyry, usva, viron aur

Kantabaltin sana lienee *en-(e)r- = "sisään (ja ulos) menevä", hengitysilma.

Samaa juusrta on liettuan "kaatosade/rajuilma, tulva" = audra, jossa d voi olla muo- dostunut eri tavoin: se voi olla johtopääte:se voi olla loiskonsonatti (jolla äänneyhdis- telmä saadaan luvalliseksi) *enra > endra > audra, tai se voi tulla verbinjohtimesta en-s-t-, prees. en-d- = mennä toistuvasti sisään (ja ulos), mikä tosin viittaisi enemmän hengitykseen kuin rajuilmaan.

Ei ole kuitenkaan varmaa, että Aurajoki tai Eurajoki tu- lisivat tästä. Suomessa on vähän liikaa aur-, aul-, our-, oul-, eur-,eul- alkuisia joennimiä ja liian laajalla alueella, että ne voin tästä tulisivat.

"Suuri joki" on vasarakirveskielellä *Akwa >Akaa,Oka (goljadi), aava,aapa (saame).

Veden jumala,"Vesimies" = Akw(a)r- > Ahri (EI siis **Ahti tämän teorian mukaan!) Aquarius,norja AEgir,ja tästäkin parvesta voi tulla myös *Aura-joki (ilman ilmaa- kin), kuten siitä tulee ežeras (linkissä väärin), latvian ezers, venäjän ozero, puola jezior = järvi, diminutiiveja.

Volgan vasakirveskielen ilma-sana on luultavasti ollut *airan, n.,  engl. air. Tämä saattaa näkyä liettuan sanasa aire = irklas (soudin) = airo, joka on ehkä maankäänninvivusta (kepistä, lastasta) tullut merkitsemään vipua yleensä.

Sana aura on itäistä mutta länsibalttilsita (mm. jotvinki: aure) perua.]


Die Variante aure kommt jedenfalls in der Gewässernamengebung vor: Aurejärvi (järvi ‘See’)‚"dessen Name Aurajoki verdächtig ist" (KILIAN 293 f.‚Anm.22b). Sach- lich gerechtfertigt ist jedoch auch die Deutung als ‘Geröllfluß’ (KARSTEN 1943, 75).


158


KARSTEN bringt ein Lemma fi. aura ‘stenig, ofruktbar sjö- l. åstrand’, das er einer Mitteilung VILKUNAs verdankt. In SKES ist diese Angabe nicht berücksichtigt wor- den, was Bedenken hinsichtlich ihrer Vertrauenswürdigkeit erweckt. Die Existenz eines solchen finnischen Wortes ist jedoch für die Erklärung des in Rede stehenden Flußnamens durch KARSTEN belanglos.

Das für das Appellativum genannte Etymon, urnord. *aura- (an. aurr ‘sten, grus’, schwed. ör ‘stengrund, Sandbank; mindre klippig holme’ usw.),kann ja direkt die Be- nennungsgrundlage für den Flußnamen abgegeben haben; wir hätten es mithin mit einer Namengebung germanischer,d.h.nordischer Besiedler zu tun.Damit wäre auch der von KILIAN zugunsten der alteuropäischen Deutung von Aurajoki verwendete Umstand,daß "Aurajoki der einzige Flußname in Finnland ist,der das Bestimmungs- wort aura enthält" (293) die Betonung liegt offenbar auf Fluß (s.o.) - verständlich”.





159


Westgermanische Elemente im Urostseefinnischen?


§ 69. Der Germanist muß aber nicht nur die herkömmlichen Vorstellungen über das Verbreitungsgebiet des Urgermanischen über Bord werfen, auch hinsichtlich der Gliederung dieses Territoriums kann KOIVULEHTO mit einer Überraschung aufwar- ten. Der Umstand, daß sich ein finnisches Wort germanischer Provenienz bzw. die im Finnischen belegbare Bedeutung eines germanischen Lehnworts oder eine laut- liche Besonderheit im "Gotonordischen" nicht nachweisen läßt - das einschlägige Material ist in HOFSTRA 1985 zusammengestellt (384-87) -, hat eine scheinbar äu- ßerst einfache Deutung gefimden. KOIVULEHTO stellt 1981b fest, daß "bereits vor oder spätestens um Christi Geburt in unmittelbarer Berührung mit dem Urfi. eine germ. Mundart gesprochen worden" sei, "die den Wandel ā > a vollzogen hatte und auffallende lexikalische Gemeinsamkeiten mit dem späteren wgerm. aufwies" (343).

Einen anderen Weg schlägt SKÖLD ein: "Wenn man von der Weichselmündung nach Estland und Finnland fahren kann,dann kann man auch von Schleswig dorthin fahren. Die Angeln und Sachsen, die über die Nordsee fahren und Südengland ero- bern konnten, konnten auch über die Ostsee fahren und Handelskolonien anlegen" (1983, 258).

Niemand wird ernstlich bezweifeln, daß zur Zeit der Besiedlung Englands und einige Jahrhunderte davor auch die finnische Küste hätte erreicht werden können. Das Nachrücken in ein vom römischen Reich geprägtes Gebiet, das in der Tradition des germanischen "Drangs nach Süden" steht,besagt indessen nichts für die Möglichkeit westgermanischer Koloniengründung in Nordosteuropa zur Zeit der Völkerwanderung oder in den Jahrhunderten davor.

Es fragt sich, ob die Argumentation mit wenn-dann-Behauptungen in der frühge-schichtlichen Ethnographie angebracht ist. Den Ausführungen SKÖLDs könnte man dann mit ebensolchem Recht das folgende an die Seite stellen: Wenn die Kimbern und Teutonen von Jütland nach Pannonien und von dort bis nach Südfrankreich gezogen sind, dann können sie - bzw. ein Teil von ihnen - auch nach der Niederlage gegen die Boier die verhält-nismäßig geringe Entfernung bis ins Baltikum hinter sich gebracht haben.


160.


Die Eruierung von Lehngut sollte sich zunächst auf die linguistische Evidenz be- schränken. Hat man hinreichende Indizien,die auf einen bestimmten Lehngeber deu- ten, ist es belanglos, ob es eine geographische Wahrscheinlichkeit für den anzuneh- menden Kontakt gibt. Läßt sich das einschlägige Lehngut mit linguistischen Mitteln feststellen, so beweist es diesen Kontakt, mag er historisch noch so überraschend sein. Man kann sich dann post festum darüber Gedanken machen,wie diese Kontak- te zustandegekommen sind. Wenn die linguistische Argumentation nicht stichhaltig ist, sollte man natürlich die Erkenntnisse über die historischen

Sitze der mutmaßlichen Lehngeber berücksichtigen.Eben diese Sachlage ist bei den angeblichen bronzezeitlichen germanischen Elementen des Ostseefinnischen und dem von der Frühgeschichte erarbeiteten Ursprungsgebiet der Germanen gegeben (s. § 66).

Es wäre noch anzumerken, daß in der Vorgeschichtsforschung gelegentlich tatsäch- lich von "finnisch-angelsächsischen Beziehungen" die Rede ist. So meint ERÄ- ESKO, daß der Stil der Hülse von Loima "durch angel-sächsische Goldschmiede direkt und ohne Vermittlung des übrigen Skandinavien übertragen worden" sei.

VIERCK indessen äußert "Zweifel an der Unmittelbarkeit" von "angelsächsischfin-nischen Werkstattbeziehungen" und plädiert für gotländische Vermittlung, wobei er die Hülse von Loima als "Vorläufer dieser mittelbaren Beziehungen zwischen Finn- land und dem angelsächsischen England" wertet.Aus den Angaben,daß die Bronze- hülse in die Zeit um 500 n.Chr. bzw. an den Anfang des 6. Jahrhunderts datiert wer- den kann und "eine sicher südenglische Sachform" ist, "auch wenn sie vielleicht nur einem importierten Stück nachgeahmt wurde", darf man wohl schließen, daß die Prähistoriker in der Lage sind, mit Sicherheit Angelsächsisches zu identifizieren.

Prinzipiell dürften also angelsächsische Siedlungen in Finnland archäologisch nach- weisbar sein. Bedenklich bleibt dann aber, daß die angelsächsische Geschichts-schreibung von dem sicher erwähnenswerten Ereignis einer Besiedlung Südwest-finnlands durch Angeln und Sachsen offenbar keine Kunde bewahrt hat.

[HM: *(P)loima on todennäköisesti vasarakirveskieltä ja tarkoitta tulta: loimua-, leimua (kur) < kanta-IE, kantab. *plem = liekki, tuli.]



161.


Es handelt sich hier um eine schwerwiegende historische Hypothese,die zur Lösung von Problemen der germanisch-finnischen Lehnwortforschung aufgestellt wurde, bevor konsequent alle linguistischen Mittel ausgeschöpft waren. Die Problematik konzentriert sich auf zwei Punkte:

l. das argumentum e silentio,

2. die geminierte Liquida bzw. der geminierte Nasal in einigen Lehnwörtern. Es ist mithin für jedes einzelne der fraglichen Lexeme zu prüfen, ob das belegbare Original bzw. die belegbare Bedeutung dem Urgermanischen nicht angehört bzw. im Urgermanischen mit Sicherheit keine Geminata gehabt haben kann.

Bezüglich des argumentum e silentio ist festzustellen, daß gerade das Nordische stark geneuert hat. Man denke nur daran, daß heth. tehhi, toch. A tä-, ai. dadháti, av. daðáiti, ap. dä-, mp. datan, pers. dadan usw., griech. riönut, phry/g. aö-öocxsr, arm. dnel, lat. facere, osk. fagiat, venet. vhaxsö, lit. de'ti‚ lett. dät, abg. däti, russ. Demb (det´) usw., dt. tun usw.ausgerechnet im Ost- und Nordgermanischen keine Entsprechung haben. Es nimmt sich eigenartig aus, wenn für fi. hakata ‘hacken’ westgermanische Herkunft erwogen wird (HOFSTRA 1985,384).Im Nordischen kann genau das eingetreten sein, was ohne das hochdeutsche Korrektiv höchstwahr-scheinlich als Fortsetzung einer Entwicklung, die sich seit dem Frühneuhochdeuts- chen anbahnt, für das Norddeutsche konstatiert werden müßte‚ nämlich, daß hier ‘hacken’ durch ‘hauen’ vertreten ist.

Auch die anderen Merkmale, die für westgermanische Herkunft eines Wortes spre- chen sollen,sind sehr unspezifisch. So gründet sich der Verdacht westgermanischer Provenienz von fi. kalja ‘glatt, schlüpfrig’ - angeblich aus germ. *häl(i)ja- (ahd. häli ‘lubricus, caducus’, vgl. § 43) - ausschließlich auf das Formans -ja des Althochdeut- schen. Bei fi. malja ‘Schale’ ist es einzig die im Altenglischen zu belegende Bedeu- tung Schale,Becher’ - gegenüber sonstigem ‘Scheffel, Maß’ -,die das Wort zu einem Kandidaten für westgermanische Herkunft macht. Sonst ‘ist man aber bei der Se- mantik wesentlich großzügiger, wenn man etwa im Nordischen ein Etymon findet. Die verhältnismäßig geringe Bedeutungsdiskrepanz zwischen fi. malja und an. maälir sollte dann erst recht keine Rolle spielen.


162


Im Falle von fi. lanka ‘Schwager=lanko’ ist das angebliche westgermanische Original nur im Althochdeutschen zu belegen: gilange ‘verwandt’ (Glossen und Isidor). Die Zusammenstellung setzt in semantischer Hinsicht eine Bedeutungsspezialisierung im Ostseefinnischen voraus,inlautlichmorphologischer eine Abstraktion des Stamm-morphems bzw. die Existenz einer unpräfigierten Entsprechung im Westgermanischen.

[HM: Álgun lanka-linkki on puhtaisnta pan-kermanistin-paskaa: "persermaanin" sanat tarkoittavat peräsuolta, kts. edellinen linkki. Samaa voi sanoa viron pan-peresermaanisen lõng-"etymologiasta"...]


Es ist nun aber höchst zweifelhaft,ob man das althochdeutsche Wort in gemeinwest- germanische Zeit reprojizieren darf. Das Wort gehört ohne Frage zu einem durch ahd. gilangön ‘wohin gelangen,erreichen’ vertretenen westgermanischen Verb. Die Bedeutung ‘verwandt’ ist aber nur denkbar, wenn man von einer Zwischenstufe ‘be- nachbart’ ausgeht (‘bis an etwas reichend’ [vgl. as. gilang ‘id.’] -> ‘zugehörig’ -> ‘ver- wandt’ - vgl. LÜHR 1980,S.50), d.h. gilangon ‘contingo, attingo, pertingo’ -> gilange ‘contiguus,affinis’.Die skizzierte Bedeutungsentwicklung ist nun nicht so naheliegend, daß das lateinische Vorbild ‘affinis (benachbart, cognatus)’ außer acht gelassen wer- den kann. Es ist vielmehr wahrscheinlich, daß man es hier mit einer der zahlreichen Lehnprägungen nach lateinischem Vorbild im Althochdeutschen zu tun hat. Damit wäre aber ausgeschlossen, daß fi. lanko eine westgermanische Entsprechung von ahd. gilange zum Etymon hat.


Im Falle von fi. köyhä ‘arm’ ist die für das germanische Etymon anzusetzende Form in der Tat nur im Westgermanischen zu belegen: *skeuhwa- in mhd. schiech, ae. scēoh. Für das dazugehörige schwedische skygg ‘scheu’ (mit mnd. schäwe, nl. schuw ‘id.’ aus *skugwa KLUGE/MITZKA s.v. scheu) ist jedoch keine Basis nach- weisbar, aus der diese Variante hätte neu gebildet werden können. Die germanische Sippe stammt offensichtlich aus einem ablautenden Paradigma mit grammatischem  Wechsel,also vorgerm. *skäyk-/skuk-, d.h.,das Ostseefinnische hat aus einer urger-manischen oder urnordischen Variation *skeuhwa-/sku(g)wa- die vollstufige Form ausgewählt, die später - anders als im Nordgermanischen - im Westgermanischen auf Kosten der schwundstufigen Variante verallgemeinert wurde“. Die Behauptung, daß das in Rede stehende finnische Wort nur aus dem Westgermanischen stammen könne, impliziert die befremdliche Prämisse,daß das Nordgermanische schon unmit- telbar nach Beginn seines Eigenlebens die vollstufige Variante aufgegeben haben muß.

[Viron kehv,-vaikuttaisi yllättäen tukevan tuota germaanietymologiaa. Sana on mie- lenkiintoinen. Sen sijaan se EI OLE välttämättä germaania, kantaindoeurooppaa kylläkin: originaali tarkoittaa "pois-, syrjäänammuttua": kanta-IE *s-kem-g-t-, lähellä sanaa *skem-b-ti = ammuuskella (jousedella), kimmautella (piikiviteriä emäkivestä).

kehv : kehva : kehva 'nigel, vilets; napp, vähene; vaene, varatu'
kirderanniku kehva, kehvä
?alggermaani *skeuχwa-, *skeuχa-
vanainglise scēoh 'arg, kartlik'
inglise shy 'kartlik; häbelik'
vadja köühä, hrv tšeühä, tšöühä 'vaene; vilets'
soome köyhä 'vaene; napp'
isuri köühä 'vaene; vilets'
Aunuse karjala  keühü, köühü 'vaene; vilets, lahja (maa)'
lüüdi ḱöuh 'vaene'
vepsa ḱöuh 'vilets, halb; vaene; vaevaline'

Germaani laenu on peetud kaheldavaks tähenduserinevuse tõttu.

shy (adj.) = ujo

late Old English sceoh "timid, easily startled, shrinking from contact with others", from Proto-Germanic *skeukh(w)az "afraid" (source also of Middle Low German schüwe, Dutch schuw, German scheu "shy;" Old High German sciuhen, German scheuchen "to scare away"). Uncertain cognates outside Germanic, unless in Old Church Slavonic shchuti "to hunt, incite." Italian schivare "to avoid," Old French eschiver "to shun" are Germanic loan-words. Meaning "lacking, short of" is from 1895, American English gambling slang. Related: Shyly; shyness.

Tuota samaa juurta sieltä, mistä se tulee, on myös "sellainen joka amp(aut)uu:

https://hameemmias.vuodatus.net/lue/2014/11/korkeatasoista-balttietymologiaa-suomen-ja-itabalttikielten-suhteista

3. Finn. hauki ‘Hecht’, est. haug ‘ds.’


Liukkonen schlägt für finn. hauki ‘Hecht’ eine baltische Etymologie vor, die an dem Problem leidet, dass die angenommene baltische Form *šaukēn irgends belegt ist. Die im Ursprung etwas ältere und konkurrie- rende Etymologie setzt ein urslawisches *ščaukā ‘Hecht’ an (Koivulehto 2006: 180).


Koivulehto billigt dieser Etymologie auch eine hohe Beweiskraft zu: “Es sollte nun- mehr unstrittig sein, dass die Berührungen zwischen den Urfinnen und Urslaven be- reits vor der sogenannten späturfinnischen 23 Zeit begonnen haben. Und natürlich können nicht nur die (bisher) zwei Wörter, die dies explizit beweisen, die einzigen Lehnwörter dieser Zeit sein.

... Kallio (2006) hat im gleichen Band ein ähnliches Thema wie Koivulehto und viel- fach identisches Material. Er erwähnt beide Alternativen zu der slawischen Deutung, vermerkt zu hirsi aber “... because the crucial zerograde is unattested from Baltic. Therefore, the Baltic loan etymology must indeed be considered inferior to the Slavic one.” Zu Liukkonens Deutung gibt es folgenden Kommentar: “Once again, the Slavic loan etymology seems not to be convincing enough for Liukkonen, who would like to replace the Early Middle Slavic source *ščaukā (< *škeukā) with its Baltic pseudocognate  *šaukē (< *sk´oukē) although no such word is attested from Baltic.

(Tuo ei ole ehdoton este, että sanaa ei ole nykyisissä balttikielissä, jos e on johdettu säännömukaisesti kantabaltista, ja jos sillä seurannaisia muualla, vaikka suomessa: hauki, haukata.)

... Auch die Annahme von balt. *šaukē ist im Vergleich dazu eine schwache Annahme. Der Hecht ist hinreichend weit verbreitet, so dass er den Finnen bekannt gewesen ist, kein Gegenstand des Kulturtransfers. Grundnahrung-smittel waren sicher keine Handels- ware für den Fernhandel. 27

Wenn sich nun dennoch eine Entlehnung durchsetzt, dann ist dies am Ehesten mit Zweisprachigkeit zu begründen.Lässt sich ein bal- tisches *šauk- 28 nachweisen oder wenigstens plausibel mit anderen Daten verbinden?

Liukkonen überlegt ganz am Rande ob hier lit. Šaũkupis (Fluss; Sėda, Plungė) hergehören könnte.

Die favorisierte Etymologie verbindet diesen FN mit lit. šaũkti ‘schreien = huutaa. Dazu dann weiter Šaũkbalė (Tümpel = lätäkkö, Niedermoor = Alasuo), Šaukės und Šaukančioji (Wiesen = niittyjä), Šaukys (Bruch = räme, murtarminen).

...

Ferner ist hier der lett.See Saukas ezers zu nennen,der am gleich- namigen Ort Sauka liegt. Man kann also argumentieren, dass der See den Namen vom Ort hat. Andererseits ist es nichts ungewöhn-liches, wenn der Ort nach dem Gewässer benannt wird, so wird i. A. Alytus und auch Vilnius gedeutet, bestes Beispiel in Lettland ist Ogre am gleichnamigen Fluss.Für den mit fast 8 km 28 recht gros- sen See und den Ort ist die Möglichkeit der Herkunft aus dem Per- sonennamen lit.und lett. Sauka kaum wahrscheinlich.Dabei ist die- ser PN ebenfalls in der Herkunft nicht gesichert.Vanagas schreibt zwar, dass man den Verdacht einer Verbindung mit lit. šaukti ‘schreien, rufen’, lett. saukt ‘rufen,nennen’ 29 haben kann, dass aber slawische Herkunft wahrschein-licher ist, vgl. wruss. Саўка, Савка u.a. 30


Bei Ursprung aus lit.šaukti sollte man auch oder sogar überwiegend *Šauka finden. Dies ist indessen nicht der Fall,man hat nur Šauklys u.ä.Damit entfällt der Weg über den PN.Wenn man die Gewässernamen mit lit.šaukti,lett.saukt verbindet,so kommt man in der Deutung schwerlich an der Folklore vorbei, da kein unmittelbarer Bezug besteht. Selbst Smoczyński bringt hier eine Redensart Balojemnešū kalok, o tai vel- nią prisišauksi ‘im Sumpf schrei nicht,sonst kommt der Teufel herbei’ - ein häufiges Thema, dass man den Teufel in Mooren und Sümpfen antreffen und hier leicht her- beirufen kann. Ein anderes Thema,m.E. hier besser passend, ist der Sagenkomplex über Seen, dass nämlich diese wandern – in Form von Wolken – und erst sesshaft werden oder aber überhaupt aus Wolken entstanden sind, wenn man diesen einen Namen gibt. Nun heißt im Lettischen saukt eben auch ‘nennen’ und oft existieren Sagen, dass der See nach dieser Erstbenen- nung auch seinen Namen hat. An der Stelle des Moores Saukas purvs (Meirāni) befand sich, der Sage nach, früher der See Saukas ezers.Dort wo sich heute das Moor Strupbrencis befindet, war früher der See Saukas oder Strupbrencis, der sich wegen seines schlechten Namens empörte und einen neuen Platz suchte.

... 29. Diese sind nur baltisch und haben keine Vergleichsmöglichkeiten, als Kentum-variante kann man lit. kaukti ‘heulen = ulvoa, (Wolf, Wind), schreien’ auffassen, nach Smoczyński “dźwiękonaśladowcze, ... jak np. stpol. kukać”. Onomatopoetisch wohl auch lit. staugti und gleicher Bedeutung d. heulen, jaulen = ulista (koira, ym.). Semasiologisch darf lett. saukt ‘nennen = nimittää’ dann mit d. Rufname verglichen werden. 30

Nicht abwegig erscheint auch Kontraktion aus Savukas,das man als Di- minutiv zu savas ‘eigen’, sau ‘sich (Dat.)’ auffassen kann. Ähnlich wer- den ja auch einige PN mit Sauden zweistämmigen altererbten Namen zugerechnet, etwa Saudargas, Saukantas, Saugintas, Saunora, wo Sau- ebenfalls mit savo, sauverbunden wird.

***

Und da wo der See VecsaukesAltsauka’ ezers ist, war früher eine Weide, wo ein kleines Flüsschen floss. Drei Mädchen die am See Jaunsauka ‘Neusauka’ wuschen, sahen die Gewitterwolke und sangen Rūci, kauci,ezariņi,sev vietiņas meklēdams, ja tev tika, meties še, būs mums Saukas ezariņš ‘Du wüteste und tobst, Dir einen Platz suchend;wenn es Dir passt,lass Dich hier nieder,und uns wird der Saukas See sein’, womit der See dann auch herabfällt. Die zweite Ortssage lässt etwas an Logik vermissen aber die Alternativnennung zweier Namen lässt die Möglichkeit zu, dass Sauka sich auf den Charakter des Sees bezieht, dass er nämlich durch Menschen benannt und damit kultiviert wurde und in gewisser Weise ein Appellativ darstellt, das vereinzelt zum Eigennamen wurde. Damit könnte man leben.

Der Vorschlag von Liukkonen, ein baltisches *šaukē ‘Hecht’ anzunehmen würde die Seenamen allerdings weit besser erklären, ganz ohne Ausflug ins Mythologische. Dass das Moor, das aus dem verlandeten See Saukas ezers entstanden ist, diesen Namen weiterführt ist nicht weiter verwunderlich - insbesondere, wenn man bedenkt, dass der Hechtname, so es ihn denn gab, irgendwann obsolet geworden sein muss. Vergleichbar wäre das Hechtmoor in Schleswig-Holstein. Selbst Namen von Wiesen lassen sich mit dem Hecht in Verbindung bringen. Lagen Mähwiesen doch einst an mäandernden Flüssen, die im Frühjahr Hochwasser hatten und dann in Senken Wasserlachen bis in den Sommer hinein hatten. In diesen Senken, das wird oft ak- zentuiert wenn man nach Flurnamen und vormelioriertem Flussverlauf fragt,wimmel- te es insbesondere von Hechten.Der Wiesenname Šaukančioji ‘wörtl.: die Rufende’ deutet schon auf Bildung von šaukti ‘schreien, rufen’, wobei die Motivation allerdings völlig unklar ist.


Vereinzelt ist es auch möglich, den PN Sauka mit *šaukē ‘Hecht’ zu identifizieren, wobei allerdings fehlendes lit. †Šauka stört. Im- merhin sind Familiennamen,die da Hecht lauten weit verbreitet, im Litauischen als Lydeka oder in der entlehnten Form Ščiuka, wruss., ukr., russ.,pol. Szczuka,unter Hechtgibt es immerhin über 10.000 Telefoneinträge in Deutschland. 31

Zur Wortbildung von *šaukē o.ä. ‘Hecht’ bringt Liukkonen das Standardbeispiel lit. spėkas ‘Kraft = voima, Vermögen = kyky’. In ähnlich abstrakter Bedeutung wäre lit. stoka ‘Mangel’ < *steH2-keH2-: stoti ‘(auf)stehen, anhalten’ zu nennen. Ähnlich konkret wie der vorgeschlagene Hechtname wäre apr. slayx, lit. slíekas, sliẽkas, slieka ‘Regenwurm = kastemato’, wozu mit sliekė ‘dünn gesponnener Faden’ auch ein passender ē- Stamm vorliegt, in diesem Fall aber wohl sekundärer Natur.

