Saksan johtava fennouristi, ihka oikea germaani siis! tyrmäsi Jorma Koivulehdon pan-germanistisen kielitieteen hölynpölyksi jo 1993!

V. 2011 edesmennyt Saksan johtava fennougristi Ralf-Peter Ritter piti HY:n "suomen kielen arkkimuinaisia germaanilainoja pronssikaudelta", ajalta ylipäätään ennen ajan-laskun alkua, väärin metodein pseudotutkittuna huijauksena. Kustantajan tulkinta kirjan takakannesta:

https://www.amazon.de/germanischen-Entlehnungen-Ostseefinnischen-Fenno-Ugrica-Gottingensia/dp/3631457278

" In der Untersuchung wird dargelegt, welche Aussagen über Alter, Umfang und Schauplatz der germanisch-ostseefinnischen Sprachkontakte beim derzeitigen Stand der Kenntnisse möglich sind: Vor dem Auftreten der ersten germanischen Ru- neninschriften beginnen die Ostseefinnen aus dem Germanischen zu entlehnen. Ob der Beginn der Lehnbeziehungen vor der Zeitwende (und gegebenenfalls, wie lange davor) anzusiedeln ist, läßt sich nicht feststellen. Germanische Entlehnungen in das «Frühurfinnische» (d.h. Ostseefinnisch-Lappische) sind bisher nicht zwingend nach- gewiesen worden. Die traditionelle Auffassung, daß der Beginn der baltisch-ostsee-finnischen Lehnkontakte vor dem der germanisch-ostseefinnischen liegt, ist jedenfalls nicht zu widerlegen.

Die etymologische Methode, mit der gegenteilige Ergebnisse erzielt wurden, hält einer kritischen Prüfung nicht stand. "

Tutkimuksia itämerensuomen vanhimmista germaanilainoista (1.3.1993)

" Tutkimuksessa esitetään,mitä on mahdollista sanoa germaanis-itämerensuomalais- ten kielikontaktien iästä, laajuudesta ja esiintymisalueista tämänhetkisen tietämyksen vallitessa:Ennen ensimmäisten germaanisten riimukirkjoitusten ilmaantumista (n.100 j.a.a.) alkoivat itämerensuomalaiset lainata sanastoa germaanikielistä.Voidaanko lai- nayhteyksien alku vetää ajanlaskuun alkuun asti (ja kuinka kauaksi siitä taaksepäin), ei ole varmistettavissa. Germaanisia lainauksia "varhaismuinaissuomessa" (itämerensuomi-lapissa) ei ole tähän mennessä pitävästi todistettu.

Perinteinen käsitys, että balttilais-suomalaisten lainakontaktien alku sijoittuu ennen germaanis-itämerensuomalaisia, ei ole mitenkään kumottavissa.

Se etymologinen metodi, jolla päinvastaisia tuloksia on saatu, ei kestä kriittistä tarkastelua. "

http://www2.filg.uj.edu.pl/ifo/kjasis/~nemeth.michal/store/pub/nemeth_m-in_memoriam_Ralf-Peter_Ritter.pdf

(Kommenttien toinen osa täällä)

http://hameemmias.vuodatus.net/lue/2015/12/suomalaisten-ja-germaanisten-kielten-varhaisimmista-lainakosketuksista-ajalaskun-alun-aikaan-2

(Olen poistanut kirjan liettuankielisistä sanoista paino-merkit (à, á, ã) koska liettuaa osaamattomat sekoittavat ne foneettisiin äännemerkkeihin, käsittävät nuo eri ään- teiksi, mitä ne eivät ole. Loput "ylimääräiset" merkit ovat äännemerkkejä.

Olenkäyttänyt balttilaista lainasanoista punaista väriä, missä on ollut tarpeen, ja missä puhutaan gootista, olen käyttänyt sinistä väriä.



Ralf-Peter Ritter

Studien zu den ältesten germanischen Entlehnungen im Ostseefinnisehen


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Vorwort

In der vorliegenden Untersuchung wird dargelegt, welche Aussagen über Alter, Um- fang und Schauplatz der germanisch-ostseefinnischen Sprachkontakte beim den zeitigen Stand der Kenntnisse möglich sind. Der Arbeit sind auf verschiedenen Stu- fen ihrer Fertigstellung Ergänzungen und Berichtigungen folgender Kollegen zugute gekommen: Helmut Fischer, Jost Gippert, János Gulya, Adelheid Hafnerl, Hart- mut Katz, Thomas Krisch, Rosemarie Lühr, F. Javier Martinez Garcia, Tatjana und Johannes Reinhart, Hans-Jürgen Sasse, Christiane Schaefer. F. Javier Martinez Garcia gebührt Dank für Hilfe bei der Erstellung der Druckvorlage, Ilse Tröster für das Lesen des Korrekturausdrucks.


Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1

Inhalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  . . . . . . 3

Abkürzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  . . . . . 5

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . . .9

Die neue Konzeption . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21

Die Chronologie der Kontakte . . . . . . . . . . . . . . . . . . .29

Das Germanische als "Prestigesprache" . . . . . . . . . . 57

Germanische vs. ostseefinnische Kulturstufe . . . . .  . 67

Lautlehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .71

*ti > *si . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  . . . . . .71

"(früh)nrgerrn."  *s -> "(früh)urfi." (> h) . . . . . . . . . .93

ostseefi. *o für urgerrn. *a . . . . . . . . . . . . . . . . . .  . . 103

urgerm. *ē > nwgerm. ā . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108

Phonotaktik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  . . . 116

Zur Beweiskraft des Finnischen . . . . . . . . . . . . . .  . .141

Der Schauplatz der gerrnanisch-ostseefinnischen . .151 Kontakte

Westgerrnanische Elemente im . . . . . . . . . . . . . . . . 159 Urostseefinnischen?


4. Studien zu den ältesten germanischen Lehnwörtern im Ostseefinnnischen

Gemeinsame germanische Elemente des Ostseefinnis- chen, Slavischen, Baltischen und Romanischen . . . 173
Sachgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .193
Zur semantischen Gruppierung der Entlehnungen . .203
Methodisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .225
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .227
Indizes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .249

s. 5.

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s. 6

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s. 7

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s. 9


Einleitung

§ 1. Aus der Menge der in der langen Geschichte der Erforschung des ostseefin-nisch-germanischen Sprachkontaktes geleisteten Beiträge ragen drei heraus. Bei dem ersten handelt es sich um die Dissertation THOMSENs (1869),der mit der Sich- tung des bis dahin vorhandenen Materials die Grundlage für eine solide wissen- schaftliche Behandlung des Themas schuf. POSTI hat 1953 versucht, den durch die Entlehnungen erwiesenen engen Kontakt zwischen Germanen und Ostseefinnen in Form einer ausgebauten Theorie für die Geschichte des Urostseefinnischen nutzbar zu machen.

Mit einem intensiven, planmäßigen Etymologisieren und der konsequenten Berück-sichtigung der Phonotaktik als Mittel zur Findung neuen Lehngutes hat schließlich KOIVULEHTO zu Beginn der siebziger Jahre der nach KARSTEN einset nur durch einsetzenden POSTIs Arbeit unterbrochenen - eher "kontemplativen" Phase der germanisch-ostseefinnischen Lehnwortforschung ein Ende gesetzt.

Die Hervorhebung der beiden erstgenannten Arbeiten als Marksteine in der Ge- schichte der germanisch-ost-seefinnischen Lehnwortforschung steht im Widerspruch zu einigen Beurteilungen dieser Werke durch die Fachwelt. So erwähnt KYLSTRA, daß nach NORDLING "von einer Überschätzung Thomsens" durch die Rezipienten gesprochen werden könne (1961,175). Die Zurückhaltung gründet sich im wesentli- chen auf den Umstand, daß THOMSEN die Leistung des Johan IHRE, eines schwe-dischen Gelehrten aus dem 18. Jahrhundert, nicht gebührend berücksichtigt habe. IHRE, "der größte Materialsammler vor Thomsen",sei "nicht durch den Umfang, son- dern durch die Behandlung des Materials" als "Bahnbrecher auf dem Gebiete der Lehnwortforschung" anzusehen (23).


s. 10


KYLSTRAs Darstellung der Verfahrensweise IHREs (17 ff.) gibt indessen nicht den geringsten Anlaß,an der oben gegebenen Wertung des Werkes Abstriche vorzuneh- men, da es, wie KYLSTRA an anderer Stelle hervorhebt,belanglos ist,wieviel der bei THOMSEN 10 Studien zu den ältesten germanischen Lehnwörtern im Ostseefinnis- chen verzeichneten Gleichungen von ihm selbst stammenund da "man seine Disser- tation den Anfang der eigentlichen Lehnwortforschung nennen" könnte, "auch wenn er keine einzige Gleichung selbst gefunden hätte" (56). KYLSTRA stellt fest:

"Die Kritik berührt weder Beweisführung noch Ergebnis, sondern nur die Einleitung und auch diese nur zum Teil. Sie betrifft nur die kurze Übersicht über die früheren Arbeiten, schon dadurch,daß THOMSEN "im einzelnen die formen entwickelt und zu begründen versucht" hat, "in denen die lehnwörter aus den germanischen sprachen in den finnisch-lappischen erscheinen" (115),hebt er sich von seinen Vorgängern ab. Das Urteil muß noch günstiger ausfallen, wenn berücksichtigt wird, daß THOMSEN bei angeblichen (vgl. 5. 6) Fehleinschätzungen oft sehr vorsichtig formuliert. KYLST- RAs Angabe,daß in fi. rengas ‘Ring’ "nach ihm hervorgegangen" sei (58), entspricht in der deutschen Fassung ein "bisweilen ist e wol (!) aus i hervorgegangen, wie vermuthlich (l) in rengas" (55).

Es sei ferner an die anläßlich der Behandlung der Wie- dergabe der germanischen -ja-Stämme im Ostseefin-nischen geäußerte Vermütung THOMSENS bezüglich des Unterschieds ja:ia im Ausgang finnischer Wörter erinnert, "dass derselbe im germa-nischen einmal ein ähnlicher gewesen sei,wie im finnischen, nämlich dass der Stam- mauslaut nur nach einer kurzen wurzelsilbe -ja- war,sonst aber ia", die in nuce be- reits das SIEVERSsche Gesetz beinhaltet. Die Formulierung des SIEVERschen Ge- setzes erfolgte 1879 in PBB 5 (129 ff.).Die 1870 erschienene deutsche Übersetzung des THOMSENschen Werkes stammt aus der Feder von SIEVERS. 1.

Damit soll aber nichts gegen die Leistung IHRES gesagt sein. Die älteren Forscher dürfen nicht unterschätzt werden. KYLSTRA konstatiert,daß Jacob GRIMM für die ostseefinnisch-germanischen Lehnbeziehungen "nichts Entscheidendes und nichts Neues" beigebracht (32) und "die Lehnwortforschung nicht gefördert" habe (35).


1. Hier liegt ein ähnlich erstaunlicher Fall einer Vorwegnahme indo-germanistischer Erkenntnis durch die Finno-ugristik vor wie bei ANDERSON, dessen "glaube an die ursprünglichkeit des altind. a gegenüber europ. e und o" schon vor "den arbeiten von Collitz, Brugmann und namentlich Johannes Schmidt" - wie er freilich erst 1893 versichert - "längst erschüttert" war (1).


s. 11


Das liegt aber zu einem Teil an den Rezipienten. Die von GRIMM (s. KYLSTRA 34) vermütete finnische Herkunft von an. refr Fuchs’ (fi. repo; das Wort gilt als einhei- misch, s.SKES) findet sich ein Jahrhundert später bei BERGSLAND wieder. Die Ab- hängigkeit einer solchen Beurteilung vom jeweiligen Forschungsstand unterstreicht auch die in KOIVULEHTOS Ausführungen zur SIEVERsschen Regel relevante Zu- sammenstellung von fi. maltsa mit dt. Melde usw., die sich schon 1881 bei DIEFEN- BACH findet. Die von T. ITKONEN 1980 vorgelegte Deutung von fi. makeasüß’ als Entlehnung des urgermanischen Vorläufers des deutschen schmecken hätte bereits im Jahre 1860 erfolgen können, wenn sich WEDGWOOD nicht auf "imitation" mit "dropping of the s" kapriziert hätte. 2.

2.Es fragt sich übrigens auch,ob KYLSTRA mit seiner Behauptung,daß GRIMMs Außerungen zur Frage der un- verwandtschaft zwischen dem Indogermanischen und dem Finnisch-Lappischen widersprüchlich seien, recht hat. Es fällt auf, aß sich die von KYLSTRA der Feststellung GRIMMs,"andere bewandtnis hat es aber um urver- wandte, weder aus deutsche dem deutschen ins finnische, noch aus dem finnischen ins deutsche gekommene Worter, z.B...finn. mato wermis, goth matha, ahd. mado; ..finn. hanhi..., skr. hansa, lat. anser, ahd. kans, altn gaas, (KYLSTRA 34) gegenübergestellten Belege aus GRIMMs Schriften sämtlich auf die Urverwandt-schaft von Sprachen beziehen (33). Diese ist aber für Grimrn offenbar eine graduelle. So stellt er in seiner Ge- schichte der deutschen Sprache fest: "viel entlegner und eigentlich unverwndt sind die Finnischen sprachen" (1880 175). Entscheidend für die Vergabe des Merkmals "unverwandt" scheint für ihn in erster Linie "die innere structur" zu sein, die im Falle des Finnischen und Lappischen von der des Indogermanischen "bedeutend abweicht" (6).

Es mag sein, daß es für GRIMM in eigentlich unverwandten" Sprachen durchaus "urverwandte" Wörter geben kann. Am Schluß seiner Akadernierede "Uber den ‘Ursprung der Sprache" (1851) läßt er es offen, "in wie fern mit der...indogermanischen sprache die andern zungen der erde aus ein und derselben quelle dürfen abgeleitet werden" und nennt insonderheit das Finnische uber das er "verschiedentlich nachgedacht" habe (1986, 2003).


12.


Ebenso kann die Leistung KARSTENs, dessen Bearbeitung auch die jüngeren Ent- lehnungen umfaßt, nicht hoch genug eingestuft werden. Die Darstellung von KARS- TENs Rolle in der germanisch-finnischen Lehnwortforschung bei KYLSTRA kon- zentriert sich in ungerechtfertigter Weise auf seine "Theorie von den Lehnwörtern mit unverschobenem, bzw. nicht ganz verschobenem Konsonantismus" (176), dem ein ganzes Kapitel gewidmet ist, fast ein Drittel des ganzen Forschungsberichtes (107 - 160). 3.


3. "Das seiltänzerische Manövrieren Karstens,dessen ständig modifizierte Ansichten Forscher wie Hirt und Streitberg kritiklos annahmen" (KYLSTRA 170),bezieht sich auf einen Aspekt,der zu einem Zentralproblem der germanisch-finnischen Lehnwortforschung aufgebauscht wurde. Für die Germanistik hätte - jedenfalls in der von KYLSTRA dargestellten Periode - eine Lösung im Sinne KARSTENs keinen entscheidenden Fort- schritt bedeutet. Die Lautverschiebung bedurfte keines Beweises, und auch für die Chronologie wäre nichts gewonnen gewesen, da der Beginn der Lehnbeziehungen nicht zu bestimmen war. Für die Fennistik wäre der Beweis der KARSTENschen Theorie unter Verwendung des von der Germanistik eruierbaren terminus ante quem von relativ geringer Bedeutung,da sich der Zeitpunkt selbst gegenüber der "Auffassung Öhmanns und Fromms von der gotischen Provenienz der ältesten Schicht" (KYLSTRA 177) nur unwesentlich verschieben würde.


POSTIs Erklärung der Genese des ostseefinnischen Stufenwechsels durch das VERNERsche Gesetz wiederum wird u.a. von FROMM und KYLSTRA abgelehnt. KYLSTRA läßt sich aber immerhin von FROMMs Kritik an der Möglichkeit einer Umgestaltung des ostseefinnischen Phonemsystems durch das Germanische nicht überzeugen (1961, 176).

Die von POSTI gemachte Beobachtung, daß das urostseefinnische Konsonanten- system und die Menge der zulässigen Konsonantenverbindungen genau die Schnitt- menge der Menge der Konsonanten und Konsonantenverbindungen des Urfinnisch-ugrischen, Urbaltischen und urgermanischen repräsentiert, nötigt förmlich zu der Hy- pothese, daß Baltisch und Germanisch für die Genese des urostseefinnischen Kon- sonantenvorrats verantwortlich seien. Dagegen ist vorgebracht worden 4., daß Sprachkontakte gewöhnlich nicht so tiefgreifende Veränderungen hervorrufen (vgl. LAANEST 2.2.1.18).

Es handele sich sonst in der Regel nur um Umgestaltungen, Erweiterungen durch neue Korrelationen u.a.; Eliminierung von Phonemen sei hingegen selten zu beob- achten. Eine ausgesprochene Verstümmelung, wie sie im Falle des Urostseefinnis- chen vorliegt, scheint noch nicht beobachtet worden zu sein. An Fällen von Erweite- rungen können etwa die Herausbildung einer Palatalitätskorrelation im Rumänischen (PETROVICI) und im Wepsischen durch den Kontakt mit dem Altbulgarischen bzw. dem Nordgroßrussischen genannt werden.

4.FROMMs Hauptargument,die Existenz eines "Nachdruckrestes" auch im Urgermanischen (1957/58, 233), ist aber schwer nachvoll-ziehbar. Es erscheint gegen FROMM (l.c.) plausibler,daß ein Nebenton bei festem Akzent - wie im Urostseefinnischen — stärker sein kann als im Falle von wechselndem Akzent - wie im frühen Urgermanischen - , da hier die Opposition undeutlicher würde.


13


Verwunderlich wäre es auch,daß einem so tiefgreifenden Einfluß auf phonologischer Ebene keiner auf anderen Sprachebenen, die leichter affiziert werden, voraufgegan- gen ist. Man denke etwa an die zahlreichen Lehnbildungen nach slavischem Muster im phonologisch vom Slavischen kaum beeinflußten Ungarischen (Kiss) 5. Allerdings ist in einigen Arbeiten von Beeinflussungen die Rede, die einen noch intensiveren Kontakt implizieren, als für die Entstehung von Lehnbildungen vorausgesetzt werden muß.

§ 2. SCHLACHTER macht die Beobachtung,"daß im Finnischen und Lappischen die Zahl der entlehnten Adjektiva und Verba unverhältnismäßig niedriger ist als die der Substantiva" (5). Es ist zu fragen, ob es überhaupt ein Lehnverhältnis intensiver Art gibt, bei dem dieser Umstand nicht festzustellen ist.Auch unter den slavischen Lehn- wörtern des Ungarischen überwiegen die Substantive bei weitem, und von den bei HÜBSCHMANN verzeichneten persischen Elementen des Armenischen machen die Adjektive keine 15% aus.

SCHLACHTER stellt des weiteren fest, daß es sich in semantischer Hinsicht vorwie- gend um abstrakte Adjektive handelt, die dem Germanischen entlehnt wurden, und sieht eine Ursache darin, "daß eine sprachliche Analyse der Umwelt, die an den Din- gen abstrakte Eigenschaften erkennt, in den fiugr. Sprachen noch später entstehen konnte als in den indoeuropäischen", und es sei "klar,daß die Finnen z.B. seit uralter Zeit den Zustand des Krankseins kannten; aber es scheint der Denkform, wie sie im fiugr. Typus Gestalt gewonnen hat, besser zu entsprechen, den Zustand als ein in seiner Äußerung konstantes, kontinuierliches Geschehen auszudrücken als durch ein Sein: unserem ‘krank sein’ entspricht etwa finn. das Verb kipua. 6. (25 f.).

5. Man muß freilich in Rechnung setzen, daß die in Rede stehende Sprachebene im Falles des Slavischen sehr viel besser bekannt ist als im Falle des Urgermanischen.

6. Ein solches Wort verzeichnen die gängigen Wörterbücher nicht.


14


Aber auch altgriechischer "Denkform" scheint das "bes- ser entsprochen" zu haben, denn ‘krank sein’ heißt hier voσeiv, ασϑεsvεiv.Ein Plato mußte sich demnach noch einer hyperboreischen Ausdrucksweise bedienen, als er dem Sokrates ein [ου γαρ αμα δήπου υγιαίνει τε καί νοσεϊ όϑρωπος] ‘Der Mensch ist nicht gleichzeitig ge- sund und krank’ (Gorgias 495 E) in den Mund legte, während die Ostseefinnen zum nämlichen Zeitpunkt - jedenfalls nach der neuen Konzeption - diesen Sachverhalt dank urgermanischer Entwicklungshilfe schon unter Verwendung eines Adjektivs formulieren konnten.

Eine Reihe von semantischen Entsprechungen zeigt die Merkmallosigkeit einer ver- balen Ausdrucksweise für ‘krank sein’.Auch im Slavischen steht neben der Ableitung von urslav. *rzemogt´ das Verb *boléti‚ eigentlich ‘schmerzen’ vgl. fi. kipu/*kipua; vgl.auch russ. xвopamь [hvorat´] und das zu dt. Sorge,abg. sragaKrankheit’ ge- stellte litauische sirgti 7. Es muß zumindest konstatiert werden,daß SCHLACHTERs Beispiel für die Behebung eines ererbten Begriffs - bzw.

Denknotstandes des Ostseefinnischen durch das angeblich weiter entwickelte Ger- manische schlecht gewählt ist.Die Übernahme von urgerm.*saz'razkrank’ mag viel- mehr die gleiche Ursache haben wie das Eindringen des ungarischen beteg krank’ in fast alle Nachbarsprachen des Ungarischen. Da die Germanen - jedenfalls nach traditioneller Ansicht - wie die Ungarn die "Arbeitgeber" in den Kontaktzonen waren, erscheint das "Krankfeiern" als sachgeschichtlicher Hintergrund nicht ausgeschlossen.

Im übrigen liegt in der Verbindung olla kipua eine dem Deutschen entsprechende Ausdrucksweise vor; bei kipeä handelt es sich aber nach Ausweis der verwandten Sprachen um eine bereits urostseefinnische Ableitung 8.

7. Beim Verbum ist im Litauischen ein Wechsel von Schwund- und Vollstufe ganz gewöhnlich.So kann z.B. lit. sirgti ‘krank sein’ über seinen Präsensstamm serg- mit dem finnischen särky ‘Schmerz’ verbunden werden. Die Zusammenstellung des finnischen Wortes mit dem ererbten särkyä ‘brechen’ ist im Prinzip semantisch unbedenklich, zumindest wird man annehmen dürfen,daß sich die Bedeutung ‘Schmerz’ nach dem Baltischen herausgebildet hat.

8. Bei dem der finnisch-ugrischen "Denkform“ gemäßen *kipua mag es sich überdies um ein Lehnwort han- deln. Die Wortsippe ist in allen ostseefinnischen Sprachen nachzuweisen, und es findet sich auch eine lap- pische Entsprechung, z.B. schwed. ‘lapp. skepp, norw. skippa ‘kränklich’, die von SKES als finnische Ent- lehnungen aus dem Finnischen angesehen werden,wobei der anlautende Sibilant offenbar als unorganischer Laut betrachtet wird. Im Germanischen scheint keine geeignete Basis vorzuliegen. Allenfalls könnte man an die für dt. Schiff usw. postulierte Wurzel der Bedeutung ‘hauen, schneiden’ denken und eine Beziehung wie zwischen dt. Schmerz und engl. smart ‘scharf,beißend,geschmeidig’ annehmen.Die baltische Entsprechung (vgl. lett. škibit ‘id.’) würde aber dem ostseefinnischen Wort gerecht. Im Ostseefinnischen wäre eine zwar naheliegende, die Herleitung aber natürlich erschwerende Bedeutungsentwicklung zu ‘schmerzen, krank sein’ anzunehmen. Man vgl. noch griech.όδυγήͮ  [odune, ‘Schmerz’, arm. erkn ‘Schmerz, Wehen’, air. idu ‘Wehen’, die zu uridg. *h‚ed- ‘essen’ gestellt werden.


[HM: kantabaltin syöttää, syödä on *en-s-ti (*enda) = pistellä sisään, josta tulee liet- tuan ėsti (ėda) jne. Sama, ehkä *hen-s-ti, on voinut olla kantaindoeuroopassakin, tai sitten ei.]


15


§ 3. Für die Tatsache, daß bei den Verben das Gros der Entlehnungen auf Originale aus der schwachen Klasse zurückgeht,hat KOIVULEHTO eine sehr plausible Erklä- rung gefunden: die bessere morphologische Integrierbarkeit in den ostseefinnischen Typenvorrat (1974,119 f.). FROMM hat dagegen eingewandt, daß "unbequeme Phonemstruktur" i.a.keine "Zurückweisung des Lexems" verursache (1986, 222).

Hier geht es aber um "unbequeme" morphologische Struktur! Beispielsweise werden im Apachischen und Irokesischen aus dem Englischen keine Verben entlehnt, weil die Wurzeln nicht erkennbar sind, und im Baskischen war Verbentlehnung erst mög- lich, als der synthetische Konjugationstyp aufgegeben wurde (Mitteilung von H.J. SASSE).

Ferner ist zu berücksichtigen,daß in dieser Verbklasse ein hoher Anteil von Denomi- nativa vorliegt. Es leuchtet nun ein,daß z.B.mit einem germanischen *rōkō (fi. ruok- ka ‘Pflege, Kost’) auch das zugehörige Verb *rōkjan- (fi. ruokkia) entlehnt wird (zu den finnischen Wörtern s. KOIVULEHTO l98lb, 176). Außerdem hätten wir es hier nicht nur mit den sogenannten Bedarfsentlehnungen zu tun. Bei der allgemein ange- nom- menen - mit einem hohen Grad der Zweisprachigkeit verbundenen - Intensität der germanisch-ostseefinnischen Kontakte muß auch eine erkleckliche Anzahl von "überflüssigen" Entlehnungen vorausgesetzt werden (vgl. hierzu HOFSTRA 1985, 365 f. und 421). Es ist z.B. kaum anzunehmen, daß die Ostseefinnen vor den Kon- takten mit den Germanen die mit sallia oder valita bezeichneten Inhalte ‘erlauben’ bzw. ‘wählen’ nicht haben ausdrücken können. Daß nun morphologisch leicht integ-rierbare "Fremdwörter" häufiger in die Rede einfließen und sich damit eher etablie- ren als andere, erscheint evident. Zu einem Teil wird sich der Überschuß an Verben aus der germanischen Gruppe der schwachen Verben aus entbehrlichen Entlehnungen rekrutieren.


16


Andererseits weist HOFSTRA auf Frequenz und Produktivität der in Rede stehen- den germanischen Verbalgruppe hin und meint, daß die mit dem "Aufkommen neuer Techniken" und "neuer sozialer Verhältnisse" verbundenen Verbalinhalte gerade mit Mitteln dieser Gruppe gebildet worden sein dürften (1985, 226). Ohne auf HOFST- RAs gegenteilige Ansichten einzugehen, wiederholt FROMM seine 1984 veröffent-lichte Deutung der KOIVULEHTOschen Beobachtung (1986, 222 ff.). Die "frühost-seefinnische Periode" habe sich "in einer geschichtlich vergleichbaren Situation wie die urgerm." befunden. Die Parallelität zwischen Urgermanisch und Frühostseefin- nisch bestehe darin, daß in den finnisch-ugrischen Sprachen "eine dem Idg. - ver- gleichbare Entwicklung von einem primär aspektbezeichnenden zu einem primär den Zeit- oder Zeitstufenbezug anzeigenden System stattgefunden" habe (222). Zu den "kompensa-torischen Mitteln", die im Urgermanischen entwickelt wurden, hätten "in besonderer Weise die vier Klassen der sw. Verben, deren Bildungsmorpheme Aspekt- und Aktionsartbedeutung besitzen: kausative, iterative, durative und inchoa- tive" (223) gehört. Auch die "frühostseefinnische Periode" hätte "mit der Umschich- tung ihres Verbalsystems ... Kompesationen" entwickelt, "um sich aspektive Aus- drucksmöglichkeiten zu bewahren". Zu Kompensationen aus eigenen Sprachmitteln wie "im besonderen Objektskasus sen - auf ihn geschossen, ihn angeschossen’)" wäre "die Entlehnung von germ. Bildungstypen getreten, die ein entsprechendes Angebot darstellten" (224). FROMM vermutet, "daß das semantische Merkmal von Resultativität bzw. Vorgängigkeit eines Prozesses, das im germ.sw.Verbum zum Ausdruck kommt ins Osfi.darstellte" (223 f.).


17


Nun ist aber nicht die mit den finnischen Beispielen FROMMs angesprochene "as- pektive" Opposition gemeint, wenn für das Kategoriensystem des urindogermanis- chen Verbums für Präsensstamm und Aoriststamm die Funktion eines imperfektiven bzw. perfektiven Aspekts angesetzt wird. Ebensowenig läßt sich beispielsweise die russische, durch Verbdubletten konstituierte Aspektkategorie durch den Begriff der "Resultativität" charakterisieren. Beide FROMMschen Sätze sind im Normalfall mit dem perfektiven Aspekt wiederzugeben: он застрелил eго (on zastrelil jego) ‘er hat ihn erschossen’;он пастрелил eго (on postrelil jego) ‘er hat ihn angeschossen’, und auch bei dem resultativen Verb ist der imperfektive Aspekt möglich; so würde z. B. die Antwort auf die Frage "Was hat ein Sheriff im Wilden Westen mit einem auf frischer Tat ertappten Pferdedieb gemacht?" lauten: он yбиввл eго (on ubival jego) ‘er hat ihn getötet (imperf.)’. Ebenso wird auch in "(die Wölfe jagen) ελαϕονβεβλεμενον òν τ´ εβαλ´ αηρ” ‘einen verwundeten Hirsch,den ein Mann angeschos- sen hat’ (mit dem Pfeil) (Il.l1, 475) der Aorist,also der perfektive Aspekt, verwendet, und nicht nur in "καi p’ εβαλle Kλεϊov" ‘und erschoß den K.’ (15,445).Das finnisch-ugrische "aspektive" System kann mithin nicht mit dem urindogermanischen iden- tisch gewesen sein, wenn es durch die von FROMM erwähnte Opposition "kompensiert" werden konnte.

Hätten die Bildungsmorpheme der in der urgermanischen schwachen Konjugation vereinigten Verben ursprünglich tatsächlich "Aspektbedeutung" im Sinne FROMMs besessen, hätte für das von FROMM vermütete (früh)urgermanische "Angebot" auf ostseefinnischer Seite mithin gar keine Nachfrage bestanden.Ob es im Vorostseefin- nischen eine Aspektopposition gegeben hat oder nicht, und ob die von FROMM auf- gelisteten Verbgruppen auch Aspekte oder - nach der herkömmlichen Unterschei- dung - nur Aktionsarten ausgedrückt haben sollten, was nach Ausweis der frühen germanischen Einzelsprachen wahrscheinlich ist, 9., - es ist befremdlich, daß die Ostseefinnen Lexeme entlehnt haben sollen, deren außerlexikalische Merkmale in ihrem System gar nicht morphologisch markiert waren.

9. Es gibt auch keine Indizien dafür,daß man nach KURYLOWICZ trotz gewisser Unterschiede zum Gegen- satz Präsens - Aorist nicht bezweifeln zu können "scheine" (sie! Was soll das genau heißen?), daß die Opposition got. mēljan - gamēljan einen "echten" Aspekt markiere (KURYLOWICZ 1975, 38l, Anm).


18.


Man könnte sich allenfalls denken, daß die Ostseefinnen suppliert haben; aber dann stellt sich die Frage nach dem Verbleib der einheimischen Oppositions glieder. 10. Im übrigen versäumt es FROMM, der KOIVULEHTOs Vermütung ein vermeintliches typologisches Argument entgegensetzt, seinerseits, die von ihm angenommene absonderliche Art von Beeinflussung anderweitig zu belegen.

Die von SCHLACHTER und FROMM vermuteten Interferenzerscheinungen haben mithin schwerlich Realitätswert. Indizien für einen starken Einfluß außerhalb des Le- xikons gibt es demnach nicht. Eher verständlich würden daher die von POSTI dem Germanischen angelasteten tiefgreifenden Veränderungen auf phonologischer Ebe- ne durch die Annahme eines Sprachwechsels einer germanischen Gruppe, die das Urostseefinnische den Artikulationsgewöhnheiten des Germanischen anpaßte. Ein Teil der ältesten germanischen Elemente des Ostseefinnischen könnte dann als eine Menge von Reliktwörtern angesehen werden.

Dies würde die von HOFSTRA konstatierte ziemlich große Menge von "überflüßi-gen" Entlehnungen erklären; diese Wörter könnten wegen besonderer Konnotation- en, die den entsprechenden finnischen Lexemen abgingen,beibehalten worden sein. Die Reliktwörter hätten natürlich auch den neuen (d.h.fremden) Lautverhältnissen angepaßt werden müssen.

Gegen die zweite Hypothese POSTIs, die germanische Herkunft des ostseefinnis- chen Stufenwechsels‚ ist vor allem die Existenz eines Stufenwechsels auch in der Geminatenreihe ins Treffen geführt worden (s. KYLSTRA 160). Auch später hat sich aber in ostseefinnischen Einzelsprachen der Stufenwechsel auf ursprünglich nicht beteiligte Phoneme ausgeweitet.Im Estnischen und Wotischen wechseln z.B. auch die Sibilanten und sogar die neu entstandenen Kessellaute: s: ss, s’: 55.

Als Ausgangspunkt der Analogie kämen in erster Linie die Verbindungen aus Nasal und Klusil in Betracht. Nach einem Verhältnis sanka: *sanyan (> sangan) ‘Henkel, Griff’, kann): *kanδon (> kannon) ‘Stubben’ und sampi:*samβen (>sammen) ‘Stör’ könnte sakka -*/sakγan/,katto - */katδon/ ‘Dach’ und sappi - /*sapβen/ ‘Galle’ ent- standen sein. Die schwache Stufe der Geminaten wäre dann als *ŤT (> T) realisiert worden.


10. Gänzlich anderer Meinung als FROMM ist in diesem Falle auch SCHLACHTER: "Hän luki kirjan bedeutet ‘Er las das Buch von Anfang bis zu Ende, las es durch (ein ‘resultatives Moment schwingt mit)’; hän luki kirjaa dagegen ‘Er las (gerade) das Buch, war mit Lesen beschäftigt’ oder auch in dem Sinn ‘er war noch nicht damit zu Ende gekommen’. In solchen Satzpaaren klingt etwas an, das z.B. in den slav. Sprachen gewöhnlich, aber nicht notwendig mit dem perfektiven Aspekt verbunden auftritt und in der Tat mit den Aspekten nichts zu tun hat … (1968, 81).


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Die neue Konzeption


§ 4. Eine ausführliche Darstellung der Methode und der Ergebnisse KOIVULEHTOs erübrigt sich hier. Sein bisheriges Werk hat in HOFSTRA einen kompetenten Chronisten gefunden (1985). HOFSTRA stellt fest:

"Die Darstellung der Entwicklung seit 1961 hat in erster Linie KOIVULEHTOs Forschungsmethoden und -ergebnisse zu berücksichtigen.

Ihm verdanken Altgermanistik und Fennistik ausser einer grossen Zahl neuentdeck- ter germ. Lehnwörter neue Erkenntnisse hinsichtlich Lautsubstitution und Datierung der Anfänge der germ.-osfi. Kontakte" (117).

"Führender Forscher" (HOFSTRA 1.c.) auf dem Gebiet der germanisch-finnischen Lehnwortforschung ist KOIVULEHTO zweifellos hinsichtlich der Menge11 der in einem "nicht mehr abreifienden Strom von Veröffentlichungen 12 vorgetragenen Herleitungen und der durch eine nunmehr fast ein Vierteljahrhundert anhaltende Konzentration auf das Thema erworbenen Kennerschaft.

11.Doch hat KOIVULEHTO jetzt in KATZ seinen Meister gefunden (1990).Die einfache Voraussetzung,dass germanische Anlautcluster im Ostseefinnischen nicht nur durch Weglassen des bzw. der ersten Konsonan- ten aufgelöst werden, ermöglicht ihm auf einen Schlag die Aufstellung Von 111 neuen Gleichungen.

12. Allerdings macht der "Ström" einige Schleifen.Vielfach haben die Aufsätze im wesentlichen identischen Inhalt. Beispielsweise kann man die Problematik kasvaa/rasva in KOIVULEHTO 1988, 1990a und 1990b ausführlich referiert finden.

Vor dem Hintergrund der von HOFSTRA hervorgehobenen Führungsrolle nimmt es sich recht eigenartig aus,dass KOIVULEHTO kleinlich auf Prioriät pocht. Mindestens viermal (einmal auf finnisch,dreimal auf deutsch) vermerkt er,dass er die Substitution durch die lange Affrikata in germanischen Entlehnungen schon 1977 entdeckt habe (1979a, 290, Anm.; 1981b,366 f., Anm.; 19810,173, Anm.5 und 1986a, 257). An der letztgenannten Stelle heisst es: "Ich habe dieses Substitutionsmodell mit mehreren Beispielen zum ersten Mal bereits 1977 in einem Vortrag behandelt (5.die Zeitschrift Virittäjä 1978 (Bd.82): 188; T. Itkonen 1981:20). Nunmehr hat auch Ralf-Peter Ritter (1979) unabängig von mir dieses Lautverhältnis erkannt … “.

Sieht man von den kuriosität ab, dass zwei Jahre nach im jahre 1977 im Jahre 1986 noch "nunmehr" ist, bleibt festzustellen, dass die Diktion suggeriert, der Fund hätte schon 1978 aus der Literatur rezipiert werden können, wodurch das Einräumen der "Unabhängigkeit" nachgerade als grosszügig gewertet werden müsste. Tatsächlich findet sich aber in Virittäjä 82 lediglich die Notiz "13. lokakuuta apulaisprofessori Jor- ma Koivulehto: «Arjalaisia, balttilaisia ja germaanisia lainakosketuksia: mitä ohran, kehrän, ohjan, ratsaan ym. sanojen Iakana?»" in einer Aufzählung der im Jahre 1977 vor der Kotikielen Seura gehaltenen Vortrage! Der falsche Eindruck hatte sich schon dadurch vermeiden lassen, dass die Stellenangaben vor das ‘Wort behandelt gesetzt Worden waren. Man fragt sich ausserdem, was KOIVULEHTO so sicher macht, dass die erwähnte "unabhängige" Vermütung nicht ihrerseits lange vor dem 13.10. 1977 irgendwo öffentlich bekannt wurde. ITKONEN nennt unter Hinweis auf den bewussten Vortrag KOIVULEHTO als den alleinigen Entdecker. Dass auf einen Vortrag von 1977 und nicht auf die Veröffentlichung des Fundes in KOIVULEHTO 1979a (in Virittäjä!) - wo sich das gesamte relevante Material findet - hingewiesen wird, 12:15: nur eine Deutung zu.


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Für die "Gröninger Schule" mag "führend" auch im eigentlichen Sinne des Wortes Gültigkeit haben 13, nicht jeder der auf dem in Rede stehenden Gebiet tätigen Wis- senschaftler will aber seine Ergebnisse als Beitrage zum KOIVULEHTOschen Lehr- gebäude verstanden wissen. Insbesondere kann man KOIVULEHTO in der Beurtei- lung des Sicherheitsgrades einer Reihe Von Zusammenstellungen und hinsichtlich der aus ihnen gezogenen Schlüsse nicht folgen.

In der Germanistik hielt sich die Rezeption lange in Grenzen. So stellt SEEBOLD noch 1981 unter Berufung auf FROMM 1957 fest, dass die urgermanische Herkunft der ältesten Lehnwöter im Ostseefinnischen "in neuester Zeit bestritten" werde (105), und die ungefahr dreieinhalbtausend Titel umfassende Bibliographic zur Neu- auflage von FEIST 1939 (LEHMANN 1986) enthalt neben einigen anderen germa-nisches Lehngut im Ostseefinnischen behandelnden Arbeiten FROMM 1957 und KYLSTRA 1961, jedoch keinen einzigen Aufsatz KOIVULEHTOs.

13. So dürfte es sich zum Beispiel nicht bloss um eine etwas verglückte Formulierung handeln,wenn HOFSTRA feststellt, die Ansicht VILKUNAs, dass die kleineren Laub- und Heumengen mit germanischen Entlehnun- gen, die grösseren Wintervorräte hingegen mit Erbwörtern bezeichnet würden, müsse "jetzt geringfügig korrigiert werden, weil Koivulehto … inzwischen  saura ´Heuschober´… als germ. Lehnwort gedeutet hat" (1985, 307 f.), Dass die Deutung das Richtige trifft, ist offenbar bereits trivial.


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Wenn in SEEBOLDs Bearbeitung des KLUGEschen Wörterbuchs die zahlreichen Hinweise "früh ins Finnische entlehnt" u.ä. fehlen 14, so mag dies auf der Meinung beruhen, dass dergleichen nicht in ein etymologisches Wörterbuch einer germanis- chen Einzelsprache gehört, das Vorgehen ware aber nach einer Sichtung des Mate- rials auch die einzig denkbare Konsequenz gewesen, denn es hatte einen nicht zu verantwortenden Arbeitsaufwand bedeutet, aus der Fülle der prinzipiell vertretbaren Herleitungen die wahrscheinlichen zu eruieren.

Die Möglichkeit, dass die Ergebnisse KOIVULEHTOs in die germanistischen Hand- bücher Eingang finden, besteht jetzt dadurch, dass FROMM 1986 eine Arbeit von 1983 in einem Rahmen, der ihr leicht den Status einer Expertise verleihen könnte, mit geringfügigen Erganzungen noch einmal veröffentlicht hat (s.u.). In Finnland dürfte das neue Gedankengut, das auch revolutionäre Aspekte "vorgermanischer" Lohnschichten umfasst, über den 6. Band des "Nykysuomen sanakirja" (HÄKKINEN 1987), des Wörterbuchs desheutigen Finnischen, in weiten Kreisen bekannt und dort naturgemäss als gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis rezipiert werden.

Wenn fi. tosi ‘wahr’ als *dm(h2)tó- gezahmt = kesytetty’ eine "sehr archaistische in- doeuropäische Lehnschicht" repräsentiert und damit "alter als die Von alters her be- kannten baltischen und germanischen Entlehnungen" sein soll,ferner daran die Wei- terung geknüpft wird, dass "die Vorvater der Finnen im grossen und ganzen schon erheblich früher als man seit alters gewöhnlich dachte in den heutigen Siedlungsge-bieten gewohnt haben müssen" (op. cit. 339 f.), andererseits dieser folgenträchtigen Etymologie durch einen Forscher, der die KOIVULEHTOsche Konzeption weitge- hend akzeptiert (urgerm.*ti, *st-, *s-, z ostseefi. si bzw. s-, [> h] u.a.), mit drei Zei- len "der Boden entzogen" werden kann (KATZ 1988), ist es SKOLD nicht zu verden- ken, dass er in seiner Rezension von HOFSTRA 1985 die "Verirrungen der gegenwärtigen Forschungen" beklagt (1988, 214).

14. Man vergleiche etwa die Lemmata Bert, Habicht, Kessel, Morgen, Roggerz, sehr und üppig. Wenn ein- mal bei König Vermerkt wird, dass fi. kuningas "einen alten Lautstand bezeugt",so ist das in Ordnung - mit der Einschrankung, dass der Ausgang prinzipiell auch ein finnischer Zusatz sein kann (s. § 62).


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Aus der Feder FROMMs stammt eine rezente Bestandsaufnahme der "neuen Welle" der germanisch-ostseefinnischen Lehnwortforschung im Rahmen eines massgeblichen altgermanistischen Standardwerkes:

"Koivulehto hat bekanntlich mit zunehmender Sicherheit und Überzeugungskraft zeigen kannen, dass

I. die urfi. Sprachgeschichte sich entgegen alterer Anschauung vielfach als hilfreicher erweist als die länger erforschte germanische;

2. Quantität und Qualität der germ. Lehnwörter im Osfi. nicht nur auf Verkehrsberüh-rungen beruhen können, sondern ihre geschichtliche Grundlage in einem Substrat-Superstrat-Verhätnis haben müssen - eine Anschauung, der schon früher T.E. Karsten and K.B. Wiklund zugeneigt hatten;

3. die Kontaktwellen,die E.N.Setälä (I906),Björn Collinder 0932/41) und ich (I957/58; vgl. Kylstra I961) seinerzeit als die frühesten zu bestimmen gesucht hatten, nicht die jeweils ältesten sein können, sondern dass ihnen eine um mehrere, wenn nicht viele Jahrhurzderte frühere vorausgegangen sein muss. Koivulehto selzte die Zeit der ältesten Entlehnungen in die frühostseefinnische (= frühurfinnische = frosfi.) Periode, d./1. archäologisch ausgedrückt, in die jüngere Bronzezeit oder, in absoluter Chronologie, an die Wende vom 2. zum 1. vorchristlichen Jahrtausend;

4. es möglich ist, auf systematischem Wege zur Ermittlung neuer Lehnwarter zu ge- langen, und zwar auf dem Wege des phonotaktischen Vergleichs …Damit sind alle verhältnisse umgedreht: die Datierung einer Entlehnung kann verlässlicher mit Hilfe des lappischen Vokalismus der Slammsilbe vorgenommen werden theorieabhangi- gen Chronologisierurzg phonologisch-morphologischer Vorgange im Germanischen" (1986, 213 f.).


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Berücksichtigt man noch den "befreienden" (FROMM op.cit.226) Vorschlag T. ITKO- NENs, dass die "Hauptmasse der alten germ. Lehnwörterter" nicht "vom nördlichen Baltikum nach Finnland gelangt sei", dass es vielmehr "sinnvoll" sei,"sich die entge-gengesetzte Richtung vorzustellen" (1. c.), trifft für die Grundzüge der neuen Kon- zeption im Prinzip WIKLUNDs Charakterisierung des Forschungsstandes hinsichtlich der germanisch-ostseefinnischen Kontakte vor mehr als sechzig Jahren zu:

"Man ist jetzt geneigt,den Anfang dieser Berührungen etwas zurückzuschieben, man verlegt sie zum Teil in andere Gegenden und man leugnet die Möglichkeit der Be- rührung der Finnen mit den goten" (1917/20, 49), wenn man unter diesen "Finnen" die frühesten Kontaktnehmer versteht.

Wie man sich überhaupt dazu versteigen konnte, besagte "Kontaktwellen" als die äl- testen zu deklarieren, ohne "got. Herkunft auch nur eines einzigen osfi. Wortes eindeutig nachzuweisen" (HOFSTRA 1985, 383; vgl. § 69), bleibt unerfindlich.

Demnach stehen vor allem folgende Fragen zur Debatte:

1. Welche linguistischen Kriterien gibt es für die Bestimmung der Rolle des Urgermanischen in der "Substrat-Superstrat-Beziehung"?

2. Auf welchen Indizien beruht die absolute Chronologie des Beginns der germanisch-ostseefinnischen Kontakte?

3.Welche Konsequenzen hat die neue Ansicht über den Schauplatz der ersten Kon- takte im Verein mit deren Datierung für die Frage der Genese des Germanischen und den Ursprung der Germanen? Der Zuwachs an Material griindet sich z.T. auf neue Entsprechungsregeln (fettgedruckt), beispielsweise bei den Konsonanten:

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Pannaan tässä balttilainen punaisella ja nelä eri sävyllä: vasarakirves, muinaisliettua /-latgalli, preussi, kuuri, ruteeni (slaavin kautta) Uudet germmanilainat vihreällä: Mustista huomattava osa on omaperäisiä.

Welchen enormen Erdrutsch die neueren Forschungen auf dem Gebiet der germa-nischen Elemente des Ostseefinnischen bewirkt haben, wird deutlich, wenn man die tausend hüfigsten Worter des Finnischen, wie sie HÄKKINEN im Etymologieband des "Nykysuomen sanakirja" lauflistet, nach ihrer Herkunft sichtet.

Von schon in der früheren Literatur als ältere germanische Entlehnungen angesehe- nen Lexemen enthält die Liste,Wenn man nur die Grundworter berücksichtigt, 28 Le- xeme: ja ‘und’, sama ‘derselbe’, mainita ‘erwöhnen’, helppo ‘Hilfe’, valita ‘wahlen’, tila ‘Gelegenheit’, äiti ‘Mutter’, kaunis ‘schon’,viikko ‘Woche’,laaja ‘weit,breit’, tarve ‘Bedarf’, aine ‘Stoff’, ainoa ‘einzig’, verta ‘Betrag’, valta ‘Macht’, ranta ‘Strand’, ku- ningas ‘Konig’, mitata ‘messen’,pöytä ‘Tisch’, raha ‘Geld’, sairas ‘krank’ (vertreten durch sairaala ‘Krankenhaus’), nauttia ‘geniefien’, kauppa ‘Kauf’, laiva ‘Schiff’, tehdas ‘Werkstätte’, sallia ‘erlauben’, juhla ‘Fest’ und vaate ‘Kleid’.


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Gemessen an der Gesamtzahl der eruierten Gleichungen entspricht dies etwa der Anzahl der Baltismen in der Liste (ca. 10). Die in der jüngsten Zeit aufgestellten Ety- mologien schlagen in der Liste hingegen mit 39 Eintragungen zu Buche (die vorger-manischen "germanischer Prägung" mitgerechnet): suuri ‘gross’, asia ‘Sache’, käydä ‘gehen’, katsoa ‘betrachten’, tietää ‘wissen’, pyrkiä ‘streben, versuchen’, paikka ‘Platz, Stelle’, joukko ‘Gruppe’, sija ‘Stelle, Platz’, kansa ‘Volk’, huomata ‘bemerken’, havaita ‘id.’, pohja ‘Boden’, paha ‘schlecht’,kutsua ‘rufen,einladen’, tarjota ‘bieten’, tavata ‘treffen’, aamu ‘Morgen’, pinta ‘Oberfläche’, hakea ‘suchen’, etsiä ‘id.’,ruoka ‘Nahrung,Speise’,tosi ‘wahr’, hauska ‘angenehm’, heittää ‘werfen’, hidas ‘langsam’, puhdas ‘rein’, lahja ‘Geschenk’, peittää ‘bedecken’, kärsiä ‘dul- den’, kallis ‘teuer’, rakas ‘lieb’ (Vertreten durch rakastaa ‘lieben’), kuiva ‘trocken’, varma ‘sicher’, ohja ‘Richtung’ (vertreten durch ohjata ‘richten’), palvella ‘dienen’, vahinko ‘Schaden’, levy ‘Scheibe, Platte’.

Damit hätte sich das im Verlauf von zweihundert Jahren Von einer Legion Von For- schern zusammengetragene Material innerhalb zweier Jahrzehnte nahezu verdrei-facht. Wenn man jetzt noch in Rechnung setzt, dass in der Haufigkeitsliste Ableitun- gen jeweils als gesonderte Eintragungen fungieren, erscheint der germanische An- teil im - zumindest synchron - wichtigsten finnischen Wortschatz noch erstaunlicher.