Damit ist natürlich kein Beweis angetreten, dass ein balt. der den Flüssen, *šaukē o.ä. ‘Hecht = hauki’ bestanden hat. Trotzdem ist diese Annahme weniger stark,als die der extremen Vorverlagerung einer slawischen Entlehnung.Da der sl.Hechtname gemeinslawisch ist, wäre es denkbar, diesen noch weiter vorzudatieren und als baltoslavisch anzusehen. 31 "


" At least I remain unconvinced as to what grounds we have to reject the phonologi- cally and semantically faultless Slavic source in favour of his fabricated Baltic source,  whose previous existence he circularly bases on Early Proto-Finnic *šavki alone.”.”

haug : haugi : haugi 'suur mage- ja riimvete tugeva pea ja pika sihvaka kehaga röövkala (Esox lucius)'
havi
liivi aig 'haug'
vadja autši 'haug'
soome hauki 'haug'
isuri haugi 'haug'
Aunuse karjala haugi 'haug'
lüüdi haug(i) 'haug'
vepsa hauǵ 'haug'
Läänemeresoome tüvi. On peetud ka algslaavi laenuks, ← algslaavi *ščauka 'haug', mille vaste on vene ščúka 'haug'. havi on nõrga astme üldistumisel tekkinud tüvevariant. "

https://vasmer.lexicography.online/%D1%89/%D1%89%D1%83%D0%BA%D0%B0

" щу́ка уменьш. щуклёнок,мн. щукленя́та «щуренок»,укр. щу́ка,др.-русск. щучина «мясо щуки» (ХV в.; см. Срезн. III, 1615), болг. щу́ка, сербохорв. шту̏ка, словен. ščúka, чеш. štika, слвц. št᾽ukа, польск. szczuka, в.-луж. šćuka,н.-луж. šćuḳ м., по- лаб. stäukó, наряду с этим: укр. щу́па, щупа́к, щупеля́, род. п. -еля́ти, блр. щупа́к, польск. szczupak,szczubiel,стар.szczupiel,н.-луж.šći[']р[/']еɫ.Здесь предполагают различные расширения общего к. *skeu- с помощью -k- и -р-; см. Младенов 698; Ильинский, РФВ 78, 204. Кроме того, пытаются установить связь с щу́пать (Младенов) и щу́плый (Брюкнер 545). Абсолютно недостоверно сближение со ср.-н.-нем. schûlen «прятаться, караулить, выглядывать», ирл. cúil «укрытие», лат. obscūrus «темный» (Лёвенталь, WuS 10,150). Весьма сомнительно и сбли- жение со скок, скака́ть (см. Потебня у Преобр.,Труды I,120) [Неудачна попытка новой этимологии у Нойхаузер («Wiener slav. Jb.», I, 1950, стр. 111). Гипотезу о заимствовании из фин.-уг. см. Топоров — Трубачев, Лингв. анализ гидронимов Верхнего Поднепровья, М., 1962, стр. 246. — Т.] "


https://hameemmias.vuodatus.net/lue/2013/12/antibaltistista-pangermanistista-pseudokielitiedetta-helsingin-yliopistossa

"
Ruotsin "skjuta" tulee täältä eikä tämä sieltä.

Sana "ṥauti" = ampua voidaan nyt erottaa niin sanasta

"džiauti" = "asettaa kuivumaan, hautumaan, savustumaan, palamaan tervaksi" kuin myös sanojen

"*žiau(m)ti"= "hengittää kiduksilla,jauhaa leuoillaan,huutaa kurkku putkella, huokua, huohottaa" siitä yhteydestä, josta jälkimmäisestä siis ilmeisimmin tulee englannin "shout", eikä se väliitömästi liity ampumiseen, "shoot".

post1050383.html?hilit=%20%C5%A1auti%20#p1050383

Balttisanat ovat taas PIE-sanoja VANHEMPIA, koska kehityksessä "-en-", "-em-" muttuvat mm. "-eu-":ksi, mutta EI PÄIN VASTOIN.



Kantabaltti/PIE-muotoa ”*skeu-” on edeltänyt muoto

”*skembti” = kimmota, lentää, ampua (”nuoli ampuu, kimmoaa”),

josta seuraavat säännöllisesti lukemattomat eri balttikielten sanat ja näiden johdannaiset ja lainautumat.


Paitsi englannin ”shoot”, tästä ”*skie”, *skieu, *skiem(b)” -juuresta on lainautunut englannin ”ship”. Se ei kuitenkaan varmaankaan ole lainautunut mistään kuurista, vaikka sieltä onkin mm. skandinaavisten kielten laivanrakennussanasto, vaan sana lienee lopultakin englannissa kelttiläinen.

Paradoksaalisesti ”chipin” taustalla on puun keikkaainen,mutta mm. ”shipin” taustalla kiven työstäminen teriksi, koska sieltä tulevat työprosessien ja -kalujen nimet.

Lainaa:
Liettuassa ja kuurissa sana ”*skembti” jakautuu kahdeksi aspektiksi, joista iteratiivi- nen ”*skimbti tarkoittaa jatkuvaa,toistuvaa toimintaa ja kyseiseen toimintaan saatta- mista (”ajattaa”), kun taas ”*skambti tarkoittaa kertaluonteista, alkavaa ja ko. toimin- taan saatetuksi tulemista. ”Perusverbi” on hävinnyt liettuasta ja aspektitkin vähän muuntuneet, mutta kaikkien johdanaiset ovat säännöllisiä.

Latviassa osoittautuu tässä tapauksessa olevan vanhempia ja vähemmän muuntu- neita muotoja kuin liettuassa, kuten nuolenkärki = šķemba =”(se, mikä) lentää”, mut- ta tarkastellaan ensin liettuaa. Olen kuitenkin pannut tärkeimmäksi lähteeksi liettua-latvia-sanakirjan ja kääntänyt sanat yhdessä sinne.

1. ”*skambti (*skamba,*skambo)” > (lt.) ”skambinti (skambina, skambino)” = soittaa,
”skobti (skobia, skobė)” = hakata kirvellä, sirpillä, kovertaa, louhia, räjäyttää, leikata ruoho
”skúosti (skúodžia, skúodė)” = lentää suoraan, lennättää suoraan, suunnata, suuntautua
”skubti (skumba, skubo)”, osua, ehtiä, ennättää
”skausti(s) (skaudžia(si), skaudė(si))” = vahingoittaa, loukata, (loukkaantua)
skausti (skausta, skaudo) = valittaa (kipua)
skų́sti (skùndžia, skùndė) = sääliä

[Täältäkin niitä köyhä-sanan hyviä lainautumisteitä löytyy]

>skaudė = haava (tulee preteritistä ”skiaude” = ampui, kimposi, osui”), haava, paise
>skaudà = kipu, vaiva, syy, jnkn vika
>skaudrus -ì (< kr.)= vaarallinen, vahingollinen kr.
>skaudus -ì = kipeä, sairaalloinen, epäilyttävä, raskas, vaikea
>skaudis = vaurio, vamma
> skaudumas = syy, vika

”skabyti (skabo, skabė)” = leikata, katkoa oksia ym.
>”skabus” = terävä > (kr., lt.)
>skabrus = ”veistävä (kirves, timpuri)” = kätevä (henkilö, työkalu), sopiva (vaate ym.), toimiva, pätevä;
>skaptas = (puunleikkaajan, kuvanveistäjän) taltta, koverrin, kaiverrin
>”skaptuoti (skapúoja, skaptãvo)” = taltata, kaivertaa, irrottaa kappale/kimpale,

2. ”*skembti (*skemba, *skimbo)” > ”*skiauti” > skiáutė, skiáutis = nuolenkärki;
”*skieti” > (lt.) ”skietas” = kampakuvio (ark.), pirta; > (lt.)
>skiedrà = skaida = lastu
”skiepti (skiepia, skiepė)” = ympätä, upottaa, kiepata,
> skiẽpas (4) = istukas, varte, oksas (bot.), ympe, ymppäys, istutettu terä
skę̃sti (skęsta, skeñdo) = taipua, painua,hautautua, olla hukkumaisillaan
skiesti (skiedžia, skiedė) = laimentaa, miedontaa, ohentaa (maalia ym.), harventaa
siaubti...siaubia...siaubė) = tuhota, haävittää, autioittaa
>siaũbas = kauhea
”siaupti (siaupia, siaupė)” = peittyä, olla (vahvasti) taipuvainen jhkn, ”jäädä jnkn alle”
šauti (šauna, šóvė) = ampua
šautis (šaunasi, šóvėsi)” = tunkeutua, esim. nuoli saaliiseen, jnkn läpi
šautuvas = ase, pyssy ”



80. In anderen Fällen sind vor ein und demselben Formans zwei Ablautstufen erhalten geblieben, vgl. z.B. urgerm. *röwö- ‘Ruhe’ (ahd. ruowa‚ an.) neben *rēwö'- ‘id.’ (ahd. ráwa).


163


Um Ablautvariation in thematischen Stämmen geht es auch in einem Aufsatz von LINDGREN über fi. kiuas, kiukaa- ‘Saunaofen’. Es handele sich um eine "Pilotstu- die", die zum Ziel habe, durch "Einbeziehung phonolo-gischer Gesichtspunkte der etymologischen Forschung zu neuen Einsichten" zu verhelfen (207).

LINDGREN verbindet das finnische Wort mit der Sippe dt. hoch, Hügel, schwed. hög ‘Haufen, Hügelchen’, got. hiuhma ‘Haufen, Menge’, die einen Stamm idg. *keyk- /köyk-/kuk- voraussetzen sollen (200).

[HM: Nämä eivät ole "kantaindoeurrooppaisia juuria" (vaikka jotkut vääriksi todetut mallorylaiset luettelot yhä niin väittävätkin,paitsi ehkä viimeinen. Kaksi ensimmäistä ovat lähinnä vasrakirvestä:itäbalttilaista kentumkieltä. Kantakindoeuroopan juuri oli lähennä *ken- tai *kem-, loppu-k- on johdin (jos se on balttia, että kyse on tarkoituk- sella ja johdetusti tehdystä rakennelmasta. Jos se on -p- se kertoo kasasta, jota kasataan puretaan, kauppakasasta! Preussiksi muten - "kassa"!]

In semantischer Hinsicht weist der Verf. darauf
hin,daß die älteste Feuerstelle "aus einem Steinhaufen in einer Ecke des Zimmers" bestand (201). Ein urgermanisches *haugäz, *häuhaz ‘hoch’ bzw. ‘Hügel’ (an. haugr, mhd. houc, s. KLUGE/MITZKA s.v. hoch) würde dem Konso-nantismus und der Stammklassenzugehörigkeit des fin- nischen Wortes voll gerecht werden. Die durch das Go- tische bezeugte Ablautstufe *eu kann im Finnischen durch iu vertreten sein

(z.B.in liuta ‘große Menge’:germ.*leuda-,vgl.an.ljödr ‘Volk’,s.HOFSTRA 1983,S. 45).


[HM: Nämä ovat balttisanoja, jo ennenkin käsitellytä sanasta *len- = löysätä irrottaa, vapauttaa, sallia.],

Daß ein *heuhaz oder *heugaz nicht direkt rekonstru-ierbar ist, vermindert natürlich die Plausibilität der Zusammenstellung.

[HM: Kermaanin h:sta ei voi tulla lainautessa suomen k:ta. Päinvastaista on yritetty niin vimmatusti ja väärennetysti todestaa, että se todistaa päinvastaisen!]


Unverständlich ist zunächst der Aufwand,den LINDGREN um die lautliche Seite seiner Etymologie treibt. Am Anfang steht die Behauptung, "die Linguistik hat sich und das hat zu einer durchgreifenden Wandlung unserer Auffassung vom Wesen der Sprache geführt und die Einzelheiten der Sprachentwicklung in neues Licht gerückt" (201). Ob der hier zum Ausdruck gebrach- te Optimismus generell berechtigt ist, sei dahingestellt. Sicher ist,daß LINDGRENS weitere Ausführungen nicht dazu geeignet sind, seine Feststellungen zu erhärten.Er fährt fort:"Gegen diesen Hintergrund möch- te ich nun versuchen, eine Phase in der mutmaßlichen Entwicklung synchron zu ver- gegenwärtigen, wie sie wahrscheinlich etwa im späten Indogermanischen oder frü- hen Urger-manischen geherrscht hat: Der Ablaut war etwas früher eingetreten, mithin regelte sich die Verteilung der unterschiedlichen Vokalqualitäten offenbar noch ganz mechanisch nach dem jeweiligen Wortakzent - es handelte sich also um stellungs- bedingte Allophone in komplementärer Distribution, die nur zusammen ein Phonem bildeten.


164


Phonemisch wurden die Ablautstufen erst später, viel- leicht zu der Zeit, als der Ab- lautwechsel in der germanischen Konjugation morphemisch wurde, und spätestens dann,als der indogermanische bewegliche,musika- lische Wortakzent der germanis- chen dynamischen Erst- silbenbetonung weichen mußte. Demnach schreiben wir unseren  Stamm besser phonologisch:

Studien%20164.jpg

eu

spätidg. *k ou k-

u

(203) ".


Der Allophoncharakter der Ablautvarianten war aber - wie sich aus dem Befund aller für die Rekonstruktion wichtigen altindogermanischen Einzelsprachen ergibt - höchs- tens im frühesten Urindogermanischen gegeben. Eine "phonologische Schreibung" ist für das Spätindogermanische fehl am Platze. LINDGREN meint dann weiter, man müsse "wohl prinzipiell damit rechnen, daß jede im Flexionsparadigma eines Wortes vorkommende Lautform den Ausgangspunkt für eine etwaige Entlehnung bilden kann" (204). Das hat noch nie jemand bezweifelt. Auch mit seiner These, "daß die Entlehnung etwa eines urgermanischen Wortes ins Urfinnische auch von einem sol- chen Allomorph ausgehen kann, das in den späteren germanischen Tochterspra- chen nicht mehr zu belegen ist" (204),rennt LINDGREN offene Türen ein. Da er aber gleichzeitig im Falle kiuas folgende Meinung vertritt: "Der stammbildende Vokal a im Finnischen weist auf ein a im Urgermanischen hin, das dem indogerm. Themavokal -o- zu entsprechen scheint", ist seine vorhergehende Äußerung hinfällig, da thema- tische Stämme keinen Ablaut haben. Die dem finnischen Wort zugrunde liegende germanische Form könnte höchstens eine Thematisierung einer o-stufigen Paradigmastelle einer ablautenden Stammklasse sein.


165


Es mag angehen, "in dem iu unseres finnischen Wortes eine Substitution für spät- germanisches eo oder gar indogermanisches eu zu sehen, da es offenbar die nächstliegende, im Urfinnischen geläufige Diphthongqualität darstellt" (205) - wenn man davon absieht, daß man diese Ansicht zu der Tatsache eines finnischen eu für germanisches *eu in einer Reihe von  Entlehnungen in Beziehung zu setzen hat - ; die Begründung für diese Erklärung ist aber unverständlich: "… nur im Gotischen fin- den wir ein iu, … Die finnische Formen sind dises iu zu enthalten, es steht aber vor einem a, was wiederum im Spätgermanischen, nach Eintritt der Brechung eine Unmöglichkeit wäre" (205) 81.

LINDGRENs Ansicht,"daß wir bei der Hypothese bleiben können,daß wir also mit der Möglichkeit rechnen sollten, daß fi kiuas ein Lehnwort aus dem späten Urgermanis- chen ist", könnte man sich anschließen, wenn es nur das finnische Wort zu erklären gällte. Lüd kiudug, weps. küuduk/küuduga blieben indessen unverständlich. Die in SKES gegebene Erklärung des ostseefinnischen Wörtes (Kompositum *kivikota Gen *kivikodan) würde allen Vertretungen gerecht, und daß in dem, Wort ein kivi ‘Stein’ verbaut sein kann, von der Sache her plausibel.

Die Auffassung, daß fi. mainita ‘erwähnen’ nur aus dem Westgermanischen stam- men könne, wo das Wort allein zu belegen ist, impliziert, daß es erst nachurgerma- nisch gebildet worden ist. Dies erfordert wiederum zusätzlich Annahme der Existenz einer nominalen Basis. Das altbulgarische Präsens mänjo (1.Sg.Inf. meniti) läßt in- dessen vermüten, das es sich bei urgerm.*mainjan um eine schon vorgermanische Präsensbildung handelt.Die Entlehnung ins Ostseefinnische kann also auch in urger-manischer Zeit erfolgt sein.Im Nordgermanischen starb das Wort wie so viele andere aus.

Wenn für lakata ‘aufhören,nachlassen’ auf ae. slacian ‘nachlassen, erschlaffen’ hin- gewiesen wird, so muß zunächst festgestellt das altenglische Wort die Bedeutung ‘slacken, relax on effort´ hat: gif he lithwon slacode... his handa ne slacedon ´sin au- tom paulum remissit... factum est, ut manus illius non lassateur´ (Ex 17) hat. Die Be- deutung ‘nachlassen’ wird von HOLTHAUSEN neben den Bedeutungen ‘erschlaffen, ermüden; schlaff machen, lösen’ für das präfigierte a-slacian angegeben.

BOSWORTH/TOLLER geben ‘to slacken,loose, untie, remit, dissolve, enervate’ bzw. ‘laxare, remittere, (dis)soIvere, dimittere’, hebetare, enervare’. Wie auch ae. slcec ‘schlaff’ zeigt, ist von einer westgermanischen Grundbedeutung ‘erschlaffen’ auszu-gehen, und eben diese Bedeutung setzt auch an.slokna ‘erlöschen’ voraus,vgl gaus upp stundum eldrinn en stundum sloknaöi niär (‘sank es nieder’). Das finnische Wort kann also gut auch nordischen Ursprungs sein.


81. Vgl. aschwed. kiüsa! Der Aufsatz enthält noch eine Reihe anderer Unstimmig; keiten, z.B. S. 202: "Die Vokaldehnung im zweiten Allomorph" eines "urfinfllschen *kiuya-/kiukaa- "wird eine Urfinnische Erschei- nung sein, die nach der Entlehnung Sekundär eingeführt wurde, um das Wort dem finnischen ‘Deklinations-system anzupassen". Ein "Anomorph" kiukaa- hat es weder im Urfinnischen gegeben, noch gibt es dies heute außerhalb der dem Schriftfinnischen zugrundeliegenden Dialekte; schrift fi. kiukaa- ist aus kivkasa- (< *kiukasa-) entstanden.


166.


Die Auffassung, daß es sich bei germ. *kuningaz um eine relativ späte, nachurger-manische Bildung handelt, hat die verwunderliche Weiterung, daß im West- und Nordgermanischen unabhängig eine Ableitung von *kunja- ‘Geschlecht’ jeweils mit einer Variante des Formans *-inga-/-unga- vorgenommen wurde, die in beiden Sprachzweigen die gleiche Bedeutung ‘König’ angenommen haben soll,es sei denn, man operiert mit der kaum wahrscheinlichen Annahme einer Lehnbildung nach dem Muster eines der Wörter im anderen Dialekt. Zieht man die referierte Etymologie des Wortes in Zweifel, verstärkt sich die Schwierigkeit, da dann in beiden Zweigen unab- hängig von der gleichen nicht zu belegenden Basis eine Ableitung identischer Bedeutung entstanden sein müßte.

Die Abweichung im Formans zwischen dem West- und dem Nordgermanischen ist aber belanglos, da die beiden Ablautvarianten zunächst sicher promiscue bei der gleichen Basis verwendet werden konnten, bis bei einzelnen Lexemen eine der Vari- anten fest wurde. Vielleicht kamen im Urgermanischen noch beide Varianten in ei- nem Paradigma vor, handelt es sich doch bei dem Formans offenbar um eine Ablö- sung von w-Stämmen mit -k-Erweiterung, so daß sich der bei den n-Stämmen hei- mische Suffixablaut in dem sekundären Formans fortgesetzt haben kann. Es ist be- sonders darauf hinzu-weisen,daß im Altnordischen -inga- deverbal und denominal gebraucht wird, -unga- aber offenbar nur denomi- nal (vgl. §15, Anm.34), so daß von hier aus eine Attrak- tion bestanden haben kann. Vgl. noch ae. Scyldingas, ungas, an. Skjoldungar.

Daß dieses Formans schon urgermanisch vorhanden war, kann aufgrund seiner Be- legbarkeit in früh bezeugten Namen der Nebenüberlieferung (s. KRAHE/MEID III § 150) und der völlig gleichen Funktion im West- und Nordgermanischen als sicher gelten. Wenn hier und in einigen anderen Fällen das Ostseefinnische zum West-ger- manischen stimmt, besagt das nichts, da in einer ebenso großen Anzahl von Fällen, in denen urgermanische Herkunft angenommen wird,auch nur ein nordgermanischer Fortsetzer erhalten ist. Bedenklich erscheint im übrigen im Zusammenhang mit der Herkunft von fi. kuningas auch das argumentum e silentio bezüglich des Gotischen.


167.


Aus der Tatsache, daß dieses das von einem Wort für ‘Volk’ abgeleitete germanis- che Lexem für ‘König’ erhalten hat (þiudans), kann man nicht folgern, daß es ein *kunings nicht gekannt hat. Letzteres könnte eine Be- deutung gehabt haben, die es dem Übersetzer als Entsprechung von griech. apxwv (arkhon) oder basileus un- geeignet erscheinen ließ. Gerade in der Völkerwanderungszeit ist mit Verschiebun- gen innerhalb der Sozialstruktur und damit einer Bedeutungsveränderung der entsprechenden Termini zu rechnen.

Die Fragwürdigkeit des argumentum e silentio zeigt auch fi. kalma ‘Tod; Leichnam“. Obwohl ein germanisches Original nur durch das Westgermanische bezeugt ist  ahd. skalmo < urgerm. *skalman- ‘Tod,Pest,Viehseuche,Leichnam’, die nordischen Ent- sprechungen sind dem Deutschen entlehnt -, fehlt die Zusammenstellung in HOFST- RAs Liste der möglichen westgermanischen Elemente des Ostseefinnischen. Der Grund dafür ist, daß das finnische Wort angeblich eine mordwinische Entsprechung hat (E kalmo ‘Grab’,s.HOFSTRA 1985,351, Anm. 3). Es ist darauf hinzuweisen, daß für fi. kalma auch ein anderes germanisches Original in Frage kommt,wenn man für den Anlaut die Zusammenstellung von fi. keisa ‘Geschwür’ mit an. kveisa < *kwai- sön- ‘id.’ (s. SKES s.v., KATZ 1990, 31) heranzieht. Es handelt sich dabei um das zu dt.Qual,quälen gehörige althochdeutsche qualm ‘Pein,Untergang’,vgl.as. qualm ‘id.’, ae. cwealm ‘Tod,Mord; Qual,Pein, Pest’,engl. qualm ‘Schwäche, Übelkeit’; ent- lehnt sind wohl dän. kvalme, schwed. kvalm ‘Übelkeit’. Für die Anlautsvertretung wäre die oben genannte Parallele heranzuziehen.

Ein weiteres Indiz für westgermanische Herkunft wurde in zwei Wörtern mit gemi- niertem m bzw.l vor einem auf germanischen Halbvokal zurückgehenden i gesehen, da das Gotische und Nordische bei Liquida und Nasalis keine Gemination vor j ken- nen. Nun ist die Gemination durch j wahrscheinlich nicht die einzige Quelle für gemi- nierte Liquida oder Nasalis im Germanischen. Auch Verbindungen von Liquida bzw. Nasal und Laryngal kommen in Betracht (vgl. LÜHR 1976). Im Falle des traditionell für fi. kunnia ‘Ehre’ in Anspruch genommenen Etymons (an. kyni usw. ‘Geschlecht’) liegt aber eine Wurzel ultimae laryngalis vor:uridg.*genh1- ‘erzeugen’ (ai.jätá-; lat. nätus).


81. Im Kalevala der personifizierte Tod (s. FROMM 1967, 101).


168.


Aber auch das fi. sallia ‘erlauben’ zugrunde liegende germanische Verb (vgl. got. saljan ‘opfern’) geht auf eine Wurzel zurück, deren griechische Entsprechung auf ei- nen Laryngal hinweist (s.KLINGENSCHMITT 1982,268, Amn. 2). Die ostseefinnis- chen Wörter könnten mithin ältere urgermanische Formen mit *RR (< *RH) reflektie- ren, die später unter dem Einfluß von Formen, in denen der Laryngal lautgesetzlich geschwunden war,die Geminata eingebüßt hatten (zu den Ausgleichserscheinungen s. LÜHR 1976).

Die Herleitung von fi. kunnia ‘Ehre’ aus einem durch got. kuni ‘Geschlecht, Ver- wandtschaft, Art’ und an. kyn ‘Geschlecht, Familie; Art’ bezeugten *kunja- wird im SKES mit einem Fragezeichen bedacht - in erster Linie wohl wegen der unerwarte- ten Geminata. KOIVULEHTOs Vermutung eines Bestrebens auf ostseefinnischer Seite, mit *kunnia (statt *kunia für unzulässiges *kunja) die Silbengrenze der ger- manischen Vorlage besser zu markieren, läßt sallia ‘erlauben’ unerklärt (*salja- wä- re möglich) und macht upia ‘hochmütig’ (statt *uppia - urgerm.*ubja-) zu einem Pro- blem. Daneben erweckt auch die Bedeutungsdifferenz Bedenken. HOFSTRA kon- statiert, daß "ein auffälliger Bedeutungsunterschied zwischen fi. kunnia ‘Ehre’ und an. kyn, got. kuni, ahd. kunni ‘Geschlecht’ vorliegt. Die semantische Kluft zwischen urgerm. *kunja und fi. kunnia ist aber nicht so breit, wie es den Anschein hat. Im Al- tenglischen kommt ein Adjektiv cyn (n)< *kunjaz in den Bedeutungen ‘akin, suitable, fit, proper, becoming’ vor; substantiviert erscheint es in Ausdrücken wie hit is cynn, swa is cynn ‘justum est, dignum est’ ... " Warum das "substanti-vische" (?) cynn in Phrasen für ‘dignum est’,also ‘es ziemt sich’ der Bedeutung ‘Ehre’ nähersteht als der Bedeutung ‘Geschlecht’ usw. bleibt unerfindlich.

Gegen die Alternativlösung, das finnische Wort mit an. kynni ‘Besuch bei Verwand- ten oder Freunden’ (vgl. noch kynnis-fierd, -for ‘Besuchsfahrt (zu Verwandten oder Freunden’); kynnis-gjof ‘Geschenk eines Gastgebers an seinen Gast’;ókynni ‘Man- gel an Bekanntschaft’) zu verbinden, gibt HOFSTRA zu bedenken, daß die Voraus-setzung des höheren Alters des Wandels *nþ >nn gegenüber dem in diesem altnor- dischen Wort zu beobachtenden i-Umlaut "angesichts der nur nordgerm.Verbreitung des Lautwandels / > /nn/ einerseits und der sowohl nord- wie auch westgerm. Verbreitung des i- Umlauts andererseits nicht ohne weiteres selbstverständlich" sei.


169.


Bei der Umlautserscheinung würde es sich aber um die dritte Phase des "jüngeren i- Umlauts vor erhaltenem i-handeln, dessen zeitliche Grenze um 850 n.Chr. angesetzt wird, also um eine späte nordische Erscheinung, und es ist für die Etymologie völlig belanglos, daß es auch im Westgermanischen einen i-Umlaut gibt. Wenn HOFSTRA meint, "die relative Chronologie der beiden lautlichen Erscheinungen bedarf noch ei- ner näheren Untersuchung", so ist ihm darin recht zu geben. Die Germanisten sind aufgefordert, sich der Frage anzunehmen. Solange nichts Gegenteiliges verlautet, kann die letztgenannte Etymologie der herkömmlichen zumindest als ebenbürtig an die Seite gestellt werden.

Die in der Erklärung des finnischen kunnia durch germ. *kunþja vermutete Bezie- hung zwischen ‘Ehre’ und ‘Besuch’ könnte für die Herleitung eines weiteren finnis- chen Wortes in Anspruch genommen werden. Got. swērs, das als Entsprechung des deutschen schwer gilt, übersetzt griech. etnos Germ. *swēraz ergäbe fi. vieras, das ‘fremd, Fremdling’ bedeutet. Die Verallgemeinerung von ‘Gast’ über ‘Fremdling’ zu ‘fremd’ wäre auf dem Wege einer Bedeutungsentlehnung vorstellbar.

Sollte diese Erklärung das Richtige treffen, wäre ein Kandidat für gotische Herkunft eruiert, denn ungeachtet eines lateinischen grauis ‘schwer;gewichtig, würdevoll’, auf das KLUGE/MITZKA hinweisen, muß eine solche Bedeutungsentwicklung als merk- malhaft eingestuft werden, d.h., es ist höchst unwahrscheinlich, daß in der für das Gotische belegbaren Bedeutung eine urgermanische Erscheinung vorliegt, die in allen anderen germanischen Sprachen verlorengegangen wäre, zumal das gotische Wort auch zahlreichen Ableitungen zugrunde liegt, von denen sich doch die eine oder andere im Falle urgermanischer Herkunft irgendwo außerhalb des Gotischen erhalten haben sollte. Freilich ist im vorliegenden Fall die Bedeutungsbeziehung nicht so leicht nachvoll-ziehbar wie im Falle fi. kunnia vs. an. ókynni ‘Mangel an Bekanntschaft’, wo daran erinnert werden kann, daß Adam von Bremen berichtet, man wetteifere bei den Schweden um die Ehre, Gäste bewirten zu dürfen. Besuch stellt also eine Ehrung des Gastgebers dar. Die Beziehung zwischen ‘geehrt’ und ‘Gast’ ließe sich mit der Sitte, dem Gast mit einem Geschenk seine Ehrer-bietung zu erweisen, in Zusammenhang bringen (vgl. WEINHOLD 448).


170.


Allerdings ließe sich fi. vieras auch mit vieri (vieressä ‘in der Nähe’) Verbinden (s. SKES). Eine solche Ablei-tungsbeziehung scheint aber sonst nicht belegbar zu sein.

Die von T. ITKONEN als Alternativlösung für fi. laaja ‘weit, breit’ - gemeinhin zu dt. flach, an. fláki ‘Flunder’ gestellt - vorgeschlagene Zurückführung auf germ. *lāgja- ist inkonsequenterweise nicht für eine westgermanische Entlehnungsschicht veran- schlagt worden, denn ein geeignetes Original ist nur durch mnd. läch, lege ‘niedrig’ bezeugt; an. lágr ‘niedrig, tief; klein (von Wuchs); gering; unbedeutend; leise’ ist ein a-Stamm. Obwohl die Verteilung der im Germanischen belegbaren Varianten wie bei dem für fi. kalja vermuteten Original ist, fehlt laaja in HOFSTRAs Liste.

Es scheint auch kein Verfechter einer westgermanischen Schicht von germanischen Lehnwörtern im Ostseefinnischen mit der Möglichkeit zu rechnen, daß auch die Wör- ter mit *ē? für urgerm. *ē´ hierher gehören. Warum sollen "die Westgermanen, die Südengland eroberten und dort Königreiche errichteten" (s. HOFSTRA 1985, 386), ausgerechnet keine Lexeme mit aus *ā (<*ē) rückverwandeltem *ē - bzw. *āē, das möglicherweise dem ostseefinnischen näherstand als dem - hinterlassen haben?

Im einzelnen würden jedenfalls im Falle von fi. neula ‘Nadel’ der Zurückführung auf ein angelsächsisches nädl keine unüberwindbaren Schwierigkeiten im Wege ste- hen.Die Unzulässigkeit der Verbindung -tl- würde auch für den anzunehmenden Ent- lehnungszeitpunkt gelten. Auch wird man noch mit einem Stamm *ne'dla- als Basis der Entlehnung rechnen dürfen (vgl. BRUNNER 5 252). Problematischer wäre die Sachlage im Falle von fi. miekka ‘Schwert’, da für ae. mäce allenfalls auf einen Gen. Sg. *mecas (nach den o-Stämmen, vgl. dæzæs neben dwges, KRAHE/MEID II 5 4, S. 10) verwiesen werden könnte und der Plural wohl als Basis ausscheidet. Man könnte allerdings geltend machen, daß mece nur in poetischen Texten überliefert ist (BRUNNER § 62, Anm. 2). Westgermanische Entsprechungen von an. läg ‘gefällter Baumstamm’ (fi. lieko) und an. säld ‘Sieb’ (fi. seula) scheinen nicht belegt zu sein.


171.


Zusammenfassend läßt sich mit KOIVULEHTOs in einer früheren Arbeit geäußerten Worten feststellen, daß die westgermanisch aussehenden Elemente des ostseefin-nischen Wortschatzes "kaum als Beweis für einen namentlich westgermanischen Einfluß auf das Urfinnische verwertet werden können, bei gewissen Wörtern denkbar wäre", wobei er auf fi. saippua ‘Seife’ verweist.Damit wäre die Frage der westgerma- nischen Lehnwörter ähnlich zu beantworten wie die der gotischen: "Das Vorhanden- sein gotischer Lehnwörter kann nicht ausgeschlossen werden, aber es ist bisher noch nicht gelungen, die got. Herkunft auch nur eines einzigen osfi. Wortes eindeutig nachzuweisen“ (HOFSTRA 1985, 383) - was aber einige Forscher nicht daran gehin- dert hat, eine "gotische" Schicht für die ältesten germanischen Lehngeber in Anspruch zu nehmen (vgl. § 4).


83. Bei einem der Paradebeispiele stimmt die Angabe, es sei nur im Ootischen belegt (so KYLSTRA 1961, 59), offenbar ohnehin nicht; das wie got. aiþez ‘Mutter n-stämmige althochdeutsche eidi in fiwtar- eidi ‘Ziehmutter’ ist schwerlich von diesem zu trennen (vgl. BRAUNE /MITZKA 1967, § 231, S. 212).



173


Gemeinsame germanische Elemente des Ostseefin- nischen, Slavischen, Baltischen und Romanischen


§ 70. Für die prähistorische Periode können wir kaum über Kenntnisse von der Sachgeschichte des einem Begriff zugehörigen Referenten verfügen. Manchmal ist es jedoch möglich, aus der Übernahme des nämlichen Lexems in eine andere Sprache den sachgeschichtlichen Hintergrund der Entlehnung zu entschlüsseln.

So ist es z.B. zunächst verwunderlich, daß die Ungarn von den Vorfahren der heuti- gen Osseten oder einem diesen sprachlich nahestehenden Stamm oder Volk ein Wort für ‘Grube = kuoppa, kaivanto, hauta’ entlehnt haben sollen: ung. verem - oss. iron. uærm.

Das ossetische Wort ist nun auch ins Georgische gedrungen (ormo) und bezeichnet dort speziell die Vorratsgrube = varastokuoppa.(s.ANDRONIKASVILI 102).

Diese Bedeutung ist seit der ältesten Zeit auch für das ungarische Wort häufig zu be- legen, z.B. búzaveremWeizensilo = vehnäsiilo’. Es ist demnach zu vermuten, daß sich bei den Vorfahren der Osseten die Technik der Getreidelagerung auf einem besonders hohen Niveau befand. Tatsächlich hat man für ein Gebiet, das in antiken Quellen als Siedlungsgebiet der Skythen und Sarmaten bezeugt ist und auf dem Sprachdenkmäler gefunden wurden,die dem Iranischen zuzuweisen sind, steinerne Silos, die zur Aufbewahrung des Korns dienten, archäologisch nachgewiesen (s. KAЛOEB 70).Die solchermaßen belegbare Verwendungsweise des vorossetischen Wortes steht im Einklang mit der Bedeutung der Entsprechungen in anderen iranischen Sprachen und mit seiner Etymologie (var- ‘bedecken’).

Man könnte nun versuchen, aus der Verbreitung germa-nischer Wörter in anderen Sprachen Aufschlüsse über den sachgeschichtlichen Hintergrund der Entlehnung ins Ostseefinnische zu gewinnen. Hier kommen in erster Linie die germanischen Lehnwörter des Slavischen in Betracht. Es ist überdies zu vermuten, daß in einigen Fällen auch Licht auf das Lautliche fallt.


174.


In der slavistischen Literatur wird ausdrücklich die gotische Herkunft von slav. kane(d)zb, und zwar aus der Zeit der vermuteten Siedlung der Goten in der Weich-selgegend, genannt (z.B. BRÄUER I 34). Damit wäre dieses Wort älter als diejenigen einer gotischen Schicht der germanischen Lehnwörter des Slavischen, in der auch griechische und lateinische Wörter an die Slaven vermittelt wurden (l.c.). Slav. pane(d)zb ‘Geld’ wird dagegen - offenbar aus sachgeschichtlichen Gründen, denn es reflektiert alle alten und keine jüngeren Merkmale als kane(d)z´ - aus dem Westgermanischen hergeleitet.

Germ. *kuningaz wäre demzufolge vor 150 n. Chr.ins Slavische gelangt (l.c.) Mit den ältesten germanischen Entlehnungen im Slavischen befände man sich mithin in ei- ner Epoche, die dem Zeitpunkt des Beginns der germanisch-finnischen Kontakte - je- denfalls der "gemäßigten" Auffassung nach - schon sehr nahe kommt. Bei Berück- sichtigung der neueren Auffassung hat man aber zumindest für einen Teil des ger- manischen Lehnguts des Ostseefinnischen ein Vergleichsmaterial aus einer identis- chen Entwicklungsstufe der germanischen Stämme, denn die Kontakte der Germa- nen mit den Ostsee- finnen sind ja in den Jahrhunderten sicher nicht abgerissen.

§ 71. Zu den ersten germanischen Entlehnungen, die mit einem Aufenthalt der Goten in der Weichselgegend im Zusammenhang stehen sollen, wird auch urslav. *šelmb ‘Helm’ (> abg.*šlémb usw.) gezählt (BRÄUER I 34). Das Wort muß noch die 1. Pala- talisation mitgemacht haben (BRÄUER I‚ E;107, S.188). KIPARSKY erwähnt zwar die Ansicht, daß der Schluß nicht zwingend sei, da es auch später analoge Fälle gebe (1934, S. 188). Beispiele für den Inlaut sind aber nicht vergleichbar, da sie auf einer synchronen Regel beruhen, die sich in abg. boga ‘Gott’,Vok. bože, vlbkb ‘Wolf’, Vok. vlče,sucha ‘trocken’ (präd.), Komp. suše manifestiert.Im Anlaut dürften aber die we- nigen Fälle wie choditi ‘gehen’, 551a ‘gegangen’ (zu iti ‘gehen’) kaum ein kopierba- res Muster abgegeben haben. Es wird kein Zufall sein, daß KIPARSKYs Beispiel für ein anderes Verfahren, eine fremde Folge von vela- rem Konsonanten und palatalem Vokal zu eliminieren, ein Anlautsfall ist: abg. skle(d)zb (statt *Sk´l) < westgerm. *skilling (vs. russ. Лyчeca, lit. Laukėsa).

Althochdeutsche Herkunft von russ. menoma (tepota) ‘Helm’ usw. kommt mithin nicht in Betracht, und Urger-manisches im Slavischen ist - jedenfalls, wenn man die traditionelle Lokalisierung der slavischen Urheimat voraussetzt - nicht zu erwarten.



175.


Wenn das Wort aber gotisch ist und ein e zeigt, läßt sich dies nur unter der Annahme verstehen, daß zu der Entlehnungszeit der Wandel *e > i noch nicht eingetreten war. Da nun auch für das Ostseefinnische gotische Entlehnungen nicht auszuschließen sind, kann dann fi. teljo nur unter der Voraussetzung als beweiskräftig angesehen werden, daß auch das Gotische vor dem generellen Wandel *e > i einen i-Umlaut gekannt hat. Die Fachliteratur spricht freilich von einem gemeingermanischen Wandel (z.B. RAMAT 1976, 52)“.

Lit.midùs ‘Met’ neben ererbtem medùs ‘Honig’ müßte dann aber so interpretiert wer- den,daß die Balten noch nach den frühesten Berührungen zwischen Slaven und Go- ten Kontakt mit den letzteren gehabt haben, was den historischen Gegebenheiten zu widersprechen scheint. Man könnte allenfalls an Entlehnung aus der Sprache eines westlich der Balten siedelnden ostgermanischen Stammes, etwa der Burgunden denken.

Allerdings zeigt in einem Falle auch das Altpreußische einen "bibelgotischen" Voka- lismus; apr. ilmis ‘Scheune = lato, aitta’ gilt als Entlehnung eines gotischen *hilm(a)s ‘Helm = kypärä’. Bezüglich der Bedeutung wird auf an. hjálmr ‘überdachter Schober für Heu od. Getreide, Feldscheune’ (BAETKE) neben ‘Helm’ hingewiesen (TOHOPOB). Eine ältere Entlehnung liegt in kelmis ‘Mütze’ vor.

§ 72. Als weniger aufschlußreich können von vornherein wegen des entfernteren Schauplatzes der Beziehungen die germanischen Entlehnungen in den romanis- chen Sprachen gelten. Vereinzelte Entlehnungen aus dem Germanischen gab es schon zu römischer Zeit, z.B. säpö ‘Seife = saippua’. Zu einem verstärkten germa-nischen Einfluß auf die Romania kommt es hingegen erst zur Völkerwanderungszeit. Für das spätere franzö-sische Sprachgebiet ist es vor allem das Fränkische, das als Superstratsprache auf das gallische Romanisch einwirkt; in Italien sind es Gotisch und Langobardisch,in Spanien Gotisch und Vandalisch.Der Umstand, daß sich die im Kontakt mit den Franken übernommenen Lexeme - darunter auch zahlreiche Ad- jektive und Verben - vor allem aus den Bereichen Kriegswesen, Staat und Gesell-schaft, Kleidung,Wohnung,Tier- und Pflanzenwelt rekrutieren (s. BERSCHIN/FELIX BERGER/GOEBL‚175), macht diesen Kontakt mit dem germanisch-ostseefinnischen komparabel.


84. Die Theorie SVERDRUPs‚ daß dergenerelle Ersatz eines alten e durch i im Gotischen nicht spontan erfolgte, setzt diesen Umlaut sogar voraus (vgl.BRAUNE/EBBINGHAUS § l0, Anm.1, S.17 mit Literatur).



176.



Freilich spiegelt er eine spätere Entwicklungstufe des Germanentums wider. Er läßt sich etwa mit dem frühmittelalterlichen Einfluß aus Skandinavien vergleichen.


§ 73. In der folgenden Tabelle sind den erwälmten Sprachen gemeinsame Entleh-nungen aus dem Germanischen zusammengestellt.In der Spalte "germanisch" sind die altnordischen Beispiele von den gotischen durch Unterstreichung unterschieden. Die Wörter louba zebar, seifa sind althochdeutsch, slimp ist mittelhochdeutsch. Die Bedeutung der fettgedruckten Wörter weicht von der in der ersten Spalte angegebenen in stärkerem Maße ab.

Studien176.jpg

..........germ. ....fi. ........slav. .......balt. ...roman.

Amt andbahti ammatti .......................ambassier  kelttiä.

Bohrer nafarr napakaira nebozez

Brot .....hlaifs ...leipä ...chläba ...kläzps   Brot ei liity

Falte..... fegt .....palle .........................falda          Palle ei liity noihin. Se on kaukaa samaa kuin field

Ger ........gerr ....keihäs ............................guiret       keihäs ei liity näihin

Grab .......hlaiw ..?laiva ..chläva .....(nämä eivät liity yhteen; laiva on kyllä vasarakirvestä)

Hemd .....paida ...paita ...pata   (nämäkään eivät liity yhteen, (läski) paita on balttia)

Hopfen ...humli ...humala .........................houblon

kaufen ....kaupön ..kauppia kupiti käupiskan  ...... balttia, verbistä "kasata ja purkaa" = kempti (myös kamppailla)

Kessel.... katils ....kattila ...kotblb .?kätilas

König ,,,,,konungr kuningas kane(d)zb künigas    Yksi menee "kaanin" puolelle.

Korb .......tainjö..... tainio ...........................zana              Tuskin yhteyttä

Laube ....louba .....laupio ..........................loggia          Tuskin yhteyttä

Lehen ....leiga .......laih(v)o lichva           Ei yhteyttä

Lerche ....lävirgi ....leivo ............................laverca          Ei yhteyttä

Made ......maþa .....mato ...........................man               Ei yhteyttä

Magen ....magi; ......mako ..........................magun

Opfer ......zebar ......?teuras ........................(a)toivre      Ei yhteyttä



177.

Srtudien177.jpg

..........germ...... fi. ......slav. .....balt............. roman.

Pfütze pyttr .....puutio............. Puits            ???

reich ...reikeis ..rikas ...............fikljs             "die       kelttiä (riks)

Reiher häggri ...haikara ..............................héron           vain heron ja heggri liittyvät

Ring ....hriggs ...rengas (use)rezb ringas ....rang   Kiittyvät, varmaan kelttiä

Roggen rugr, .....ruis; ...................................raon           balttia: lt. rugis

schief ..slimp ....?limppa .......................Sghembo     eivät liity

Schnur fetill ......?paula ?petlja           Schnur ei liity

Schutz verja ......varjo ....................guarire (saattavat)    

Schwert mäkeis miekka  ?mec  ???

Seife ....seifa .....saippua ..........................sapo               liittyvät, suopa, balttia knta-IE *sempa"    

Stange stong ....tanko ..............istanga     liittyvät, balttia

Tanz ....laiks .....(leikki) ......lik´                    eivät liity

Tisch ...piuþs ....pöytä .......bljudo     liittyvät, paitsi Tisch

Urteil ...dómr; ....tuomio .....duma              todennäköisesti eivät liity

üppig ...ufjo‘ ......upia ................................ufana

Vieh .....nauþs ...nauta ...................nuta                 varmaan liityvät, patsi vieh

wählen ..kiusan ..kiusata ..kusiti ................Chüisir  ???

warten ...varδa ...vartoa ...guardar          Yhteys on kantabaltista

Weg .......leiδ .....laita ........................laie                        Yhteys kantabaltista

Wein ......wein ....viina ....vino“                   Yhteys kantaindoueroppasta, tislaamisesta

Woge .....vagr; ....vaa‘as ......................Vague            Vaikea sanoa

Zeichen... taikn ...taika .........................tache              luultavasti ei

Zwiebel ....laukr ...laukka............ ..........luka              vaikea sanoa

Amt: Afr. ambassier soll ein fränkisches *andbahtjan ‘einen Auftrag geben’ zugrunde liegen (MEYER-LÜBKE 448). .

Bohrer: Das altcechische Wort weist im Gegensatz zur finmschen

Entsprechung noch auf ein Original ohne Rhotazismus.

Brot: Das lettische Wort steht mit seiner Bedeutung ‘großes, rundes

Brot; Brotlaib’ dem germanischen Original näher.

Falte: It.; das Wort ist in der gesamten Westromania belegbar (MEYER—LÜBKE 3162).

Ger: Das provenzalische Wort bedeutet ‘Wurfspieß’.



178.


Hemd: Die romanischen Bedeutungen weichen erheblich ab: pata bedeutet im Pie- montesischen ‘Lumpen’, im Lombardischen u.a.‘Hosenlatz’,‘Riemen’, ‘Oberleder der Schuhe’, im Provenzalischen ‘Kopftuch’ (MEYER-LÜBKE 6153).

Hopfen:Wesentlich älter als fr.houblon ist nach von WARTBURG homlon (1950,8).

kaufen: Das altpreußische Wort ist ein Substantiv der Bedeutung ‘Handel’ (TOIIOPOB).

Kessel: Das litauische Wort stammt vermutlich aus dem Slavischen.

König: Das litauische Wort bezeichnet den Geistlichen.

Korb: Das italienische Wort stammt aus einem langobardischen verschobenen *zaina (MEYER-LÜBKE 9596).

Lerche: Für das galizische und nordportugiesische Wort wird ein gotisches *laz'werko angesetzt (MEYER-LÜBKE 4954).

Made: Fr. man bezeichnet die Made bzw. Larve des Maikäfers, den Engerling.

Magen: Das friaulische Wort bedeutet wie in anderen Idiomen Norditaliens ‘Kropf’. Die lothringische Entsprechung bedeutet ‘Geflügelmagen’.

Opfer: Afr. (a)toivre bedeutet ‘Zugtier’ (MEYER-LÜBKE 8726).

Pfütze: S. KLUGE/MITZKA. Das französische Wort stammt aus dem Altfränkischen. Das germanische Wort ist seinerseits dem Lateinischen entlehnt: puteus ‘Brunnen’.

reich: Das altpreußische Wort steht mit seiner Bedeutung ‘Herr’ dem Etymon näher (Grundbedeutung ‘mächtig’).

Reiher: Das Wort ist in der Romania weit verbreitet. Aus dem Französischen stam- men nach MEYER-LÜBKE span. airon und port. airao. Vgl. noch it. a(gh)irone‚ prov. aigru und katal. agro’ (3991).

Ring: Das russisch-kirchenslavische Wort soll aus dem Balkangotischen stammen (BRÄUER I, 35). Für fr. rang und prov. renc ‘(Zuschauer)reihe bei Kampfspielen’ (KLUGE/MITZKA s.v. Ring) gibt MEYER-LÜBKE got. hriggs als Etymon an (4209); KLUGE/MITZKA verweisen auf ein altniederfränkisches *hring (l.c.). Da sich nicht ausmachen läßt‚ als Bezeichnung welchen ringför- migen Gegenstandes urgerm. *rengaz ins Ostseefinnis- che gekommen ist, sind hier mit archäologischen Befunden keine chronologischen Aufschlüsse zu gewinnen.


179.


Roggen: Zu prov. raon gesellt sich u.a. altwall. ragon. schief: Zur Möglichkeit einer Verbindung des finnischen Wortes s.NIKKILÄ 1982 257. Das italienische Wort hat eine altfranzösische und rovenzalische Entsprechung.

Schutz: Das italienische Wort bedeutet  ‘heilen’.

Seife: Das lateinische Wort ist seit Plinius belegt (WALDE/HOFF)

Stange: Das italienische Wort bedeutet auch Riegel (EYER-LÜBKE 8227).

Tisch: Abg. bljudo bedeutet ‘Schüssel’;es wird zur zwei- ten Schicht der gotischen Lehnwörter des Slavischen gerechnet (BRÄUER I, 34).

üppig: Das finnische Wort bedeutet ‘prächtig,stolz’, das provenzalische ‘eitel’ (MEYER-LÜBKE 9031).

wählen: Fi. kiusata bedeutet ‘verführen, versuchen; plagen , .