Ein solcher Vergleich wird durch eine Reihe von Arbeiten ermöglicht, deren Material den jeweiligen Forschungsstand repréisentiert. Mit SETÄLÄs "Bibliographischem Verzeichnis" (1912/13), LIIMOLAs "Forschungen" (1928), KARSTENs "Finnar och Germaner" (1943/ 44) und HOFSTRAs Forschungsbericht diirfte die Gesamtmenge der bisher eruierten diskutablen Gleichungen hinreichend angenahert sein.


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Die Chronologie der Kontakte

§ 5. HOFSTRA sieht in folgender Äusserung KOIVU-LEHTOs einen "Wandel in der Datierung der Anfänge der germ.-ostfi. Lehnbeziehungen" (1985, 376):

"Bei der Altersbestimmung der germ. Lehnwörter hat man sich versucht, wie alt die ältesten Lehnwörter mindestens sein müssen, um noch ihre urgermanische Lautge- stalt bewahrt zu haben. Die Möglichkeit aber, dass die Wörter alter, einige sogar we- sentlich alter sind, ist an sich nicht ausgeschlossen". Dass sich hier eine Änderung der Konzeption andeuten würde, ist nicht zu sehen. Ein "terminus ante quem" bedeutet in einem Zusammenhang ohne weitere chronologische Aussage definitionsgemess dasselbe wie die hier als "Neuerung" bezeichnete Feststellung.

FROMM operiert mit dem Zusammenfall von a und o im Germanischen als Mittel, den Terminus "a quo" für die ältesten germanischen Lehnwörter im Ostseefinnis- chen zu gewinnen. Diesen bestimmt er durch den mutmasslichen frühesten Zeit- punkt der Berührung des Germanischen mit dem "balt.-slav.-illyr.-indo-iran. a-Block" (vgl. HOFSTRA 126).Der Tatbestand,dass es keine sicheren germanischen Lehn- worter mit o-Vokalismus gebe, schlösse dann zwar die Möglichkeit, dass es zahlrei- che Entlehnungen mit e-, i- oder u-Vokalismus noch älteren Charakters gibt, aus statistischen Gründen aus, doch können einzelne Lexeme wie z.B. rengas ‘Ring, Reifen’ durchaus vor dem nach dem oben genannten Kriterium bestimmten Zeit- punkt entlehnt sein, da es "... den Ausgang -as auch bei den arischen Elementen" gebe (vgl. porsas ‘Ferkel’). HOFSTRA schlieflt die Wiedergabe der FROMMschen Überlegungen wie folgt ab:

"Nach van Coetsem sind die Germanen um die Mitte des 8. Jh:s vor Chr. an die Weichsel und in die mittel- bare Nachbarschaft der Slaven gelangt. Es ware dann eine Datierung ins 8. bis 6. Jh. v.Chr., wenn nicht noch früher, fur die Phonemverschmelzung Wahrscheinlich".

Die Auslösung der "Phonemverschmelzung" erfolgte mithin über einen Zwischentra- ger, der offensichtlich nicht eimnal in der Lage war, Lexeme zu vermitteln, denn Urslavisches bzw.Urbaltoslavisches lässt sich im Germanischen nicht nachweisen.


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Als letztliche Quelle für die in Rede stehende Sprachbunderscheinung wird das Indo-iranische in Anspruch genommen (s. HOFSTRA 125). Im lexikalischen Bereich haben die Kontakte der Balten mit den Indoiraniern keine Spuren hinterlassen, und die iranisch-slavischen Berührungen haben kaum gemeinslavisches Lehngut gezei- tigt, das Gros der iranischen Elemente ist jedenfalls nur ostslavisch. Dass sich eine Artikula-tionsneuerung über verschiedene Sprachen ausbreitet, ohne dass sich der hierfür vorauszusetzende enge Kontakt in weiteren Isoglossen oder Interferenzen auf lexikalischer Ebene auswirkt, wird man nicht a priori ausschliessen können, für den vorlie-genden Zusammenhang ware es aber beruhigender, wenn sich die be- haupteten Beziehungen auch auf anderen,in der Regel vorrangig affizierten Sprach- ebenen belegen liessen,womit sichergestellt ware, dass es zu dem im Hinblick auf *o > a usw. angenommenen Kontakt überhaupt gekommen ist. Rechnet man aber mit einem baltischen Substrat, müsste man schon mehr Einwirkungen auf phonologis- cher Ebene namhaft machen kénnen als nur den Zusammenfall von a und o. Es ist ferner darauf hinzuweisen, dass ein Zusammenfall von a(:) und o(:) offensichtlich auch im Hethitischen eingetreten ist, was den "a-Block" ziemlich diffus macht.

Die Normalvertretung von uridg.*ō im Litauischen ist uo (daneben ō), die Von hingegen nur ō. Der "Zusammenfall" betrifft mithin nur die Kürze. Das Germanische müsste demnach den Anstoss bei der Kürze bekommen haben und dann weiter gegangen sein als das Baltische selbst.

Das ist selbstverstandlich kein zwingendes Argument gegen die Adstrathypothese, die grundsatzlichen Bedenken werden aber verstarkt.

Aber selbst Wenn man den "Zusammenfall" von a und o als Sprachbunderschei- nung gelten 1:13: - die Frage der Genese ist schwerlich zu Iösen. Auch hinsichtlich der Herkunft eines der lautlichen "Balkanismen", die Existenz eines Mittelzungenvo- kals im Bulgarischen, Rumänischen und Albanischen,der in den beiden letztgenann- ten Sprachen vor allem auf unbetontes a zurückgeht und im Bulgarischen unbeton- tes a vertritt, gehen die Meinungen auseinander: Substrateinfluss, bulgarischer Ur- sprung,spontane Entstehung zumindest im Albanischen und Rumänischen (s. SOL- TA,180 f.).Dabei sind im Falle des Balkansprachbundes die Bedingungen wesentlich günstiger als für die sich in Zeit und Raum verlierenden Vorstufen des "a- Blockes".



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Wenn es aber so gut wie aussichtslos ist, die Verantwortlichkeit des Baltischen für den germanischen Wandel zu erweisen, hat FROMMs Idee für die Chronologie der germanisch-ostseefinnischen Kontakte keinen Sinn. Im übrigen könnte auch hier prinzipiell mit der Einwirkung irgendeines gemeinsamen Substrates gerechnet werden, womit das Argument ohnehin entfiele.

Hinzu kommt, dass dem Rezipienten das Problem überlassen bleibt, wie sich die oben referierten Ansichten mit den Meinungen von Vertretern der Nachbardiszipli- nen, z.B. der SCHELESNIKERs, dass sich "die Trennung der Germanen von den Balten und Slaven in der Zeitspanne nach 2000 v.Chr. und vor 800 v.Chr." ansetzen liesse (24), abgestimmt werden können. Welche Kriterien gibt es, aufgrund derer ausgeschlossen werden kann, dass der ursächliche Zusammenhang zwischen den jeweiligen Erscheinungen des "Phonemzusammenfalls" im Baltischen, Slavischen und Germanischen - falls ein solcher Zusammenhang tatsachlich besteht - nicht als gemeinsame Neuerung aus der Zeit, "in der die vorgermanischen, vorbaltischen und vorslavischen Stamme noch eine engere Dialekt- und Verkehrsgemeinschaft gebil- det haben müssen" (SCHELESNIKER 23), zu interpretieren ist? Der terminus ante quem für das Ende dieses "indogermanischen Dialektkontinuums" (SCHELESNI- KER 23) Vertrüge sich durchaus mit KOIVULEHTOs Ansichten über den Beginn der germanisch-ostseefinnischen Kontakte!

§ 6. In Anbetracht des langen Bestehens einer dem rekonstruierten Urgermanischen sehr ähnlichen Sprach- form kann eine Reihe von altertümlich anmutenden germa- nischen Lehnwörtern des Finnischen noch in relativ rezenter Zeit übernommen worden sein. So stellt SEEBOLD fest:

"Die Runeninschriften im älteren Futhark sind in Skandinavien bis zum Ende dieser Tradition, also sagen wir: bis etwa 700 n. C. dem postulierten Urgermanischen noch sehr ähnlich. Sie sehen so aus, wie wir uns Urgermanisch vorstellen,und nur an Ein- zelheiten lasst sich sehen, dass sie regionale und zeitliche Merkmale aufweisen" (1986, 182).



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Das Altgutnische hat noch ai. In den Handbüchern wird dieser Umstand zumeist so dargestellt, dass der Diphthong bewahrt blieb (z.B. RANKE/HOFMANN § 55).

NOREEN sieht allerdings in Formen wie agutn. flestr, mestr, helgan (Akk. Sg. m.), die eine Zwischenstufe *æi voraussetzen würden,den Beweis für eine Rückverwand- lung (1904 § 124, Anm. 2, S. 115). Zumindest kann man aber konstatieren, dass zur Zeit der altgutnischen schriftlichen Überlieferung prinzipiell ein Wort mit ai (ebenso mit au) ins Ostseefinnische bzw.in bestimmte Einzelsprachen gelangt sein kann,d.h., auch ein finnisches tauti ‘Krankheit’ (i-Stamm) mag erst in sehr später Zeit aus dem Gutnischen übernommen worden sein!

Auch SKÖLD möchte "keine Schlüsse auf altgermanische Zustande aus solchen Lehnwortern ziehen,die ebenso gut oder besser jüngere schwedische Entlehnungen sein können" (1988, 213).

Wenn PENZL mit seiner Lesung HLEWAGASTIZ recht hat und die Datierung des Goldenen Horns von Gallehus in die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts (1985, 164; HUTTERER gibt das 5. Jh. an - 1975,147) stimmt, dann braucht es auch mit der Altertümlichkeit eines finnischen kaunis ‘schön’ nicht allzuweit her zu sein.

Die Möglichkeit, aus dem Nebeneinander von Fenni bei Tacitus und Phinnoi bei Pto- lemäus einen terminus ante quem für rengas zu gewinnen, entfällt, wenn man mit JUNGANDREAS die griechische Version als ostgermanisch ansieht (1981, 34), so- lange es kein zwingendes Argument dafür gibt, dass *eNC > iNC gemeingermanisch ist. Die Formulierung FROMMs - "Hebung des -e- vor Nasal Konsonant (Fenni φivvoi)“ (1986, 221) - lässt vermuten, dass er ostgermanische Herkunft der grie- chischen Über- lieferung nicht erwügt.Es kann aber auch nicht ausgeschlossen wer- den, dass THOM- SEN mit seiner Vermutung eines sekundaren Charakters des e in rengas (vgl.§ 1) das Richtige getroffen hat,denn erstens gibt es im Ostseefinnischen Anzeichen für eine Senkung von i in der Umgebung der Tremulans (s. § 9), zweitens scheint e < i in der Umgebung von r typologisch merkmallos zu sein, man vgl., spo- radisches pa für pl. in den äolischen Dialekten des Griechischen:thess. xpεvvεμεv VS. lesb. xpivvω (S. BUCK § 18 [s .25 veri ‘Blut’]) ist ein entsprechender Wandel anzunehmen, vgl. UEW s.v. *wire ‘id.’.



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Auch die Möglichkeit, dass das e in teljo für germanisches i substituiert wurde, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Es gab ja im Urostseefinnischen wegen des Wandels *ti > si lange - auf jeden Fall noch nach den Kontakten mit den Balten - kein ti. Es ist möglich - am ehesten freilich auf einer Stufe *t’i < *ti -, dass die Ost- seefinnen zunächst ein germanisches ti durch te substituierten (vgl. § 51), d.h., fi. teljo müsste eine ältere Entlehnung sein als tila ‘Gelegenheit’ u.a. (< urgerm. *tila-, got. til, dt. Ziel).

Isolierte Beispiele - im Falle von verkilö (5. § 27) könnte wiederum Senkung vor r vorliegen (s.o.) - wie teljo haben letztlich für die Altersbestimmung keinen Beweis- wert. Ostseefi. e urgerm. *e vor *NC (>urgerm. i) scheint aber wenigstens in kenno ‘Zelle einer Wabe der Honigbiene; Hülle, Hautblase’ < urgerm. *hen- non- (> an. hinna ‘dünne Haut’) eine Stütze zu haben (s. HOFSTRA 1985, 100). ‘

[HM: verkilö, ripustinlenkki esimerkiksi pyyhkeessä, on latviaa (verkls), eikä sillä ole mitään tekemistä minkään germaanin, uuden eikä vanhan kanssa.]

§ 7. Als Beweis für eine germanische Lehnwortschicht bereits in der ostseeflnnisch-lappischen Grundsprache werden von KOIVULEHTO zunächst zwei ältere Zusam- menstellungen angeührt:fi. rauta, lapp. ruow’de ‘Eisen’ (an. rauði ‘Eisenerz’) und fi. vartoa, lapp. vuor´det ‘warten’ (an. varða ‘Sorge tragen’).Hier läge die gleiche Ent- sprechung vor wie in Erbwortern (*a fi. a,lapp. uo), wogegen finnische Entlehnungen ein a aufwiesen (HOFSTRA 130). Im Zusammenhang mit der Entsprechungsreihe urgerm.*a - fi. a,lapp.uo kann noch folgendes gemeinostseefinnische Wort angeührt werden, dessen germanische Herkunft bei SETÄLÄ erwogen wird (15): fi. apaja(s), apa(p)aa ‘Stelle, wo das Netz ausgeworfen wird; mit einem Netzwurf gefangene Fischmenge; weit (vom Wald und vom Land); grosser Graben, Abzugskanal’, weps. abai ‘kleine, flache Bucht mit geringer Stromung’, wot. apaja ‘Wasser unter dem Sumpf, Sumpfwasser, Bucht, Wasserlache’, estn. abaja, abaj(a)s ‘kleine, tief ins Land reichende Meeresbucht mit enger Mündung, Bucht eines Flusses oder Ba- ches’, das zu lapp. N vuop’pe, P vüöhp’pi (vuöhppi), Kr vöhp‘pi, Kt vüohp´pi ‘deep recess in the bank, shore of a river, but also in the shore of a lake’ (NIELSEN 1979 III 816) gestellt wird (SKES s.v.).Die Worter lassen sich mit den urgermanis- chen Grundformen Von dt. Ebbe, ae. ebba m. ‘Ebbe’, an. efja f. ‘Schlickboden, Bucht am Fluss’, norw. evje, schwed. ävja,dan.(dial.) eve ‘Schlick, Schlamm, ver- sumpfte Bucht’, norw., schwed. ave ‘Wasserloch, Sumpf’ zusammenstellenz *ab- jan-,*abjōn- bzw. *aban- (KLUGE/MITZKA s.v. Ebbe, HOLTHAUSEN 1934, 87).

[HM: Suomen apaja- ja appaa -sanat eivät ole välttämättä samaa juusta. Apia liittyy kuurin sanaan apia = joki, preussin apis, appaa taas mahdollisesti sanaan apus = lähde, kaivo (latvia). Toisin nuokin voivat olla samaa juurta, ja se juuri on balttilainen.]

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Im Finnischen usw. ware freilich ein *apia zu erwarten; die lappische Form konnte aber ein germanisches *abjan- reprasentieren,vgl.N moar’se, < fi. morsian ‘Braut’. Da das germanische Wort hochstwahrscheinlich zu dt. ab gehort, konnte man für die ostseefinnische Vertretung eventuell an die Hypostasierung eines *aba denken: *abajan-. Die ostseefinnischen und lappischen Worter würden die jüngere Bedeu- tung widerspiegeln; "der grösste Teil Schwedens und Dänemarks hat keinen Gezei-tenwechsel" (KLUGE/MITZKA 1.c.).Für germanische Herkunft der Wortsippe spricht sich auch NIKKILÄ aus (1988).

Der Wandel *a > uo ist aber nicht unbedingt die früheste der Veranderungen, die zu den das Ostseefinnische und das Lappische unterscheidenden Merkmalen geführt haben, d.h., ein durchaus schon als Lappisch zu bezeichnendes Idiom kann noch *a (> uo) gehabt haben, ebenso wie es in einem "Ostseefinnischen" das noch sehr lange gegeben haben mag; die betreffenden Lautveranderungen können mithin sehr Viel später als die extralinguistische Leitfossilie für den Zeitpunkt der Auflösung des "Frühurfinnischen", von der weiter unten die Rede sein wird,zu datieren sein. Die ge- nannten Gleichungen können also ebensogut als Beweismittel dafür in Anspruch ge- nommen werden, dass die Lappen früher begonnen haben, aus dem Germanischen zu entlehnen als aus dem Finnischen, d.h. noch vor dem Wandel von *a zu uo. Ge- trennte Übernahme eines germanischen Wortes ins Ostseefinnische und Lappische ist keine Seltenheit. Sie kann für alle weiteren von KOIVULEHTO für die in Rede stehende Lautentsprechung ins Treffen geführten Beispiele angenommen werden.

Wie SKÖLD feststellt,gibt es keine Möglichkeit, mit Hilfe der Sprachwissenschaft zu beweisen, dass die Ostseefinnen früher als die Lappen mit den Germanen in Berüh- rung gekommen sind (1961, 60). Die Formulierung impliziert, dass auch die gegenteilige Annahme nicht zu verifizieren ist.

Auf lappologischer Seite hat man aber durchaus damit gerechnet, dass es auch durch das Finnische vermittelte germanische Entlehnungen gibt, die den Übergang von *a < uo mitgemacht haben (E. ITKONEN 1969,162 s.v. ruow’de ‘Eisen’). Wenn keine lappischen Entlehnungen ostseefinnischer Erbwörter mit einem Verhältnis ost- seefi. a - lapp. uo nachgewiesen werden können, so ist das noch kein zwingendes Argument dafür, dass z.B. ein lappisches ruow’de ‘Eisen’ nicht aus dem Finnischen rauta stammen kann.


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Dass die in vorhistorischer Zeit lange unter identischen ökologischen Bedingungen mit den Ostseefinnen zusammenlebenden Lappen zunächst nur die Bezeichnungen der durch die Germanen gebrachten Neuerungen übernahmen, erscheint plausibel. Es ist ein häufig zu beobachtendes Phänomen,dass eine Sprachgemeinschaft vielen Völkern auch indirekt dieselben Lexeme liefert.Es können also durchaus die Ostsee- finnen gewesen sein, die den Lappen die germanischen Wörter vermittelt haben.

Der sachgeschichtliche Hintergrund ist dabei nicht immer einwandfrei zu bestimmen. So mag es Verwunderlich erscheinen, dass ausgerechnet das germanische Wort für ‘Ausschau halten, erwarten’ sowohl ins Lappische als auch ins Ostseefinnische ge- drungen ist.Die Gründe für Entlehnungen sind auch sonst oft rätselhaft. So ist neben zahlreichen "Termini des offentlichen Lebens" (s. hierzu die Arbeit von SCHUBERT) ung. beteg ‘krank’ in den meisten Anrainersprachen des Ungarischen vorhanden (rum. beteag, skr. beteg ‘Krankheit’, sln. bétez',slk. bet’ah ‘Krankheit’, ukr. bit’ug, betéga; doch vgl. §2). Im Falle Von fi. vartoa, lapp. vuor'det kann immerhin darauf verwiesen werden, dass das nämliche germanische Original auch in die Romania entlehnt wurde (it. guardare, friaul. uardé, span. guardar usw. - MEYER-LUBKE 9502, S. 726, s.u. §73).

[HM: sana on myös liettuassa: tvarkyti (tvarko) = varti- oida, ja suomen sana tulee sieltä. Sana tulee kantaindoeurooapan juuresta kwer -= lyödä, hakata, sotia, siitä tu- lee myös suomen sana varus-= sota,liettuan karas = sota,preussin karja = sotaväki, englannin war, ranskan guerre.]

Die einschlägigen germanischen Worter, die nur im Lap- pischen nachzuweisen sind (z.B.buoi’de ‘Fett’,germ.*faita- 15) und die Von KORHONEN (1981) als "besonders beweiskraftig" im Sinne der Konzeption KOIVULEHTOs erachtet werden, kann man gerade als Indiz dafür ansehen, dass die in Rede stehenden beiden Sprachgruppen gemeinsamen Lexeme sehr wohl auch gesondert übernommen worden sein kön- nen. Ein Nachweis der germanischen Entlehnungen ins "Frühurfinnische" kann mit diesen Wortern nicht geführt werden.

[Sana (maha)paita on vasarakirvestä ja tarkoittaa “juo- tettua”, lihotettua, tulee aivan säännöllisesti kantabaltin verbistä *pen-ti = juottaa, ruokkia,lihottaa. Siitä tulee myös suomen sanat pentu, peni, (sosiaalinen) poika, kirjaimellisesti ”juotto”, ja venäjän poika = juomingit, liett. puota. Erkoista on penin taipuminen uudella kaavalla.]


15. Das Hinterglied der finnischen Komposita mahapaita,vatsapaita ‘die inneren Organe schützende schei-benformige Fettschicht, Trennwand der Bauchhohle’ (maha, vatsa ‘Magen, Bauch’) wird in SKES von lapp. buoi'de getrennt und s.v. paita ‘Hemd’ behandelt. Dies ist angesichts der Beschaffenheit der Sache, die sich auch in der deutschen Bezeichnung Netz niederschlägt, gerechtfertigt.



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§ 8. Ein germanistischer Rezipient des KOIVULEHTOschen Ergebnisses, dass der Wandel regional > ā schon im ersten Jahrhundert v.Chr. vollzogen gewesen sei, ist sich kaum dessen bevusst, dass die Datierung des Beginns der germanisch-ostseefinnischen Lehnbeziehungen,die mittelbar Auswirkungen auf die Datierung des genannten germanischen Lautgesetzes hat,wesentlich davon abhängt, ob die Benützer einer bestimmten Keramik in Osteuropa Urbaltisch gesprochen haben oder nicht, d.h. von der Identifikation einer prähistorischen Kultur mit den Urbalten.

KORHONEN zitiert in seiner "Chronologie der Ursprachen des Finnischen" die An- sicht ARISTEs, derzufolge "die ostseefinnisch-baltischen Lehnkontakte ca. 2000 v. Chr. anfingen, als die wohl von baltischen Stammen getragene Streitaxtkultur im Ostseeraum erschien" (16). Diese Kultur sei zwar "durch nichts direkt an die bal- tischen Kontakte und das Ende des Frühurfinnischen geknüpft", es handele "sich le- diglich darum,dass die Forschungsergebnisse zweier verschiedener Wissenschaften aufgrund deren Wahrscheinlichkeit miteinander verbunden werden". Mit den Anfan- gen des Ackerbaus am Ende des dritten vorchristlichen Jahrtausends im "Wohnge- biet der finnischwolgaischen Völker" liege durch den gemeinsamen landwirtschaft-lichen Wortschatz der finnisch-permischen Völker das Ende der finnisch-permischen Zeit fest. Die Entlehnung aus dem Baltischen ins Finnisch-Wolgaische habe um das Jahr 1800 v. Chr. begonnen,so dass einzelne baltische Elemente noch das Wolga-finnische erreicht hätten (das Mordwinische weise 9-10, das Tscheremissische 4-5 Baltizismen auf). Das Ende der finnisch-wolgaischen Periode wird dementsprechend auf 1500 v. Chr. festgelegt. Als Ende der gemeinsamen lappisch-ostseefinnischen Periode wird die Wende vom zweiten zum ersten Jahrtausend angegeben, was sich mit der Tatsache vertrage, dass das Lappische immerhin 20 baltische Lehnworter aufwiese. Wahrend des vorhergegangenen Zeitraums von ca.1000 Jahren habe es jeweils verschiedene Grade der Kommunikationsfahigkeit gegeben (ähnlich bereits SZINNYEI 19).

Was die "Wahrscheinlichkeit" einer Kausalbeziehung zwischen zwei Phänomenen der Vorgeschichte einerseits und der historischen Sprachwissenschaft andererseits betrifft, muss man sich folgendes vergegenwärtigen.


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Wenn es nur darum ginge, dass eine sicher datierbare archäologische Kultur mit dem zweifelsfrei für den nämlichen Zeitpunkt anzusetzenden Beginn der Aufspal- tung einer Sprachgemeinschaft in Beziehung gebracht wird, könnte man in der Tat von einer gewissen Wahrscheinlichkeit eines Zusammenhanges sprechen, voraus-gesetzt, es liegen Erfahrungswerte für solche Koinzidenzen vor, dem nur dann lässt sich die Verwendung des Begriffes "wahrscheinlich" rechtfertigen. Wenn man einmal die Überlegungen KORHONENs bezüglich der Aufspaltung der finnisch-permischen bzw. wolgafinnischen Gruppen akzeptiert, kommt für den Zeitpunkt der Entstehung der beiden Schwestersprachen Urlappisch und Urostseefinnisch prinzipiell das ge- samte erste vorchristliche Jahrtausend“ in Betracht. Die Unterschiede zwischen dem belegten Finnischen und dem belegten Lappischen können nicht zugunsten eines frühen Zeitpunktes der Auflosung ins Treffen geührt werden, da es keinen verbind-lichen Massstab dafür gibt.Gemessen an zweitausend Jahren finnischer Sprachge-schichte müsste der Ubergang vom Althochdeutschen zum Frühneuhochdeutschen nicht vierhundert,sondern viertausend Jahre gedauert haben.Wie rasant eine grund- legende Um- gestaltung ablaufen kann,zeigt das Mittelpersische, das nach wenigen Jahrhunderten geradezu einen von dem des Altpersischen abweichenden Sprachtypus repräsentiert.

Damit das Argument der Wahrscheinlichkeit einer Beziehung der in Rede stehenden Ereignisse zum Tragen kommen kann, muss man die baltischen Elemente des Ur- ostseefinnischen und des Urlappischen, die noch gemeinsame Merkmale reflektie- ren,hinzuziehen.Dann kann man unter Benutzung einer Zusatzhypothese auf archä- ologischer Seite, der Identifikation der Streitaxtler mit den Sprechern des Urbaltis- chen, eine Kausalbeziehung zwischen dem Auftreten dieser archäologischen Kultur und dem Phänomen der Aufspaltung der gemeinsamen Grundsprache der Lappen und Ostseefinnen als Schlusshypothese formulieren.