Wein: Die Bedeutung des finnischen Wortes ist ‘Branntwein’;

‘Wein’ heißt viini. Abg., aruss. suno gilt aus sachge-schichtlichen Gründen als Entlehnung aus dem Balkangotischen (BRÄUER I, 35).

Zeichen: Das französische Wort bedeutet ‘Fleck’.


§ 74. Da im Slavischen das germanische Wort für das Grab (got. hlaiw usw.) eben- falls vorhanden ist, und zwar auch in einer von der des Originals erheblich abwei- chenden Bedeutung (‘Stall’) kommt der Verdacht auf, daß sich hinter dem ostseefin- nischen (Schiff) und Slavischen Gebrauch des Wortes eine ältere germanische Grundbedeutung verbirgt. Ein "quartum comparationis" ist indessen nicht könnte al- lenfalls an eine Bedeutung ‘Verdeck’ denken,augenfallig‘.Man decke’ zu ‘Grab’, über ‘Schutzdach’ zu ‘Stall’ und die uber Grabdecke und ´Grab´, uber ´Schutzdach´ zu Stall und über Deck zu ‘Schiff’ wurde. Gegen eine solche Deutung spricht aber die formale Gleichung mit lat. cliuus (<kleiuos),die eine Bedeutung ‘Hügel als die ältes- te nahelegt. Schiffe mit Deck dürften Jedoch sein”. Die Bedeutung ‘Grab’ könnte da- mit "nicht allzu alt Grabstätten mit einem Steinschutz versehen zusammenhangen", daß die oder pflasterartig überdeckt wurden. Diese Sitte verschwand im 1. nachchristlichen Jahrhundert (GERMANEN 183).


85. In nordischer Zeit hieß das Deck þil-far (WEINHOLD 128).  


[HM: þil - samaa juurta kuin silta ja talo.

Itämeren rannikon laivanmuotoiset kivirakennelmat 1. vuosiatunnlta e.a.a. eivät ole hautoja.

http://hameemmias.vuodatus.net/lue/2014/01/itameren-laivahaudat-eivat-ole-hautoja-1

Mitä ne olivat, se varmasti vielä selviää. ]


180


HOFSTRA bezeichnet eine Bedeutungsentwicklung von ‘Grab’ zu ‘Schiff’ als "nicht völlig ausgeschlossen" (1985, 174). Es kann ein Zusammenhang zwischen den bei- den Referenten angegeben werden, der vielleicht die Möglichkeit einer Bedeutungs-beziehung noch etwas weniger wunderlich erscheinen läßt‚als es auch bei Berufung auf die Ähnlichkeit der bronzezeitlichen Grabhügel mit Schiffen der Fall ist. Denkbar wäre die Bedeu-tungsentwicklung eher im Zusammenhang mit der seit dem 6.

Jahrhundert n.Chr.in Skandinavien aukommenden Sitte der Bestattung in Schiffsgrä- bern. An der südwest- bzw. nordwestfinnischen Küste sind Boote in Brandgräbern des 7. und 8. Jahrhunderts n.Chr. nachgewiesen.

Auch aus der Wikingerzeit (9.-11. Jh.) sind Brandboot-gräber aus Südwestfinnland bekannt (RGA 3,251,260,263).Eine Ausdrucksweise ‘ins Grab legen’ oder ‘zu Grabe tragen’ konnte möglicherweise von den Ostseefinnen als ‘ins Schiff legen’ verstan- den worden sei, woraus sich *hlaiwa- in der Bedeutung ‘Schiff’ herausgelöst haben mag 86, etwa in der Art, wie engl. bead ‘Ge- bet’ in den Bezeichnungen der Rosen- kranz-litanei wie ‘counting one’s beads’ oder ‘telling one’s beads’ die Bedeutung ‘Perle, Kugel’ erhalten hat (JESPERSEN 156f.).

Bei der Identifikation von ‘Schiff’ mit ‘Grab’ könnte aller- dings auch die Homonymie von an. naust ‘Schiffsplatz, Bootshaus’ und ‘Grabhügel’ eine Rolle gespielt haben, das eine zu lat.nauis usw.,das andere zu got. naus ‘Toter’ gehörend.An. naust ent- hält das Formans -stra-‚ das auch in dem durch got. ga-nawiströn vorausgesetzten *nawistr vorliegt. (s. KRAHE/MEID III g 128. 3 und 5 139 - 187).

86. Wenn die mit Vorbehalt geäußerte Vermutung richtig ist, daß sich das "kupferne Boot" im KALEVALA (50, 485) auf Schiffsbestattungen bezieht (Literatur bei FROMM 1967, 327), läge hier die umgekehrte Metapher vor.

87. RAMAT stellt fest:"Im Germanischen fehlt bekanntlicherweise die Entsprechung des indogerm. Erbwortes lat. näuis" (1976, 76); wie verhält es sich aber mit an. när ‘Schiff (poetisch)’?


181.


$ 75. Fi. kattila wird einhellig aus dem Germanischen hergeleitet.HOFSTRA benutzt dieses Wort dazu, die Verbreitung einer germanischen Entlehnung als "ein ausrei-chendes Argument für die Annahme einer Entlehnung um oder kurz vor Chr. Geb." zu problematisieren (1985, 143) da sein "germ. Original selber auf Entlehnung aus dem Latein wir [zur Debatte obwohl ein slavisches *kotblb genau ein finnisches kat- tila ergeben hätte. Man vergleiche die folgenden slavischen Lehnwörter des Finnis- chen: katitsa ‘Fischzaun’<*kotbcb,värttinä ‘Spindel’<*vertbno,kotta, kotti ‘Pantof- fel’ (russ. komeц, ‘Damenschuh’). Die ältesten slavischen Entlehnungen вepemeнo, komы können sich uber das gesamte ostseefiniiische Sprachgebiet ausgebreitet haben.

§ 76. In sachgeschichtlicher Hinsicht bemerkenswert ist laipio < urgerm, *laubjö- ‘Laube’ 88, zumal es zu den auch fi. westgermamscher Herkunft verdächtigen Lehn- wörtern des Ostseefinnischen gerechnet wird (HOFSTRA 1985, 384). Laut GRIMM gehört es zu Laub und eine besondere art des nationalen bauwesens, das aus "be- zeichnet reisig, asten, hürdenwerk errichtete kleinere oder schlichtere werk im ge- gensatz "zu dem festeren gebäu, welches aus Stämmen oder bohlen zusammen- gefugt ward)", also etwa das, worin nach Tacitus die Fenni gehaust haben sollen.

GRIMM weist darauf hin, daß bei Gregor von Tours (6. Jh.) ähnliche Vorrichtungen durchaus an Gebäuden der Vornehmen vorhanden waren: slabat rex juxta tabema- culum ramis factum und Oratorium ... intextis virgultis in sublime construxerat (l.c).

Die Bedeutung Decke, Trennwand’ des finnischen Wortes legt die Vermutung nahe, daß bei den Germanen mit *laubja- ursprünglich die Flechtwände bezeichnet wur- den, die im Wohnstallhaus den Wohnteil vom Stallteil und die einzelnen Ställe von- einander trennten (Vgl.die Abbildung der Rekonstruktion eines Wohnstallhauses von der Feddersen Wierde in GERMANEN S. 311).

88. Nach HOFSTRA reflektieren ostseefinnische Diphthonge i.a. nur jeweils bestimmten urgermanischen Diphthong (1931 52 f.) einen laipio, derzufolge ostseefi.ai nicht nur auf urgerm.*ai, sondern auf: ur germ *au zurückginge ist nach HOFSTRA unerheblich (53). In der Tat handelt es sich hier um eine späte Umgestal- tung, denn es ist auch das zu erwartende laupio belegt. Diese "unerklärte ‘Entgleisung´" (l.c.) dürfte rein dürfte rein phonetisch begründet sein. Es fällt nämlich auf, daß sich in der nämlichen Umgebung (anlauten- der Lateral bzw. labialer Obstruent) auch im Lateinischen ‘in einem aus velarem Vokal und u bestehenden Diphthong ein Ubergang des zweiten Bestandteils in zarem in i vonstattengeggangen ist: uridg. *(h)leudero: > "urital." *louber (vgl. osk. Luvfreis loiber ´Liberi´ Gen.SG. (vgl. falisk. Loifirtato ‘Liberta- tis´, lat. loebertatem - Paul Fest.)>liber. (LEUMANN 1928 § 42, S.67; SOMMER/PFISTER 5 66,S. 70).



182.



Die ebenfalls aus Flechtwerk bestehenden Außenwände mögen demgegenüber mit der Ableitung von der ‘winden’ bedeutenden Wurzel, got. waddjus, ahd. want, be- zeichnet worden sein. Denkbar wäre, daß die Zwischenwände aus Ruten geflochten wurden, an denen das Laub belassen wurde. Da ohnehin Laub bzw. Laubheu als Viehfutter Verwendung fand (s. GERMANEN 448), erübrigte sich ein Entlauben.

§ 77. Slav. *līchvä- bedeutet ‘Zinsen,Wucher = korko’. Das Wort ist auch zu dem mit der germanischen Bildung urverwandten licha ‘böse,überflüssig u.a.’ gestellt worden (s.VASMER s.v.).Da aber im Slavischen keine verbale Basis vorhanden ist (zum An- satz einer urindogermanischen Basis *leikswā- für das slavische Wort s.KIPARSKY 1934, 207), muß diese Möglichkeit angesichts der formalen Übereinstimmung mit dem germanischen Wort beiseite gelassen werden.

[HM: Tämä "(yli?)läiskyvä  (ploiskotus)" EI OLE KANTAINDOUROOPPAA, vaan ilmeisen selvää kuuria.

Sanan ilmeisimmin *(p)lëikstum, mutta preesens on kuitenkin *(p)lëiskja, joka ään- tyy sääksmäkeläisen korvaan [(p)läiskiä] ja tulee varmasti ymmärrettyä ilman kuurinkielen peruskusssiakin.

http://www.letonika.lv/groups/default.aspx?cid=917344&r=10631062&lid=917344&g=2&q=pleiksti&h=5722

Tällä sanalla ei ole mitään tekemistä laiva-sanan kans- sa, jonka eteen ei myöskään kuulu ainakaan enää kantabaltissa sen enempää p/f:ää kuin k/h:takaan.]

KIPARSKY sah bei der Entlehnungshypothese die Schwierigkeit,daß sich kein gotis- ches *leijua oder eine entsprechende Bildung in anderen germanischen Sprachen nachweisen lasse (l.c.). Mit fi. laihvo sieht die Sachlage aber etwas günstiger aus.

Umgekehrt könnte das slavische Wort die Frage entscheiden helfen,ob fi. laihvo auf urgerm. *laihwōn- oder *laigwōn- (> an. leiga ‘Miete, Pacht, Zins, Lohn’) zurückgeht (vgl. HOFSTRA 1985, 167 f.).

[HM: HELVETTI! TÄMÄ EI OLE KANTA- EIKÄ MITÄÄN MUUTKAN KERMAANIA, VAAN VASARAKIRVESKIELTÄ kantabaltin sanasta *lengwa = kelluva, josta tulee myös liettuan lengvas = levyt!]

In der Tat
würde das Slavische keinen Reflex einer stimmhaften Spirans mehr zei- gen, d.h., es wäre g zu erwarten. Slav.ch müßte man auf jeden Fall auf germ.h oder *x zurückführen. Allerdings bleibt der Vokalismus problematisch. Das slavische Wort setzt älteres *i oder *ej voraus, man muß aber für das Slavische wohl auf germanis- cher Seite schon ein *līhwōn- < *leihwōn- zugrunde legen. Ein urgermanisches *leihwōn- würde möglicherweise auch der finnischen Form gerecht. Man hat für das gewöhnlich aus dem Baltischen hergeleitete finnische taivas ‘Himmel’ auch germa-nische Herkunft erwogen. Wenn *ej in urgerm. *teivaz im Finnischen durch ai vertreten ist, ließe sich das auch im Falle von urgerm. *leihwōn- voraussetzen.

[HM: Helvetti. Suomen tai(h)vas on vasarakirveskielen *daigwas "ylle kaareutuva" (liettuan dangus) EIKÄ SILLÄ OLE MITÄÄN TEKEMISTÄ MINKÄÄN KERMAANIN EIKÄ MYÖSKÄÄN MINKÄÄN JUMALIEN KANSSA!]

Man könnte für das Urostseefinnische
aber auch mit dem Einfluß des germanischen Wortes *laihwna- (fi. laina < laihna,vgl.auch karel. laihina, olon. laihnu - s. SKES) rechnen.

[HM Laina ei tule tästä,vaan kantabaltin verbitä *len-, irrottaa,vapauttaa, sallia vasa- rakirveskielen kautta. Silläkään ei ole mitään tekemistä minkään kermaanin kanssa. Juuret *len- ja *leng- voivat olla, tai olla olematta samaa lähtöä. Sikäli voivat ollakin, että kummankaan alusta ei ole tipahtanut tiettävästi konsonatteja pois (kiuten taas juuren *plem- = palaa alusta on.]


Eine andere Möglichkeit wäre, für Slavisch und Ostsee-finnisch von einem urgerma-nischen *laihwōn- auszugehen und slav. lichva der Einwirkung von lichb zuzuschreiben.



183.


In sachgeschichtlicher Hinsicht ist die Bedeutung der slovakischen Entsprechung bemerkenswert. Wenn slk. lihva ‘Hornvieh’ die ursprüngliche Bedeutung reflektieren sollte - was allerdings höchst unwahrscheinlich ist -, so könnte man in Anlehnung an KOIVULEHTOs Feststellung, die Bedeutung ‘Feldertrag’ für fi. laihvo zeige, "daß urgerm. laihwōn- ursprünglich in den agrarischen Bereich gehöre" (s. HOFSTRA 1985, 420), für das germanisch-slavische Gebiet mit Vieh als Zinszahlung operieren.

Im Finnischen mag es sich aber ebensogut um eine spätere Bedeutungsentwicklung zu ‘Feldertrag’ handeln, wie höchstwahrscheinlich im Slovakischen eine zu ‘Vieh’ vorliegt.

Für fi. saih(v)o werden von HOFSTRA die Bedeutungen ‘Aufbewahrungsbehälter, Aufbewahrungsgrube (für Fleisch), Pferch, (gehegeartige) Vogelfalle, Fuchsgrube, Streifen, unterirdische Wasserader’ angegeben (1985, 117, 300). Er vermerkt, daß KOIVULEHTO das finnische Wort "mit Vorbehalt zu germ.*saihwa- ‘Geflecht,Gebin- de’ gestellt“ habe (117) und - ohne auf die erste Erwähnung zurückzukommen - daß ahd. tala-seiga ‘Talsenkung’ und schwed. (dial.) säigo ‘Regennebel’ die germanis- chen Entsprechungen seien (167).Die Bedeutung ‘unterirdische Wasserader’ stimmt zu dt. Siel ‘Schleuse, Abzugsgraben’,das die l-Bildung repräsentiert, die in fi. sihvilä ‘Sieb’ reflektiert ist, und zu ae. sīc.‚ sīce f.‘Wasserlauf,Bach’, an. sík,síki ‘stehendes Gewässer, natürlicher Graben’ (s. GRIMM 1984 s.v. Seige). Aus der Verallgemeine- rung einer Bedeutung ‘Sickergrube’ (vgl. mhd. seige ‘vertiefte rinne, wo sich das Wasser sammelt’, bair. die seigen ‘vertiefte stelle auf dein felde, wo sich das regen-wasser zu sammeln und später als anderswo zu versiegen pflegt’ - l.c.) lassen sich die speziellen Bedeutungen ‘Fuchsgrube’ und Vorratsgrube’ verstehen.

Man kann mithin ohne Not von einem ‘Vorurgermanischen *saihwōn- ‘Abzugsgra- ben, Sickergrube’ als Grundwort für dt. Siel ausgehen. Die Überlegungen zur Her- kunft von fi. -hv- aus *g (HOFSTRA 1985,167 ff.) erscheinen müßig. Das Problem der Genese der von HOFSTRA genannten weiteren Bedeutungen bleibt in dem ei- nen wie dem anderen Falle bestehen.Es ist angesichts der sonst praktizierten Fossi- liensuche im Ostseefinnischen verwunderlich, daß man ausgerechnet bei einem durch Rekonstruktion erschließbaren urgermanischen *-hw- in den vorliegenden Wörtern die exakte phonetische ostseefinnische Emsprechung gewaltsam auf phonetisch weniger einleuchtende Weise erklären will.



184.


Für urgerm.*g wird auch in anderen Fälle Substitution durch urostseefi. *h als sicher angesehen: fi.maha ‘Magen’ (< urgerm, *magan-),fi.saha ‘Säge’ (<urgerm. *sagō-), fi. paha ‘böse,schlecht,beschwerlich, schlimm’) und fi. laho ‘morsch, faul; - morscher Baum’ (< germ.*lägo’-,an.läg ‘gefallener Baumstamm’ - s.HOFSTRA 1985,93, 168).

[HM: "Paha" ja "laho" tulevat kantabaltin ja liettuan sanasta blogas = paha. huono, venäjän plahoi (plahaja), valkovenäjän błahijbłaha. Laho tulee latgallin kautta, paha ruteenin. Paha lienee kristinuskon mukana tullut "kirkollinen" laina.]

Es sind dies nun aber Fälle mit einer einheitlichen Laut- umgebung auf finnischer Seite: a(h)a 89. Bei erwartungsgemäßer Substitution
müßten die fraglichen Wörter *maka, Gen. *ma’an usw.lauten (vgl. haka, ha’an ‘Haken’ bzw. ‘Zaun, Hecke’), dem ein urostseefinnischer Wechsel *maka-: *mayan vorausgegangen sein müßte. Bei anderem Vokalismus findet sich später im Finnischen” z.T.eine andere Vertretung für urostseefi. *k - *g: z.B. suku,Gen. suvun ‘Stamm, Geschlecht, Sippe usw.; zwis- chen gleichen Labialvokalen erscheint mithin ein la- bialer Konsonant anstelle des urostseefinnischen velaren Reibelautes. Entsprechend könnte man annehmen, daß auch in einem Genetiv mahan das intervokalische h den urostseefinnischen stimm-haften velaren Reibelaut - durch die beiderseitige unmittelbare Nachbarschaft eines a bedingt - vertritt, d.h., wir hätten es zum Zeitpunkt der Entlehnung nicht mit einer Substitution von urgerm. *g durch urostseefi. *h zu tun. Die Verallgemeinerung des h in den Kasus, wo die Bedingungen für die starke Stufe vorliegen, könnte dadurch bedingt sein, daß anders als v (vgl.Gen. tavan zu tapa ‘Sitte’) h sonst nicht als Ent- sprechung eines Konsonanten der starken Stufe vorkommt.Es bliebe aber zu moti- vieren, warum bei dem Typ haka/hayan nicht das nämliche eingetreten ist; die ein- zige Lösung scheint die Annahme eines chronologischen Unterschieds zu sein.Sollte die hier ge- gebene Erklärung richtig sein, hätte man ein weiteres Indiz für den ehe- mals gemein- ostseefinnischen Charakter des Stufenwechsels, da die Wörter nicht nur finnisch sind.


89. Fi. laho könnte sekundär sein, am ehesten nach dem bedeu-tungsverwandten etymologischen Pendant lieko ‘liegender Baum’.

90. Es handelt sich hier also nur um eine typologische Parallele!


185.

$ 78. Fi. leivo, Dim. leivonen, leironen, estn. lõo(kene), südestn. lõiv ‘Lerche’ ran- giert bei HOFSTRA als sichere Entlehnung aus dem Germanischen (1985, 48, 324) SKES versieht die Zusammenstellung mit laiw(a)rikōn-‚ mit einem Fragezeichen. KLUGE sieht in den osfseefinnischen Wörtern "selbständige lautmalende Bildun- gen". Nun wäre es erstaunlicher Zufall, wenn im Ostseefinnischen nicht nur gleichen ein ähnliches Verb für ´tönen´ wie im Vorgermanischen (vrg. kr. laiein) existiert hätte, sondern auch ausgerechnet mit diesem der Gesang der Lerche nachgeahmt worden wäre.

Es hat aber weder der Gesang der Feldlerche (Alauda arvensis) noch der der Hei- delerche (Lullula arborea) - nur diese beiden Arten kommen für Skandinavien in Be- tracht (s. PAREY 204) - Elemente, die als laiw oder leiw beschrieben werden könn- ten. Die l.c. beschriebenen Triller der Heidelerche werden nur dem lateralen Anlaut und dem r in den germanischen und estnischen Vertretungen gerecht.In Anbetracht der geringen Ähnlichkeit der Wörter mit der Segmentenfolge des Lerchengesangs wäre im Falle einer - unvollkommenen - Lautnachahmung bei der Namengebung im Germanischen und Ostseefinnischen die nahezu vollkommene Übereinstimmung der beiden Lexeme ein erstaunlicher Zufall.Es kann mithin kaum bezweifelt werden, daß das ostseefinnische und das germanische Wort zusammengehören. Dann stellt sich aber angesichts der Entlehnung des nämlichen germanischen Wortes In die Roma- nia die Frage nach dem besonderen sachgeschichtlichen Hintergrund der Übernah- men. Da die estnische Variante mit k einen Einflull des schwedischen lärka reflektie- ren kann, ist am ehesten von einem urostseefinnischen *leivo auszugehen, das die am weitesten verbreitete finnische Form darstellt. ' 

Welche sachgeschichtlichen Ursachen die Ubernahme gehabt könnte läßt sich nicht ausmachen.“ VON WARTBURG (1950, 8). haben erwägt im Falle der germanischen Elemente des Französischen freux Krahe und choue(tte) ‘Eule (Kauz)’ - zum letz- teren anders MEYER-EUBKE (1785) - eine Entlehnung wegen der Weissagung aus dem Flug dieser Vogel und weist bei fr. mésange ‘Meise’ darauf hin, daß der Vogel nach germanischem Recht unter besonderem Schutz stand. Möglicherweise stand die Lerche als Frühlingsbote mit irgendwelchen Kulten der Winteraustreibung im Zusammenhang.


91.  Bei fi. haikara ‘Storch, Reiher’ könnte man wie VON WART- BURG für die Romania (a.a.O.) an die Jägersprache denken (Vgl- 5 66’ Anm 76)‘



186.


In der finnischen Variante leipuri könnte man zur Not freilich eine Umbildung eines aus *laiw(a)rikōn- zu erwartenden ostseefinnischen *leivari sehen. Ein ähnlicher Fall ist vielleicht der folgende:Fi. laituri ‘Bootssteg,Landungsbrücke’ hat nach SKES keine Etymologie. Hierher werden estn. laider (Gen. laidri) ‘von den Ruderbänken gesondertes,dreieckiges Hinterteil des Bootes,das beim Ausschöpfen des am Boden angesammelten Wassers hochgehoben wird’ und das dialektale estnische lauter ‘Bootsanlegestelle, zwischen den Brücken,neben der Brücke befindlicher Standplatz der Wasserfahrzeuge’ gestellt, wobei bei letzterem wohl Einwirkung von estn. laud ‘Brett’ anzunehmen ist. Geht man davon aus, daß das in Rede stehende Wort zu- nächst nicht den festen Anlegesteg bezeichnete,sondern eine Vorrichtung, die es er- laubte, vom Schiff ans Ufer zu gelangen,bietet sich der urgermanische Vorläufer von dt. Leiter als Etymon für fi. laituri an.Für das deutsche Wort läßt sich die Bedeutung ‘Schiffsbrücke’ belegen:leyter oder bruck vom Schiff an das Land (GRIMM s.v.). Das für das gesamte Westgerinanische zu belegende Wort geht auf eine Grundform *hlaidri- zurück (KLUGE/MITZKA s.v.).

Unter der Annahme einer Einwirkung der Gerätenamen auf -uri,wie vesuri ‘Schnitz-messer’ oder dial. nahkuri ‘Schafsfell’ (s. SKRK I § 53, 46, S.152) läßt sich das finnische Wort lautlich einwandfrei auf die germanische Form zurückführen.

Die Zusammenstellung setzt freilich voraus, daß die Bildungen auf -uri ein beträcht-liches Alter haben.Bedenklich bleibt auch,daß fi. laituri selbst ziemlich spät belegbar ist;es tritt laut SKRK zum ersten Mal im Jahre 1745 im JUSLENIUSschen Wörterbu- che auf. Die in SKRK propagierte Ableitung von laita ‘Seite, Rand’ ist natürlich auch nicht von der Hand zu weisen. Das finnische Wort mag zunächst die an der Außen- seite des Schiffes angebrachten Leisten zum Schutze der Planken bezeichnet haben (vgl. dt. Leiter l.c.).


187


§ 79. Fi. paula, dial. pakla ‘Schnürriemen‚ Riemen zum Festbinden, Netzsimm’ wird von KOIVULEHTO aus einem germanischen *fatla erklärt (1979a, 271), das als Ne- benform von urgerm. *fatila-angesehen wird (an. fetill, ahd. fezzil ‘Fessel, Schulter-band). HOFSTRA merkt hierzu (1985,180):"Germ. *fatla,ist zwar in keiner germ. ge- rache belegbar aber KOIVULEHTO stützt seine Rekonstruktion von Fatla- mit Wort- paaren wie germ. *setla- (> got. sitls, ahd. sezzal Sessel’) und *setula- (> an. sjotull ‘Bank’)". Nun kann letzteres aber durchaus nicht als "Stütze" für KOIVULEH- TOs Ansicht gewertet werden, denn es ist doch offensichtlich etwas anderes, wenn zu einem ererbten, mit einem im Germanischen unproduktiven Formans gebildeten Wort (vgl. lat. sella, griech. elle ‘Sitz(gelegenhät)’ - Formans Io-/leh2) eine Variante mit einem produktiven Formans (-ula-) entsteht, als wenn man für eine mit einem produktiven germanischen Formans (-zla-) gebildete Form eine Variante mit einem unproduktiven Formans postuliert. Es müßte schon ein semantisch und formal ähn- licheres Paar ins Treffen geführt werden, um die Entstehung eines *fatla- zu *fatila- auf analogischem Wege plausibel erscheinen zu lassen; got. stikls vs. an. stikill (KOIVULEHTO l.c.) ist dieses Paar jedenfalls nicht! Die fi paula mit dt. Fessel usw. muß mithin als eine Verbindung von hochst unsichere Etymologie bezeichnet wer- den, zumal eine Fülle von Möglichkeiten für den Anlaut des fremden Originals be- steht *sp*f, *p, *b. Für den Silbenschließenden Konso-nanten kommen neben t, k auch die stimmhafte Entsprechung (d,g) in Frage.16 mögliche Originale und eine nicht völlig übereinstim- mende Bedeutung sind ein recht bedenkliclier Befund. im Hinblick darauf, daß das für KOIVULEHTOs Herleitung benötigte germanische Original nicht belegbar ist.

In dieser Güteklasse findet sich immer ein Etymon.Geht man z.B. davon aus daß Schnüre usw. früher aus Werg hergestellt wurden,kann man für fi. paula,weps. pagl Entlehnung eines russischen naкля annehmen das wiederum auf lit. pakulos zu- rückgehen soll. Die Palatalität des Laterals muß dann sekundär sein. Neben russ. *naкля hätte aber auch die belegte Form fi. *pakla ergeben, vgl. fi. rupla < russ. fi petla ‘paula, Schlinge’<russ. neтля.‘ Nur die einem anhaltendem russischen Einfluß ausgesetzten ostseefinnischen enter Idiome haben später palatalisierte Konsonanten entwickelt, vgl. weps. rubl, Gen. rubl´jan.



188


§ 80.Bei der Annahme germanischer Herkunft des slavischen Wortes für ´Schwert´ ist der Vokalismus problematisch. Die slawischen Einzelsprachen weisen mit Aus- nahme des Serbokroatischen (mač < *mbčb) auf *e‚ während germanisches *e ein slavisches e’ ergeben hätte. Die gelegentlich im älteren Serbokroatischen belegten Formen mit e werden von KIPARSKY als Schreibfehler angesehen (1934).

Bei der Frage nach dem sachgeschichtlichen Hintergrund der Entlehnung von germ. *mēkja- ergibt sich zunächst das Problem,welche Blankwaffe bei den Germanen mit diesem Namen belegt wurde. Das Wort ist gesamtgermanisch (got. mēkeis,an. mækir, ae. mæce, as. mäki).

Griech.uöxaipo (mahaira),das mit dem gotischen Wort wiedergegeben wird,bedeu- tet gewöhnlich ‘großes Messer, Schlachtmesser; kleines (einschneidiges) Schwert’. Unter der - natürlich nicht zwingenden - Voraussetzung,daß sich Ulfilas der genauen Bedeutung des griechischen Wortes der Vorlage jeweils bewußt war,könnte man für das germanische Wort die Bedeutung ‘(ein-schneidiges) Kurzschwert’ in Anspruch nehmen. Man liest bei SEITZ:

"Das Schwert erscheint bei fast allen germanischen Stämmen der römischen Kaiser- zeit einschneidig, ein schlichter Waffentyp, der wahrscheinlich in ostgermanischem Gebiet aus dem Hiebmesser der Hallstatt- und derfrühen Latenekultur stammte. Die- se einschneidige germanische Waffe wurde zu dem messerartigen Schwert,welches mit dem Wort sax verknüpft ist (...).Ein derartiges ‘großes Messer’ wurde ursprüng- lich sowohl als Hausgerät als auch als Wafle verwendet, nach bestimmten Autoren sogar als Wurfwajfe" (81).

Er stellt jedoch andererseits fest:

"In der archäologischen Literatur wird der Praxis entsprechend das Wort sax für das lange Messer gebraucht - oder wenn man will, das kurze Schwert mit gerader ein- schneidiger Klinge, das in der Völkerwanderungszeit in Gebrauch war und in der da- rauffolgenden Epoche oft als fränkisch ausgegeben wird. Die heutige Sprachfor-schung zeigte mittlerweile, daß eine derartige Auslegung vielleicht nicht ganz richtig ist.

Im Norden kann mit dieser Benennung ausnahmsweise auch ein ‘großes’ Schwert gemeint sein, aber auch, was die Sache noch komplizierter macht, in Einzelfällen Schwerter mit sowohl einer als auch zwei Schneiden … (82 f)


189.


Für den Sprachwissenschaftler sind hier also keine Aufschlüsse zu gewinnen.

§ 81. Die Genese von fi. vartoa und der romanischen Sippe (fr.) läßt sich am leich-testen vom Wachdienst an der Grenze verstehen und zwar insbesondere wenn man die Beteiligung der Lehnnehmer an diesem Dienst voraussetzt. Es scheint kaum wahrscheinlich, dass die Germanen deren Uneinigkeit im Verhältnis zu den Römern bekannt ist nun ausgerechnet den Ostseefinnen gegenüber standig Einigkeit an den Tag gelegt haben sollten.Auch im Norden werden germanische Stammesverbände, Stämme oder Sippen gegeneinander agiert haben und vermutlich auch mit Beteili- gung verschiedener Gruppen der Ostseefinnen die höchstwahrscheinlich ebensowe- nig eine eindeutige Haltung im Kollektiv den Germanen gegenüber eingenommen haben werden.



[HM: "Vartoa" (oik.VARROTA tulee vasarakirveskielestä, samaa juurta kuin "varus-" = sota.]



§ 82. AБAEB macht auf folgende Parallele aufmerksam (346). Auf die Bedeutung des Bieres als Kultgetränk bei den weist, daß in den Kalevalagesangen eine Epi- sode die  Entstehung des Bieres betrifft. Auch im NARTENEPOS - und zwar nur in der os- setischen Fassung - ist dem nämlichen Ereignis eine gesonderte Erzählung gewid- met: "Wie das Bier erschien" (s. KAЛOEB 167) - Die Ubereinstimmung daß sowohl die Narten als auch die Kaleviden mit der Erfindung des Bieres zusammen-gebracht werden,erörtert etwas ausfürlicher zu werden,da sie in FROMMs Kalevala kommentar nicht erwähnt wird. Die Parallele wird dadurch noch bemerkenswerter‚ daß in beiden Versionen ein Vogel eine Rolle spielt.Im KALEVALA singt Gimpel (Blutfink, fi. Puna- lintu "Rotwogel") bzw. eine Drossel (rastas) das Lob des Bieres (20,407 ff.). FROMM erwähnt eine andre fassung vom Ursprung des Bieres,in der der Vogel das erstfalls gebraute Getränk benennt: "Bier dein richtiger Nahme! Sehr Böse‚nicht süß,viel Hop- fen dazugetan,r eichlich Wasser zugegossen, mit Fichten-zubern eingefangen".(FROMM 1, 967 15l Anm.zu 407 ff.). Im NARTENEPOS pickt ein Vogel Hopfen,fliegt zu den Narten,pickt ein wenig Malz und wird flugunfähig. Man bringt ihn zur Heldin Satana, die ihn auf Weizen setzt, nach dessen Genuß sich der Vogel erholt und davonfliegt.Nach dein von dem Vogel gewiesenen Verfahren  braut Satana das erste Bier.


190.



Sie "mahlt Malz", kocht es, seiht die Brühe und fügt einen kräftigen Sud von Hopfen hinzu. Die Brühe fängt an zu zischen und zu funkeln und bedeckt sich mit weißem Schaum (107 f.).Im KALEVALA füllt die "Herrscherin des Nordlands", nachdem sie von der Entstehung des Bieres erfahren hat, Wasser in einen großen Topf und be- ginnt aus Gerste und viel Hopfen Bier zu brauen. In dem Lämminkäinenlied und in den Biersprüchen ist es die Kalevalatar, die das Bier zubereitet (FROMM 1967, 151 zu 189).

Im Lichte der Parallele ist natürlich das Nebeneinander von oss. æluton und fi. olut auffällig.



[HM: Olut on siis osseetiksi (suomaisen korvaan) "ÄLYTÖN" Ei taida ihan olla sukulaiskieliä...].



Die Herleitung von olut aus einer iranischen Schicht läßt sich allerdings nur mit der ad-hoc-Annahme eines Einflusses des folgenden Laterals oder Labialvokals auf das a bewerkstelligen (vgl.§ 40). Es kommt hinzu,daß die lautlichen Verhältnisse für ger- manische Herkunft des ossetischen Wortes sprechen.Im Falle eines ossetischen Er- bwörtes wäre -d- statt -t- zu erwarten (SCHMID 1986188; für germanischen Ursprung plädierte bereits AБAEB - 1949) 92.

Vor diesem Hintergrund erhält die genannte mythologische Parallele einen anderen Stellenwert. Der Ursprung des alanischen und finnischen Motives der Entstehung des Bieres wäre dann im Germanischen zu suchen.

Ein weiterer identischer Terminus aus dem Bereich der Bierherstellung ist fi.humala ‘Hopfen’, das übereinstimmend als germanisches Lehnwort angesehen wird (SKES, HOFSTRA 1985,310).Oss.iron.xuymællæg (xumallag) käme prinzipiell als Etymon für humala in Frage (oss. -ag ist Formans). Ae. hymele setzt ein *humilön- voraus (vgl. ae. cymen < lat. cuminum), für das ein finnisches *humila zu erwarten wäre (vgl. fi. verkilo" ‘Öse, Aufhänger’ < germ. *wergilō-). Auch ein *humla hätte am ehesten ein *humila ergeben, vgl. fi. hamina ‘Hafen’ - schwed. hamn.


92. Möglicherweise ist eine oss. Form mit -d- in den georg. Wortfor- men aludi und ludi sowie in dem georg. PN aluda repräsentiert (s. ANDRONIKAŠVILI 140).



191.


Die Übereinstimmung zwischen Iranisch und Germanisch betrifft auch die Personen- namengebung; zu Alu- im Germanischen s.BIRKHAN 1970, 337; zu dem in Inschrif- ten der nördlichen Schwarzmeerküste vorkommenden Namen Alovxayog (Alonksagos) (AБAEB).

Für iranische Entlehnungen im Ostseefinnischen gibt es freilich sonst keine Evi- denz. Die auf den arischen Bereich weisenden Lehnwörter reflektieren gewöhnlich den durch das Urindogermanische vorauszusetzenden Vokalismus, z.B. fi. porsas ‘Ferkel’ (uridg. *porkos, vgl. lat. porcus‚ av. parasa-; SCHMID spricht indessen von einem "Wandel a > o in einer Gruppe baltischer und jranischer Lehnwörter" - o.c. 189). Eine Ausnahme wäre fi. vasa, vasikka ‘Kalb’ (mordw.vaz) zu oss.dig. uæs, dessen beweiskräftige Kognaten e-Vokalismus sichern (das Wort gehört zu uridg. *uetos- ‘Jahr’, IEW).

Es wäre natürlich auch möglich, daß das Motiv der Bierentstehung über die russis- chen Bylinen nach Finnland gelangt ist, es scheint jedoch im Ostslavischen nicht belegbar zu sein.



192


193


Sachgeschichte


§ 83. Es seien noch einige Ansichten zu Realien außer- halb der im vorhergehenden behandelten Gruppe von germanischen Entlehnungen mitgeteilt. Wenn PENZL be- züglich der germanischen Altertumskunde betont, "daß der historischen Sprachwis- senschaft als solcher nicht die Aufgabe zufallen soll und kann, in erster Linie Urhei- mat, Wanderungen,Umgebung,politische Schicksale der germanischen Stämme und deren kulturelle,gesellschaftliche,ethnische Organisation zu erfassen" (149), so kann man dies zustimmend auf die ostseefinnischen Verhältnisse übertragen.

Auf die germanischen Verhältnisse mag auch PENZLs Begründung zutreffen: "Mit sprachlichen Mitteln können wir direkt ja nur Sprachliches erkennen, für Außer- sprachliches müssen wir uns in Methode und Quellmaterial auf die Archäologie und Geschichtsforschung verlassen". In der Finnougristik sind aber, wo Archäologie und Geschichtsforschung mangels "Quellmaterial" untätig bleiben mußten, beachtliche sachgeschichtliche Erkenntnisse von der historischen Sprachwissenschaft geliefert worden, etwa im Falle der ungarischen Vorgeschichte. Die vor der Landnahme über- nommenen Turkismen des Ungarischen ergeben ein detailliertes Bild von der mate- riellen Kultur der Vorungarn, und auch ihre Migrationen lassen sich aufgrund ver- schiedener Lehnwortschichten für die Zeit vor dem Einsetzen der ersten schriftlichen Fremdquellen annähernd bestimmen. Im Hinblick auf die gotisch-nordischen Isoglos- sen oder die "kontrastive Wortzählung" als Beweismittel für die Urheimat der Goten dürfte PENZLs Skeptizismus berechtigt sein (s .Op. cit. 151 bzw. 157).


§ 84. Oben (§ 17) wurde erwähnt, daß man die Entlehnung von fi. nauta usw. mit einer Besteuerung der Ostseefinnen durch ihre germanischen "Herren" in Zusam-menhang gebracht hat. Man darf hier nicht von der Grundbedeutung des germanis- chen Wortes absehen, die als ‘Besitz, Vermögen, Nutzung’ anzusetzen ist, vgl. auch lit. nauda ‘Ertrag,Habe’, das im übrigen durchaus nicht als Etymon von fi. nauta usw. ausge schlossen werden kann,was die Überlegungen VILKUNAs ohnehin hypothetisch macht.

[HM: Nauda on todennäköisimman vasrakirveskieltäja tarkoittaa hyöty(eläin).]


194.


Die Übernahme von nauta könnte aber gänzlich undramatisch damit zusammen- hängen, daß die Ostseefinnen von den Germanen lernten, das Rind als Währung zu verwenden - vgl. WEINHOLD 51 ff.zu kügildi ‘Wert einer Kuh (als Zahlungseinheit)’. Auch das Fehlen des semantischen Merkmals ‘jung’ bei lammas ließe sich damit er- klären, daß die Ostseefinnen als "Kleingeld" den Wert einer Schätzkuh den Germa- nen in Lämmern entrichteten - vgl. hierzu WEINHOLD 52 f.-, wobei für die Ostseefinnen die Opposition zu ‘Kuh’ die Bedeutung bestimmte.

Schließlich ließe sich auch die abweichende Bedeutung von germ. *hanan- im Ost- seefinnischen (z.B.fi.kana ‘Huhn’) mit der Unterdrückung der beim "Geldwert" ‘Hahn’ als akzidentiell angesehenen Merkmals ‘männlich’ erklären. Die Bedeutungsände-rungen wären freilich auch im Falle von Besteuerungseinheiten plausibel. Die Über- nahme eines germanischen Wortes für den Begriff ‘Schaf’ ließe sich damit erklären, daß die Ostseefinnen nach germanischem Vorbild von einer überwiegenden Nut- zung der Wolle und der Milch, die ein frühes Schlachten der Tiere unrentabel macht, zur Verwendung des Fleisches übergingen. Bei den Germanen des 1.-2. Jahrhun- derts wurde etwa ein Drittel der Schafe vor dem zweiten Lebensjahr geschlachtet (GERMANEN 442). So könnte sich die Bezeichnung des Jungtieres als Gattungsna- me etabliert haben. Mit einem solchen Übergang in der Nutzung des Schafes hat man jedenfalls den entsprechenden archäologischen Befund in der finnisch-ugris- chen Vorgeschichtsforschung interpre- tiert (MATOLCSI 140,141). Für die von dem Gebrauch in den meisten germanischen Sprachen abweichende Bedeutung des ost- seefinnischen Wortes müßte man dann nicht unbedingt ein germanisches Idiom mit der Bedeutung ‘Lamm’ bemühen.

Denkbar ist auch, daß die Ostseefinnen unter gerrnanischem Einfluß t dazu übergingen, das Schaf vorwiegend für die Milchwirtschaft zu nutzen.

Mit lammas könnte dann zunächst das zur Aufzucht als Milchlieferant ausgesonder- te Jungtier bezeichnet worden sein. Vor diesem Hintergrund würde verständlich, wa- rum die baltische Entlehnung jäärä (vgl. lit. ėras ‘Lamm’) den Widder bezeichnet (ur- sprünglich dann ‘männliches Jungtier’). Die Veränderung der Wirtschaftsform konnte dadurch bedingt sein, daß die Ostseefinnen durch die Germanen mit Schaf-rassen, die für die eine oder andere Nutzung besonders geeignet waren, bekannt wurden. Allerdings soll die Schafzucht hauptsächlich der Fleischversorgung gedient haben (GERMANEN 144)”.


195.


$ 85. HOFSTRA faßt bedenkenlos Wörter wie fi. lanta ‘Dünger, Mist’ (an. hland ‘Harn’), tunkio ‘Dünger-, Abfallhaufen’, tade ‘Dünger, Mist’ (an. tað) als "Düngemit- tel" zusammen. Die Entlehnung dieser Wörter kann aber einen ganz anderen sach- geschichtlichen Hintergrund haben. Tacitus erwähnt (26), daß die Germanen "arva per annos mutant", was impliziert, daß sie die Felder nicht düngten. Ob sich die Germanen der Zeitenwende um Bodenverbesserung bemühten,ist umstritten (GER- MANEN 131, 444). Für eine Düngung durch Mist scheinen keine Indizien vorhanden zu sein. Für Mist bestand aber eine Reihe anderer Verwendungsmöglichkeiten.

Nach Tacitus (16) hoben die Germanen Gruben als Zufluchtsorte für den Winter und als Speicher aus und bedeckten sie - vermutlich zur Wärmeisolierung - mit Mist (fi- mus). Auch die Verwendung des Dunges als Beimischung zu einem Lehmfußboden, wie es in Teilen Europas bis in die jüngste Zeit üblich war, ist denkbar. Die Übernah- me der Wörter für ‘Mist’ und des Namens des Torfes (fi. turve) könnte auch mit der Heizung zusammenhängen (vgl. WEINHOLD 235).Daß die in Rede stehenden Ter- mini mit einer Entwicklung in der Landwirt- schaft im Zusammenhang stehen, wäre ein voreiliger Schluß.

§ 86. BIRKHAN hält es für möglich, daß in an. rauði- der "vorkelt(ische) Eisen-N(a- me)" erhalten ist, wobei er meint, daß die keltische Herkunft von germ. *īsarna- "als sehr wahrscheinlich zu gelten hat" (141). Die Übernahme des germanischen Wortes - ob "vorkeltisch" oder nordische Neubildung - dürfte am ehesten mit dem Einsetzen des prähistorischen Eisenexports aus Schweden im Zusammenhang stehen.


93. Es wird angenommen, daß in der "finnisch-ugrischen" Wirtschaft der waldreichen Wolga-Kama-Gegend das Schaf mehr (MATOLCSI l.c); fi. villa (< urbalt. *vilna‚ vgl. lit. Fleisch- als Wollelieferant war vilnos ‘Wolle) konnte darauf deuten, daß die Wollegewinnung in baltischer Zeit wieder in den Vordergrund ruckte.


196.


Die einzig belegbare Kontinuante der vorauszusetzenden schen Vorform von fi. rau- ta, an. rauði (< *rautan-), bedeutet ‘Sumpferz’. Es gibt keinen Grund anzunehmen, daß das urostseefinnische Wort etwas anderes als das Sumpferz oder das daraus gewonnene bezeichnete. Das Wort kann nun im Ostseefinnischen schwerlich als der Beginn der Ausbeutung der Sumpferzvorkommen in Schweden. Der Literatur zur Vorgeschichte findet sich hierfür die Zeitangabe "vermutlich seit dem frühen ers- ten nachchristlichen Jahrtausend" (MÜLLER-WILLE 224). Selbst wenn man konzediert, daß prinzipiell eine Entlehnung des Namens vor der Verwendung des Produktes Ausmaße, der archäologisch nachweisbar wäre, stattgefunde könnte - der Anfang des ersten vorchristlichen Jahrtausends, der punkt, der der herkömmlichen Periodi-sierung zufolge bei Annahme Entlehnung des germanischen Wortes durch die "Frühurfinnen" vorauszusetzen ist, erscheint unplausibel. FROMM vermerkt, daß Südwestfinnland Schlackenreste für die römische Eisenzeit nachgewiesen sind (1967, 67). Selbst wenn seither Funde vorliegen sollten, die zu datieren sind - daß der Zeitpunkt dermaßen zu verschieben wäre, nicht nachvollziehbar.

Das Vorkommen eines von derselben Basis gebildeten Wortes Eisen im Slavischen besagt in diesem Zusammenhang nichts. Daß ockergelbe bis braunschwarze Limo- nit, der Hauptbestandteil Rasenerzes, mit einem Wort für ‘rot’ benannt wird, ist nicht merkmalhaft 94. Bei BIRKHAN findet sich der eigenartige Passus "Das Finn. rauta ‘Eisen’, das zwar nicht aus dem Germ. stammen kann, weil ð nicht als finn. t erscheint, aber doch wohl beweist, daß die zeichnung auch für das Metall verwendet werden kann, was ja eigentlich befremdet.


94. Auch ein weiteres germanisches "Buntmetall" ist ins Ostseefinnische worden: fi. kulta ‘Gold’. Ohne Ety- mologie ist bisher das Wort für ‘Silber’: fi. hopea. Vermutlich ist es identisch mit hopea ‘weich’, da es a pri- ori wahrscheinlicher das Silber als ‘das weiche (Metall)’ bezeichnet wurde, als daß die Eigenschaft Metal- les, die es von einem anderen häufig zu Schmuck verarbeiteten, im Gegensatz zum Gold ebenfalls "anlau-fenden" Metall, dem Kupfer, erheblich unterscheidet, trahiert wurde. Es dürfte hier kein fremdes Kulturwort vorliegen. Fi. vaski ‘Kupfer’ ist ebenfalls Erbwort.



197


Das finn. Wort soll nach SENN entweder aus lit. raudas ´rot´ oder - noch wahr- scheinlicher - aus slaw. rūda < *rouda ´Erz´ (so als kirchenslaw Lehnwort in Lit.)" - 141 f., Anm. 142. Nach HOFSTRA liegt "die Substitution von urgerm. /ð/ durch urfi. /t-/ etwa 10 Fällen vor"; die Wie- dergabe der stimmhaften Reibelaute durch die entsprechende finnische Tenuis ist ausnahmslos (HOFSRTA 1985, 11).

Im Falle slawischer Provenienz von rauta bedürfte es ein Erklärung des "urslavis- chen" Vokalismus des finnis- chen Wortes. TERENTJEV hat sich kürzlich für eine Herkunft von fi. rauta aus den Dialekten von Pskov und Novgorod ("Krivich") aus- gesprochen. Auf diesem Dialektgebiet sei altes *au (die übrigen ostslavischen Dialekte haben u) bewahrt geblieben (31 f.):

Die Herleitung aus dem Baltischen ist in lautlicher Hinsicht einwandfrei;da jedoch im Baltischen keine Bedeutung ‘Eisen’ im Finnischen keine Farbbezeichnung zu bele- gen ist,kommt lit.raudas als Kontinuante des Etymons von fi.rauta nicht in Betracht. Wenn an.rauði tatsächlich ein ja-Stamm wäre,als der das Wort bei BIRKHAN ran- giert ("vorgerm *roudhios, urgerm. *raudiaz", was aber an. *reuði ergeben hätte), wäre allerdings nicht rauta,sondern *rautija(s) zu erwarten.Aus einem raudan (d.h. n-Stamm) an. rauði,läßt sich das finnische problemlos herleiten (s.HOFSTRA 1985, 9.1).  Unbedenklich ist Wort auch die von BIRKHAN problematisierte Bedeutungsdiskrepanz zwischen dem nordischen und dem finnischen Wort.

[Viimeistään Suomusjärven kulttuurista alkaa kulttuurinen jatkuvuus

HM: Suomusjärven kulttuuri (6500 - 4200 eKr.) on ainoa laajalle Suomessa, koko maahan levittäytynyt kulttuuri, jonka kielestä emme ja ihmisten piirteistä emme tiedä oikeastaan mitään.

Suomusjärven kulttuuriin liittyy piirre, joka yhdistää sitä  ja kampakeraamiseen kan- saan ja vasarakirveskansaan,nimittäin punamultahautaus: punainen on ollut surun väri myös balttikielissä. Liettuassa jopa sana sana raudà tarkoittaa sekä punerrusta että valitusta, erityisesti itkuvirttä. Sana tulee mahdollisesti vainajaa (f. yks.) tai hau- tausmaata (n. mon.) sanasta *remda, verbistä remti (remia) = levätä.Tuollainen ään- teenmuutos on länsibalttilainen, mutta on silti voinut tulla maantieteellisesti itäistä, saamelaista tietä: jotvingissa rauda = itkuvirsi, raudainas = ruosteenvärinen. Adjektiivi on raudus: rauduskoivu on "itkukoivu".
https://hameemmias.vuodatus.net/lue/2015/07/untitled-1]



§ 87. Für fi. rasia werden in SKES folgende Bedeutun- gen angegeben: ‘ziemlich kleine, ovale, Schachtel mit gefaß verwendet’, ‘Schachtel, in der Deckel, bes. als. Buttergefäss befördert werden’, ‘runder, Kleider auf Rei- sen oder. bei weiten aus ei- ner Wurzel gefemgter Korb’ in dem man Käse zubereitet’, ‘den Mühlstein umgeben- der und von oben schützender Korb oder Rahmen’, für estn. rast: ‘aus gebogenem dunnem Holz gefertigte ovale oder runde Schachtel mit Deckel. Die Beschreibungen passen vorzüglich auf die aus dem bronzezeitlichen Dänemark, aus nordischen Baumsärgen, aus dem Salz- bergwerk in Hallstatt und dem wikingerzeitlichen Hai- thabu bekannten aus sehr dünnem Material hergestellten Spanschachteln: "Sie sind rund oder oval und haben stets senkrechte Seiten. Die Wandung ist jeweils aus ei- nem langen Stück:gebogen und dann zusammengenäht gebunden oder gernetet. Die Beiden platte besteht aus einer einzigen, meist etwas stärkeren Scheibe. Zuweilen gehört ein übergefalzter Deckel zu den Schachteln.