[HM: Vasarakirveskieli ei ole ollut kantabalttia: se ei ole ollut kaikkien nykyisten- kään balttikielten kantamuoto,itse asiassa se ei ole MINKÄÄN nykyisen kielen kielen kantakieli, ei edes latviakielten kantamuoto. Seeli, goljadi ja kuuri voisivat olla sen jatkeita, mutta latviakielistäkään zemgalli ja latgalli eivät. Liettua ja latvia ovat arkaaisempia, lähempänä kantabalttia kuin vasarakirveskieli.]


16. Die Feststellung, dass "sich die Grundfunktion des dem [franzö-sischen] Teilungsartikel entsprechenden wepsischen sprachlichen Zeichens nach Ausweis der Einzelsprachen schon in gemeinostseefinnischer Zeit, also spatestens zum Ausgang des ersten nachchristlichen Jahrtausends herausgebildet haben" muss, wird in Linguistica Uralica XXVII (68) eigenartigerweise als die Aussage, das Urostseefinnische "habe sich spätestens zum Ausgang des ersten nachchristlichen Jahrtausends herausgebildet", interpretiert und als "sprachlicher Lapsus: nach- pro vor-" gewertet. Tatsachlich ist nicht von der Herausbildung des Urostsee-finnischen, sondern von der des Partitivs und dem spätestmoglichen Ende der urostseefinnischen Periode die Rede.



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Es handelt sich hier also allenfalls um eine Wahrscheinlichkeit zweiten Grades, denn auch die Streitaxtkultur "ist durch nichts direkt" an die nachmaligen Balten "ge- knüpft", sondern Streitaxtler und historische Balten werden bestenfalls ebenso "nach der Wahrscheinlichkeit” miteinander verbunden",wobei aber mindestens zweieinhalb Jahrtausende überbrückt werden; esgibt jedoch keinerlei Evidenz dafür,dass zu dem fraglichen Zeitpunkt auf dem Territorium der Streitaxtkultur "Baltisch" gesprochen wurde. Theoretisch besteht zwar die Möglichkeit, durch eine Besonderheit der mate- riellen Kultur, die sich onomasiologisch in einer Sprache belegen lässt, eine Zuwei- sung einer Kulturschicht zu einer historischen Sprachgemeinschaft vorzunehmen, doch scheint es keine Beispiele für diesen Fall zu geben.Es besteht demnach nicht die geringste Aussicht, dass die Identitätshypothese jemals erhärtet werden kann. Andererseits ist es undenkbar, dass die Folgerungen mit den Fakten in einer Weise kombiniert werden konnten, die die Grundannahme entbehrlich machen würde, d.h., nicht einmal der Status einer Arbeitshypothese ist zuzubilligen. Die Rezeption der mit einer solchen Voraussetzung belasteten Ergebnisse kann den Germanisten nicht zugemutet werden.

§ 9. Die Hypothese, dass die Kontakte mit dem Baltischen am Anfang des 2. vor- christlichen Jahrtausends be- gannen, kontrastiert im übrigen mit der Meinung, dass erst nach 2000 v. Chr.,"vermütlich um 1500 v.Chr.",überhaupt die Ausgliederung des Baltoslawischen aus dem Verband der europäischen Indogermania stattfand (LAM- PRECHT 14 bzw. 192). Die Ausgliederung des Urslavischen wird Von LAMPRECHT zwischen 700 und 200 v.Chr. datiert. Demnach konnten die baltischen Elemente des Ostseefinnischen, die ja etwa im Vokalismus ein klares baltisches Gepräge zeigen, nicht vor der Mitte des 1. Jahrtausends übernommen worden sein.


17. "Nach der Wahrscheinlichkeit" müssten z.B. die Träger der mittelasiatischen Kultur,deren Sprache als Tocharisch bekannt ist, entweder Sprecher eines türkischen oder eines iranischen Idioms sein. Tatsachlich handelt es sich beim Tocharischen um eine "westindogermanische" Kentum-Sprache.


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Man kann natürlich die Realität eines Baltoslavischen leugnen - zu widerle- gen ist diese Annahme prinzipiell nicht - ,was aber eine zusätzliche Prämisse bedeutet, die die gesamte Konzeption belastet.

COLLINDER hat allerdings versucht, einen alteren, Vorbaltischen Reflex im Ostsee-finnischen nachzuweisen. Danach würden einige finnische Worter mit er/är statt zu erwartendem ir noch auf silbisches r der Gebersprache schliessen lassen. Von den betreffenden Wörtern sind jedoch immerhin drei durch ein anlautendes  h gekenn- zeichnet: fi. herne ‘Erbse’ (vgl.lit. žirnis), fi. herhiläinen ‘Hummel’ (lit. širšuo usw.), fi. härkä ‘Ochse’ (lit. žirgas ‘Pferd’). Die letztgenannte Zusammenstellung wird von SKES in Frage gestellt; eine Vermittlung der Bedeutungen über ‘Zugtier’ scheint in- dessen angesichts eines litauischen arklys ‘Pferd’ (zu einem Wort fur ‘pflügen’) plausibel. Die erwartungsgemasse Vertretung des baltischen ir trotz h- zeigt hinge- gen hirvi ‘Elch’,das zu apr. sirwis ‘Reh’ gestellt wird. Hier konnte man zur Not eine nachträgliche Umgestaltung eines älteren *härvi/härve- nach hirveä ‘schrecklich’ annehmen. Das Problem erledigte sich, wenn man im Gefolge von KATZ (1990) fi. hirvi ‘Elch’ mit dem germanischen Wort fur ‘Stier’ (got. stiur usw.) verbindet, das nach HOFSTRA auch das Etymon von fi. teuras ‘Schlachtvieh’ ist (s. § 51).

Umgekehrt zeigt fi.käärme ‘Schlange’ den in Rede stehenden Reflex (vgl. lit. kirmis ‘Wurm’), wogegen fi.kirves ‘Axt’ (lit.kirvis) die Normalvertretung aufweist.Hier konn- te wiederum Angleichung an kääriä ‘wickeln, winden, umhüllen’ vorliegen. Auf jeden Fall lässt sich konstatieren, dass är (bzw. äär) gegenüber baltisch ir nur bei einem voraufgehenden h oder k zu beobachten ist, womit sich die Erklärung COLLINDERs erübrigt. Es ware überdies hochst eigentümlich, dass nur Entlehnungen mit silbis- chem r des Vorbaltischen, aber keine mit silbischem l oder Nasal vorliegen würden.


§ 10. HOFSTRA bezeichnet KORHONENs Datierung als "einstweilen die beste zeit- liche Festlegung des Endes der osfi.-lp. Spracheinheit" (1985,371),begründet jedoch seine Ansicht nicht niiher. Offenbar genügt ihm für diese Einschatzung der Umstand, dass KORHONENs Datierung "die Mitte zwischen den friihen und den extrem spaten Datierungen" halt (1.c.,zu abweichenden Meinungen s. ebd.).


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Wenn man Von der Unsicherheit absieht, die darin besteht, dass die Heimat der fin- nisch-permischen Grundsprache in das Gebiet verlegt wird, in dem der Ackerbau um 2000 begann, ist es, wie dargelegt, vor allem die Identifizierung von Streitaxtleuten und Sprechern des Urbaltischen, die Reserviertheit gegenüber den Überlegungen nahelegt. Die Gleichsetzung der Trager einer archäologischen Kultur mit einer Ursprache, deren Abkommlinge erst seit dem ausgehenden Mittelalter auf dem in Rede stehenden Territorium nachzuweisen sind, erheischt ein Eingehen auf die Problematik der Verbindung von Archäologie und Paläolinguistik.

Das Problem der Identifikation Von prahistorischer Kultur und Sprachgemeinschaft fasst der Prahistoriker LEYDEN in Worte, wie sie treffender schwerlich gewahlt werden können:

"Vergegenwärtigen wir uns,dass die Begrifie Germanen,Slawen,Indogermanen usw. zunächst sprachlicher Art sind, so ist uns klar: der Gebrauch der gemanischen Spra- che als Muttersprache ist eine Mindestvoraussetzung, um den Namen ‘Germanen’ beanspruchen zu können.Wer die Träger einer urgeschichtlichen Kultur mit solch ei- nem Namen belegt, erweckt damit also gegenüber Vertretem anderer Wissenschaf- ten den Anschein, als meine er eine Sprachkontinuität van der Zeit jener Kultur bis zu der Zeit, aus der uns die betreffende Sprache überliefert ist. Eine solche Sprach-kontinuität ist jedoch nur mit sprachlichen Mitteln, etwa mit Hilfe von aufgefundenen Sprachdenkmälern oder van 0rts- und Flussnamen oder dgl. festzustellen. Mit Mit- teln der Urgeschichtsforschung ist sie bestenfalls mehr oder weniger wahrscheinlich zu machen:Je mehr sonstige Kontinui-tätslinien sich feststellen lassen, desto grosser ist die Wahrscheinlichkeit auch einer Sprachkontinuität”!


18. Der Schuss Von der archäologischen Kontinuitat auf die Kontinuität der Sprache findet sich bei SALO (1984). Im Resümee heisst es: "Seit der spätneolithischen Zeit scheint die Besiedlung sich lückenlos an der Küste fortzusetzen,was auch für die Kontinuitat in der Sprachgeschichte spricht;der Ursprung der finnischen Bevölkerung ist nicht aus der angenommenen Einwanderung nach der Zeitenwende herzuleiten" (190).


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Es ist a priori nicht auszuschliefien, dass sich Reprä-sentanten einer prähistorischen Kultur auf mehrere Sprachen verteilen, wie umgekehrt eine Sprachgemeinschaft verschiedenen Kulturen zugeordnet sein kann.

Wenn man für "Kultur" einmal von neuzeitlichen Verhältnissen ausgeht, so sind Bas- ken und Sorben doch wohl auch Reprasentanten der spanischen bzw. deutschen materiellen wie geistigen Kultur - und waren es auch vor dem Stadium der generel- len Zweisprächigkeit -, obwohl natürlich auch von einer baskischen und einer sorbis- chen Kultur gesprochen werden muss.Auch KORHONEN sieht keinen unbedingten Zusammenhang zwischen archäologischer und sprachlicher Entität. Er stellt fest, dass es auf dem Gebiet ein und derselben Sprache mehrere verschiedene Kulturen geben konne und auf dem Gebiet ein und derselben Kultur mehrere verschiedene Sprachen und dass sich ebenso die sprachlichen Verhaltnisse eines Gebietes än- dern konnen, ohne so "dramatisch" abzulaufen,dass sie archäologisch nachzuwei- sen wären (1984, 66). Dass in einem ökologisch identischen Gebiet die archäolo-gischen Spuren z. B. einer Migration minimal und damit schwer nachweisbar sind, betont auch VERES (373). Ebenso spricht BIRKHAN nur Von der Möglichkeit eines Zusammenfalls von "archäologischen Formenkreisen und sprachlichen und ethnischen Gruppierungen" (1970, 108).

Man konnte mithin bestenfalls davon ausgehen, dass z.B. Träger der Jastorf- kultur Germanisch gesprochen haben bzw. Germanisch sprechende Individuen an der Herausbildung der Jastorfkultur beteiligt waren.

Eine ähnliche Position nimmt RAMAT ein, der unter Berüfung auf WAHLE konsta-tiert: "Zwar kann ein Bevölkerungs- und somit auch ein Sprachwechsel stattfinden, ohne dass diesbezüglich archäologische Spuren hinterbleiben, und umgekehrt muss eine Anderung des Kulturtyps nicht unbedingt von einem Bevolkerungswechsel be- gleitet sein" (1976, 24). Die Einschrankung bestehe im folgenden: "Andererseits wirft aber doch eine dokumentierte Umgestaltung des archäologischen Tatbestandes ei- ner bestimmten Gegend unvermeidlich die Frage auf, ob nicht eine solche Verande- rung durch einen ethnischen Wandel verursacht oder mitverursacht ist,der notwendi- gerweise auch sprachliche Rückwirkungen gehabt haben muss" (1.c.). Die Ansicht JÖRGENSENs, "dass Kultur, Stamm und Sprache verschiedene Dinge und daher streng zu trennen seien",mag "bezüglich des Ursprungs der Nordfriesen" - jedenfalls was die Folgerung anlangt - "unter einem übertriebenen Skeptizismus" leiden (RAMAT l.c.), grundsatzlich ist JÖRGENSEN aber beizupflichten.


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Es stellt sich nun die Frage, was prazise unter "Kultur" zu Verstehen ist. KOSTR-ZEWSKI geht bei der Diskus- sion des Verhältnisses von urgeschichtlicher Kultur zu Sprachgemeinschaft von folgender Definition aus:

" Als archäologische Kulturen bezeichnen wir Komplexe typischer Formen der Keramik,der Bewaffnung, der Geräte, der Schmucksachen, der Bauweise, der Wirtschaft, der Bestattungssitte und andere Erscheinungen der maleriel- len, geistigen und sozialen Kultur, die in der gegebenen Periode auf einem geschlossenen Gebiet auftreten" (5).

Das Merkmal "typisch" entscheidet offenbar darüber, ob zwei Kulturen als verschie- den angesehen werden können oder ob man mit zwei Varianten ein und derselben Kultur zu operieren hat. Die Prähistoriker mögen sich für ihre Zwecke eindeutige Kri- terien erarbeitet haben. Für den Linguisten stellt sich aber für den Fall einer ein ein- deutigen Relation zwischen Sprache und Kultur das Problem des Sprach(en)wan- dels. Was passiert mit der Kultur, wenn sich die Sprache andert? Beginnt der Kultur-wandel überhaupt mit den Veränderungen im Sprachsystem oder ist nicht umge- kehrt immer der Kulturwandel das Primäre? Fraglich ist auch das Verständnis von "Sprache".

Was heisst es, wenn einer bestimmten Theorie zufolge die Urostseefinnen mit den Kammkeramikem in Verbindung gebracht werden? Dann würden die Träger dieser prähistorischen Kultur eine Sprachform gehabt haben, die sich nach der gängigen Charakteristik der Handbücher zunächst nur durch eine Reihe von lautlichen Beson- derheiten vom Urlappischen unterscheidet. Handelt es sich aber bei einem Idiom, das sich durch ein  h  anstelle eines  š  in genetisch identischen Wortern von einem Verwandten unterscheidet,notwendigerweise um eine andere Sprache? Aber auch wenn man die Morphologie berücksichtigt, etwa im vorliegenden Fall das erweiterte Kasus-system des Urostseefinnischen als Kriterium hinzuzieht, wird sich die Frage nicht in eindeutiger Weise beantworten lassen.


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Die genannte Identifikation bedeutet demnach linguistisch nicht mehr, als dass die Kammkeramiker das Heu mit *haina  (fi. heinä) benannt haben, während Vertreter einer benachbarten Kultur dafür zumindest eine Zeitlang *šajna gesagt haben. Un- ter Benutzung des üblichen Terminus für die gemeinsame Grundsprache von Ost- seefinnen und Lappen konnte man die Kammkeramiker dann als  h-Frühurfinnen an den š-Frühurfinnen absondern 19. Umgekehrt kann aber, wie oben bemerkt würde, ein Idiom, das aufgrund anderer Merkmale schon als "Ostseefinnisch" vom Lappis- chen hätte geschieden werden müssen, noch lange ein *šajna gekannt haben.

[HM: Tämä ei käy "rajapyykiksi": hainat, heinät sainat ja suoidnat ovat balttiperäisiä ja tarkoittavat alun pernin KYLVETTYÄ heinää.

Kantabalt(oslaav)in "kylväminen" on "maattamista" juuresta *zem- = maa

*
žem-ti (*žem´a,*žeme), josta sitten tulee mm. liettuan sėti (sėja, sėjo) = kylvää, šiena = heinä, sėmuõ,-eñs = siemen,latvian preussin semen = siemen,venäjän sejat´, latinan  sēmen  = siemen jne.]

Bei der Definition Von "Sprache" könnte man sich für den vorliegenden Zweck auf das Kriterium der Verständigungsmöglichkeit einigen, obwohl auch diese eine relati- ve Grolie ist, zumal bei genetisch verwandten Sprachen. Von dieser Moglichkeit macht KOSTRZEWSKI Gebrauch.Es gebe "eine ganze Reihe von archäologischen Kulturen, die auf dem ganzen Gebiet ihrer Verbreitung einen auffallend einheitlichen Charakter aufweisen". Als mögliche Ursache für diese Einheitlichkeit wird nur eine genannt, nämlich: "dass die Volker, die Trager dieser Kulturen sind, nahere Bezie-hungen zueinander unterhielten, vielleicht gemeinsame Markte und Kultplatze besassen" , und weiter wird gefolgert:

"Solche nahen Beziehungen im Bereich eines Volkes mit einer identischen oder ähnlichen Kultur waren nur möglich, wenn dieses Volk eine leichtere Verständi-gungsmög- lichkeit untereinander als mit den Nachbarwölkern besass, d.h. eine gemeinsame Sprache hatte, obwohl sie in Dialekte eingeteilt sein konnte".

Dabei wird immerhin eingeraumt, dass es vorkommen könne, "wofür K. Moszynski einige Beispiele angeführt hat,dass mehrere gleichzeitig existierende Volker, die ver- schiedene Sprachen sprechen, eine gemeinsame Kultur besitzen". Dieser Umstand würde jedoch grundsätzlich nichts ändern, denn es handele sich um "seltene Aus- nahmen, die durch einen starken Einfluss der Kultur eines Volkes auf die Kultur des Nachbarvolkes zu erklaren sind. "


19. Bei Verwendung der oben erwähnten unbewiesenen, aber nicht falsifizierbaren Behauptung über das genetische Verhältnis von Slavisch und Baltisch liesse sich die Ursache der Auflösung der "frühurfinnischen" Sprachgemeinschaft mit "Einfluss des š-Baltoslavischen" bezeichnen.


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KOSTRZEWSKI kommt zu dem Schluss:

"In der Mehrzahl der Fälle können wir jedoch annehmen, dass ein genau definierter archäologischer Komplex mit geschlossener Verbreitung einer in der betreffenden Zeit entstandenen ethnischen Einheit entspricht".

Bei diesen Überlegungen wird aber ganzlich das Phä- nomen der Zweisprachigkeit in Grenzgebieten ignoriert. In der Kontaktzone zweier Sprachgebiete versteht man sich. Die bilinguen Individuen können Kulturelemente übernehmen und sie an ihre weiter entfernten Sprachgenossen weitergeben. Ausserdem erscheint es nicht abwe- gig, dass es auch in prähistorischer Zeit gelegent- lich zu so etwas wie einer lingua franca gekommen sein kann.

§ 11. Eine andere Sachlage ergibt sich, wenn literarische ethnographische Quellen für das fragliche Gebiet vorliegen. "Grundsätzlich ethnischen Begriffen in dem gut durch schriftliche Berichte (z.B. im Falle der Quaden) erfassten historischen Milieu auszuweichen,wäre ein hyperkritischer Standpunkt" (PIETA 207). Aber mit der Iden- tifizierung eines literarisch bezeugten Ethnos ist noch nicht unbedingt etwas für die sprachliche Zugehörigkeit gewonnen, da man selten mit Sicherheit feststellen kann, welche Merkmale in den Quellen die Grösse "Volk" bestimmen. Angenommen, Taci- tus’ Aestii lassen sich aufgrund der Angaben des Autors mit einer bestimmten ar- chäologischen Kultur des Baltikums identifizieren - waren es dann Germanen, Bal- ten oder Ostseefinnen? Vielleicht waren die Aestii auch ein Zusammenschluss von Balten und Ostseefinnen? Für das Friesische der römischen Epoche charakterisiert RAMAT das Problem der "Gleichsetzung von archäologischen und linguistischen Fakten" überzeugend:

"Wir haben für diese Periode geschichtliche, nicht etwa vorgeschichtliche Individua-litiät (die der Frisii) und andererseits eine ziemlich genaue archäologische Facies für das Gebiet, von dem wir sicher wissen, dass es von den Frisii besiedelt war. Es liegt nun die Hypothese sehr nahe, gerade die Frisii hätten diese kulturelle Facies mit der beschriebenen Keramik geprägt. Die Gedankenführung ändert sich jedoch sofort, wenn man daraus ableiten will, dass die Frisii im sprachlichen Sinne germanische Friesen sind, Rekonstruktionsmöglichkeiten der Archäologie übertreffen, da wir eine nicht bewiesene Tatsache als gegeben annehmen, nämlich dass die Frisii germanisch sprachen" (25).

Um wieviel diffuser werden die Konstellationen, wenn man - wie es fur die germanisch-ostseefinnischen Kontakte gemacht wird in die Bronzezeit zurückgeht!

PIETA fasst in dem Kapitel über das "Problem der ethnischen Zugehörigkeit der Púchov-Kultur" (207-213) seine Diskussion der einzelnen Theorien wie folgt zusammen:

"Diese kurze Übersicht der Problematik der ethnischen Zusammensetzung der Púchov-Kultur wies darauf hin, dass nach dem gegenwärtigen Forschungsstand die Besiedlungsgrundlage aus ursprünglicher postlausitzischer Bevölkerung bestand, die von Siedlergruppen mit der Laténe-Kultur überschichtet wurde. Hypothetisch kann vorausgesetzt werden, dass es Reste der keltischen südwestslowakischen Be- völkerung waren, die im Norden unter dem Namen Kotiner auftreten. Wahrschein- lich las- sen sich auch die dakischen Elemente vom Beginn der römischen Kaiserzeit als Verschiebung der Bevölkerungsreste aus dem südlichen Randgebiet tiefer in das Zentrum des Púchov-Gebietes interpretieren, wo sie jedoch rasch assimiliert würden".

Hier treten als Konstituenten einer prähistorischen Ein- heit, die als "Kultur" bezeich- net wird,Ethnika auf,deren Etikette zunachst Bezeichnungen für Sprachen sind: "kel- tisch", "dakisch". Dazu kommt die lingua ignota der "postlausitzischen Bevölkerung".


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Konfrontiert man dieses Ergebnis mit KOSSINNAs Feststellung, "streng umrissene, scharf sich her aushebende,geschlossene archäologische Kulturprovinzen fallen un- bedingt mit bestimmten Völker- oder Stammesgebieten zusammen" (21), muss man schlussfolgern, dass es entweder zweierlei Arten Von archäologischen Kulturen gibt, "streng umrissene" und andere, zu denen dann die Púchov-Kultur gehören muss, oder aber dass "Volk" oder "Stamm“ nicht mit Sprachgemeinschaft gleichzusetzen ist, oder ursprünglich linguistische Termini wie "keltisch", "dakisch" bei PIETA nur mehr Bezeichnungen für kulturelle Einheiten sind, die nach verwandten Kulturen benannt sind,wobei nicht notwendig die Trager dieser Kultur das Idiom des Ursprungsgebietes gesprochen haben müssen.

Schwierigkeiten mit der Konzeption einer eineindeuti- gen Relation zwischen archäo- logischer Kultur und Sprachgemeinschaft hat man auch bei anderen Angaben in der Fachliteratur. Die von Herodot erwähnten Neurer werden aufgrund einer Etymologi- sierung ihres Namens als Balten identifiziert. Den Volkernamen findet man in Fluss- namen des baltischen Siedlungsgebietes wieder. Die herodoteischen Neurer, denen skythische Lebensweise und skythische Sitten zugeschrieben werden, identifiziert man nun mit der Milogrady-Kultur im südlichen Wessrussland und in der Westukraine (GIMBUTAS 109 ff., PЫBAKOB 146 f., 191).

Nach GIMBUTAS hatte noch in der mittleren Bronzezeit die "baltische Kultur", worunter die Autorin Sprecher des Baltischen versteht, ihre grosste Ausdehnung. Sie erstreckte sich vom Südural trichterformig bis zur Oder im Westen, bis zu den Karpaten und den Pripjatsümpfen im Süden und bis Südfinnland im Norden (76).

Dies ware nach der Zeitrechnung von GIMBUTAS der Zustand etwa bis zum Jahre 1100 v. Chr., dem Beginn der "spaten" Bronzezeit, von dem an das Territorium der "baltischen Kultur" im Norden bis auf die historische Verbreitung schrumpft (77).

Da die in Rede stehende Kultur auf das Dnjepr-Pripjat-Gebiet beschrankt ist, werden die Neurer bzw. Träger der Milogrady-Kultur als "Ostbalten" von den übrigen ge- schieden (l.c.). Wir hatten es hier also mit einer archäologischen Kultur sui generis zu tun, die aber mit einer anderen Kultur bzw. anderen Kulturgruppen (West- bzw. Küstenbalten) die Sprache teilen würde. Man könnte natürlich annehmen, dass die Sprache der Ostbalten ein eigenstiindiger Dialekt des Baltischen war. Dann ist man wieder bei der Frage angelangt, wie gross denn die sprachlichen Unterschiede sein müssen, damit sie sich in einer Weise in der materiellen Kultur niederschlagen, die archäologisch nachweisbar ist. Aber auch die Ostbalten müssten noch differenziert sein, denn GIM- BUTAS will auch die nach Herodot östlich von den Neurern anzusiedelnden Budiner für das Baltentum in Anspruch nehmen (116).


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Diese werden aber mit der Juchnovo-Kultur identifiziert (GIMBUTAS l.c.; PЫBAKOB 191). PЫBAKOB zahlt sogar noch die nordlich von den übrigen "Ostbalten" anzusie- delnden Androphagen hierher (188) - in den Neurern,die ebenfalls als Repräsentan- ten einer gesonderten archäologischen Kultur angesehen werden,sieht er jedoch die Slaven (191).


§ 12. Die Verquickung Von archéiologischer und linguistischer Evidenz ist schon verschiedentlich bemangelt worden. So stellt HACHMANN fest:

"Eines allerdings muss klar sein: Jede «gemischte» Argumentation muss selbst bei exemplarischem Vorgehen zu einem im ganzen unbrauchbaren Ergebnis führen! Der Archäologe muss wissen, dass er seine Quellen nur mit den ihnen adäquaten Methoden bearbeiten darf. Er muss ferner wissen, dass bei der Auswertung archäo-logischer Quellen nur «archäologische» Argumente gelten dürfen.Wehe dem Archä-ologen, der vorschnell nach der Geschichtsforschung oder nach der Germanistik schielt und dort seine Beweise finden möchte... Genauso schliesslich muss der Phi- lologe wissen, dass seine Quellen ihre spezifischen Methoden beanspruchen. Wehe dem Germanisten, der sich seine Beweise beim Archäologen oder beim Historiker holen möchte, wo sie nie sein können" (11).

Es ist freilich nicht so, dass solche Bedenken nicht zur Kenntnis genommen werden bzw. nicht von vornherein vorhanden wären. Einschlagige Aufierungen werden dann "mit allem Vorbehalt" oder der Versicherung "grundsatzlicher Skepsis" gemacht; bei den Schlufifolgerungen geraten die Pramissen dann allerdings oft in Vergessenheit.

Ein Musterbeispiel ür die Verfilzung von prahistorischen und Sprachwissenschaft-lichen Argumenten ist eine Stelle aus MAKKAYs Schrift über das Neolithikum in Ungarn (1982, 83). Er betont die immense (ung. óriáisi ‘riesig’) Hilfe, die der Vor- und Frühgeschichte für das Verständnis des Wesens Von Kulturgruppen von der historischen Sprachwissenschaft zuteil werden könne.


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Dies trafe auch im Falle des mitteleuropaischen Neolithikums zu, und hier sei es HARMATTA, der - vom prähistorischen Gesichtspunkte her geurteilt - bei der Erfor-schung der altesten Geschichte der indogermanischen Sprachen am weitesten vor- angekommen sei. Für das Verständnis der neolithischen archäologischen Kulturen des Karpatenbeckens, des Balkans und allgemein der Gebiete Osteuropas sei besonders hilfreich, dass HARMATTA nicht mit "abstrakten Kategorien" arbeite, sondern sich der modemen Ergebnisse der südosteuropäischen Vor- und Frühgeschichte bediene!


Ein ähnlich liegender Fall betrifft das Alter der germa-nischen Entlehnungen im Ost- seefinnischen, wobei be- sonders bedeutsam ist, dass es sich im folgenden um Bei- trage zu einem Symposium handelt.KOIVULEHTO schlisst das Resumee mit folgen- den Worten ab: "The earliest loans date back at least to the Nordic Bronze Age (approx. 1500-500 B.C.).

This is strongly supported by archaeological evidence" (1984, 205). SALO wiederum beruft sich bei seiner Behauptung, dass an der finnischen Kuste "der Ursprung der finnischen Bevolkerung ... nicht aus der angenommenen Einwanderung nach der Zeitenwende herzuleiten" sei und dass es "wahrscheinlich schon in der Mitte des 2. Jahrtausends" eine erste "Einwanderungswelle" gegeben habe (190), u.a. auf KOIVULEHTOs Datierung der frühen germanischen Lehnworter in die beginnende Bronzezeit und eine frühere Periode (186 mit Anm. 58)”.


§ 13. Die Forderung,den sprachwissenschaftlichen Befund mit den archäologischen Gegebenheiten in Einklang zu bringen, ist unberechtigt.

"Die Freiheit,unbeeinflusst mit seinem eigenen Instrumentarium zu arbeiten",die sich daraus ergebe, dass "die Erkenntnisse der Sprachhistoriker und der Archäologen nicht recht zur Deckung zu bringen" sind - so die FROMMsche Formulierung einer Bemerkung T. ITKONENs (FROMM 1976, 214) - , ist auch im gegenteiligen Fall zu gewähren.

20. Fur den Laien nicht einschätzbar ist zudem die Sicherheit eines argumentume silentio in der Vor- und Frühgeschichte.Wie stichhaltig ist z.B.das von HARMATTA zugunsten der Autochthonie des Hethitischen ins Treffen geführte Argument, dass die Einwanderung eines neuen Volkes in dem fraglichen Gebiet archäologisch nicht zu verifizieren sei (s. KORENCHY 29)?


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Der Sprachhistoriker muss in jedem Fall "mit seinem eigenen Instrumentarium" ope- rieren bzw.die seinem Gegenstande angemessenen Beweismittel verwenden“,eben- so wie der Mathematiker seine Sätze auf der Basis der Von ihm gewühlten Axiome und Schlussverfahren vornimmt, obwohl der Behauptung physikalische Realität zu- kommt und der Physiker sein mathematisches Modell erst durch den experimentel- len Nachweis als zutreffend ansieht. Es wäre doch ein Unding, ein linguistisch zwin- gendes Ergebnis, das im Widerspruch zu archäologischer Erkenntnis steht, deswe- gen zu verwerfen,weil sich bisher linguistischer und archäologischer Befund deckten. Dann war dieser Tatbestand eben akzidentiell. "Eine Sprache ohne Sprecher" ist im übrigen durchaus nicht "misslich" (FROMM 1986), sondern es gehört zum Wesen der rekonstruierenden linguistischen Disziplin, dass sie eine Sprache "ohne Spre- cher" - i.e. mit historisch nicht identifizierbaren Sprachtragern - zum Gegenstand haben kann. Die Frage der Identifizierung einer Kulturgruppe ist in wissenschaftlichem Niemandsland angesiedelt.

Archaologe und Sprachhistoriker werden zwangslaufig zu Dilettanten, wenn sie dar- an gehen, eine prahistorische Kultur mit einer rekonstruierten Sprache zu identifizie- ren. Die vermüteten Gesetzmässigkeiten zwischen Sprachwandel und prähistoris- chem Kulturwandel überschreiten hinsichtlich des methodologischen Rustzeugs die Grenzen der jeweiligen Wissenschaft und zwar in Richtung auf eine dritte eigenstän- dige Disziplin, die allenfalls innerhalb einer historischen Soziologie anzusiedeln wä- re. Fraglich ist aber,woher eine solche Disziplin ihre Daten beziehen sollte (vgl.§ 18).

§ 14. Die Behauptung,dass sich die entsprechend den Definitionen ergebenden prä- historischen Kulturgrenzen immer mit Sprachgrenzen decken, ist natürlich mit histo- rischer Evidenz nicht zu falsifizieren.Aber auch wenn man annimmt,dass zu einer ur- geschichtlichen Sprachgemeinschaft notwendigerweise eine distinkte Kultur gehört, bleibt es fraglich,ob es nun gerade die aufgrund des archäologischen Befundes abgesteckten Kultureinheiten sind, die mit diesen durch das gemeinsame Verständigungsmittel bedingten Kulturgemeinschaften zusammenfallen.


21. Das heisst nun freilich nicht, dafi sich der Sprachhistoriker bei seiner Arbeit nicht archäologischer Erkenntnisse bedienen kann (vgl. § 83 ff.).

22. Auch BIRKHAN bezweifelt, ob "die ethnologischen Erfahrungen aus rezenter Zeit sowie Beobachtungen fiber das Ineinanderspielen Von Dialektentstehung politischer Geschichte in neuerer Zeit" auf prähistorische Verhältnisse iibertragbar sind (1970, 102).


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Die Zuversicht KYLSTRAs, dass etwa die Frage der gotischen Lehnwörter mit Hilfe der Archäologie zu lösen sei (1961, 176), scheint unbegründet.

Über genaue Kenntnisse der sprachlichen Landschaft Finnlands im letzten vorchristlichen Jahrtausend verfiigt MEINANDER:

" ... an den Küsten eine skandinavisch gefärbte Bronze-zeitkultur mit Steinhügelgrä- bern, Bodenbau und skandinavischen Bronzen, im Binnenland die textilkeramische Sarsa-Gruppe 23 und ihre Nachfolger, im Norden die Lappen.

Die Sprachen dieser Gruppen waren immer urfinnische Dialekte, ..." (371), wobei of- fengelassen wird, was es bedeuten könnte, dass diese Sprachen nicht "immer" urfin- nische Dialekte waren. Aüsserst kritisch beurteilt MEINANDER die Vorstellungen der traditionellen Finnougristen:

" Finnisch-Ugrisch oder Ugro-Finnisch ist ein konstruiertes, sprachwissenschatliches Fachwort, das eine Gruppe von miteinander verwandten Sprachen in Nordosteuropa bezeichnet. Man kann auch die Menschengruppen, die diese Sprachen sprechen, Finno-Ugrier nennen.

Das ist eine Parabel
von derselben Art, wie «lndogermanen». Die Philologen sind davon überzeugt, dass der sprachbestimmende Teil dieser Völkerschaften einmal eine sprachlich, wahrscheinlich auch eine rassisch, kulturell und geographisch ein- heitliche Gruppe bildete, und dass es somit berechtigt wäre, von einem Urvolk and von seiner Urheimat zu reden, also von jener Gegend, wo das Urvolk zuletzt eine geschlossene Einheit bildete.

Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass diese Begriffe nur Fiktionen sind. Hier möchte ich doch davon ausgehen, dass das allgemein anerkannte Modell der Wirk- lichkeit entspricht, und dass es somit rational ist, vom Ursprung der Finno-Ugrier zu reden.

23. Bei der Sarsa-Gruppe handele es sich um eine an der südwestlichen Küste und an Binnenseen Finn- lands, in Karelien und im Kargopol-Gebiet angesiedelte Kultur, die in Spuren auch in Estland nachzuweisen und deren Beginn um 1200 v. Chr. festzulegen sei.


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Auch wenn wir diese Frage befriedigend beantworten kannen, ist der Problemkom- plex der Ethnogenese noch nicht gelöst. Jedes finnougrische Volk hat seine eigene Ethnogenese, ist als Resultat eines historischen Prozesses entstanden, wobei die heutige Sprache vielleicht nicht dem biologischen Ursprung entspricht. Man hat z.B. behauptet, dass etwa 70% der Gene des heutigen finnischen Volkes von allgemein- europdischem Ursprung sind.Für die Esten ist dieser Prozentsatz noch höher. Urhei- mat, sprachliche Zugehörigkeit und Ethnogenese sind also nicht synonyme Begrifle " (363).


Es verwundert zunächst, dass es für notwendig befunden wird, Teilnehmern eines Symposiums über die Ethnogenese europäischer Völker zu erklären, dass "finnisch- ugrisch" nicht etwa die Benennung einer existierenden Sprachgemeinschaft in einer konkreten Sprache ist, sondern "ein künstliches,sprachwissenschafiliches Fachwort". Dass diese "Parabel" auf der Ûberzeugung der "Philologen" beruhe, der "sprachbe-stimmende Teil dieser Völkerschaften" habe "einmal eine sprachlich, wahrscheinlich auch rassisch, kulturell und geogra-phisch einheitliche Gruppe" gebildet, entspricht nur teilweise den Tatsachen. Die unter Beachtung regelmässiger Lautentsprechun- gen und semantischer Plausibilität aus den Vertretungen der finnisch-ugrischen Ein- zelsprachen rekonstmierbaren Lexeme und Formelemente stellen eine so grosse Menge dar, dass es irrational wire anzunehmen, dass nicht ein hinreichend grosser Teil der Rekonstrukte zeitlich und räumlich koinzidiert hätten, d.h. etwa *kala ‘Fisch’ und *uje ‘schwimmen’ oder *wete ‘Wasser’ und eines der Lokativzeichen. Die An- nahme, dass die in Rede stehenden Elemente - oder wenn nicht diese 24, dann irgend-welche anderen - irgendwann und irgendwo zu einer Aüsserung "Der Fisch schwimmt im Wasser" - oder mit anderen Elementen eine andere - verwendet wur- den, gründet sich auf die Empirie bei belegbaren Tochter- und Grundsprachen, etwa im Falle der romanischen Sprachen und des Lateins.


24. Im Prinzip kann es sich natürlich z.B. im Falle *wete um eine sehr frühe Entlehnung aus dem Urindogermanischen bzw. Urarischen ins Ursamojedische, Urfinniseh-permische und Urugrische handeln.


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Ebenso wie das aus den romanischen Einzelsprachen rekonstruierbare Protoroma- nische in Annäherung das belegte Latein darstellt, kann eine nicht bestimmbare Un- termenge - die grösste der Mengen koinzidierender Elemente - der Gesamtheit der Rekonstrukte als die annahernde Darstellung eines konkreten prähistorischen Sprachsystems verstanden werden. Die Gesamt- heit der Rekonstrukte wird einer- seits mehr Elemente enthalten als das zu rekonstruierende System, da gemeinsame früheinzelsprachliche Bildungen nicht immer zu erkennen sind, andererseits erhebli- che Lücken aufweisen, da nicht alles in den belegten Einzelsprachen fortgesetzt ist. Ein Fall aber, dass sich historisch beleg- bare nicht - bzw. nicht unmittelbar - ver- wandte oder am Beginn ihrer Belegbarkeit nicht mehr als (umnittelbar) verwandt er- kennbare Sprachen durch gegenseitige Beeinflussung und gemeinsame Entlehnvor- gange so ähnlich geworden sind,dass sich bei Anwendung der etablierten Rekonst-ruktionsverfahren auf diese Sprachen gegen die historische Wirklichkeit eine konsis-tente, einer natürlichen Sprache isomorphe "Ursprache" ergeben hätte, ist bisher nicht bekannt”. Das Grundsprachenmodell andererseits hat sich bislang als widerspruchsfrei erwiesen.

Die Annahme einer durch einen bestimmten Teil der Rekonstrukte abgebildeten konkreten Sprache impliziert eine Sprachgemeinschaft und diese wiederum ein Areal, auf dem die in Annaherung fassbare Sprache gesprochen wurde. Es gälte mithin zu begründen, warum es sich bei diesen Referenten (! - s.o.) der Begriffe "Ur- volk" und "Urheimat" um "Fiktionen" handeln soll. Da nun die ohne Zweifel bestehen- de Möglichkeit einer Fehlrekonstruktion nicht gerade bei den Kulturwörtern in jedem Einzelfall angenommen werden muss,kann man auch gewisse Aussagen über den vermütlichen kulturellen Status der Sprachgemeinschaft machen. Dass diese Sprachgemeinschaft in bezug auf andere kulturelle Elemente auch "uneinheitlich" gewesen sein mag, ist damit nicht ausgeschlossen.


25. Man stelle sich einmal vor,dass sich von den slavischen Spra- chen nur das Neubulgarische erhalten hätte und von den übrigen keinerlei schriftliche Dokumente existieren würden und ebenso das Lateinische ohne schriftliche Überlieferung bis auf das Balkanromänische dem Germanischen hätte weichen müssen; würde sich dann mit dem üblichen Rekonstruktionsverfahren aus dem Bulgarischen, Rumänischen und Al- banischen, deren Gemeinsamkeiten man aufgrund der tatsächlichen Beleglage als Sprachbunderscheinung wertet,ein "Urbalkanisch" in der Art des Urgermanischen oder Urugrischen erschliessen lassen?


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Ebensowenig ist jemals bezweifelt Worden, dass die grundsprachliche Form des Satzes "Der Fisch schwimmt im Wasser" zu irgendeinem Zeitpunkt sowohl von "eu- ropiden" als auch von "mongoliden" Individuen mit muttersprachlicher Kompetenz geäussert Worden sein mag. “Urvolk", falls dieses Wort überhaupt einmal im sprach-wissenschaftlichen Zusammenhang benutzt wird, heisst nichts anderes als die Sum- me aller Individuen, die eine Sprache gesprochen haben,von der angenommen wird, dass ein Ausschnitt aus ihrem Zeichenvorrat durch einen Teil der Rekonstrukte an- nähernd abgebildet wird. Wenn also MEINANDER ankündigt,"wir setzen als Arbeits-modell von einem Urvolk herstammende Sprachfamilie bilden",verbindet er einen lin- guistischen Begriff unzulässigerweise mit einem Begriff "Urvolk" im Verständnis ei- nes Vor- und Frühgeschichtlers. Dass sich weder die Sprecher des Finnischen noch die des Ungarischen oder irgendeiner anderen verwandten Sprache in direkter Filia- tion von dieser prähistorischen Sprachgemeinschaft herleiten, ist jedem Finnougristen bewusst.

Die Belehrung,jedes finnisch-ugrische Volk habe seine eigene Ethnogenese, ist eine Platitüde,die Feststellung,dass "Urheimat,sprachliche Zugehörigkeit und Ethnogene- se Ungereimtheit. MEINANDER dänkt es,"dafl wir die finnisch-ugrische Frage nicht nach dem Stammbaum- modell mit Urvolk, Ursprache und einer Urheimat lösen kön- nen", meint aber, "es kann nicht unsere Aufgabe sein, ein neues philologisches Mo- dell vorzulegen" (372) - die erforderliche Kompetenz steht offenbar ausser Frage. Warum für die Lösung der "finnisch-ugrischen Frage" in der Vorgeschichte ein "neu- es philologisches Modell" notwendig ist, Wenn "sprachliche Zugehörigkeit" und “Ethnogenese" nicht ursachlich zusammenhängen, bleibt unerfindlich.

MEINANDER vermerkt noch: "... wir können nicht mit einem ungeeigneten Modell weiter spielen". Vielleicht stellt das folgende Modell ein für den Prahistoriker geeig- neteres Spielzeug dar. HAJDÚ hat 1978 den Teilnehmern des Wiener Internationa- len Linguistenkongresses "einen modernisierten Grundsprachenbegriff" präsentiert (99):"Die Uralistik hat ... auf die Rekonstruktion des synchronen Systems der Grund-sprache verzichtet und erklärt diese für eine Metasprache, die nicht als eine natürli- che Sprache aufzufassen ist; eher stellt sie eine abstrakte Verdichtung der Kenntnis- se Von der uralischen Sprachvergleichung dar" (l.c.).


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Die Formulierung "des synchronen Systems der Grund-sprache" kann schwerlich anders interpretiert werden, als dass auch die Avantgarde die reelle Existenz einer uralischen Grundsprache voraussetzt, jedoch von der Rekonstruktion ihres "synch- ronen Systems" Abstand nimmt. Dann ist es aber nicht "diese" (Grundsprache), die für eine Metasprache "erklart" wird, sondern der Begriff "Grundsprache" bekommt eine andere Auslegung.

Da aber eine "Metasprache" eine durch sie darzustellende "Objektsprache" impli-ziert,fragt sich,was mit der neuen Konzeption,in der zudem mit dem Grundsprachen- modell erzielte Ergebnisse "verdichet" werden, eigentlich gewonnen ist“. Dass die Summe aller Rekonstrukte ein Modell für die Grundsprache darstellt, hätten womög- lich sogar die Junggrammatiker unterschrieben. Es ist dies eine Selbstverständlich- keit, die nicht betont werden muss. Ein "hypothetisches, logisch fundiertes System ...,dessen Diasysteme bzw.Elemente dialektal und sprachgeschichtlich gesehen ver- schiedenartig aus- legbare Erscheinungen umfassen" (HAJDU l.c.), ist mit der Ände- rung "umfassen können" auch auf die traditio- nelle Grundsprachenkonzeption beziehbar. Im iibrigen ist die Standortbestimmung durch HAJDU offensichtlich nicht praxisorientiert.

Es wurden vor einem Jahrzehnt und werden noch im- mer Abhandlungen in Menge publiziert,die nichts von dem - wie die Formulierung HAJDÚs suggeriert allgemeinen - neuen Trend erkennen lassen. Auch der Aufbau des seit 1986 erscheinenden Ura- lischen Etymologischen Wörterbuchs der Ungarischen Akademie der Wissenschaf- ten ist gänzlich nach dem traditionellen Grundsprachen- und Stammbaummodell ausgerichtet”.

Im Sinne des metasprachlichen Modells freilich stellte dieses Wörterbuch eine anno- tierte Liste Von Kürzeln dar - z.B.ware *kala ‘Fisch’ zu lesen als "fi.k- entspricht ung. h- Vor velarem Vokal" usw.,"fi. -l- entspricht lapp. -ll-/-l-, ung. -l" usw. - und enthielte eine Unmenge von Redundanzen. Kritisch ware z.B.der Status von *s'orwa ‘Horn’; schliesslich dringen Lehnworter nicht in Metasprachen ein.


26. Insbesondere interessiert, ob mit dem neuen Grundsprachenmo- dell mehr und bessere Ergebnisse erzielt werden konnen.

27. Also nicht einmal die finnougristische Weltelite - deren neuester Stand in der deutschen Version Von HAJDU 1976 vorn Jahre 1988 - huldigt geschlossen der neuen Konzeption.


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Man fragt sich ausserdem, ob der "modernisierte" Grundsprachenbegriff auch z.B. für das Urostseefinnische,das nach den nämlichen Prinzipien aus dem Finnischen, dem Estnischen usw. rekonstruiert wird wie die finnisch-ugrische Grundsprache aus dem Finnischen, dem Ungarischen usw., gelten soll. Ist hier ebenfalls "Verzicht" auf die Rekonstruktion des "synchronen Systems" zu leisten, wo die entsprechende "ab- strakte Verdichtung der Kenntnisse" auf eine Art Karelisch hinauslauft? Wenn ja, ob- liegt es den Vertretern des "modernisierten" Grundsprachenkonzepts, im einzelnen die Möglichkeit einer Fehlinterpretation zu begründen. Falls sich die neue Konzep- tion nur auf die uralische bzw. finnisch-ugrische "Grundsprache" beziehen sollte, würde man gern die Kriterien erfahren, nach denen beim Vergleich der Einzelspra- chen die Entscheidung zwischen "Rekonstruktion des synchronen Systems" und "Verdichtung der Kenntnisse" zu treffen ist.

Selbstverständlich wächst die Unbestimmtheit einer Rekonstruktion mit den Sprach-ebenen (in traditioneller Anordnung). Die Ansicht PENZLs jedoch, dass dem "Ver- fassen" von Texten kein "wissenschaftlicher Realitätswert" zukomme,weil man die "notwendigen ausser-sprachlichen, pragmatischen Umstande irgendeiner Textent-stehung nicht rekonstruieren" könne (150),erscheint zu rigoros.Für einfache Syntag- men bedarf es keiner Kenntnis vorzeitlicher Pragmatik.Mit Formelementen rekonst- ruiert man auch Funktionen.Wenn man beispielsweise ein Akkusativzeichen rekonst-ruiert, impliziert dies, dass es auch Syntagmen aus Verbalformen und mit diesem Zeichen versehenen Nominalformen gegeben hat.

Rekonstruktion einer Partizipialform liefert mit der für sie rekonstruierten Funktion ein Stück Syntax. Natürlich werden nicht alle der rekonstruierbaren Syntagmen Realitat beanspruchen können. 28


28. Wenn MORGENROTH meint,"heute denkt niemand mehr daran, eine Fabel in das erschlossene ‘Urindo-germanisch’ zu übersetzen" (GERMANEN 103),so irrt er. BIRKHAN gibt im Anhang zu seiner "Etymologie" neben der HIRTschen Version auch eine den neuesten Erkenntnissen angepasste Fassung der SCHLEI-CHERschen Fabel (307 f.) - pädagogischen Wert hat eine solche Synopse allemal. Die Behauptung ist von MORGENROTHs Rekonstruktionsverständnis her zu erwarten.So wertet er den einzelsprachlichen Befund des Gen. Sg. der o-Stamme als "Beweis für die Unmöglichkeit, eine völlig einheitliche Grundsprache zu rekonstruieren" (l.c)!


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Die SCHLEICHERsche Fabel wird in der Form nie aus "urindogermanischem Mun- de" geklungen haben.Wenn man aber den ganzen Äsop in "urindogermanische Pro- sa" überträge, dürfte die eine oder andere Fabel zumindest annahernden "Realitäts- wert" haben. Es wird ja nur postuliert, dass das Rekonstrukt dem System angehört haben konnte. Die Norm bleibt dabei ausser Betracht.

Im übrigen lässt sich bis zu einem gewissen Grade auch "Pragmatik" rekonstruieren. So wird nicht alles, was sich etwa in der Mythologie und anderswo an übereinstim-menden Junkturen findet (z.B. eine Wurzel für ‘schwinden’ in der Phrase "unver- gänglicher Ruhm"), auf zufülliger Parallelentwicklung beruhen. Auch Texte - wenn auch extrem kurze - lassen sich in der "indogermanischen Dichtersprache" finden.



57.


Das Germanische als "Prestigesprache"


§ 15. HOFSTRA stellt fest: "Das Germanische muss die Sprache mit dem höheren Prestige gewesen sein; der Einbahnverkehr des Lehnguts und die Tatsache, dass so viele entbehrliche Lehnwörter Vorliegen, weisen in dieselbe Richtung." Diese Be- hauptung impliziert, dass sich unter den heutigen germanischen Stéimmen direkte Nachkommen derjenigen Germanen befinden, von denen die Ostseefinnen ihr Lehn- gut übernommen haben. Die lehngebenden Germanen konnen jedoch in den Ost- seefinnen aufgegangen oder sonst irgendwie von der Bildfläche verschwunden sein.