198.


Die Abdichtung erfolgte in der Regel mit Harz. Dadurch waren die Spanschachteln auch geeignet, Flüssigkeiten aufzunehmen" (CAPELLE 402,mit Abbildung). Handelt es sich bei den Vorläufern der finnischen rasia-Schachteln um die skandinavischen Spanschachteln, erscheint eine Namengebung nach dem Rand, wie sie KOIVULEH- TO vermutet (vgl.HOFSTRA 1985,158),nicht motiviert”. Das Merkinalhafte wäre dann die Rundung.

§ 88. HOFSTRA zählt fi. astuva, dem er die Bedeutung ‘Astegge beilegt, zu den si- cheren Entlehnungen aus dem Germanischen. Zweifel an der germanischen Her- kunft äußert SKES.Als Etymon wird urgerm. *astaz (got. asts,dt.Ast) vermutet.Die Genese des Ausgangs -uva bleibt dabei im dunkeln. Die Bedeutungsangabe HOFSTRAs scheint zudem im Interesse der germanischen Etymologie erfolgt zu sein. Fi.astuva ist in den Ostdialekten der Allgemeinbegriff für den andernorts durch des, karhi oder hara bezeichneten Gegenstand (ANTTILA, vgl. auch die Karte 1, S.10). Die Verbreitung des Wortes legt die Annahme russischer Herkunft nahe.

MÄGISTE stellt astuva daher mit dem in den östlichen Dialekten zu belegenden as- tala, astalo ‘Schlagwerkzeug; Prügel,Keule’ zusammen und leitet beide Termini von einem Stamm asta- russischer Provenienz her (s.ANTTILA 8).Da die Egge auch zur Zertrümmerung von Erdbrocken verwendet wird, erscheint die Zusammenstellung von der Semantik her einleuchtend, die Heraushebung eines Funktionsmerkmals - die Egge dient daneben auch zur Auflockerung des Erdreichs und Einebnung des Bodens sowie zur Einbringung des Saatguts in den Akker - erweckt nichtsdestowe- niger Bedenken.Unter den Entsprechungen - karel. aftuva, aftiva, atova, olon. astavu, ast’ivo, aštivo,lüd. ašivo, ašt´šivo, aštuu - kommt der Variante astuva der Status einer forma facilior zu,da sie als Nomen agentis zu astua ‘steigen, gehen’, aber auch ‘zertrampeln’ (in Verbindung mit rikki ‘entzwei’) verstanden werden kann. Der Aus- gang -ivo ließe sich indessen zwanglos als das russische Nominalformans (-ivo) deuten, vgl. (ognivo) ‘Feuerstein’ zu (ogon´) ‘Feuer’.


95. Das mag im Falle von air. rinde, laut KLUGE/MITZKA urverwandt mit dt. Rand, anders sein.


199.


Angesichts der auffälligen Beschaffenheit der Egge,aufgrund derer auchdas germa-nische Wort benannt ist (s. KLUGE/MITZKA s.v. Egge),könnte man an russ. rocmb (gost´) ‘Granne, Spitze’ als Basis denken. Für eine ältere Entlehnung wäre die Be- tonung des russischen *ocmu6o (ostivo) belanglos, da russ. o als ostseefi. a er- scheint (s.KALIMA 1952,30 f.). Im Falle eines rezenteren Zeitpunkts der Übernahme müßte eine Betonung *ocmu’eo mit Akanje vorausgesetzt werden; die ueo- (ivo-) Bildungen sind allerdings in der Regel stammbetont,doch vgl.(ognivo).Ein *ocmu6o läßt sich jedoch nicht ausmachen,die Zusammenstellung hat daher nur den Status einer Arbeitshypothese.

§ 89. Fi. teljo ‘Ruderbank’ ist aufgrund seiner prägnan- ten und mit der des Originals identischen Bedeutung prinzipiell für eine absolute Zeitbestimmung geeignet. Das Aufkommen von Sitzplanken gäbe einen terminus post quem für die Übernahme ins Ostseefinnische und damit für den i-Umlaut des *e. Da aber das Hjortspring-Boot (Süddänemark) schon Ruderbänke - eigentlich Ruderplanken - aufweist, ergibt sich fur teljo ein terminus post quem,der nicht weiterbringt; aufgrund einer Pollenanalyse des Moores der Fundstatte bestimmt sich ein Zeitpunkt um 350 v.Chr.

§ 90. Im Falle von fi. impi ‘Jungfrau, unverheiratete Frau, junges Mädchen’ mag das Merkmal ‘unberührt’ - wie im ältesten Griechisch bei nocpöävog (parthenos) (s. KLINGENSCHMITT 1973,275) - sekundär sein. Diese Vermutung wird durch die Be- deutung ‘Gebärmutter’ für die Ableitungen immyt, immikko nahegelegt. Bei einer Grundbedeutung ‘geschlechtsreifes Mädchen’ erscheint es denkbar, daß hier eine Entlehnung von germanisch=*imb(i)ja- ‘Bienenschwarm,Biene’ (ahd. imbi,ae. imbe ‘Bienenschwarm, Schweiz immi n.‘Biene’, imbm.‘Bienenschwarm’, nhd. Imme ‘Bie- ne[nschwarm]’) vorliegt. Eine metaphorische Verwendung (mit einer Bienenkönigin) zur Gründung eines neuen Bienenvolkes ausschwarmende bzw. ausgeschwärmte Bienen’ für ein Kollektiv geschlechtsreife Madchen (einer Sippe)’, aus dem sich die heutige Individuativbezeichnurig entwickelt haben könnte, scheint im Bereich des Möglichen zu. sein. Allerdings wäre aus dem obigen urgermanischen Ansatz ein fin- nisches *impia/*impiä zu erwarten, das jedoch der Annahme eines Uberganges zum Individuativum entgegenkommt.


200.


Man müßte voraussetzen, daß ein *impiä als Bezeichnung für das Kollektiv eine Umdeutung zu einem pluralischen Partitiv, der als Subjekts- und Objektskasus sowie im nominalen Syntagma häufig ist, erfahren hat und auf einen Stamm *impe- ‘ge- schlechtsreifes Mädchen’ bezogen wurde.Die Wörter für ‘Gebärmutter’ ließen sich prinzipiell auch aus dem Merkmal ‘zur Fortpflanzung bestimmt’ verstehen.Falls diese Ableitungen in den Ostdialekten entstanden sind, käme ein Einfluß von russ. Mamxa ‘Gebärmutter, Tierweibchen, Bienenkönigin’ in Betracht, was aber voraussetzt, daß sich die Bedeutung des germanischen Wortes bis in die Zeit der russisch-finnischen Kontakte gehalten hätte.

Sollte doch das Merkmal ‘unberührt’ zugrunde gelegen haben, hat hier vielleicht fol- gender Umstand eine Rolle gespielt. FROMM weist darauf hin,daß aufgrund der ver- meintlichen Ungeschlechtlichkeit der Biene eine Beziehung zur Jungfräulichkeit Ma- rias hergestellt wurde und daß Biene und Gottesmutter auch in finnischen Gebetslie- dern zusammen vorkämen (1967, 112). Die Vorstel- lung von Ungeschlechtlichkeit bzw. Jungfräulichkeit der Biene mag älter sein. Nach HdDA gab es sie jedenfalls schon im Altertum (I 1229).

§ 91. Zu den sicheren Entlehnungen aus dem Germanischen zählt HOFSTRA fi. tuppi ‘Hülse, Scheide’. Es wird ein urgermanisches *duppa- angesetzt, für das ein- zig mnd. dop ‘Schale, Kapsel’ als Fortsetzer angegeben wird (80). Es handele sich wegen der lappischen Vertretung (lapp.N dop ‘id.’;man beachte aber lapp. dop- pädit ‘stick, Pass. get stuck in’; doppit ‘seize,seize or take hold of, seize or take and put somewhere or take with one somewhere’) um eine frühurfinnische Entlehnung (323). Das Wort wäre demnach älter als fi. huotra,das mit den anderen Belegen für die Entsprechung ostseefi. h-: germ.f- "keine lautlichen Kennzeichen früher Entleh- nung" aufweise (69 f.). Als einziger Vertreter von HOFSTRAs semantischer Gruppe "Waffen und deren Behälter" sei tuppi "allgemein osfi." Von den südlichen Spra- chen kennt es laut HOFSTRA aber nur das Livische, was impliziert, daß HOFSTRA estn. tupp in der Bedeutung ‘Scheide’ für ein Lehnwort aus dem Finnischen hält. In der Gruppe "Spreu, Hülsen, Stroh" ist das Wort nicht für das Livische, wohl aber für Wot. und Estn. verzeichnet (311).


201


Das kann wohl nur heißen,daß für HOFSTRA die Entlehnung sowohl im Bereich des Ackerbaus als auch des Kriegshandwerks erfolgte, denn anderenfalls hätten auch sonst sämtliche Bedeutungsentwicklungen eines Wortes berücksichtigt werden müs- sen (im Falle von tuppi hätte dann auch wegen des Estnischen ein Eintrag in der Gruppe "Körperteile" erfolgen müssen).Für dt. dop,doppe,dopf werden bei GRIMM die Bedeutungen ‘die äuszerste ründung einer sache, runde schale, deckel’ u.a. angegeben.

Bei KLUGE/MITZKA liest man: "Nach Abwanderung der Angeln und Sachsen wer- den nd. dopp(e), hd. topfe auf versch. Gegenstände angewendet,die nach einer sich einsenkenden oder oberflächlichen Berührung oder nach einer Berührungsspur be- nannt erscheinen. Neben der Bed. ‘kleine Hohlform (Eierschale, Fruchtschale)’ ist auch die des Küchengefäßes anzusetzen" (s.v. Topf 1). Ein derartiges Bedeutungs-spektrum - das Wort gilt als Verbalabstraktum zu einer Wurzel *deyp-,*daup-,*dup- ‘vertiefen, einsinken’ (KLUGE/MITZKA l.c.) - abef allenfalls zu ledernen Messer-scheiden, nicht zu den früheren Schwertscheiden,die im später als germanisch be- zeichneten Gebiet gefunden wurden. Aus einem Moorfund in Dänemark (100-300 n. Chr.) stammt eine Kurzschwertscheide, die "aus zwei Holzplatten hergestellt und von schmalen Eisenbändern zusammengehalten war" (SEITZ I, S. 83).

Dieses Beispiel gibt Anlaß, ausführlicher auf die Eintei- lung der Lehnwörter nach Sachgruppen einzugehen.

202

203


Zur semantischen Gruppierung der Entlehnungen

§ 92. HOFSTRA hat eine umfangreiche semantische Analyse der älteren germanis- chen Bestandteile des ostseefinnischen Wortschatzes unter Einschluß der Vertei- lung der Lexeme auf die Einzelsprachen geliefertg 96. (1985, 292-350), wobei er die Lexeme nach Wortarten trennt. Für die Sachgeschichte ist die Wortart aber eigent- lich belanglos; man hätte eher eine Zusammenfassung aller Substantive, Adjektive und Verben unter dem jeweiligen Realienbegriff begrüßt.


§ 93. Es fragt sich auch, ob die Zuweisung eines Lexems zu verschiedenen sach- lichen Gruppen vertretbar ist. Fi. hauta z.B. tritt an drei verschiedenen Stellen in HOFSTRAs Gliederung auf: "Fanggeräte und -methoden" (300), "Sonstiges im Ber- eich der Schiffahrt" (316) - wozu er vermerkt: "Teer war ein wichtiges im Schiffbau verwendetes Dichtungsmaterial. Die Übernahme der Bezeichnung der Teergrube (hauta) aus dem Germanischen kann daher nicht verwundern" (318) - und "Sonsti- ge Geländebezeichnungen und Bodenarten" (326). Der Hinweis auf die Bedeutung des Teers impliziert, daß HOFSTRA prinzipiell den sachgeschichtlichen Hintergrund zur Zeit der Übernahme eines Wortes zum Maßstab macht. In der Tat kann man z. B. fi.tehdas nicht nach seiner jetzigen Bedeutung ‘Fabrik’ einordnen.Es hätte jeweils erörtert werden müssen, ob alle Bedeutungen aus der Gebersprache stammen.

96. In einigen Fällen, in denen laut HOFSTRA ein finnisches Wort im Karelischen (Seitenzahlen in Klam- mern) keine Entsprechung hat,finden sich aber Belege aus dem nordkarelischen Dialekt von Jyvälahti und dem Südkarelischen (Rukajärvi, Suojärvi): Zu fi. ali(j)o ‘Hure’ (327), ahmo ‘Schachtelhalm = korte’ (310), kappa ‘Brunneneimer; Getreidemaß’ (313), jukko ‘vorderstes Querholz am Schlitten; Leine, an der das Rentier zieht;Schindelholz;Oberfläche (nasse) der Fichte,aus der Latten abgespalten werden’ (315), keula ‘Vorderteil des Schiffes’ (315), naparja,napakaira ‘Bohrer’ (323), murha ‘Mord’ (329), nauttia ‘genießen, zu sich nehmen‘ (347) - BRUSE.



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§ 94. Wenn also HOFSTRA fi. raha ‘Geld’ in die Gruppe "Handel, Geld, Maß" ein- reiht, so ist das nur unter der Voraussetzung zu akzeptieren, daß der Ubergang von der Bedeutung ‘Fell’ zu ‘Zahlungsmittel’ in direktem Zusammenhang mit dem Entleh-nungs-vorgang steht, d.h.‚keine spätere Bedeutungsveränderung im Finnischen vor- liegt.Unter diesem Gesichtspunkt gehörten aber auch,falls VILKUNA mit seiner Inter- pretation als Steuertermini recht hat, nauta und lammas hierher. Die ursprüngliche Bedeutung von raha ist in rahasaari ‘Pelz-insel’ (KALEVALA 26, 165, 488) erhalten (s. FROMM 1967, 297).


§ 95. Die Problematik solcher Gruppierungen wird auch z.B. an zwei Unterabteilun- gen der Rubrik "Ackerbau" deutlich.HOFSTRA sondert die "Nutzpflanzen" humala ‘Hopfen’, kaura ‘Hafer’, laukka ‘Lauch,Zwiebel’, liina ‘Flachs; Hanf’ und ruis ‘Rog- gen’ von den "Unkräutern" (vesi-)ahma ‘Schachtelhalm’, kattara ‘Trespe’, luste ‘Lolch’ und maltsa ‘Melde’ ab. Auch "Unkräuter" können nun Nutzpflanzen sein.

Knöterich und Gänsefuß kommen in prähistorischen Samenkörnerfunden in einer Menge vor, die mit mangelnder Fähigkeit, das Erntegut von Unkräutern zu befreien, nicht zu erklären ist. Die Samen der "Unkräuter" dürften gesammelt und dem Getrei- de beigemischt worden sein (OXENSTIERNA 22 f.). Zum Verzehr von "Unkrautsa- men" vgl. auch GERMANEN 126 f.FROMM stellt fest (1977, 138), daß "erst auf der Grundlage einer semantischen Untersuchung Archäologie möglich sei" (zitiert nach HOFSTRA 1985, 292). Aufgrund des Beispiels "Unkräuter" könnte man indessen eher sagen, daß nur mit Hilfe der Archäologie eine sinnvolle semantische Gruppierung möglich ist”.

97 Zum Verhältnis von Semantik und Archäologie (Frühgeschichte) s. GULYA


205


Methodisches


§ 96. Als Beispiel für das phonotaktische Vorgehen KOIVULEHTOs seien folgende Herleitungen referiert. Für fi. haava ‘Wunde’ findet sich in SKES folgender Eintrag: karel. hoava, (fi. > lapp. hâwie) = ? mordw.E tšavoms, ´züchtigen’ | ?tscher. KB tšaηgḙm ‘(ein)schneiden, schnitzen’.

- Die Bedeutung ‘Mal’ in den Wendungen täällä (tällä, HM) haavaa ‘diesmal’, yhtä haavaa ‘einmal’ usw., estn. haaval ‘auf einmal’ einer früheren ‘Schlag, Hieb’ auf die nämliche Weise entwickelt wie z.B.lit. kartas ‘Mal’, eigtl. ‘Schlag, Hieb’ (kertù ‘ich schlage’, slav. raz´ id., raziti ‘schlagen’, ukr. vraza ‘Wunde’ oder fr. coup ‘Schlag’: à tous coups ‘jedesmal’ ..." . Die Unsicherheit dieser Zu- sammenstellung erlaubt KOIVULEHTO festzustellen:

"Es liegt nun nahe,auf die Möglichkeit einer alten Entlehnung zu achten.Und tatsäch- lich:wenn man sich nach einem passenden Original umsieht,braucht man nicht lange zu suchen: als solches bietet sich germ *hawwa. > urn. *haggwa-,das in awn. hagg (n.) Wendungen und ihre Parallelen aus den anderen Sprachen führt KOIVULEHTO unter Berufung auf SKES dann als Stütze für seine Herleitung des finnischen Wor- tes an (134). Für zwei weitere finnische Wörter mit der Phonemsequenz -aav- findet er dann ebenfalls germanische Originale: fi. kaava ‘Umriß‚Gestalt,Form, Muster’ < germ. *skawwa- (> ahd. scou ‘habitus’; fi. naava ‘Bartflechte’ < germ. *fnawwa- (> schwed. fnugg ‘Flaum, Fusseln’ (137 ff. bzw. 143 ff.). Die Lautgestalt der finnischen Wörter erklärt KOIVULEHTO mit der Unzulässigkeit der Phonemverbindung -auv zum Zeitpunkt der Entlehnung (135).


206


In ähnlicher Weise wie bei der Sequenz aav verfährt KOIVULEHTO im Falle der "finn. Stämme auf -rte" (1979 h, 129 ff.). KOIVULEHTO stellt fest, daß sich von den neun einschlägigen Nomina nur eines auch außerhalb des Ostseefinnischen, und zwar nur im Wolgafinnischen belegen läßt, und führt aus: "Die -rte-Stämme bilden einheitliche Gruppe, die auch altersmäßig ziemlich homogen ist; alle Wörter haben offenbar innerhalb einer bestimmten, nicht allzu langen Periode in der Sprache Hei- matrecht erhalten. Diese Periode ist zugleich auch die Periode des baltischen und germanischen Einflusses auf das (Früh)urfinnische. Von unseren Substantiven sind denn auch schon drei, orsi, virsi und ... hirsi als baltische Lehnwörter erkannt wor- den. So  erhebt sich die Frage, ob nicht auch andere Vertreter desselben Struktur- typs alte, bisher noch nicht erkannte Lehnwörter sein könnten. Dieser Frage bin ich nachgegangen, und ich meine, sie positiv beantworten zu können" (129 f.). "Nun braucht man der Frage,ob die restli- chen rte-Stämme Lehnwörter sein könnten, nicht "nachzugehen"; natürlich müssen die übrigen keine Erbwörter sein. Die Frage ist vielmehr, ob die von KOIVULEHTO beigebrachten baltischen und germanischen Wörter die Etyma der übrigen -rte-Stämme sein können.

Tatsächlich lassen sich keine Kriterien finden, aufgrund derer diese Etymologien als falsch oder zumindest ganz unwahrscheinlich zu bezeichnen wären.Im Falle der hier interessierenden drei germanischen Deutungen müssen aber einige Bedenken an- gemeldet werden. Zunächst ist bedenklich, daß keines der vermeintlichen germanis- chen Originale eine Stammklasse aufweist, die im Finnischen zu einem e-Stamm geführt hätte.

KOIVULEHTO glaubt, diese Schwierigkeit mit dem Hin- weis auf einige baltischen a-Stämme, die im Finnischen in die e-Klasse eingebaut wurden, und auf seine Etymologie von fi. palsi < *falþa- beseitigen zu können.

Nun ist die letzte Gleichung mit ziemlicher Sicherheit verfehlt, und bei den baltischen Lehnwörtern läßt sich ein Grund für die abweichende Stammklasse ausmachen, der bei den germanischen Wörtern nicht gegeben ist. Den Schlüssel für eine Erklärung liefert fi. virsi ‘Kirchenlied‚ Gesangbuchlied, Lied’, dessen baltisches Original ‘Wort’ bzw. ‘Name’ bedeutet: lit. vardas ‘Name’, lett. vārds ‘Wort; Vorname’, apr. wārds ‘Wort’ (KALIMA 1936, 180). Das ostseefinnische Wort meint also ‘(gesungene oder rezitierte) Worte’. Das baltische Original von fi. orsi ‘Sparren, Balken’ wird im Lettis- chen vorwiegend pluralisch verwendet,und pluralische Verwendung ist auch im Falle von reist’ ‘Schenkel’ markant:wot.redjeD ‘reidet; kärryn aisat’,süd-estn. adra-raied ‘Pflugstangen’, vgl. lit. rietai (Pl.) ‘Zochbaum am Pfluge’ (sie KALIMA l.c.).


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Die Übernahme geschah demnach vermutlich aus dem Plural; im Falle von virpi ‘Zweig, Reis, Gerte, Stange, Rebe’ (vgl. lit. virbas ‘id.’) ist häufige pluralische Verwendungsweise zumindest nicht auszuschließen.

Ein urbaltisches *ardai beispielsweise konnte aber - zumal urbaltisches *ai sogar in der Stammsilbe gelegentlich durch ostseefi. ei vertreten ist (s. KALIMA 1936, 73) - durchaus einen zugrunde liegenden urostseefinnischen obliquen Pluralstamm *ortei- liefern, wozu später das singularische orte- gebildet worden wäre. Dabei ist belanglos, ob sich der Typ sota/soti- ‘Krieg’ - der Plural- stamm dann analogisch fur *sosi- (s. SKRK §1; 23. C, S.39) - schon auf der Stufe sota/*sotei- (< sota/*sotai-) befand denn der Aufbau des Singularparadigmas wäre natürlich nach dem unmar-kierten Typ *lume/ *lumei- ‘Schnee’ erfolgt. Es ist auch denkbar daß das baltische Wort als *ortai- übernommen wurde und auf der Stufe *ortei- die Herausbildung des Singulars geschah.Da sich im Germanischen die pronominale Endung des Nom. Pl. bei den Nomina nicht durchgesetzt hat, ist der beschriebene Mechanismus hier nicht möglich. Die Annahme,daß die in Rede stehenden baltischen Wörter strukturell zu einer kleinen Gruppe von e-stämmigen Erbwörtern gehören,die auf ältere a- bzw. (ä- Stamme zurückgehen (orta- > *orte- wie *järvä > järve- ‘See’, s. hierzu SKRK I § 23. B, S.37), widerrat die große Menge isomorpher a- und ä-stämmiger baltischer Lehnwörter: harja ‘Bürste’ härmä ‘Tau, Reif´, karva ‘Haar’, kelta ‘gelb, luhta ‘Aue’, mäntä ‘Quirl’, silta ‘Brücke’, tarha ‘Garten’, tyhjä ‘leer’ u.a.

Was die einzelnen Etymologien betrifft, so stellen die Erklärungen KOIVULEHTOs erhebliche Ansprüche an die Vorstellungskraft des Rezipienten.Für fi. parsi ‘Riegen- stange eruiert KOIVULEHTO z.B. ein urgermanisches *barđa ‘Bart = parta, liettuan baržda’, das "offenbar ursprünglich identisch oder zumindest eng zusammengehörig mit *barda- ‘Rand’ (> fi. parras "id.") sei. Eine passende Bedeutung glaubt KOIVU- LEHTO im niederlandischen baard gefunden zu haben, das "bei Deichbau und Ufer- schutz ein aus mehreren Lagen Reisig bestehendes Gefüge’ bedeutet, wobei "unter Reisig hier gerade zähe Gerten oder dünne Stangen,vor allem aus Weide zu verste- hen" seien,"wie sie vor allem von Schneitel- und Kopfholzbäumen gewonnen werden" (l44) 98.


98. Was Schneitelbäume (oder Schneitelholzbäume?) und Kopfholz- bäume sind, wird nicht erklärt;das muß man als zünftiger Etymologe wohl parat haben.