Prinzipiell konnen die Vorfahren der historisch bekannten Heruler oder Gepiden die Lehngeber gewesen sein. Ob die Lehnbeziehung tatsächlich einseitig verlaufen ist, lässt sich mithin gar nicht nachweisen. HOFSTRA hat an anderer Stelle seines Buches (366) obigen Gesichtspunkt berücksichtigt.Er führt aus: "Auch die Tatsache, dass es im Germanischen anscheinend keine frühen ostfi. Lehnwörter gibt, legt den Gedanken nahe, dass die germ.-osfi. Kontakte östlich der Ostsee stattfanden und die in ihrer osfi. Umgebung allmühlich aufgegangenen Germanen diese Kontakte zu- stande gebracht haben" (so bereits SZINNYEI, 16 f.). Was die spätere, skandinavis- che Epoche anlangt, so ist zu berücksichtigen, dass es eines Mindestmasses an Sprachträgern bedarf,damit es zu einer Diffusion des Lehngutes kommt. Die Skandi-navier, die mit den Finnen in Kontakt kamen, mögen im Verhältnis zur Bevölkerung des Hinterlandes zu wenig zahlreich gewesen sein, um ihre etwaigen Fennismen in ihrer Sprachgemeinschaft zu Verbreiten”. 29

Auch das Merkmal der "Uberflüssigkeit" des Lehnguts als Indiz für ein hoheres Pres- tige der Gebersprache erweckt Bedenken. Wenn in den österreichischen Touristen- zentren immer mehr das Wort Schlagsahne statt des einheimischen Schlagobers auf den Speisekarten erscheint, so hat das Pragmatische Gründe und beruht nicht auf einem hoheren Prestige des "Reichsdeutschen".


29. Doch vgl. den Artikel von BERGSLAND.


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Auch die Urostseefinnen werden gut daran getan haben,wenn sie ihre Felle mit dem germanischen Wort an den - germanischen - Mann zu bringen trachteten. So wie Schlagsahne über den Fachjargon des Gastgewerbes durchaus zu einer fakultativen Variante in der österreichischen Gemeinsprache werden könnte, mögen sich auch zahlreiche germanische Termini über bestimmte Gruppen von Ostseefinnen, die ge- zwungen waren, sich im öffentlichen Leben des Germanischen zu bedienen, im Ost- seefinnischen eingebürgert haben. Was "überflüssiges" und was "notwendiges" Lehngut ist, läßt sich im übrigen in Unkenntnis der genauen ökologischen Gegeben-heiten dieses prähistorischen Entlehnungszeitraums zumeist nicht sicher entschei- den. Auch syntaktische Handlichkeit und größere semantische Durchsichtigkeit ge- genüber der ostseefinnischen Entsprechung kann natürlich die Übernahme verur- sacht haben. Ein Schluß von der Beschaffenheit des germanischen Lehnguts des Ostseefinnischen auf ein Bewußtseinsmerkmal seiner Sprecher, die Wertschätzung des germanischen Idioms, erscheint jedenfalls recht kühn. "Prestigesprache" ist für den Zeitraum, in den die Kontakte verlegt werden, wahrscheinlich ohnehin ein Anachronismus.

Die Vorstellung eines höheren Prestiges des Germanischen spielte auch in der Be- weisführung POSTIs bei der Erklärung des ostseefinnischen Stufenwechsels durch den germanischen grammatischen Wechsel (VERNERsches Gesetz) eine Rolle. 30

Die Ostseefinnen hätten die germanische Artikulation eines Ostseefinnischen *sata / Gen. *satan ‘hundert’ als *sata/*sadan durch die Wiedergabe als *satha/ *saðan zu imitieren gesucht, wobei der Konsonanten-wechsel in der germanischen Form des ostseefinnischen Paradigmastellenpaares durch einen relativ starken Akzent auf der geschlossenen Silbe im ostseefinnischen Original“ bedingt gewesen sei (*sátan/ *satán).


30. Daß die Ostseefinnen die germanischen Spiranten im Inlaut und im Anlaut durch ihre homorganen Te- nues substituierten, besagt nichts für die Frage,ob die Germanen die ostseefinnischen Tenues in beiden Po- sitionen mit ihren Spiranten wiedergegeben hätten.Es kann nichtsdestoweniger die ostseefinnische Anlauts- tenuis im Verhältnis zur Inlautstenuis eine Fortis gewesen sein. Es ist mithin gegen FROMM (1957/58, 237) methodisch einwandfrei,wenn POSTI die germanische Substitution durch die Tenues nur für die im Rahmen seiner Theorie allein relevante Inlautsposition postuliert, d.h., ein urost-seefinnisches *pata durch urgermanisch *patha substituiert sein läßt.


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Statt eine Nachahmung der falschen, germanischen Aussprache des Ostseefinnis- chen anzunehmen,könnte man auch mit verschiedenen Stufen der Zweisprachigkeit auf seiten der Germanen rechnen. Demzufolge hätten die Germanen selber ihre Aussprache *satha /*sadän allmählich zu *säta/*saðan "verbessert". Auf dieser Stufe wären sie dann zum ausschließlichen Gebrauch einer Sprachform übergegan- gen, die als Urostseefinnisch rekonstruierbar ist. Danach müßte - aus welchen Gründen auch immer - die Bevölkerung, deren Sprache übernommen wurde, in den fennisierten Germanen aufgegangen oder sonstwie verschwunden sein.

Reserviertheit gegenüber der Superstrathypothese klingt in dem rezenten Artikel von SCHOUWVLIEGER an, wenn der Verfasser seine Vorstellungen von der Gene- se des Urostseefinnischen mit der Feststellung kommentiert: "Die geschilderte Ent- wicklung macht es unnötig, germanische ‘Herrscher’ zur Erklärung der tiefgreifenden Sprachentwicklung vom Frühurfinnischen zum Späturfinnischen anzunehmen ..." (123).Die apostrophierte soziale Überlegenheit spielt in POSTIs Theorie aber nur bei der Annahme einer prestigebedingten Übernahme germanischer Sprechgewohnhei- ten seitens der Urostseefinnen im Zusammenhang mit der Entstehung des Stufen-wechsels eine Rolle. Für die Vermutung der Umgestaltung des ererbten Konsonan-tensystems - bzw. seines vom Baltischen nicht affizierten Teiles - nach dem Germa-nischen, die eigentlich einschneidende Veränderung, kommt man mit der Annahme jeder anderen denkbaren Art von sozialem Status aus; in den nach POSTI nicht minder einflußreichen Balten sieht man ja auch kein "Herrenvolk".


31. Die Germanen müssten demnach,wenn sie ostseefinnish spra- chen, den Genitiv von ostseefi. *sata - in ihrer Aussparche *sátha - oxytoniert artikuliert haben; *sadan. Die Ostseefinnen indessen wären bei ihrer Imitation nicht so weit gegangen,dass sie auch den falschen Akzent nachgemacht hätten. sie haben *sadan gesagt.FROMM (op.cit.,238) meint,es wäre nicht wahrscheinlich,dass es neben urgerm.fathoon ´den Zaun´ noch ein *fadan ("germanischer" Ge. von ostseefi. *pata, zum f-vgl.die voraufgehende Anm.) gegeben habe. Aber nicht ein *angeeignetes ... *fadan wäre mit urgerm. *fáthoon zu konfrontieren, sondern ein *fadán und das hätte nicht "daneben ... gestanden" (FROMM 1,c) sondern wäre ein Element des ostseefinnischen Systems der Germanen gewesen!


60.


Prinzipiell könnten die Machtverhältnisse also auch genau umgekehrt gewesen sein: eine finnische Herrscherschicht übernimmt Sprechgewöhnheiten einer zahlenmäßig überlegenen Gesellschaft germanischer Untertanen, die dann allmählich ihre Sprache aufgegeben haben”.

Diese Version käme sogar der für die in Rede stehende Art der Beeinflussung wohl notwendige Annahme einer Substratrolle des Germanischen entgegen.

Im anderen Zusammenhang treten die Ostseefinnen in der Literatur ja auch durch- aus als anderen Völkern überlegene oder zumindest ebenbürtige Gemeinschaft auf. So deutet E. ITKONEN den etymologischen Zusammenhang zwischen fi. orja, estn. ori usw. ‘Sklave’ und lapp. oarje ‘Süden, Südwesten’ (Virittäjä 1946; referiert in VAJDA 435) unter Verwendung der Hypothese, daß sich die Ostseefinnen von ihren ursprünglichen Wohnsitzen südlich und östlich des Finnischen Meerbusens aus den im Süden angrenzenden Gebieten durch Uberfälle Sklaven verschafft haben.

32. Zu dem Klischee, daß im Verhältnis von Ostseefinnen und Germanen letzteren die Eroberer, die Herren sind, ist die ebenso unbeweisbare Unterjochung Germanen durch die Kelten eine Parallele, wenn auch die Germanen-Finnen-Theorie nicht solche Blüten getrieben hat wie die entsprechende bei den "Keltomanen" hierzu BIRKHAN 57 ff.).

33 SCHOUWVLIEGER verfügt über sehr detaillierte Vorstellungen vom Mechanismus der Kontakte, die zu der Beeinflussung geführt haben sollen:

"Als die Steinzeit zu Ende lief, drangen aus (sic!) Süden und über Skandinavien Ackerbau und Viehzucht nach Norden vor,und es folgte die Zeit, in der die ersten Urfinnen auf diese Erwerbszweige umschalteten. Eine derart eingreifende Umwälzung beschränkte sich anfangs wohl auf nur einige wenige kleine Gruppen oder gar nur Familien. Sie folgten, entweder aus freiem Willen oder - wahrscheinlicher - durch die sich än- dernden Umweltbedingungen dazu genötigt, dem Beispiel ihrer baltischen und germanischen Nachbarn und müssen durch ihren neuen Erwerbszweig zu enger Zusammenarbeit mit diesen gezwungen gewesen sein - von wem sonst hätten sie ihr erstes Vieh, ihr erstes Getreide und nicht zuletzt ihr erstes ‘Fachwissen’ be- kommen? Es lässt sich leicht denken, dass sich andererseits zwischen ihnen und ihren ehemaligen Stam- mesgenossen eine Klufl gebildet haben muss. Der enge Kontakt dieser anfangs kleinen Gruppe mit der an- derssprachigen Nachbarbevölkerung (inklusive Missehen) hat tiefgreifende Sprachentwicklungen zur Folge gehabt und zu einer Sprachform geführt, die sich deutlich und endgültig von der alten Sprache abhob. Diese Sprache wurde durch zahllose neue Begriffe auf dem Gebiete neuer Erwerbszweige und der neuen Gesell-schaftsform des Lebens in Dorfsgemeinschaflen (sic!) statt Stammesgemeinschaften einer-seits, und durch eine neue, eigenständige Lautentwicklung andererseits (Posti 1953) gekennzeichnet: das Späturfinnische war entstanden" (122).


61


Der Historiker ROSTOFZEFF schätzt die Finnen sogar als mögliche - den Völkern des Ostens gleichwertige - Gegner Roms zur Zeit Trajans ein, und spricht von den "Gefahren, die in der Ausbreitung des Reichs nach Norden und Südosten enthalten waren. Die Eroberung Germaniens hätte unvermeidlich zum Zusammenstoß mit Slaven und Finnen geführt, und die Eroberung des Partnerreiches hätte Rom zum Feinde der übrigen Iranier und der innerasiatischen Völker gemacht" (329).

ROSTOFZEFF differenziert nicht einmal zwischen Finnen und Germanen der ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderte: außerhalb des römischen Reichs "befand sich nichts außer den wilden Stämmen der Germanen, Slaven und Finnen" (364).

Von vornherein läßt sich in der Tat die Möglichkeit nicht ausschließen, daß das Germanische im Verhältnis zum Ostseefinnischen den Status einer Untertanensprache hatte.

Die Meinung, daß die Germanen im Baltikum Vorgänger der Finnen gewesen sind, wurde früher durchaus vertreten (s. CLASSEN 25). Die Semantik des Wortschatzes scheint nicht gegen eine solche Annahme zu sprechen. Vergleicht man etwa das in der Größenordnung mit dem germanischen im Finnischen vergleichbare älteste sla- vische Lehngut des Ungarischen, so lassen sich zahlreiche Parallelen beobachten.

So übernehmen die Ungarn ebenso Termini einer höher entwickelten Landwirtschaft von den Slaven wie die Osteefinnen von den Germanen.


[HM: Suomessa ei todellisuudessa ole germaanisia maataloussanoja: esimerkisi suomen aura tarkoittaa vasarakirveskielessä ilmaa, ja auraaminen "ilmaamista" KU- TEN MUISSAKIN BALTTIKIELISSÄ! Viron ader [ater] taas tulee luultavasti preussin mukaan "terällistä" tarkoittavasta sanasta *ak´er-.

Suomessa Tuosta tulle a(h)train, jonka -ain-johdin kertoo kyse olevan vasarakirves-kielestä:*Raudain- = punainen (surun (veren),*raudan eli punamullan, mahdollisesti "ruumisvärin" kaltainen,geltain-= pistetyn (geltas),verettömän ruumiin värinen = kel- tainen jne.] Satemisoitunut *
-aš-r vaatii loiskonsonatin väliin, (e on loisvokaali), joka on t > a(h)train(as). Satemisoitunut vasarakirveskieli on eteläistä kuten seeliä. Ai että miksi *-ašer- = piikikäs, terällinen ei kelpaa? Esimerkiksi siksi, että se tarkoittaa jo valmiiksi muuta piikikästä kuten ahventa, *ašeris, liettuan ešerys!

Die von HOFSTRA in seiner "semantischen Gliederung" der germanischen Entleh-nungen des Ostseefinnischen vorgenommene Unterteilung der Gruppe "Ackerbau" läßt sich ohne weiteres für die entsprechende Gruppe der slavischen Elemente des Ungarischen übernehmen, wobei es sich zu einem großen Teil um die nämlichen Lexeme handelt:


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1. Anbaufläche: ugar ‘Brachfeld’, parlag ‘wüster Acker’,

2. Geräte: csoroszlya ‘Vorschneidemesser am Pflug’, borona ‘Egge’, ösztöke ‘Pflugreute’, kasza ‘Sense’.

3. Düngemittel: ganaj ‘Dünger, Düngerhaufen’.

4. Nutzpflanzen: rozs ‘Roggen’, zab ‘Hafer’, hajdina ‘Buchweizen’.

5.Unkräuter: konkoly ‘Lolch’, laboda ‘Melde’.

6. Getreide auf dem Feld: gabona ‘Getreide’.

7. Spreu, Hülsen, Stroh: szalma ‘Stroh’, polyva ‘Spreu’,‘Ähre, Granne’.

8. Verarbeitung des Getreides, z.B. zu Bier oder Brot:

‘Kuchenbrot’, maläta ‘Malz’, täszta ‘Teig’, koväsz ‘Sauerteig’.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Viehzucht:

1. Einzeltiere: birka ‘Schaf’ , bárány ‘Lamm’, kakas ‘Hahn’, ‘Henne’.

2. Herden: csorda ‘Herde’.

3. Gehege, Ställe, Stricke zum Anbinden des Viehs: pajta akol ‘Schafstall’.

4. Wildwachsende Pflanzen, die als Viehfutter verwendet werden konnten: aszat ‘Distel’, szittyo’ ‘Binse’.

5. Futtergewinnung und -aufbewahrung: jäszol ‘Krippe’,

‘ Heuschober’, kazal ‘Heuhaufen, —schober’ , kalangya ‘Heu-, Getreidehaufen’.

6. Produkte der Viehzucht: szalonna ‘Speck’, zsir ‘Fett’.

[HM:Tässä ainakin ugar (palokenttä),parlag (kesanto),ösztöke (auranterä), konkoly (mätäs, raiheinä ym.), maläta (maltaat), pajta = jotto-,lihotus-,teuras-, aszat (ohdake), kazal (heinäkasa) ovat vasarakirveskielisiä, joka tapauksessa balttilaisia sanoja.

Unkatilaisia asui rautakauden alussa n.500 e.a.a.Volgalla,missä he mm.tunsivat rau- dan, mutta käyttivät sitä (itse) vain rituaalisesti. Mm.vainajalle saatettiin laittaa pienen sentin-parin levyset rautanapit "silmiksi".Ainakin osa lähti itään päin Obin ja Jenisein laaksoihin, josta he tulivat takaisin hunnien mukana n. 1000 vuotta myöhemmin.]



Bei der Gruppe "Gemeinschaftsleben" vermerkt HOFSTRA zu ersten Untergruppe, Verwandtschaft, eheliche und außereheliche Beziehungen: Terminologie der Ver- wandtschaft und der ehelichen und außerehelichen Beziehungen ist von urgerm. Einflüssen auf das Urfin-nische kaum berührt. Die Zahl und die Verbreitung dieser Wörter gering" (327).


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Immerhin finden sich darunter zwei Bezeichnungen für ‘Hure’ und das Wort für ‘Mut- ter’ (aljo,huora bzw. äiti). Bei der Terminologie der engeren Verwandtschaft trifft dies auch für die entsprechenden slavischen Entlehnungen des Ungarischen zu - von dem hier gegenstandslosen Aspekt der Verbreitung abgesehen.

Aus dem Ungarischen lassen sich anführen család ‘Familie’, mostoha ‘Stiefmütter’, koma ‘Gevatter’, dajka ‘Amme’, dád ‘Ahn’, unoka ‘Enkel’ (dial. ‘Neffe’) u.a., ferner kurva ‘Hure’, parázna ‘Hure; ehebrecherisch’.

2. Gruppen: csata ‘Schar, Truppe’.

3. Macht, Gewalt und Verwaltung: szolga ‘Diener’, rab ‘Sklave’, parancs(ol) ‘Befehl(en)’, vajda ‘dux, princeps’.

Die Ungarn übernehmen also den dem fi. ruhtinas entsprechenden Terminus aus der Sprache ihrer Untertanen.Die Finnen könnten nun ebenso ihre Herrschaftsstruk- tur nach germanischem Muster umstrukturiert haben, wie die Ungarn in Pannonien nach slavischem!

4. Vergehen und Strafe - "Nur wenige Wörter gehören zu dieser Gruppe" (HOFSTRA 329) - gonosz (ursprünglich) ‘Laster, Schandtat’, panasz ‘Klage’, poroszlo’ ‘Vollstrecker’.

5. Ehre und Schande (drei Wörter): tiszt ‘Ehre’.

6. Notlagen: kár ‘Schaden’, munka ‘Qual, Mühe’ (heute ‘Arbeit’), nyavalya ‘Not, Elend, KrankheitK. 34.

34. Weder HOFSTRA noch HÄKKINEN nennen für die finnische Ent- sprechung vahinko das germanische Etymon. Interessant ist bei dem Wort vor allem das Suffix. Das Finnische verfügt über ein Formans -nka, das aus einer Kombination der Formantien -nka und -i erklärt wird.Hierbei wird eine Lautentwicklung *ai > oi > o voraus-gesetzt. Das rückläufige Wörterbuch von TUOMI weist die folgenden Bildungen mit dem in Rede stehenden Formans auf: iljanko ‘glatte Stelle’, ojanko ‘Graben, Vertiefung’, alanko ‘Ebene, Niederung’, ka- ranko ‘Stab, trockener Ast’, tasanko ‘Ebene’, ahdinko ‘Enge,Gedränge, Bedräng- nis’, vahinko ‘Schaden’, lepinko ‘Aussteuer’,tasinko ‘Ausgleich,Besserung’, osinko ‘Anteil’, morsinko Färber-waid’, aurinko ‘Son- ne’. SKRK nennt noch etsinko ‘Suche, Unter-suchung’, salanko ‘Stift,Dübel’ (?), tulinko ‘Fackel’ (I § 53.39, S.147 f. bzw. § 55.17,S.185). Die hochvokalische Variante ist nur spärlich Vertreten: ylänkö ‘Erhebung, bergige Gegend’,syvänkö ‘unter dem Meeresspiegel gelegener Landstrich’. Von den aufgeführten Bildungen sind etsinko, lepinko, tasinko als deverbal zu bestimmen: etsiä ‘suchen’, leppiä (dial.) aus germanischen Formans *-ingo-vorliegt, das sowohl denominal als auch deverbal verwendet wurde und zur Bildung von Abstrakta diente. Der Vorgang wäre als eine Art Attraktion anzusehen; das denominale Formans -nko wäre - möglicherweise gestützt durch Bildungen von Nomina auf -i (vgl. tulinko) - bei den Verben verwendet wor- den, bei denen das Ergebnis der Wortbildung im Ausgang an funktionell entsprechende germanische Ablei-tungen anklang. Die Verbreitung der -nko-Bildungen in- nerhalb des Ostseefinnischen wiese auf einen Ein- fluß des Altnordischen. Diese Quelle würde auch verständlich machen, warum es zu keiner Beeinflussung durch die germanische Variante *-ungo‘- gekommen ist, die bei finnischen u-stämmigen Verben das gleiche Ergebnis gezeitigt haben müßte. Im Altnor-dischen überwiegen die -ing- Bildungen bei weitem und die ung-Variante ist deverbal zumindest extrem selten (vgl. § 69; im übrigen s. MUNSKE)

[HM: Kuurin kielen adjektiivin johtopääte "johonkin liittyvä" on -ing-, Se vaistaa mm. vasarakirveskielen ja jotvingin päätettä -ain-, liettuan -in-, skalvin -en/on- ja preussin -un-. Kielet lainaavat toistaan johdannaisia eri vivahduksiin. Esimerkiksi liettuassa tunnetaan kaikki nuo johdinpäätteet ja tiedetään suurin piirtein, mitä ne merkitsevät, ammoin kadonneetkin kielet mukaan lukien.]


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7. Schutz, Fürsorge, Pflege (hier vermutet HOFSTRA einen Zusammenhang der Wörter fi. ruoka ‘Pflege, Nahrung’, fi. ruokko ‘Pflege, Wartung, Nährung’ und fi. tarjo ‘Angebot’ "mit der von Vilkuna angenommenen erzwungenen Bewirtung von Germanen durch Ostseefinnen" - 330): abrak ‘Nahrung’.

Nach HOFSTRA sind "die aus dem älteren Germanisch entlehnten Fischfangtermini ... auffallend zahlreich", wobei einige dieser Wörter ... eine allgemein oder beinahe allgemein osfi. Verbreitung" haben (302). Auch hier besteht eine Parallele. Die land- nehmenden Ungarn wurden durch die Slaven mit neuen oder weiter entwickelten Fangmethoden bekannt: varsa ‘Reuse = rysä’, szágye ‘Fischkasten’, tanya (ursprünglich) ‘Fischfangstelle’

§ 16. Die Konzeption eines germanischen Joches stützt sich u.a. auf Indizien der fol- genden Art: "K. Vilkuna stellt fest, daß im Gegensatz zu den ältesten bei der Laub- und Heuernte verwendeten Geräten und im Gegensatz zu den größeren Wintervor- räten an Laub und Heu, die mit fi. Erbwörtern benannt werden, die beim Zahlen der Gastungssteuer benötigten Bezeichnungen der kleineren Heu- und Laubrnengen ausnahmslos erm. Lehnwörter sind. Dies zeige, welche Sprache die Steuererheber gesprochen hätten" (HOFSTRA 307).



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HOFSTRA stellt aufgrund dieser Konzeption bei der Gruppe "Vergehen und Strafe" die Uberlegung an: "Es fällt auf, daß gerade das Wort für ‘Dieb’ allgemein osfi. ist. War etwa Diebstahl das schlimmste Verbrechen, wodurch die als Besteuerer inmitten der Ostseefinnen lebenden Germanen geschädigt werden konnten?" (329).

Es ist aber zu vermüten, daß ungeachtet der auf das Finnische und Ingrische be- schränkten Verbreitung des Wortes murha ‘Mord’ auch ein "Besteuerer" des ersten vorchristlichen Jahrtausends sein Leben höher bewertet hat als die sicher reparable Minderung des Steuervolumens!


§ 17. Bei der neuen Konzeption eines extrem frühen Beginns der germanisch-ost- seefinnischen Beziehungen bleiben also die traditionellen Vorstellungen von der Natur der Beziehungen, d.h.dem kulturellen und gesell-schaftlichen Hintergrund des Einflusses, bestehen. Die vermeintliche Evidenz wird indessen aus einer wesentlich rezenteren Periode gewonnen.

Beispielsweise kann von den Tributzahlungen der Wikingerzeit nicht auf urgermani- sche Verhältnisse geschlossen werden. VILKUNA deutet in seiner Arbeit mit dem unfreiwillig komischen Resüméetitel (31) "Die Einbürgerung der Kuh in Familie und Gesellschaft in Finnland" (1976, 19-32) die germanischen Lehnwörter nauta ‘Vieh’ und lammas ‘Schaf’ als Steuertermini, wobei er darauf hinweist, daß schon für das Mittelalter(!) der Name eines Steuerkreises zu belegen sei, der fi. nautakunta ‘Rin- derschaft’ hieße (32).Bei den Lappen wäre der "Tribut" in Form von Fellen entrichtet worden, dementsprechend bedeute lapp.naw’de ‘teurer Pelz’.Der Übergang von der Bedeutung ‘Besitz,Gut’ des ungarischen Wortes jäszäg,einer Ableitung von ´jo’ ‘gut’ (s. TESz) zu ‘Vieh’ zeigt, daß sich die Bedeutungsdiskrepanz auch weniger dramatisch erklären läßt.

Die Lappen können das germanische Wort in der Bedeutung ‘Gut, Vermögen’ ent- lehnt haben;bei ihnen war verständlicherweise nicht das Rindvieh "das höchste Gut", sondern ein Vorrat an guten Pelzen, mit dönen man handeln konnte. Vgl. hierzu VAJDA (484), der aber mit einer "Verschiebung des Bedeutungsinhaltes" ‘Rind’ > ‘Pelztier’ rechnet, und unten, § 84.



66.


Daß das germanische Wort auch ins Slavische gedrungen ist (aruss. нyma, nuta, ‘Rind’) spricht nicht unbedingt für den von VILKUNA vermuteten Zusammenhang, da die Germanen vor allem Viehzüchter waren (HALLER/DANNENBAUER 22). Strabo nennt die Viehzucht sogar als ausschließliche Nahrungsquelle für die germanischen Stämme zwischen Rhein und Elbe (VII 1.3). Daß die Nachbarvölker von diesen Spe- zialisten etwas gelernt haben können, erscheint plausibel. Wenn die Ostseefinnen auch sonst Termini aus dem Bereich der Viehzucht dem Germanischen zu verdan- ken haben (s. HOFSTRA 1985, 304 - 308), warum sollen dann ausgerechnet nauta und lammas Steuerbegriffe sein? Im Ungarischen gibt es beiläufig 200 rumänische Lehnwörter im Bereich der Schafzucht und der Milchwirtschaft, und es waren nicht die Wlachen, die die Steuern kassiert haben. Zum "Steuervolumen" gehörten nach WEINHOLD auch Ankertaue aus Wal- und Seehundshaut. Da VILKUNA nun auch Entlehnungen wie fi. leipä ‘Brot’ in diesen Zusammenhang stellt, gewinnt man den Eindruck,daß so gut wie jeder Sachbegriff als "Steuerterminus" erklärt werden kann. 35.

35. Zur "Lappensteuer" bzw. zum "Finnenzins" vgl. noch VAJDA 446, 486 ff.


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Germanische vs. ostseefinnische Kulturstufe


§ 18. Bei der Erklärung eines starken fremden Einflusses auf eine Sprache war man mit der Vorstellung eines "Kulturgefälles" seit jeher schnell bei der Hand. So meint HÜBSCHMANN, es hätte "im Laufe der Jahrhunderte die höhere persische Kultur in Krieg und Frieden auf die Armenier intensiv eingewirkt und ihnen gegeben, was sie vor der Annahme des Christentums an Bildung überhaupt besassen" (HÜBSCH- MANN ll). Mag die Überlieferung, daß der armenische König Artawazd II (56 - 34) griechische Tragödien geschrieben habe (ABEGHIAN 58), nichts weiter als eine hübsche Anekdote sein - die ohnehin durch den Umstand relativiert wird, daß das Herrscherhaus parthischer Herkunft war -, so dürfte die Feststellung MOMMSENs, daß Armenien "immer ein ungriechisches Land geblieben" sei (HÜBSCHMANN l.c), kaum zutreffen. Es ist jedenfalls schwer vorstellbar, daß die Armenier nach dem Ale- xanderreich keinen direkten Kontakt mit dem Hellenismus hatten,sondern alles Grie- chische durch das parthische Medium kennengelernt haben sollen. Das Fehlen alter griechischer Elemente besagt nicht viel. Wieviel läßt sich davon im Mittelpersischen nachweisen?

Bei Strabo wird auch den zwischen Rhein und Elbe sitzenden Germanenstämmen eine relativ primitive Lebensweise zugeschrieben; sie treiben keine Landwirtschaft, sammeln keine Schätze und leben in Hütten und Wagen (VI 1.3). Auch die Schilde-rungen der germanischen Verhältnisse bei Tacitus erwecken nicht den Eindruck,daß es sich hier um eine Kultur handelt, die der aus dem einschlägigen Erbwortschatz und den baltischen Lehnwörtern recht gut erschließbaren ostseefinnischen beträcht- lich überlegen gewesen wäre, wobei freilich in Rechnung zu setzen ist, daß Tacitus dem Zweck seines Werkes entsprechend bei der Schilderung der Einfachheit der Germanen vielleicht etwas übertrieben hat.Im Hinblick auf die vermeintliche bedeu- tende kulturelle Überlegenheit des germanischen Partners der Ostseefinnen mutet es eigentümlich an, wenn HALLER/ DANNENBAUER darauf dringen müssen, "sich das äußere Dasein dieser Völker nicht allzu primitiv vorzustellen"(23),auch wenn der Maßstab hier natürlich durch die römische Kultur bestimmt ist. Doch deutet der archäologische Befund auch auf eine relativ primitive Bestellung des Ackers bei den Germanen hin.


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Hakenpflug - möglicherweise ergänzt durch Holzspaten und Furchenstock - waren in den Jahrhunderten vor der Zeitenwende die einzigen wesentlichen Geräte. Ein ers- tes Indiz für die Verwendung eines schollenwendenden Pfluges gibt es erst für das 1. vorchristliche Jahrhundert (GERMANEN 124).

Das recht umfangreiche germanische Lehngut aus dem Bereich der Viehzucht könnte, wenn man die Taciteische Nachricht,daß der germanische "wehrhafte Mann" die Arbeit - "in der Hauptsache die Wartung des Viehs" - "Frauen, Kindern und Schwächlichen" überläßt

(HALLER/DANNENBAUER 24), auch für die Lehngeber der Ostseefinnen voraus-setzt, natürlich so erklärt werden,daß ostseefinnische Abhängige diese Arbeit für die Germanen Verrichteten. Der Tatbestand würde sichaber ebensogut durch Heirat mit ostseefinnischen Frauen deuten lassen, deren Kinder diese Termini von ihren Müttern übernommen haben.

Es ist des weiteren zu berücksichtigen,daß die Vorfahren der Ostseefinnen und Lap- pen lange mit arischen Völkerschaften in Berührung waren.Es ist schwer vorstellbar, daß sie diesen Einflußbereich auf einer wesentlich niedrigeren Kulturstufe verlassen haben, als für die frühen Germanen - auch nach deren Kontakten mit den Kelten - vorauszusetzen ist. Schon von diesem Gesichtspunkt her muß es als wahrscheinli- cher gelten, daß das Gros der germanischen Elemente des Ostseefinnischen aus einer sehr viel späteren Zeit stammt.

Anders als hinsichtlich der Mitteilungen des Tacitus über germanische Verhältnisse muß bezüglich der Fenni bezweifelt werden, ob die Schilderung ihrer Lebensweise für bare Münze zu nehmen ist.Wie MÜLLENHOFF hervorhebt (39),haben die Römer diese Kunde sicher den Germanen zu verdanken. Auch wenn "Mitteilungen römis- cher Ritter,die ins Bernsteinland gekommen sind" (SCHWARZ 1972,296) die Kennt- nisse über die Fenni vermehrt haben sollten, wird dies nicht auf Autopsie - beruhen. Die Einschätzung von Nachbarvölkern dürfte aber in früheren Zeiten kaum anders gewesen sein als heute.Das ‘uictui herba’ ist möglicherweise nicht anders zu bewer- ten als das ‘Spaghettifresser’ der Deutschen für die Italiener oder das ‘Krautfresser’ der Engländer für die Deutschen. Die weitgehende Übereinstimmung der Schilde- rung der Lebensweise der Expiütrpivvot (skrithifinnoi) bei dem späteren Historiker Prokop“ (Benum VI,15) mit der des Tacitus für die Fenni - vgl. MÜLLENHOFF 43, NORDEN 449 - kann schwerlich für die Objektivität der Taciteischen Schilderung ins Treffen geführt werden.


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In der Fennistik hat man die Charakterisierung der Fenni durch Tacitus auf die Lap- pen abgewälzt. Man kann aber kaum erwarten, daß die Germanen ihren römischen Interessenten gegenüber eine Unterscheidung zwischen Lappen und Ostseeflnnen machten. Es kann mithin durchaus sein, daß sich die Taciteische Erwähnung der Fenni auf Ostseefinnen und Lappen bezieht. Fenni mochte bei den germanischen Informanten die Pauschalbezeichnung für jene "Kümmerlinge" jenseits der Aestii ge- wesen sein” (Vgl. abermals SCHOUWVLIEGER). Wenn es sich bei den Fenni des Tacitus um die Lappen handeln sollte,welches der in der "Germania" genannten Völ- ker meint dann die Ostseefinnen? Es ist schwer vorstellbar, daß die Germanen von diesen den Römern keine Nachricht überliefert haben sollten. Es kommen wohl nur die Aestii in Betracht, falls man nicht davon ausgeht,daß die Ostseefinnen am Aus- gang des ersten nachchristlichen Jahrhunderts noch nicht in der Nähe des Baltikums gesiedelt haben.



36. Der ‘abstoßenden Dürftigkeit’ bei Tacitus entspricht eine ‘ziemlich tierische Lebensweise’ bei Prokop, bei bei- den findet sich die Angabe über die gemeinsame Jagd der Männer und Frauen,über das Fehlen des Ackerbaus und die Fellkleidung (vgl. zum Problem der Fenni auch SCHOUWVLIEGER 124). Bei der Erwähnung der Teil- nahme der Frauen an der Jagd könnte eine Variante des Topos von der Beteiligung der Frauen der Barbaren am Kampf, eine andere gewöhnlich den Männern vorbehaltene Tätigkeit (s. hierzu GERMANEN 238, Anm. 51), zugrundegelegen haben. Man beachte auch die Entrüstung des Tacitus über die Führung der Staatsgeschäfte durch eine Frau bei den Sithonen (45).

37. In der komi-permjakischen Überlieferung sind es übrigens die Tschuden, genauer ein Typ der Tschuden, die kleinwüchsig sind, in Erdhütten hausen, aber den Ackerbau kennen (MIKUSCHEW, 57 ff.), d.h. eine nach dem für die Nachricht des Tacitus ersonnenen Schema halb "lappische"‚ halb "ostseefinnische" Lebensweise haben.



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Vor dem Hintergrund einer Vielzahl von offenen Fragen nimmt sich die programma-tische Äußerung HOFSTRAs, "für eine sprach soziologisch orientierte Darstellung der Geschichte der germ. Sprachen dürfte der lange andauernde, intensive und nur in einer Richtung sich geltend machende germ. osfi. Kontakt eine interessante Er- scheinung sein" (1985,421), etwas eigenartig aus. Als ob man hinsichtlich Ethnogra- phie, Siedlungsgeschichte usw. nicht schon genug im dunkeln tappte - es fehlte ge- rade noch,daß man den einschlägigen Disziplinen eine " Paläosoziologie" hinzufügte (vgl. § 13)!


37. Auf der anderen Seite läßt es HOFSTRA offen, "wie tief die jahrhundertelangen germ.-ostfi. Kontakte auch das soziale und geistige Leben der Ostseefinnen beein- flußt haben" (1985, 351). Was ist aber die Verwendung eines fremden Idioms als "Prestigesprache" anderes als eine tiefgreifende Beeinflussung der Sozialstruktur? Es fragt sich,o b "Entbehrlichkeit" überhaupt ein angebrachter Begriff ist. Wenn das Wort dem "Prestige" dient, ist es eben nicht entbehrlich.



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Lautlehre


5.19.Das spektakulärste Ergebnis der Forschungen KOIVULEHTOs dürfte sein,"daß der urfi. Lautwandel /ti/ > /si/ nicht länger als terminus post quem der germ.- osfi. Lehnbeziehungen gelten kann" (HOFSTRA 1985, 156). Das Belegmaterial umfaßt Lexeme mit dem Ausgang -ia/-iä und e-stämmige Nomina auf -si  im Nominativ (fi. *kalsi < 1 nur in kallellaan ‘in geneigter Stellung, schief’, s.u.). Die älteste der ost- seefinnisch-germanischen Gleichungen, die einen Wandel  *ti > si  reflektieren sol- len, ist fi. kärsiä ‘leiden, dulden’ < urgerm. *harđjan (> aschwed. härþa),*harđēn (> ahd. hartēn ‘ausharren’). Hier ist zu berücksichtigen, daß ahd. harđēn offenbar ur- sprünglich ‘hart werden’ bedeutet hat. Der ingressiv-inchoative deadjektivische Typ ist aber gerade nur im Althochdeutschen produktiv geworden (KRAHE/MEID III 250),so daß nicht einmal westgermanisches Alter dieses Verbs ohne weiteres ange- nommen werden kann. Was den anderen Ansatz betrifft, so weist die altnordische Entsprechung herða offenbar nur auf eine Bedeutung ‘härten, (be)festigen, insistie- ren’. Der Vermutlich erst einzelsprachliche Status des althochdeutschen Wortes und die auf das Altschwedische beschränkte Bedeutung ‘ausharren’ machen die Gleichung als Zeugnis für ein bis ins Wolgafinnische ge- drungenes germanisches Lexem denkbar ungeeignet.

Zur Glaubwürdigkeit der Zusammenstellung trägt auch nicht gerade bei, daß sich KOIVULEHTO offensichtlich nicht für einen klaren Ansatz des Etymons entscheiden kann, wie aus einer Anmerkung HOFSTRAs erhellt; zur Auswahl stünden *hardān-, *hardian-, *harþia- < *harþēja-, *hard(w)(i)ja-, *hard(w)ēja-,*harþ(w)ja, *harþ(w)ēja- (1985, 206, Anm. 26)  38.

________

38. KATZ bemerkt zu dieser Etymologie lakonisch: "Falsch Koivulehto 1979: l49f.:< germ. harđiahärten’ (Vok[al der]l[.]Sil[be]!)", wobei hinsichtlich der Begründung die außerostseefinnischen Entsprechungen entscheiden (1985, 326).

KATZ selber geht von einer zugrundeliegenden Bedeutung ‘eisern sein’ aus und nimmt eine Ableitung von einer arischen Entlehnung der Bedeutung ‘Eisen’ an (l.c.).


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Gegen eine Herleitung von fi. karsia ‘beschneiden’ aus dem durchan. skerða ‘min- dern, verringern, schmälern, kürzen’ bezeugten *skardan läßt sich in semantischer Hinsicht kaum etwas vorbringen. Dentalerweiterungen der urindogermanischen Wur- zel *sker- sind indessen nicht nur im Germanischen bezeugt. Der finnischen Bedeu- tung sogar noch näherstehend ist das litauische skardyti, in dem ‘schneiden’ wie in russ. peзamь und ung.levágni zur Bezeichnung des Inhalts ‘(ein Schwein) schlachten’ verwendet wird.

§ 20. Eine Sequenz -Vsia ist im Finnischen in folgenden Nomina belegt:asia ‘Sache, Angelegenheit’, ha(a)sia ‘Darre, Horde’,rasia ‘Schachtel’,huosia ‘Besen, Schrubber’ und hosia ‘Schachtelhalm’.

Die Phonemfolge -Vsiä scheint außer in der palatalen Variante von näsiä  ‘Seidel- bast’ nicht vorzukommen. Fi. asia sieht KOIVULEHTO im Hinterglied eines urgerma- nischen ‘tuzandia- (an. arendi, ahd. erendi ‘Botschaft, Angelegenheit’), rasia führt er auf ein urgermanisches *randja- (schwed. dial. rände ‘Rand einer Schachtel’) zu- rück. Im Falle von asia finde nach HOFSTRA der genannte germanische Ansatz durch die Zusammenstellung "eine Stütze,wenn nicht gar eine Be- stätigung" (1985, 420). Dem steht aber entgegen, daß das Wort im Altschwedischen den für Suffixe charakteristischen dreifachen Ablaut aufweist (NOREEN S. 180. 4), wobei die altgutnische Variante mit der altsächsischen Vertretung übereinstimmt! Zu rasia s.u.

§ 21. Fi. nasia, näsiä ‘Seidelbast’ wird von KOIVULEHTO mit dem Hinweis, daß die ältesten Netze aus Bast hergestellt wurden,mit got.natiNetz’ usw.verbunden.Gegen diese Zusammenstellung ist zunächst in semantischer Hinsicht einzuwenden, daß Netze kaum vorzugsweise aus dem Bast von Daphne mezereum hergestellt wurden, sondern es werden doch wohl auch andere Pflanzen, z.B. der Flachs oder die Linde, das nötige Rohmaterial geliefert haben. Umgekehrt wird der Bast von Daphne m(ezereum). kaum vorwiegend für die Herstellung von Netzen benutzt worden sein.

Dann erscheint es aber unglaubhaft, daß die Pflanze nach dem fertigen Produkt be- nannt sein soll. Von einem Kompositum ‘Netzbaum’ oder ‘Netzstrauch’ muß man aber ausgehen, denn ein -jo- oder -i-Stamm von der Wurzel  *nat-  mit der Bedeutung ‘Seidelbast’ läßt sich im Germanischen nun einmal nicht nachweisen.

[HM: Näsiästä tehtiin verkkoja, joilla suojattiin esimerkiksi jäädytettyjä elintarvike- kuoppia ("haltu"? < balt šaltu) pedolita, jotka kammoksuivat tätä myrkkyä.]


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Allenfalls könnte man noch ein urgermanisches *natilōn- zugrunde legen, aber dies bedeutet ‘Nessel’ - von dem fraglichen Schicksal des Formans im Ostsee-finnischen einmal abgesehen.

[Tuo sana on preussiksi nātis, joka on tarkoittanut "(langaksi) kehrättävää kasvia.

http://www.prusistika.flf.vu.lt/paieska/paieska/1?id=1494

noatis = nokkonen

noatis „nessel (Nessel) - dilgėlė = nokkonen, viron nõgesE 291 nom. sg. fem. = pr. nɔ̄tis, t. y. *nātis. Jis, man rodos, suponuoja balt. (t. y. ne vien vak. balt., žr. toliau) *nāti- „dilgėlė“< *„verpimo augalas = kehruukasvi“ < *„verpimas“ - sufikso *-ti- vedinį iš verb. balt.-sl. *(s)nā- „verpti = kehrätä, (tam tikru būdu) su(si)sukti“ (dėl visa to plg. s. v. etnīstis = armahdus, plg. Persson Beitr. 813, 815), iš kurio bus atsiradęs ir to paties sufikso vedinys subst. sl. *nāti- „(tam tikras) susisukimas = yhteenkiertymä“ > *natь „susisukęs dalykas = yhteenkiertynyt olio,vyyhti“ > lenk. nać „bulvienojai ir pan. = perunanvarret ym., naatit“ ir kt. [dėl medžiagos žr.,pvz.,Vasmer ESRJ III 48t. (s.v. нати́на = naatit), Bezlaj ESS II 215]. Plg. Pokorny IEW I 759 [čia I ned- straipsnio, kuriame yra ir pr. noatis ir kt., pabaigoje randame pastabą: „s. unter (s)nē-“].

Su pr.nātis „dilgėlė“,be abejo,giminiuojasi subst.lie. noterė̃ (nõterė) „dilgėlė (Urtica); notrelė (Lamium) = peippi“, notrė̃ (nõtrė) „t. p. = em.“, notrà (nótra) ir pan. [Būga RR II 692, LKŽ VIII 874tt., LKA I 167t. (ir Žemėl. Nr. 94)], la. nâtre „dilgėlė“, nâtra „t. p.“ ir pan. (ME II 702), suponuojantys matyt lie.-la. (balt. dial.) nāterē (*nāterā) „dilgėlė“; plg. Trautmann AS 385, Endzelīns SV 216, Fraenkel LEW 508.

Tame subst. lie.-la. *nāterē (*nāterā) bandoma ieškoti r-kamienio subst. lie.-la. (balt. dial.) *nāter- (Specht KZ LXII 253, Skardžius ŽD 306, Fraenkel l. c.; žr. ir s. v. cosy = henkitorvi), pasiremiant ir lytimi lie. noterìs (Skardžius l. c.; žr. ir s. v. cosy); tik šita lytis nėra paliudyta (žr. Būga l. c., LKŽ VIII 874). Suponuojant sufikso *-ti- deverba- tyvą balt.-sl. *nāti- (žr. anksčiau), 194 reikėtų manyti, kad ir tas (hipotezinis) r-kamie- nis lie.-la. (balt.dial.) *nāter- buvo deverbatyvas - sufikso *-ter- vedinys iš verb. balt.- sl. *(s)nā- „verpti = kehrätä (värttinällä, verptinys), sukti = kiertää“. Tačiau bėda yra ta, kad nėra baltiškų sufikso *-ter- deverbatyvų (subst.). Todėl manyčiau, kad subst. lie.-la. *nāterē (*nāterā) „dilgėlė“ yra ne r-kamienės kilmė̃s žodis resp. ne deverbaty- vas, o tam tikras ekspresyvas (dilgėlė – piktžolė! = rikkaruoho) – ekspresyviai (pejo-ratyviai) pavartoto sufikso *-er- (giminaičio su *-ar-) vedinys iš subst. balt. *nāti- „dilgėlė“ (apie jį žr. anksčiau).

https://fi.wikipedia.org/wiki/Nokkonen#cite_note-5

Kuitua

Nokkosen varren kuiduista tehdään paperia ja kangasta. Nokkoskankaan käytöstä Suomessa on merkkejä myöhäisistä rautakauden hautalöydöistä asti. Nokkosta käy- tettiin pellavan tapaan kankaankudonnassa, sillä se on sitkeää ja kestävää ja pella-vaakin kiiltävämpää. Vielä 1800-luvulla valmistettiin Euroopassa nokkoskangasta (saks. Nesseltuch, ruots. nättelduk) ja tätä varten viljeltiin nokkosta joko siemenestä tai juurakosta lisäämällä. Nokkoskankaan käyttö loppui lähes kokonaan puuvillan tul- tua markkinoille. [2][3] Nokkoskuitu on onttoa,joten sillä on hyvä lämmöneristysominai- suus.[4] Koska nokkoskuidun märkälujuus on hyvä,sitä käytettiin Suomessa tekstiilien lisäksi myös kalaverkoissa ja purjeissa. [5]]



Da uridg. *ned- ‘knüpfen’ im Germanischen als Verbalstamm nicht belegbar ist, er- scheint es bedenklich, eine Ableitung mit der Bedeutung ‘Seidelbast’ - der Sinn wäre ‘zum Knüpfen verwendbar’ o.ä. - anzusetzen.


[Gootin nati on ilmeisimmin laina kanbaltista (preussista, vasarakirveskielistä), jossa on suurin piirtein seuraava aspektisarja:

*nīti = sitoa, nitoa, solmia, ripustaa (lanka roikkumaan ym.)

*nēti = sitoa, nitoa, solmia, verkottaa, kutoa (prosessi)

*nāti = sitoa, nitoa, kokonaisuudeksi: verkko, nyytti jne.

Alkuperäinen kantaindoeuroopplaisnen sana on voinut olla *gne- tai *kne-: knot = solmu liettuan gniaužti (gniaužia, gniaužė) = puristaa yhteen, kokoon, rutistaa, kirkkoslaavin gnet´.

https://hameemmias.vuodatus.net/lue/2015/10/suomen-sanat-fraenkelin-liettuan-etymologisessa-sanakirjassa

Lithuanian: nýtis = niisi, pirta, (kudonta)kaide


Etymology: (Gen.-ies) 'Hevelte = niisi(niidet),Webekamm = (kudonta)kaide, pirta'
Pl. nýtys 'Weberkette = loimi, niisi',
dvinýtas 'mit 2 Weberketten geweb = kaksiniitinen',
lett. nīts gew. Pl. nītis 'Weberheftel = nidos, nitomalangat'.

Die Wörter sind urverw. mit
russ. nit' 'Fade = lanka', dial. nit, nita 'Teil des Webstuhls = kangaspuiden osa',
čech. nit' 'Faden' usw.

Im Ablaut damit stehen ahd. nājan 'nähen = lähetä',
got. nedla 'Nadel = neulanen' usw.,
griech. neīn, néqein 'spinne = kehrätä',
lat. nēre 'spinnen, weben = kutoa', nēmen 'Gespinst, Gewebe = kudos',
cymr. nyddu, corn. nethe, bret. neza 'spinnen',
ev. ai. nīvíī 'umgebundenes Tuch = käärekangas, Schutz = suoja';
mit Anlauts -s lett. snāt 'locker zusammendrehen, z.B. spinnend' = vetää yhteen,
ai. snāyati 'umwindet, bekleidet',
ir. snāthe 'Faden, snāthat 'Nadel', snīim 'spinne' = hä'mähäkki;

Aus dem Balt. stammen finn. votisch niitti, estn. nīt' usw. 'Zwirn' = rihma, lanka

(NIISI, niidet: ”kangaspuissa olevat langat, joiden silmukoihin loimilangat pujotetaan”, (Weberlitze), yksi-, kaksi- kolmi-, neliniitinen kangas, S(uomen)S(anojen)A(lkuperän):n mukaan tätä sanasta ”nýtis”.)

Viro: http://eki.ee/dict/ety/index.cgi?Q=niduma&F=M&C06=et

niduma : niduda : neon 'tihedalt (põimides) siduma, ühendama; punuma'
?indoeuroopa *ned-, *nedh-
vanaindia náhyati (oleviku ains 3P) 'seob'
vadja nittoa 'tihedalt siduda v mässida'
soome nitoa 'köita (nt raamatut); kinnitada, kinni siduda, ühendada; punuda, põimida'
isuri nittooa 'tihedalt siduda'
Aunuse karjala niduo '(vikatile vart) kinnitada; tungida, trügida, tükkida'
lüüdi nidoda 'kinnitada, kinni siduda'
saami njađđit 'kinnitada, kinni siduda; kinni neetida; (külge) õmmelda; (külge) kududa; nööriga siduda'
ersa ńeďams 'lükkima; (üles) riputama; otsa panema'
mokša ńeďams 'lükkima'

Venäjä:  https://vasmer.lexicography.online/%D0%BD/%D0%BD%D0%B8%D1%82%D1%8C

происхождение слова нить = lanka

род. п. -и, наряду с диал. нит м., ни́та «часть ткацкого станка = niisi» (Даль), укр. нить, блр. нiць, болг. ни́та «нить», ни́щка, сербохорв. ни̏т, род. п. ни̏ти, словен. nìt, род.п. nȋti, чеш. nit᾽,род. niti, слвц. nit᾽, польск., в.-луж. nić, н.-луж. niś,полаб. nait Родственно лит. nýtis ж.,мн.nýtys «бердо = pirta, kudontakaide», лтш. nĩts «часть ткацкого станка 0 niisi», др.-инд. nīvíṣ-, nīvī- «набедренная повязка = pirtasidos,передник»,с др.ступенью чередования:д.-в.-н. nâjan «шить = seula», гот. nēÞlа «игла = neula, viron nõel», далее лат. nеō, nēvī, nētum, nrе «прясть = kehrätä, ткать = kutoa», nēmen «пряжа = kehruu» (из *snēi̯ō или *nēi̯ō), др.-инд. snā́yati «обматывает, одевает = pukea», греч. νῆν (nēn), импф. ἔννη (énne), буд. νήσω (néso) «прясть», позднее νήθω (nitho) — то же, νῆμα (nēma) ср. р. «нить = lanka».