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Zur Sachgeschichte führt KOIVULEHTO noch aus: "Diese Etymologie setzt voraus, daß die Anwendung des Wortes *barđa für Konstruktionen aus Reisig und Stangen- holz,wie sie etwa bei holländischen Uferbefestigungen vorkommen,schon sehr alt ist. Eine solche Annahme ist aber gut möglich, vorstellbar wäre,daß es erst in der neue- ren Deichbautechnik zur Bedeutungsentwicklung etwa ‘Bart’ > ‘Reisiggefüge’ gekom- men wäre, und man darf davon ausgehen,daß auch in diesem Bereich hier alte Vor- stellungen konserviert worden sind - wie oft in Sondersprachen". Da aber dt. Wasen ‘Reisigbündel‚ Faschine, zusammengebundenes Stangenholz’ und seine nordischen Kognaten im Niederländischen offenbar keine Entsprechung haben,wie KOIVULEH- TO bemerkt,ist es durchaus vorstellbar,daß das Niederländische geneuert hat,zumal diese Sprache für die in Rede stehende Sache noch eine ganze Reihe anderer Be- zeichnungen hat, wie aus den Wörtern ruwaerschouw, rijs-schouw, tuinschouw, ruitschouw und spijkschouw neben baardschouw erhellt, z.B. 1374 Rysscouwe ‘Schouw over het rijswerk aan een dijk’,1390 Ruyt-schouwe (ruware, ruwaer usw. ‘Rijshout, riet, stro, "ruige waar" of ruygte aan dijkwerken’, pakdijk ‘dijk, aan de buitenzijde gesteund door een berin of een soort van bekleedingsmuur van pakwerk, gemaakt van rijshout en riet,...’) - VERWIJS/VERDAM Bd.11. "Zur weiteren Begrün- dung" wird dann noch auf TRIER verwiesen, der von einer Bedeutung ‘junge Loden’ ausgeht und in der Bedeutung ‘Haarwuchs im Gesicht des Mannes’ "eine uralte Me- tapher" sieht. Diese müßte in der Tat "uralt" sein,denn auch die lateinische, baltische und slavische Kognate bedeuten ‘Bart’.

Geht man von der genauen Bedeutungsbeschreibung aus,die KOIVULEHTO für das in Rede stehende Wort liefert, liegt die wahrscheinliche Etymologie auf der Hand. KOIVULEHTO schreibt: "Mit parsi, parret werden also vor allem Stangen und Lat- ten bezeichnet, die eine Schicht, eine Stangenlage bilden und so als Unterlage die- nen, insbesondere als Unterlage für Getreidegarben oder Heu. Im weitaus größeren Sprachgebiet stößt man auf diese Bedeutung;lediglich im Osten (Wepsisch,Lüdisch) ist die allgemeinere Bedeutung ‘Balken’ alleinherrschend" (1979 b, 143).

Eine Unterlage ist gewissermaßen eine ‘Stütze’. Eben diese Bedeutung haben bal- tische Bildungen von der urindogermanischen Wurzel *sper-, zu der mhd. sparre ‘Stange, Balken’ und russ.noдnop(K)a ‘Stütze’ gehören: lit. sparas ‘Stütze, Strebe (balken), (dial.) spyris ‘Strebebalken’, spiris ‘Leinweberrute, (Leiter)sprosse’.



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Hierher gehören auch ´Unterstützung; Stütze’ und ablautend (dial) paspartìs Unter- stutzung, Stütze’, man vergleiche paspirà, paspiras und paspyris, paspyrys, sowie paspara, pasparas mit den. nämlichen Bedeutungen.

Die zugrunde liegenden Verben sind spirti ‘sich wider-setzen, (nieder-,an-) drücken: Refl ‘sich stützen’, paspirti ‘stützen’ (FRAENKEL, Lkžd.). Angesichts dieses Befun- des ist der Ansatz eines urbaltischen *spartis ‘Stutze, Balken, Sparren’ (vgl. o. -spartìs) als Original des finnischen parsi gerechtfärtig. Die Alternation Schwund- stufe/o-Vollstufe ist ein gängiges Muster in der baltischen Wortbildung,man vgl. nur das Etymon von fi: virsi, lit. vardas, lett. vārds gegenüber apr. wirds.

KATZ leitet parsi von einem urgermamschen sparrjon (>sperra ‘Dachsparren’ her, wobei er in dem s des finnischen wortes den germanischen Anlautkonsonanten sieht (Korpsion-Fall, s.o). Die Etymologie setzt voraus, daß das finnische Wort in die e- Klasse übergegangen ist,denn eine Form parsi sollte eigentlich als Lehnwort: einen Genitiv *parsin haben. Die Basis parsi müßte aus einem alteren parsia hervorgegangen sein (1990, 44).

§ 97. Bedenklich ist,daß sich die Lautentsprechungen, die die "neuen Entwicklungen in der germanisch-ostseefinnischen Lehnwortforforschung" Charakterisieren’ auf eine relativ kleine Anzahl von Gleichungen konzentrieren, dergestalt, daß sich in den neuen Funden häufig zwei oder mehrere der neuen Entsprechungsregeln manilfestieren.

So soll fi. hakea - got.sökjan nicht nur  ein Beispiel für die Entsprechung fi. a - "fruh- urgerm. sein, sondern auch für "frühurfi" - urgerm. *s- (und für die Vertretung einer urgermanishen Tenuis durch einfache ostseefin-nische Tenuis). Man könnte die Methode folgendermaßen beschreiben: Für die Etablierung der Vertetung fi. a für urgerm.  mittels fi. hakea braucht man weitere Beispiele für fi.h<kgerm.*s-.

Als solches gilt unter anderen fi. hauras, dial. hapras ‘spröde, morsch´, das zu an saurr ‘Schlamm, Kot’ gestellt wird ("frühurgerm." *sauras).

Dazu braucht man aber wieder Beispiele für die traditionell nicht beigebrachte Ent- sprechung urfi. *ap - urgerm. au:Hier muß auf fi.saura ‘Schober’ verwiesen werden, das ein germanisches stauras (an staurr ‘Stutz-‚ Zaunpfahl ) sein soll.



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Für die substitution  germ. st- durch urfi. *s- läßt sich wiederum fi. salpa ‘hölzerner Riegel, Schlagbaum‚ Kol- ben’ anführen ("frühurgerm." *stalpan-, vgl. den altnordis- chen Personennamen Stalpi und schwed. dial. stalpe ‘Pfahl’). Da hier eine germa-nische Tenuis nicht wie gewöhnlich mit der urfinnischen Geminate wiedergegeben ist, wäre man wieder bei fi.hakea. Nun könnte man zu bedenken geben, daß es sich ja zumeist um sehr frühe Entlehnungen handeln müßte und daß man eben die einen Entsprechungen nicht gefunden hat,weil man die anderen nicht kannte.Der Einwand wäre nicht von der Hand zu weisen, wenn man es in der Mehrzahl mit semantisch zwingenden Zusammenstel-lungen zu tun hätte. Dies ist jedoch durchaus nicht der Fall. Das Bedenkliche bei den neuen Ansichten ist aber nicht allein die Hypothese, sondern auch das Auswuchern der Beweismittel.

Die Zusammenstellung von fi. laiva ‘Schiff’ mit an.fley <*flauja ist ein im Hinblick auf Sachgeschichte und Phonotaktik des Urostseefinnischen akzeptabler Vorschlag. Bei den Bemühungen, weitere Evidenz für eine bei dieser Etymologie vorauszusetzende Metathese der Halbvokale zu liefern,bietet KOIVULEHTO mit seiner Erklärung der Wörter fi. raivo ‘Schädel’ und raivata ‘roden, ebnen’ Etymologien an, die er vermut- lich nicht zur Diskussion gestellt hätte,wenn die fragliche Metathese zu den gesicher- ten Phänomenen gehören würde. Bei HOFSTRA werden raivo und raivata beden- kenlos zu den unbezweifelbaren germanischen Elementen des Ostseefinnischen gerechnet (1985, 297 bzw. 345).

§ 98. KOIVULEHTO bemerkt - mit einer "gewissen Re- serve" (HOFSTRA 1985, S. 141) - bezüglich seines Materials für die Entsprechungsregel urgerm. ’ - frühurfi. : "Vielleicht treffen nicht sämtliche Zusammenstellungen genau das Richtige 99. (...) aber an der Lautentsprechung an sich glaube ich festhalten zu müssen: vernünf-tigerweise können nicht alle aufgeführten Fälle wegerklärt werden..."(s.HOFSTRA a.a.O.)

99. Daß eine Etymologie "vielleicht nicht genau das Richtige" trifft,ist an sich schon eine sehr eigentümliche Formulierung. Es geht doch hier nicht darum, ob das Etymon in dieser oder jener Stammklasse vorgelegen hat o.ä. Wenn KOIVULEHTO seine "Erklärungsvarianten" für die Bedeutungsentwicklung ‘Brett’>‘Kahn’ und ‘Schüssel’ mit den Worten kommentiert,"die Hauptsache jedoch, nämlich die germ. Herkunft von pursi, wird durch das Vorhandensein ver- schiedener Erklärungsmöglichkeiten nicht weniger wahrscheinlich, sondern eher das Gegenteil ist der Fall" (l979b, 148), so liegt hier die gleiche Auffassung zugrunde.



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KOIVULEHTOS Appell an die Vernunft des Rezipienten mag hier und da nicht seine Wirkung nicht verfehlen. An dieser Stelle läßt sich jedoch die Frage nicht vermeiden, was KOIVULEHTO so sicher macht, daß unter Dutzend seiner etymologischen Vor- schläge einige Treffer sein müssen, denn er deklariert nicht etwa bestimmte der be- treffenden deklarierungen als zwingend! Gegen KOIVULEHTO ist festzustellen, daß sehr wohl alle in Rede stehende Entsprechung ins Treffen geführten Beispiele falsch sein können: Daß nicht alle richtig sind, dafür spricht der etymologische Empirie. So zeigen die lateinischen Elemente in Germanischen, daß das Belegmaterial für eine bestimmte Entsprechung nur zu einem geringen Teil semantisch problematisch ist. Daß die Kritik möglicherweise in dem einen oder anderen Fall die Wahrheit "weger-klärt", ist nat¨rlich sehr gut möglich. Dann ist es ein unglückliges Zufall,dass im urost- seefinnischen gerade bei den weigen Fällen mit den in Rede  stehenden Substitution eine Bedeutungsverschiebung stattgefunden hat.

Aber einer Gleichung wie vähä wenig -  ahd, wāhi ´fein, zierlich, kunstvoll’ kann man beim besten Willen nicht den gleichen Status zubilligen wie fi. ´lammas‘ Schaf - ‘dt. Lamm’; die einzige in semantischer Hinsicht befriedigende Gleichung der oben erwähnten Gruppe, fi käydä, got. skewjan wandern‚ ist morphologisch bedenklich (urostseefi. *käve-!).

§ 99. Bei der Datierung beginnt KOIVULEHTO mit der Vermutung, daß von den Lehnwörtern "einige ... vesentlich älter sind gemeinhin angenommen" (l971c, 806). 1984 wird der Zeitpunkt mit 1500-500 13c."angegeben. In FROMMs Darstellung der KOIVULEHTOschen Konzeption wird bereits nur noch das Jahr 1000 angegeben (1986, 213). Diese Verschiebungen des frühesten Entlehnungspunktes beruhen nun aber nicht auf der Interpretation eines Materials, das sich aus Menge von Etymolo- gien rekrutiert, die sich zufallig,aus er vorurteilsfreien Beschäftigung mit der Herkunft bestimmter Lexeme und ihrer selbst willen ergeben haben, sondern es wurde der Wortvorrat offensichtlich gezielt auf mögliche Kandidaten fur bestimmte altertumliche Lautveränderungen sondiert. Daß bei einem solchen Vorgehen mit jedem vermeint-lichen neuen Zeugnis die Meßlatte für die Akzeptabilität einer Etymologie etwas heruntergesetzt wird, verwundert nicht.



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§ 100.Bei der Beurteilung der Beweiskraft der neuen Etymologien für die Geschichte des Ostseefinnischen und seiner Sprecher ist entsprechend der Polysemie des Wor- tes "Etymologie" zu verfahren. "Etymologie" wird einmal im Sinne von "Deutungsver- such" verwendet ("Die von XY vorgetragene Etymologie kann nicht akzeptiert wer- den" u.ä.)‚ zum anderen ist damit die tatsächliche Herkunft eines Lexems gemeint ("Dieses Wort hat keine Etymologie"). Die Güte einer Etymologie im erstgenannten Sinne des Wortes hängt - wenn die lautliche, morphologische, semantische, sachge-schichtliche und gegebenenfalls wortgeschichtliche Seite der Deutung hinreichend fundiert ist - noch von der Anzahl der Zusatzhypothesen ab. Es ist nicht zu bezwei- feln,daß das für die neuen Ansichten über die gerrnanisch-ostseefinnischen Kontak- te ins Treffen geführte Material in der Regel das Ergebnis angestrengten Etymologi- sierens ist.Die Frage ist,ob diesen Etymologien ein Sicherheitsgrad zukommt, der zu weitreichenden Folgerungen berechtigt.

Ein Beispiel einer mustergültigen Etymologie ist KOIVULEHTOs Darstellung der Ge- nese des finnischen Wortes für die Gerste, ohra, wobei eine Vermutung OJAAN- SUUs aufgegriffen wird. Der Ausgangspunkt ist eine phonotaktische Besonderheit. KOIVULEHTO stellt fest,daß von den vier finnischen Wörtern, die eine durch das Nebeneinander von fi.-hr- und (mundartlich) -tr- sowie weps. -zr- erwiesene urost-seefinnische Sequenz *-str- bzw. *-s'tr- aufweisen, zwei auf ein fremdes Original zurückgehen (fi. ihra ‘Speck’ < urn. *istra- < *instra- > an. istr‘ Fett’; fi. ahrain ‘Fischgabel’, dem russ. ocmpoBa (ostrova) zugrunde liegt, (s. KALIMA 81). Die Ar- beitshypothese, daß auch die anderen beiden Entlehnungen fremder Lexeme sind, die eine für das Urostseefinnische vermutlich nicht zulässige Konsonantenverbin- dung enthalten, führt über den onomasiologischen Befund, daß die Gerste häufig nach ihren spitzen Grannen benannt ist, zu einem baltischen Etymon *astra- ‘spitz’ (vgl. lit. aštrus, aštras ‘scharf’). Lautlich ist die Zusammenstellung einwandfrei; die Diskrepanz im Vokalismus wird durch eine hinreichend große Anzahl von Parallelfal- len unproblematisch. KOIVU- LEHTO verweist weiter darauf, "daß ohra als Name einer Kulturpflanze eine solche semantische Gruppe vertritt, in der Entlehnungen zahlreich sind" (1979, 69 f.).



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Dem Umstand, daß aber die Namen zweier anderer wichtiger Getreidearten dem Germanischen entlehnt sind (fi. ruis ‘Roggen’ und kaura ‘Hafer’), weiß KOIVULEH- TO mit dem Hinweis zu begegnen, daß die Gerste als Kulturpflanze älter als Roggen und Hafer sei.

Wenn man von dem Widerspruch absieht, der darin besteht, daß KOIVULEHTO es schon 1976 für möglich hielt,daß die germanisch-ostseefinnischen Beziehungen vor den baltisch-ostseefinnischen begonnen haben (vgl.HOFSTRA 368), handelt es sich hier um eine tadellose Etymologie, aber nicht unbedingt um die Etymologie. Die Zu- sammenstellung ist für Schlußfolgerungen irgendwel- cher Art unbrauchbar, solange sich kein urbaltisches *aštra- in der Bedeutung ‘Gerste’ zumindest indirekt - etwa in einem anderen Lexem verbaut oder als Be- zeichnung eines anderen Getreides - nachweisen läßt  100.

Es handelt sich hier um das nämliche Problem wie im Falle von raivo ‘Schädel’ vs. an. treya ‘Korb’ (vgl. § 47).

§ 101. Die für das "semantische Verhältnis" ‘Ose, Schlinge’ - ‘Zügel’ beigebrachte Parallele fi. lämsä ‘Lasso; Zugseil am Schlitten; Öse; Fangschlinge’, karel. lämššü ‘Lederschlinge im Pferdegeschirr, Schlinge, Öse am Stiefel’, lapp. law’če ‘Zügel, Lenkseil des Reintiers’ (KOIVULEHTO l986a,275; vgl. § 41) ist entbehrlich. Die Mög- lichkeit einer solchen Bedeutungsentwicklung würde von niemandem geleugnet.Daß aber im "Vorgermanischen" die Sippe von an.42s ‘Ose am Schuh’ auch tatsächlich die Bedeutung ‘Zügel’ hatte,wird durch die Parallele nicht im geringsten erhärtet.

HOFSTRA ist der Ansicht, daß die von KOIVULEHTO angeführten romanischen Reflexe von germanisch *falþa- dessen Zusammenstellung mit fi. palsi ‘harte Erd- schicht’, karel. palzi ‘Abhang’ "stütze" (1985,132): "Ital. falda bedeutet ‘Abhang’ und - u.a.in geologischem Sinne - ‘Schicht’ ..." hang ohne Relevanz ist,braucht wohl nicht näher erläutert zu werden.


100. Wenn OJAANSUU und KOIVULEHTO damit recht haben,daß fi. ohra ‘Gerste’ aus dem Baltischen stammt, ergibt sich eine völlige ‘Parallele zum Ungarischen,das sein Wort für ‘Gerste’ vor der Landnahme dem Türkischen (arpa) und die Namen fur ‘Roggen’ und ‘Hafer’ dem Slavischen (rozs bzw. zab) entlehnt hat.



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Dass ein geologischer Fachausdruck in diesem Zusam-menhang ohne Relevaz ist, brauch noch nicht näher erläutert zu werden.

Was die andere Bedeutung anlangt, so handelt es sich um eine ganz elementare Metapher; der Fuß eines Berges - dies ist die genaue Bedeutung des italienischen Wortes nach dem GRANDE DIZIONARIO; die Bedeu- tung ‘Abhang’ (ältere Litera- tur) kann sich hieraus natürlich leicht entwickelt haben - ist in der Tat die Stelle, wo das Gelände einen Knick bekommt, sich faltet. Hier wird schwerlich eine schon ger- manische Bedeutung bewahrt sein. Daß das Italienische - wie auch das Spanische - diese Bezeichnungsweise, die ja nachgerade eine Defi- nition von ‘Fuß des Berges’ darstellt, nun tatsächlich wählt, kann nicht als zusätzlicher Beweis für die Richtigkeit der Etymologie von palsi usw. herangezogen werden. Die romanischen Reflexe von germ. *falþa- sind für das ostseefimiische Problem völlig belanglos.

Mit dem Bestreben, eine vorausgesetzte Bedeutungsbeziehung durch analoge Ent- wicklungen in der närnlichen Sprache oder in anderen verwandten oder nichtver-wandten Sprachen zu belegen, steht KOIVULEHTO in der Tradition der finnougris- tischen etymologischen Forschung.Bei einer Konfrontation dieser Forschung mit an- deren vergleichbaren Disziplinen - insonderheit der Indogermanistik - fällt auf, daß in der Finnougristik das Augenmerk in ungleich stärkerem Maße auf die semantische Komponente einer Etymologie gerichtet wird. In der Indogermanistik scheint man auch bei erheblich abweichender Bedeutung von Explikandum und Etymon weniger Skrupel zu haben.

In der Finnougristik würde man eine Erklärung wie die folgende ohne eine Bedeu-tungsparallele kaum wagen. In den einschlägigen Kompendien findet man mit mehr oder weniger Bestimmtheit die Vermutung ausgesprochen,daß das urindogermanis- che Wort für den Vogel (h2ṷo- bzw. *h2ṷe-) zu dem Wort für ‘Ei’ in Beziehung ste- he. Nach den neuesten Erkenntnissen läßt sich diese Verknüpfung am ehesten als Hypostasierung eines präpositionalen Ausdrucks ‘das beim Vogel befindliche’ deu- ten (SCHINDLER1969,166 f.).Es stellt sich die Frage,wie die größere Reserviertheit der Finnougristen gegenüber ähnlichen Zusammenstellungen zu erklären ist. Man könnte vermuten, daß es an der dem Sprachtyp gemäßen Art des Rekonstruierens liegt.



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In der Finnougristik rekonstruiert man im günstigsten Fall - d.h.,wenn man auch über seine definitive Aussage machen uber den grundsprachlichen Vokalismus eine defi- nitive Aussage machen kann, Folgen von lautlichen segmenten, die die Sogenannte Stammform repräsentieren,an die die Kasussuffixe antreten. In der Indogermanistik  Idealfall eine Rekonstruktion im Prinzip erst dann abgeschlossen,wenn man bei Verb und Nomen auh die Akzent- und Ablautklasse‚d.h.das gesamte Paradigma,angegen kann. Hinzu kommt der Umstand, daß in vielen Fällen eine Beziehung zwischen Akzent / Ablaut und Stammklasse bzw. Bedeutung beteht.

So könnte mann z.B.der Zusammenstellung des  armenischen Wörtes für das Rad (aniw) mit dem indogermanischen Wort für die Nabe darauf Verweisen daß die vor- auszusetzende Bedeutungsbeziehung ´zur Nahe gehörig‘ formal in Ordnung ist, da die für Vȓddhi-Bildungen charakteristische Dehnstufe vorliegen würde: h3nebho-. Zusätzliche Evidenz bedeutete der Umstand, daß das armenische Wort in alter Zeit sowohl als o-Stamm als auch als i/a-Stamm, d.h. alter ā-Stamm flektiert was auf ursprünglichen adjektivischen Status weist.

Man verfügt hier mithin über eine ganze Reihe von Be- stimmungsstucken was die Wahrscheinlichkeit eines zufälligen Anklage verringert den Makel daß die Bildung außerhalb des Armenischen nicht belegbar ist, teiweise wettmacht. In der Finnoug- ristik, wo solche zusätzliche Indizien nicht zu Gebote stehen,ist man gezwungen, die semantische Seite einer Herleitung anderweitig untermauern. So führen die Rekon-struktion des finnisch-ugrischen bzw. uralischen Wörtes für die Ameise (fi. ´kusiai- nen’ ung. hangya usw.) und die des Wortes für ‘Harn’ (fi. kusi ung.hugy usw.) jeweils auf ein *kun´c´e. Hier kommt den onomasiologishen Parallelen nd. pismīre, md. sechamsņ besondere Bedeutung (TESZ nach Lywy FUF XIII 306) wobei die abwegige Reserviertheit gegen die Zusammenstellung in MSzSV (s.v. hangya) das sich auf abweichenden Vokalismus der permischen Vertretungen beruft‚ nichtsdes-toweniger aber völlig identische Grundformen rekonstruiert! - unberücksichtigt bleiben kann.

Der wert einer bedeutungsparallele wird in der Finno-ugristik aber oft übersätzt. Das führt einerseits dazu daß ganz elementare semantische Beziehungen sorgsam be- legt werden. Beispielsweise wird im Falle der Erklärung von ung. nép, für das in MSzSV die bedeutungen 1) Volk 2) Leute,Volk 3) (dial.) ‘Weib, Frau, Gattin, Gemah- lin’ angegeben werden, eine Entwicklung ´Frau´ + ‘Sohn´ -> Mensch -> ‘Volk, Leute’ angenommen, wobei man die letztgenannte Beziehung mit lit.žmonės (Plur.) ‘Mens- chen, Leute, Landbevölkerung’ - žmogus (Sing.) ‘Mensch, menschliches Wesen, Person, Mann’ "untermauert".



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Hier wird also linguistischen Rezipienten demonstriert, daß der Plural von ‘Mensch’ neben ‘Menschen’ auch das Kollektiv meinen kann, d.h. eine Erkenntnis, die Nestroy offenbar bei seinem Publikum voraussetzen konnte, als er den Kalauer So gibt's viel gute Mensch’n, aber grundschlechte Leut’ ("Frühere Verhältnisse" Szene 5, Lied 2) formulierte.

Andererseits hat die Konzeption, daß zu einer vollkommenen Etymologie unbedingt eine Bedeutungsparallele gehört, offensichtlich zu einer unreflektierten Suche nach Parallelen in der linguistischen Literatur geführt.Die jeweilige Bedeutungsgeschichte wird dabei völlig außer acht gelassen. In TESz wird eine etymologische Beziehung zwischen wog.(AL) märi ‘glauben,vertrauen’ und ung. mer ‘wagen’ erwogen und u. a. auf dt.(jemandem) trauen und sich trauen verwiesen.Im GRIMM liest man nun das folgende: "neben der bed. ‘hoffen’, die im Laufe des l7. jhs. abstirbt, meldet sich seit dem anfang des 16. jhs. die bed. ‘wagen’, der die zukunft gehört. sie entwickelt sich aus der schon im mhd. vorhandenen bedeutungsnuance des zuversichtlichen hof- fens, ..." (s.v. trauen). Wenn diese Angaben zutreffen, läßt sich mit den deutschen Verhältnissen aber nur eine Entwicklung von ‘trauen’ über ‘hoffen’ zu ‘wagen’ bele- gen. Die Verwendung der Parallele für die ugrischen Wörter impliziert mithin eine zusätzliche Hypothese zur Vorgeschichte des ungarischen Wortes; es müßte einmal auch in Kontexten gebraucht worden sein, in denen dem Wort die Bedeutungs- nuance ‘hoffen’ zukam. Diese Annahme ist nun gänzlich überflüssig. Die Entwicklung kann auch über das häufig in erklärenden Wörterbüchern für ‘wagen’ angeführte ‘glauben, etwas tun zu können’ gegangen sein.

Ähnliches ist auch der Indogermanistik nicht fremd. So hat BUGGE arm. stanam ‘er- werben’ mit lat. *stanäre in praestinäre ‘den Preis vorher feststellen, kaufen’ auf die urindogermanische Wurzel für ‘stehen’ zurückgeführt, wobei er unter Hinweis auf dt. erstehen eine Grundbedeutung ‘durch Stehen erwerben’ ansetzt (KZ 33, 26). KLIN- GENSCHMITT (1982, 112, Anm. 5) weist aber darauf hin, daß das deutsche Wort in der Rechtspflege ent- standen ist (‘durch Stehen vor Gericht erwerben’), womit es für das armenische Wort als Parallele entfällt - es sei denn, man versteigt sich dazu, das mittelhochdeutsche Gerichtswesen mit dem urarmenischen gleichzusetzen.



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Ein weiterer finnougristischer Fall ist die in UEW fur ung. mutatni angenommene Bedeutungsentwicklung ‘Verstehen (Wissen, kennen) lassen, erinnern, mahnen bei- gebrachte Parallele lat.monēre mahnen - mönsträre ‘zeigen’.Es gibt im Lateinischen aber kein Verbaformans -strā-; lat. mōnstrāre liegt mōnstrum (< *monist-rom) Mahfllölchen, Weisung der Götter durch ein widernatürliches Ereignis; Ungeheuer- zugrunde (LEUMANN S.313 und ä 412 A. l,S.546). Die Bildung auf -āre hat hier im Einklang mit der Funktion des zugrunde liegenden Substantivs instrumentative Be- deutung. Die lateimschen Verben belegen mithin nur einen Übergang von ‘mahnen’ zu ‘zeigen’ über ein Nomen instrumenti.

Wie trügerisch eine solche "Parallele‘ sein kann, zeigt auch sehr schön die Behand- lung des Lemmas orgona Flieder und Orgel in TESz. Hier werden die gelehrte Be- zeichnung lat. syringa (< griech. UUPlYE (surinx) ‘Pfeife; Flöte’) sowie engl. pipe- tree und dt. Pfeifenbaum,-strauch angeführt,mit dem Hinweis,daß neben der Blüten- form auch der Umstand die Benennungsgrundlage abgegeben haben könnte, daß das Holz des Flieders zur Herstellung von Pfeifen verwendet wurde. Nun ist aber, aus der Fachliteratur erhellt, das Holz des Flieders für diesen Zweck völlig ungeeig- net (MARZELL). Die genannten fremden Worter sind ur sprünglich Bezeichnungen für den Holunder. Mithin entfallen sie für die Benennung des Flieders mit dem Wort für Orgel(pfeife). Die Genese von ung. orgona ist anders zu beurteilen. Es muß von ung. orgovany (< skr.jorgövän oder bg.aproBan (argovan)< türk. erguvan ‘Judas-baum´) ausgegangen werden das unter dem Einfluß von dt. Pfeifenbaum in der Bedeutung ‘Flieder’ an orgona ‘Orgel’ angeglichen wurde.

Eine weitere Fehlinterpretation liegt bei ung. nyers 1. natürliche Feuchtigkeit enthal- tend (Pflanzen); feucht, schleimig; 2. ...3.‘ungekocht,ungebraten´ (Speise); 4. ‘unver-arbeitet, unbearbeitet´...5.‘unreif, grün’;6. ‘lebhaft, kräftig’ (TESz) vor.Es wird vermu- tet,dass die erstgenannte Bedeutung die Grundlage für die restlichen gebildelt habe. Als Parallelfall wird auf engl. raw roh, un- bearbeitet, unverheilt und ’feucht (von der Witterung)’ (< ae. hreaw ‘blutig, von Blut feucht) verwiesen.



218.


Nun ist in diesem Fall das Merkmal ‘feucht’ akzidentiell. Die Entwicklung hat im Eng- lischen nicht bei dieser Bedeutung eingesetzt, sondern das "nasse" Wetter ist im mil- den britannischen Klima das ‘unangenehme, rohe’ Wetter und besagt für die vorausgesetzte Entwicklung im Ungarischen überhaupt nichts.

Das im vorliegenden Zusammenhang gravierendste Beispiel liefert MSzFE (Mittei- lung von KATZ). Zur Ety- mologie von ung. mag 1. ‘Same’, 2. ‘Korn’, 3. ‘Fruchtkorn’, das mit syrj.V P mig ‘Schoß (am) Kleid; Leib (am Hemd), P miger ‘Wuchs, Rumpf’, wotj. K mugor ‘Körper, Wuchs’ zusammengestellt wird, solle man in semantischer Hinsicht lat. corpus ‘Körper, Leib’ - ‘Mark, Kern’ vergleichen, wobei auf WALDE ver- wiesen wird.Die erstaunliche Bedeutungsangabe bezieht sich auf eine idiomatische Verwendung des Wortes, deren deutsche Entsprechung das Wort ‘Kern’ enthält: ‘der Kern, das Wesen einer Sache’ (GEORGES).

Die Behandlung der semantischen Seite der Etymolo- gien durch KOIVULEHTO er- weckt den Eindruck, daß er den Bedeutungsparallelen über den Zweck der "Absi-cherung" - d.h. des "Nachweises", daß die angenomme- ne Bedeutungsentwicklung "möglich" ist“ 101 - hinaus einen Beweiswert zubilligt. Da eine Benennungsparallele vorliegt, komme schlechterdings kein anderes Etymon in Betracht, und daher müsse man gegebenenfalls die neue Lautentsprechungsregel akzeptieren. Die Zuversicht, daß der Nachweis anderer Benennungen nach dem gleichen Schema die Wahr- scheinlichkeit erhöht, daß in der zur Diskussion gestellten Etymologie die nämliche vorliegt - die in einigen Fällen sogar zum Ansatz von Lexemen in der vermeintlichen lehngebenden Sprache geführt hat (vgl. die Fälle raivo und ohra § 47 bzw. 100), erinnert an den Glauben, daß die Anzahl der bisher gezogenen Zahlen die Wahr- scheinlichkeit, daß in einer Ausspielung dieselben Zahlen gezogen werden, verrin- gere. Jeder Benennungsakt ist ebenso ein unabhängiger Vorgang, wie bei einer Zie- hung jede Zahl unabhängig von ihrer bisherigen Frequenz mit der nämlichen Wahr- scheinlichkeit auftreten kann. Würde die Häufigkeit eines Benennungsmotivs die Wahrscheinlichkeit bestimmen, mit der in einem konkreten Fall das nämliche Motiv angenommen werden kann, müßte umgekehrt eine auf einer weniger häufig bzw. überhaupt nicht anderweitig nachweissbaren Bedeutungsbeziehung bruhende Erklärung der a priori unsicherer sein.


101 Dies ist aber ohnehin kaum einmal strikt zu leugnen.


219


Man müsste z.B. an der Tatsache,dass der Dachs überaus häufich nach seiner wei- ßen Maske benannt ist (fr. der Dachs (fr. blaireaux, alb. balëdosë ‘Weißschwein’ usw.) der Identifizierung von fi. metsä in (dial.) metsäsika ´Dachs´ (sika ‘Schwein’, vgl, § 54) als ‘Wald’ eingeschränkte Wahrscheinlichkeit zubilligen müssen was eine groteske weiterung wäre 102.

Wenn man eine Ware Bedeutungsentwicklung durch Aufzeigung der einzelnen Pha- sen plausibel machen kann, ist sie Selbstverständlich zu akzeptieren. Kann es nicht, weist auch eine Parallele nichts, da sie auf Voraussetzungen linguistischer oder pragmatischer Naturberuhen kann, die in der anderen Sprache nicht unbedingt gegeben sein müssen.

Bei den Konkreta kann eine parallele natürlich einen Hinweis auf einen Sachzusam- menhang liefern. Eine sorgfältige Sachgeschichte hat aber auch dann Beweiskraft, wenn keine onomasiologische Parallele beigebracht werden kann. Als Universalien können nur die abstrakten Bedeutungs-beziehungen wie Metapher, "pars pro toto" usw. angesehen werden.

§ 102. Wenn fi. havas, gen. hapaan ‘Netzgewebe für Fischereigeräte’ eine Entleh- nung von urgerm. *häbaz < hēbaz (an hafr ‘Hamen; Fischreuse) sein soll muß es ja offenbar einmal die Bedeutung des germanischen Wörtes gehabt haben.'


102.Ein beredtes beispiel in diesem Zusammenhang KOIVULEHTOs Etymologie von fi.lahja ‘Geschenk´: germ. *lazja < (urfi. lašja). Er "beleuchtet die semanflsche Seite mit Hilfe von mhd. vergeben ’(ver)schen- ken”, vergebens ‘unnütz,vergeblich‘ und nhd. vergeblich" (HOFSTRA 1985,185). HOFSTRA muss die Be- deungsparallele für überzeugend halten, wenn POSTIs Deutung von  fi. lahja als "noch überzeugender" einstuft.

POSTI geht davon aus,daß die Entsprechungen des finnischen Wor- tes in anderen ostseefinnischen Spra- chen die speziellere Bedeutung „Brautgabe´ haben. Da diese Gaben häufig ausTextilien bestehen, führt POSTI das in Rede stehende Wort auf ein aus urgerm. blahjon entstandenes nordisches  blahja- (an. blæja ‘Laken, Bettuch’) zu- rück Ial (POSTI 1981 6 ff). POSTI kann keine Bedeutungsparallele für den Bedeutungswandel ´Linnen´ zu ‘Brautgeschenk’ beibringen.

Niehtsdestoweniger ist seine Etymologie evident da sie einen universell gültigen Typ von Bedeutungswan- del voraussetzt und sachgeschichtlich abgesichert ist. KOIVULEHTOs Erklärung hingegen erscheint trotz der semantischen "Beleuchtung" schlichtweg indiskutabel.



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Unter der nämlichen Vorausset zung ließe sich havas dann aber auch mit lit. žabas ‘Gerte, Rute’ in Verbindung bringen, wenn man berücksichtigt, daß die ältesten Reu- sen nach Ausweis von an. teinur (Plur.) ‘Reuse’ zu got. tains ‘Zweig’, tainjo’ ‘Korb’ offenbar aus Flechtwerk bestanden. Selbstverständlich ist hier der Zusammenstel- lung mit häfr wegen der besseren Bedeutungsübereinstimmung der Vorzug zu ge- ben. Bei HOFSTRA wird aber z.B. auch raivo, bei dem etwa die gleiche Distribution der Bedeutungen vorliegt wie bei der baltischen Herleitung von havas, als sichere Etymologie eingestuft (297).

Wenn keine in lautlicher Hinsicht ebenbürtige Herleitung mit größerer Bedeutungs-übereinstimmung vorliegt, rangiert offensichtlich eine mit einer semantischen Zusatzannahme belastete Etymologie als sichere Gleichung.

Wenn erklärbare Bedeutungsdiskrepanzen prinzipiell für den Akzeptabilitätsgrad kei- ne Rolle spielen, müßten sie aber auch dann als vernachlässigbar angesehen wer- den, wenn eine andere Etymologie mit einer engeren semantischen Übereinstim- mung vorhanden ist. Der Standpunkt, daß eine Gleichung so lange als sicher zu gel- ten hat, bis eine Etymologie beigebracht werden kann, die ohne Zusatzannahme auskommt, ist äußerst fragwürdig, Freilich spielt die Art der Bedeutungsbeziehung zwischen den für Beginn und Ausgang der Entwicklung angesetzten Bedeutungen eine Rolle; im vorliegenden Fall wird man aber schwerlich einen unterschiedlichen "Natürlichkeitsgrad" zwischen Bedeutungsbeziehungen der Art Rohr und Reuse,got. tains und an.teinur einerseits und lat. testa und fr. téte usw. andererseits annehmen dürfen.

§ 103. Die neuen Etymologien werden teilweise mit einer zumindest in der finnoug- ristischen Forschung unüblichen Bestimmtheit präsentiert (KOIVULEHTO 198lb, 187 f., Anm. 20): "Hat doch auch fi. otsa ‘Stirn’ germ. (vorgerm.) Lehnwort sein: < frühur- germ. *anþja- (bzw. vorgerm. *antjo-) >> ahd. endi,an. enni ‘Stirn’ (Vortrag vor der Kotikielen Seura am 13.10.1977)". Besonders befremdlich ist, daß der Anspruch auf bedingungslose Gültigkeit der Zusammenstellung angemeldet wird, obwohl die Etymologie noch gar nicht veröffentlicht war 103.


103. Im Falle von fi. otsa kommt im übrigen möglicherweise auch das Ungarische hinzu (GULYA in UEW 339 f.): agy ‘Gehirn, Mark’, älter auch ‘Schädel’ bzw. agyar ‘Hau-, Fangzahn’ mit permischen und obugrischen Entsprechungen (fugr. *on´c’a-re‚ s. UEW 340).



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Widersprechen muß man KOIVULEHTO auch, wenn er feststellt, daß laikka ‘Fleck-Splitter’ "kaum etwas anderes" sein könne als eine entlehnung eines germanischen *blaika- (in norw.dial.bleikja ‘blasser Lichtstreifen am Himmel,weißer Fleckauf einer, Klippe’) - 1981 21,Anm. 4. Norw. flika ‘abgeschlitztes Fleischstuck legt die Annahme nahe,daß dieses Wort und seine Verwandten an.flikki,ae.flicce,mnd.vlicke ‘Speck- seite’ (s. HOLTHAUSEN 1934b,108) auf ein Verb der Bedeutung ‘schneiden abtren- nen’ zurückgehen. Dieses Verb könnte (mit Vollstufe) in fi. leikata ‘schneiden’ (nach KOIVULEHTO urgerm. *blaikjan-‚Vgl.dt- bleichen) erhalten sein,und fi. laikka ware dann ursprünglich Abgeschnittenes, Abgespaltenes’ (s. mnd. vles ‘Fleisch´, an. ‘flís´ kleines [Holz-]Stück, Splitter’). Zur Herkunft von fi. -ei- in germanischen Lehnwörtern vgl. HOFSTRA 1985, S. 48f.

[HM: Kuurin/sääksmäen "pleikua" = näyttäytyä, esiintyä silmiinpistävästi, liettuan pliekti (pliekia) on yksi kandidaatti suomen balttilaisen, mutta uudella kaavalla taipuvan liekki-sana etymologiaksi.]

§ 104. Es wäre zu erwarten daß auch von den vertrauten finnisch-ugrischen Etymo-logien des Ostseefinnischen einige zugunsten einer Erklärung aus dem Germanis- chen aufzugeben sind. Neue germanische Etymolo- gien wurden aber in der Regel nur bei Ostseefinnischen Wörtern gesucht, für die die einschlägige Literatur keine si- chere finnisch-ugrische Etymologie angibt, oder wenn eine Zusammenstellung "von berufener Seite angezweifelt" (KOIVULEHTO 1977,21,132) wird.So dürfte es sich erklären,daß für fi.puna ‘Rote,Blut‚punainen ´rot‘ keine Zusammenstellung mit got. fōn ‘Feuer’ riskiert wurde zu dem die obliquen  Kasus von einer schwundstufigen Basis gebildet sind (Gen. funins).

SCHULZE hat für das Urgermanische ein Adjektiv feuerfarben angenommen (116): Von einem *fanija- mit dieser Bedeutung leitet er got. fani ‘Sumpf’ u.a. her. Ein ger- manisches *fun- könnte im Ostseefinnischen durchaus‘ ein puna ergeben haben. Als finnisch-ugrische Kognaten puna,estn.puna ‘Röte’ usw.werden mordw. pona ´Haar, Wolle´‚ tscher. U pun ‘Haar (von Tieren), feines Haar (am Menschenkorper), Flaum (fedem), Daunen’, ostj. V pun ‘Haan Feder’, wog.P pun Feder, Haar, ung. fan, fon (dial.) ‘Dickicht’ (altung) angegeben (UEW 402).

UEW vermerkt: "In den ostseefinnischen Sprachen kann ein Bedeutungswandel ‘Haar, Wolle’ —> ‘rotes Haar, rothaarig’ —> ‘rot, Rote; Blut eingetreten sein" (l.c.).


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Dieser Bedeutungswandel muß vielmehr erfolgt sein, wenn die Zusammenstellung richtig sein soll, woran in UEW nicht gezweifelt wird. Die genaue Bedeutungssphäre von fi. puna ist nach SKES ‘Röte (z.B. der Wangen), auch ‘Morgenröte’‚ ‘Blut (eines geschlachteten Tieres)’. Die letztgenannte Bedeutung kann dialektal auch die Ablei- tung punainen (Gemeinsprache: ‘rot’) neben ‘Röteln’ haben. Weitere Ableitungen werden als Namen rotfarbener Haustiere verwendet. Verwendungen, die speziell auf eine ursprüngliche Bedeutung ‘feuerrot’ weisen würden, sind nicht auszumachen, so daß von hier aus die Möglichkeit einer germanischen Herkunft nicht untermauert werden kann. Wie man aber angesichts einer komplementären Verteilung der Be- deutungen ‘Röte’ und ‘Haar’ auf das Ostseefinnische und die verwandten Sprachen die herkömmliche Zusam-menstellung als sicher ansehen kann, ist rätselhaft.

Daran ändert nichts, daß z.B.fi. karva ‘Haar’ in der älteren Sprache ‘Farbe’ bedeu- ten konnte (s. RAPOLA 92) und eine Beziehung ‘Haar’ - ‘Farbe’ auch in estn. karv ‘Haar; Farbe, Aussehen’, liv. kōra ‘Haar des Viehs; Farbe’ (s. KALIMA 1936 s.v. karva) zu beobachten istw".

§ 105. KOIVULEHTO geht im Falle von fi.joukko ‘Gruppe, Schar’ überhaupt nicht auf die alte (s. die Literaturangaben im UEW) Zusammenstellung der ostseefinnis- chen und permischen Sippe mit ung.gyakor ‘häufig,dicht’ ein.Im UEW wird die Etymologie als sicher angesehen.

In der Tat gibt es weder semantische noch lautgeschichtliche Schwierigkeiten. Ein grundsprachliches *joukk3 hätte ungarisch gyak- ergeben können (vgl. zum Anlaut fi. jalka ‘Fuß’ - ung.gyalog ‘zu Fuß’, zum Stammauslaut syrj. ček ‘dicht’ - ung. sok ‘viel’)‚ und r ist ein gebräuchliches Formans.Zur Monophthongierung im Ungarischen vgl. fi. löyly ‘Dunst’, ung. lélek, Akk. lelket ‘Seele, Geist’. Zumindest zu diesem Zeit- punkt wäre ugrisches Vorkommen eines Wortes aber noch als zwingendes Argu- ment gegen germanische Herkunft anerkannt worden. Es könnte sich allerdings bei dem Wort um eine schon urarische Entlehnung ins Finnisch-Ugrische handeln.


104. Man kann sich vorstellen,mit welcher Vehemenz die germanis- che bzw. "vorgermanische" Herkunft von fi. puna vertreten worden wäre, wenn die "Berufenen" (s.o.) nicht eine sichere finnisch-ugrische Etymologie vertreten würden!


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$ 106.Sehr befremdlich ist,daß KOIVULEHTO hinsichtlich seiner Hypothese von den germanischen Entlehnungen ins Wolgafinnische seinen potentiellen Rezipienten so- zusagen prophylaktisch einen circulus vitiosus unterstellt: "Wenn man hier noch von Zufall spricht, bewegt man sich dann nicht im Kreise?; man denkt etwa: im Wolgafin- nischen sind keine germ. Lehnwörter nachgewiesen stimmungen auf Zufall beruhen" (1972, 626,Anm.1). Niemand wird KOIVULEHTOs Zusammenstellungen deswegen ablehnen,‘ weil vor ihm nichts dergleichen nachgewiesen wurde.Tatsache ist,daß die Herleitungen mit der Empirie der Rezipienten in Konflikt geraten.Diesbezüglich kom- men auch HOFSTRA Zweifel (1985, 401). Lehnbeziehungen beginnen nun einmal nicht mit ‘Rinne’, ‘aushalten’, ‘Schlamm’ und ‘Stirn’.

Man vergleiche hiermit die baltischen Elemente des Wolgafinnischen (KALIMA 1936 191): Handwerk: mordw. (k)šna, tscher. šaštə ‘Riemen, Leder’, mordw. l´en´g´e lin- den- bast’, tscher.pört ‘Stube’,mordw. p´ejel´ ‘Messer’; Maße:mordw. k’irda, tscher. kerdə ‘Mal, Zeit’, mordw. t’oža,tscher.tüžem ‘tausend’;Gesellschaft:mordw.s´im´en´ ‘Stamm, Geschlecht’, mordw. t’äxt’ir’ M s´tir’ ‘Tochter, Mädchen’. Die vermuteten germanischen Elemente haben die Bedeutungen ‘Tod’, ‘Rinne’, ‘leiden’: ‘Schlamm’, ‘Stirn’, ‘Körper’, ‘Falle’ und kleines Netz. Nur zwei - bzw. drei,wenn man ‘Rinne’ einbezieht - betreffen demnach die Technologie.

HOFSTRA konstatiert, daß der Anteil an den als germanisch angesehenen Elemen- ten im Mordwinischen und Tscheremissischen ungefähr gleich ist,während im Falle der baltischen Lehnwörter der Anteil der mordwinischen überwiegt. Da bei Erbwör- tern die mordwinisch-ostsee-finnischen Gleichungen die Mehrzahl ausmachen, ist letzteres erwartungsgemäß und müßte auch für die germanischen Elemente der ge- meinsamen Grundsprache von Ostseefinnisch-Lappisch‘ und Wolgafinnisch gelten. Die von HOFSTRA beobachtete Distribution spricht entschieden gegen KOIVULEHTOs Ansichten.



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Zusammenfassung


§ 107. In der Untersuchung wird dargelegt, welche Aussagen über Alter, Umfang und Schauplatz der germanisch-ostseefinnischen Sprachkontakte beim derzeitigen Stand der Kenntnisse möglich sind: Vor dem Auftreten der ersten germanischen Ru- neninschriften beginnen die Ostseefinnen aus dem Germanischen zu entlehnen. Ob und wie weit der Beginn der Lehnkontakte vor der Zeitenwende anzusiedeln ist, läßt sich nicht ausmachen. Germanische Entlehnungen in das "Frühurfinnische", d.h. in der Zeit vor der Auflösung der ostseefinnisch-lappischen Spracheinheit, sind bisher nicht zwingend nachgewiesen worden. Sie hätten aber ohnehin keinen Wert für die absolute Chronologie der Kontakte, da für die Datierung des Endes der ostseefin-nisch-lappischen Periode nur eine naturgemäß vage archäologische Argumentation zu Gebote steht. Schlüsse auf soziale Aspekte der Symbiose lassen sich aus dem Lehngut ebensowenig ziehen, wie es eine genauere Bestimmung des im Ostsee- raum anzusiedelnden Kontaktgebietes erlaubt. Die traditionelle Auffassung, daß der Beginn der baltisch-ostseefinnischen Lehnkontakte vor dem der germanisch-ostsee- finnischen liegt, hat von einer neuen Richtung der finnischen Lehnwortforschung nicht widerlegt werden können. Der Charakter des baltischen Lehngutes im Ostseefinnischen scheint die bisherige Ansicht zu stützen.

Der mit der neuen Datierung des Beginns der germa-nisch-ostseefinnischen Bezie-hungen im Zusammenhang stehende Versuch, germanische Elemente im Wolgafin- nischen (Mordwinischen, Tscheremissischen) nachzuweisen, muß ebenfalls als ge- scheitert betrachtet werden. Die etymologische Methode, mit der diese und anderem spektakuläre Ergebnisse auf dem Gebiet ostseefinnischen Lehnwortkunde erzielt worden sind, erweckt starke Bedenken.

105. Hier kann auch die uralische "Evidenz" für die urindogermanischen Laryngale genannt werden.



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Die Kritik richtet sich in erster Linie gegen das Verfahren, anhand einiger weniger in semantischer Hinsicht fragwürdiger Gleichungen neue Lautentsprechungsregeln aufzustellen, die dann für die Etablierung weiterer Entsprechungsregeln in anderen Etymologien als gesichert vorausgesetzt werden, und gegen die Überschätzung des Beweiswertes der aus anderen Sprachen herangezogenen onomasiologischen Pa- rallelen. Vielfach können zu den Schlüsseletymologien der neuen Konzeption Alter-nativerklärungen angeboten werden, für die ein mindestens ebenso hoher Wahr- scheinlichkeitsgrad beansprucht werden kann; einige der in der Arbeit vorgeschlage- nen neuen Etymologien, z.B. die Deutungen der vermeintlichen germanischen Lehn- wörter kalja ‘glatt; Glatteis’, runko ‘Baumstamm;Körper’,parsi ‘Sparren’ u.a. aus dem Baltischen oder die Herleitung des Wortes pohja ‘Boden’ aus einem anderen germa-nischen Original erscheinen wesentlich plausibler als die Erklärungen der neuen Richtung.

Das nämliche gilt im Falle einiger im Verlaufe der Dis- kussion vorgelegter Etymolo- gien finnischer Wörter,für die bisher kein germanisches Original vorlag (z.B. runsas ‘reichlich ’‚ valmis ‘fertig’, vanha ‘alt’).

Die Aussagekraft des Ostseefimiischen für die Geschichte des Urgermanischen ist als äußerst gering zu veranschlagen; insbesondere gibt es entgegen einer kürzlich geäußerten Ansicht keine ostseefinnische Evidenz dafür,daß der Wandel urgerm. > nordwestgerm.ā früher stattgefunden hat,als in den germanistischen Handbüchern angegeben wird. Hingegen verspricht eine Untersuchung der dem Ostseefinnischen‚ dem Baltischen, Slavischen und Romanischen gemeinsamen germanischen Etyma, die in der Untersuchung für den Versuch einer Klärung des sachgeschichtlichen Hin- tergrundes der Entlehnung ins Ostseefinnische in Angriff genommen wurde, Aufschlüsse über die materielle, soziale und geistige Kultur der Germanen.