Jos Suomen sana näsi on laina tuosta parvesta, mitä se voisi olla äänteellisesti (mutta ei todennäköisesti ole asiallisesti) se olisi laina baltista, vaikka sanasta *natis, eikä gootista, sillä suomessa on lainoja jokaisesta balttikielestä, mutta ei välttämättä gootista ainoatakaan.]

Die in Rede stehende Zusammenstellung ist mithin so unsicher,daß sie bei dem Ver- such,einen Wandel *ti > si in germanischen Lehnwörtern wahrscheinlich zu machen, außer Betracht bleiben muß.

[HM: "Näsiä", "Näsi, -in"  on laina viron nimestään "näsiniin" eli "jyrsijänkuori, -niini". Näsima tulee latvian/kuurin "kuonoa,kitaa" tarkoittavasta sanasta "nāsis" ja mahdol- lisesti samalla "kynsiä" tarkoittavasta sanasta "nādzis". Näsiä on ollut tärkeä myrkky-kasvi, josta on tehty myös verkkoja esimerkiksi ruokamonttujen suojaksi, joita kaikki nelijalkaiset varkaat pelkäävät.]

Immerhin erscheint die Zusammenstellung einer Be- zeichnung für
eine Pflanze, die für die Herstellung von Bast verwendet wird, mit dem Namen einer anderen Pflanze, die dem nämlichen Zwecke dient, wesentlich plausibler. Dann läge aber ein potenti- elles Etymon für fi. nasia, näsiä in apr. noatis ‘Nessel = nokkonen’ vor, das in IEW - offenbar nach TRAUTMANN - auf eine Grundform *näte' zurückgeführt wird, also wie andere Pflanzennamen aus dem Elbinger Glossar als Nom. Pl. interpretiert wird, vgl. soalis ‘Kraut’, wickis ‘Wicken’. Daneben könnte noatis ein o-Stamm oder ein io- Stamm sein, auch ein i-Stamm läßt sich nicht ausschließen. Am geeignetsten wäre im Hinblick auf fi.nasia ein jo-Stamm: urbalt. *natja- ‘Nessel’ > urostseefi. *nātia > fi. näsiäSeidelbast’.

[HM: Saksan sana ‘Seidelbast’ on kummallinen:se tarkoittaa "tuoppikuorta", "tuoppi-niintä". Olueen ei tiettävästi pistetty näsiää. Sana onkin varsin mahdollisesti ollut *Zeidelbast, jossa Zeidel tarkoittaa mehiläishoitoa. No mihin siinä tarvittiin näsiää? Samaan kuin jäädytetyissä ruokakuopissakin,pedoilta kuten karhuilta suojelemiseen! Erinomaista hunajaolutta nimitetään bassiolueksi useissa kielissä.Sen on ymmäret- ty alun perin tarkoittaneen luonnonmehiläishoitajien köysitikkaita joilla pesille kiivet- tiin (kun joku poika oli ensin känyt kiinittämässä kömpelömmän olut- tai hunajames-tarin, Zeidler, kapakoitsijan kiivettäväksi), mutta se voitulla Zeidelbastistakin, ja myös "viljellystä" hunajasta.]

§ 22. Wenn HOFSTRA zu KOIVULEHTOs Etymologie von f. ha(a)sia ‘Trockenge- stell für Heu, Getreide’ bemerkt, sie "wäre, falls sie zutrifft, ein Indiz für einen frühen Lautwandel /ē/ > /ā/", weil sie "die Substitution von urgerm. /s-/ durch früh- oder mit- tel-urfi. /s/ (> späturfi. /h-/)" voraussetze (145),so ist dies maßlos untertrieben: das in Rede Stehende nordwestgermanische Merkmal hätte gleichsam "methusalemis- ches" Alter, denn die Entlehnung müßte noch vor dem Wandel *ti > si erfolgt sein. Als Etymon wird von KOIVULEHTO nämlich *sāt(i)-ja-<urgerm. *sētja- (>an. sæti ‘Sitz; Heuschober’) vorgeschlagen (1982b,269,Anm.16).Schwed. hässja ‘Heureiter’, dessen alt- nordische Vorform von KARSTEN als Quelle des finnischen Wortes an- gesehen wird (1943/44 s.v.), müßte dann - wie schon in SKES erwogen wird - aus dem Finnischen stammen, denn an zufälligen Anklang wird man schwerlich denken dürfen.


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Der Tatbestand wäre der folgende: Das Ostseefinnische entlehnt aus dem Urgerma- nischen ein Wort für ‘Heuhaufen’ (*sātja-) und entwickelt daraus die Bedeutung ‘Stangengerüst zum Trocknen von Heu oder Getreide’ und entlehnt später das Grundwert *sāta- mit der ursprünglichen Bedeutung (saatto)! Der Ansicht KOIVU-LEHTOs kommt entgegen, daß das schwedische Wort und seine Entsprechungen in den übrigen skandinavischen Sprachen im Nordischen isoliert sind und keine zwin- gende indogermanische Etymologie haben; seit TORP/FALK 1909 denkt man an ein urgermanisches *hasjōn- zu einer Wurzel idg.*k'es- ‘schneiden,spalten’ (lat. castra- re ‘verschneiden’ u.a.)‚ das auch in an., norw. hes ‘Art Zapfen oder kleine Stange’ vorliegen soll (86).

Doch erwecken die weite Verbreitung des Wortes in den nordischen Sprachen und das Bedeutungsspektrum des von TORP/FALK herangezogenen hes einige Beden- ken gegen die Möglichkeit einer finnischen Herkunft.Die Annahme einer Übernahme des finnischen Wörtes ins Nordische ließe sich freilich durch schwed. ria, aschwed. rie ‘Darre’ stützen, das als Entlehnung eines finnischen riihi gilt, das wiederum mit syrj.riniš, wotj. inšjr,šinir unter einem Ansatz *riȠ vereinigt wird (SKES). KLUGE /MITZKA stellen norw.rjaa ‘Stange zum Trocknen von Getreide’ aber als *rihan- mit schwed. ri  f. ‘Pfahl, Stange’ zu dt. Reck < *rikno’- zusammen (s.v. Reck). Nach JO- HANNESSON bedeutet nisl. hes neben ‘wirbelzapfen (warrel) in einem spannrie- men, um zu verhindern, dass dieser sich verschlingt’ noch ‘trockengerüst, -schnur’ und ‘schnauze, bes. von rindern’.

Auch BLÖNDAL gibt für hes, Pl. hesjur die Bedeutung ‘senkrechte Stangen zum Trocknen von Heu’ an. Bei RIETZ findet sich schwed. häs in der Bedeutung ‘(Heu-) schober’.Auch die jön-Bildung kommt im Norwegischen (hesje) und Dänischen vor (hesse).

Letzteres hat nach JOHANNESSON "seinen namen nach den zapfen in den senk- rechten pfählen,auf denen die querstangen ruhen" (250), und KARSTEN meint, daß die vorspringenden Zacken oder Zapfen, an denen das Heu usw. haftet, zumindest für das finnländische Gerüst sehr wesentlich seien (101). Im Hinblick auf die Bedeu- tung der vermuteten indogermanischen Wurzel ist noch zu vermerken, daß nach RIETZ die schwedischen Heureiter aus Stangen oder Balken mit Einkerbungen, in die waagerechte Stangen eingesetzt werden, gebaut sind (s.v. häsja). Daß es sich bei der in Rede stehenden skandinavischen Sippe doch um Erbgut handelt,ist mithin nach wie vor im Auge zu behalten.


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Solange die traditionelle Erklärung dieser Wörter mit sach- und wortgeschichtlichen Mitteln nicht falsifiziert ist,erscheint es müßig,ernsthaft über eine Etymologie nachzu- denken, die ostseefi. für urgerm. *s und *ti > si nach urgerm. > nwgerm. ā (!) datiert und die auf einer nur im Altnordischen belegbaren Bedeutung ‘Heuschober’, i.e. ‘Heuhaufen, -diemen’ (s. BAETKE) für das germanische Wort für ‘Sitz’ fußt.

Bei der Etymologisierung der skandinavischen Sippe wurde auch an eine Wurzel der Bedeutung ‘trocken’ gedacht (de VRIES). Eine Grundbedeutung ‘Darre’, d.h. ‘Gerät zum Dörren’, wäre in der Tat einleuchtend.

Ein anklingendes und von einer Grundbedeutung ‘trocken’ her verständliches Wort scheint aber nur in an. häss, aschwed. häs und he's ‘heiser’ (NOREEN 1904 § 80, I, Anm. 5) vorzuliegen,das zu ahd. heisi,as.häs ‘heiser’ gehört.Die nordischen Formen mit  ā (< *ai) machen einen Ansatz *hairsaz nötig (*ai > ā vor r, s. NOREEN 1904 § 80 I, Anm. 2).



[HM: Diftogi -ai- on ominainen vasarakirveskielelle, mutta sitä tuskin esiityy lainkaan kantabaltissa.]


Norw. (dial.) haas ‘rauh’ und (r)sa ‘Trockenheit’ reflektieren die angesetzte Grundbedeutung, die sich in den wohl dazugehörigen Wörtern ahd. hei ‘trocken’, gihei ‘Dürre, Hitze’ fände (s. KLUGE/MITZKA s.vv.).

Ein *hairsijōn- hätte nun mit Assimilation von *rs > ss (NOREEN 1923 § 272. 3) über *hāsijōn- zu *hasjōn- werden können. Fi. haasia und hasia könnten dann verschiedene Entwicklungsstufen des nordischen Wörtes wiedergeben. Die Umstel- lung von *haisra- (dt.heiser,engl. hoarse) zu ‘hairsa (> (r)sa) ist vielleicht durch *tarsa- ‘trocken (vgl. Darre, schwed. dial. tarre) bedingt.

Eine andere Erklärung der Genese von schwed. hässja usw. bietet sich durch ein fränkisches *haisia-, das in der Romania in vielfältiger Bedeutung als Lehnwort vor- liegt (von WARTBURG 16,121 ff.). In Frage kommen hier die Bedeutungen ‘Zaun, kleine Tür,Barriere’. Es handelt sich um aus Stangen bzw.Ruten verfertigte Geräte, vgl. z.B. afr. haise ‘clȏture faite avec des branches entrelacées composée de tra- verses souvent garnies de menues branches’ und die Bedeutung ‘Wagenleiter’ (dial. hez ‘ridelle de charette’). Eine Ableitung hazette findet sich fr. dial. als ‘Hürde aus Holz zum Trocknen von Speck, Käse, Früchten’. In westgermanischen Dialekten scheint das Wort nur im Flämischen überlebt zu haben: heize ‘Raufe im Stall (in Form einer Leiter)’ - von WARTBURG 122b.


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Daß es in Schweden raufenartige Darren gab, zeigt eine bei GRIMM (s.v.Raufe) ver- merkte Stelle aus einem Reisebericht von 1599: "dasz man in Schweden maschinen im felde und auf den wiesen hat, einer grossen aufgestellten leiter oder raufe gleich, auf denen man das getreide oder das heu trocknet’. Ob es sich dabei um die mit hässja bezeichneten Geräte handelt, muß freilich dahingestellt bleiben.

§ 23. Bedenken gegen den postulierten Wandel *ti' > si in germanischen Entlehnun- gen erweckt vor allem der Umstand, daß ein Dutzend von angeblichen Belegen (vgl. das Material bei HOFSTRA 1985,156) keinen einzigen Fall aufweist,in dem der den- tale Klusil nicht an der Morphemgrenze stünde (vgl. hingegen tila ‘Gelegenheit’, tina ‘Zinn’ gegenüber den baltischen Lehnwörtern silta ‘Brücke’ [zu lit. tiltas ‘id.’], karsina ‘Verschlag’ [zu lit.gardinys ‘id.]’).Es könnte sich aber z.B.im Falle von germ. *natja-, d.h. *nat’-ja- (gegenüber germ.*tina-; konsonantisches i palatalisiert stärker als sil- bisches), um eine Substitution durch *c´ handeln (*nac'-ja >*nas-ja > näsiä) als urostseefi. *ti bereits *c’i (<*t’i) war (und gegebenenfalls nachdem *t’j' noch ohne Perzeption der Morphemgrenze durch c´c’ substituiert worden war - vgl. § 65).

§ 24. Ein palsi ‘harte Erdschicht’ (s. HOFSTRA 1985, 132), ‘trockene Lehm- oder Kieskante’ (s. KORHONEN 1981, 35) kann theoretisch drei verschiedenen Stamm-klassen angehören. Neben der im Finnischen vorherrschenden Flexion Gen. palsin, Part. palsia usw., dem für Lehnwörter aufi charakteristischen Typus, und dem von KOIVULEHTO hier als ursprünglich angesehenen Typ palte- (Gen. pallen, Part. paltta), der für den Ausgang -lsi nur noch durch fi. jälsi ‘Baumsaft’ vertreten zu sein scheint (zu einem *kalsi s.u.)‚ist auch eine Flexion palsi, Gen.*palsen,Part. *palsta (Typ tuohi, tuohen, tuohta ‘Birkenrinde’) denkbar. Ein strukturell dem palsi besser entsprechender Vertreter dieses Typs wäre kusi, kusen kusta ‘Harn’, dem ein *kunse- < *kun´c’e- zugrunde liegt (lapp.N guǯǯâ, wog.P kunš´,sam. kam. kunze).


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Konfrontiert man dieses Deklinationsschema mit den übrigen, ergibt sich folgendes Bild:

Studien77.jpg

Daß speziell im Finnischen auf dem größten Teil des Sprachgebietes ein Übergang vom "Lehnworttyp" lasi in den altertümlichen Typ jälsi/jälte- stattgefunden haben soll, erscheint nahezu ausgeschlossen.

Umgekehrt wäre palsi- aus dem Typ jälte-, der durch zahlreiche Vertreter - kynsi, kynte- ‘Kralle’ usw. - gekennzeichnet ist,so daß keine Veranlassung zu einer Verän- derung bestand, nicht erklärlich. Vom strukturellen Gesichtspunkt erscheint mithin eine ursprüngliche Flexion palsi, Gen. *palsen am wahrscheinlichsten. Ein wie kusi flektierendes palsi wäre mit -Cs- singulär gewesen und hätte überdies im Partitiv eine nur noch in dem homophonen palsta ‘Parzelle’ vorkommende Konsonanten-verbindung aufgewiesen.Es wäre verständlich,daß ein *palsi/palse  in der Flexion nach dem anderen Wort mit -lsi (jälsi) umgebildet wurde (zum Part.*palsta /paltta vgl. noch fi. varsta, dial. vartta ‘Schwengel des Dreschflegels’). Ein Stamm *palse- müßte bei grundsprachlicher Herkunft auf ein *pale- (Typ kusi) oder *palče- (Typ kynsi/kynte-) zurückgehen.

Die Verbindung *lc' fehlt zwar in KORHONENs Zusam-menstellung (1981,189 f). Es gibt aber keinen ersichtlichen Grund, ihre Zulässigkeit in Abrede zu stellen. Die Ent- wicklung wäre parallel zu *mc' > lapp. wǯ’, fi. ms (lawǯe bzw. lämsä ‘Lasso’). Trans-poniert man diesen Ansatz ins Lappische ergibt sich ein lapp. N buolǯâ. (vgl. ural. *kunc’ea, lapp. N guǯǯâ ‘Harn’). Ein solches Wort liegt nun in der Bedeutung ‘steep ridge of moraine, dry gravelly eminence (often with a shap edge)’ vor (s. NIELSEN 260 f.).


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Diese Bedeutung paßt genau zu dem für fi.palsi bzw.karel.palzi belegten Bedeutun- gen ‘trockene Lehm- oder Kieskante und ‘Abhang, Rand’, wobei die Bedeutung ‘Ab- hang’ der karelischen Entsprechung von fi. palt(t)a ‘Abhang’ und seiner Sippe bezo- gen sein kann. Das zu palsi gestellte lulelappische puolta ‘Abhang, (Birken-) wald’ wäre freilich zu trennen; aus *palc'e- erwartete man ein *puoltja, aber puolta bedeutet schließlich nicht ‘palsi, buol´ǯâ’, sondern nur ‘palt(t)a’.

In dem oben erwähnten palsta ‘Streifen, Parzelle’ findet KATZ ein urgermanisches *spaldō- ‘Spalte (1990, 44). Das lautliche Phänomen ist sein "Korpsion-Typ", der im Verein mit Bume (für Blume) den Titel der Arbeit gezeitigt hat. KATZ führt aus: "Die- sen Typ konnte verfassen in wenigstens zwei unabhängigen Fällen an deutschen (ca. 5-6-jährigen) Kindern in Südfrankreich beobachten, die das Wort Skorpion als Korpsion wiedergaben", wofür er einen "Zeugen" namhaft macht (39 mit Anm.).

[HM:Suonreuna-palsi *paltis = kuivattama ei liity tuohon jonkin reunan taittamiseen, kirjaimellisesti kantaindoeuroopan ULOSPALTTAMISEEN, vaan se liittyy kantaindo- eurooppaan ja "sen murteeseen" KANTABALTTIIN samaan sanaparveen kuin pelto (= kuivatettu), puoli, (ranta)peltojen maa Puola (liettuan Lenkija on myös "Peltojen maa", mutta eri verbistä). Se liittyy myös germaanin sanan fält, field, MUTTA SUO- MEN PELTO EI MISSÄÄN TAPAUKSESSA TULE SIELTÄ: on oikeampaa sanoa, että PÄINVASTOIN kuin noin! Felt tulee vasarakirveskielestä kermaanikieliin. (San- skriitissakin on kyllä ihan sama sana, eikä ole suinkaan ainoa). Liettuasta tulee tähän liittyvä sana palšta.


Englannin etymologinen tosiasiassa piruilee nimeä mainitsematta Koivulehdon "etymologialle":

http://www.etymonline.com/index.php?allowed_in_frame=0&search=board

field (n.)

Old English feld "plain, pasture, open land, cultivated land" (as opposed to wood- land), also "a parcel of land marked off and used for pasture or tillage," probably related to Old English folde "earth, land," from Proto-Germanic *felthuz "flat land"

(Cognates: Old Saxon and Old Frisian feld "field," Old Saxon folda "earth," Middle Dutch velt, Dutch veld Old High German felt, German Feld "field," but not found originally outside West Germanic;Swedish fält, Danish felt are borrowed from German;

Finnish pelto "field" is believed to have been adapted from Proto-Germanic).

This is from PIE *pel(e)-tu-, from root *pele- (2) "flat, to spread" (see plane (n.1)). The English spelling with -ie- probably is the work of Anglo-French scribes (compare brief, piece).

Vaikka Koivulehto ei aluksi ehdottomasti kiistänytkään muiden indoeurooppalaisten kuin germaanien olemisen mahdollisuutta (Suomessa ja Ruostissa) ennen germaa- neja, tuollaset pölhöetymologiat sulkisivat sellaisen mahdollisuuden ehdottomasti pois, jos olsivat totta!

Palsi kuuluu ainoana sanana kahteen tärkeään Koivulehdon harhautuslistaan: muka "vanhalla kaavalla taipuviin muinaisgermaanilainoihin, sekä NÄIHIN:

Koivulehto toteaa ”suomen germaalainojen ikäämiskir-joituksensa” II osassa muka kantagermaanin a:n lainautumista kantalapin -uo-:ksi:

JK: ” 5.11. Kaikkiaan on kertynyt siis 12 etymologiaa, joissa (kanta)germaanista /a/- foneemia vastaa lapissa uo, useimmissa tapauksissa itämerensuomikin on edustettuna (ims.a):

arpa, hauta, kansa, lanka, palsi, rauta, vanne, vartoa, vaula, vain lapissa buoi'de, luoi'kât, ruow'dâ.

Joka ainoa on balttlaina, josta enemmän täällä:

http://hameemmias.vuodatus.net/lue/2015/07/jorma-koivulehdon-suomen-arkkimuinaiset-kermaanilainat-3000-vuoden-takaa-ovat-humpuukia

Erityisen koominen on tuo "lanka":

http://hameemmias.vuodatus.net/lue/2014/11/korkeatasoista-balttietymologiaa-suomen-ja-itabalttikielten-suhteista

Weiter heißt es: "Der Vorgang ist klar: in dem den Kindern bekannten Dt. kam sk- nicht vor, war nicht aussprechbar, die Information s sollte aber erhalten werden und wurde in eine passende Inlautposition (vgl.etwa Knirps) verlegt". Ein in zwei ersten Klassen einer Spandauer Grundschule unmittelbar nach Beginn des Schuljahres durchgeführter Test hat ergeben,
daß zumindest 39 das Wort Skelett zum aktiven Wortschatz der Schulanfänger gehört, Skorpion hingegen weitgehend unbekannt ist. Auch für KATZs Informanten dürfte das Wort Skorpion "aussprechbar" gewesen sein; eher haben wir es hier mit dem auch bei Erwachsenen häufig zu beobachten- den Phänomen zu tun, daß man sich an ein einmal oder selten gehörtes Wort - z.B. ein Fremdwort oder einen Namen - nur unvollkommen erinnert; man hat die Phone- me im Kopf, bekommt sie jedoch nicht mehr voll- ständig in die Reihe. Auch die von KATZ zitierten ungarischen Parallelen dürften sich auf diese Weise erklären. Die in einschlägigen ungarischen Veröffentlichungen als "mundartlich" gekennzeichneten Varianten sind nicht unbedingt für eine ganze Dialektgemeinschaft symptomatisch; es ist durchaus auch Idiolektisches aufgenommen.


39. Vermutlich kennen die meisten 6-jährigen auch die Wörter Skan- dal und skrupellos.Singularität eines Phonems allein ist aber ohnehin kein hinreichender Grund für einen Ersatz. Jedes dreijährige Kind weiß, was eine Garage ist, und kann das Wort artikulieren; weitere Lexeme mit ž kommen in der Regel erst in der Schulzeit hinzu (Blamage, Rage, Gage u.a.).


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Das Korrektiv der Sprachgemeinschaft verhindert in solchen Fällen eine Ausbreitung der Entgleisungen. Die für die germanisch-ostseefinnischen Kontakte vorauszuset- zende weitgehende Zweisprachigkeit dürfte das nämliche bewirkt haben. Schließlich ist nicht einzusehen warum sich die Ostseefinnen nur wegen des Erhalts eines anlautenden s das sie sonst unterdrückten, eine exzep-tionelle inlautende Konsonantenverbindung eingehandelt haben sollten 40.

§ 25. In dem mit dem Possessivsuffix der 3.Pers.versehenen Adessiv kallellaan sieht KOIVULEHTO (l97lb, 386 f.) ein germanisches Adjektivabstraktum *halþīn- (> Nom. Sg. kalsi), das in got. wilja-halþei ‘Gunst = sisu’ ("Willensgeneigtheit") belegt ist. Da die -i- Deklination, der auch das denominale Formans -i folgt, schwerlich erst zur Zeit der Kontakte mit den Urgermanen aufgekommen ist, mußes verwundern, daß ein germa-nisches *halþīn- nicht einen Stamm *kalti- (> *kalsi) gelifert hat im bzw. dieses *kalsi /Gen. *kalsin in den Typ kalsi /kalte- übergegangen ist.

[HM: "Kallellaan" (kalsi) on liettuaa. [HM: Keskustelua aiheesta:

Jaska [Häkkinen]

http://www.kotikielenseura.fi/virittaja/hakemistot/jutut/1976_247.pdf

" Germaaniset sanat loppuivat yleensä z*-äänteeseen, joka johtaa joko *-as tai *-eš (> *-eh) -substituutioon. Jälkimmäinen siis taipuu *hyljeh: *hylkehen (> hylje: hyl- keen). Silti myös e-vartaloita tavataan, kuten palsi: pallen. Tästäkin sanasta tava- taan silti myös *-eš-sub- stituutiota: palle: palteen. Muita e-vartaloisina taipuvia ger- maanilainoja ovat karsi, kilpi, liesi, lovi, tuppi, umpi, kalsi, paasi, pursi, suuri, tuoni, vaaksi, vyyhti.

Tämä oli tärkeä rivi: Koivulehdon esittämät "vanhalla kaavalla taipuvat muinaiset gemaanilainat".

Todellisuudessa tuossa ei ole ainotakaan germaanilainaa,uutta eikä vanhaa. Koi- vulehdon "etymologiat" ovat täysin "ufologisia" Paasi on kelttilaina (basis = pohjakivi), siitä on myös vsk-muoto paaden (paatenen), vyyhti on slaavilaina,joka lisäksi taipuu UUDELLA kaavalla: vyyhdin (se on ehkä joskus sekoitettu vanhalla kaavalla taipu- vaan balttilainaan viipsi (vyyhti, linko > jtv. vilpsnis), Sanaa vaaksi (muka vaahto) ei ole lainkaan olemassa, se esiintyy yhdessä ainoassa paikassa Kantelettaressa Elias Lönnrotin runollisiin riimeihin virittämänä.

Käyän noita värejä sopivin vaikoin myöhemminkin. Germaani on
vihreä. Noista balt- tilainoista lähinnä umpi (joka on kuurissa sijamuodon päätekin), voisi alun perin olla lähtöisin SU-puolelta.

Mutta siihen "kalteen": Fraenkel:

Lithuanian: "kãlti = kallistua (sivulle)"

Etymology: 1. (kaliù, kaliaũ) 'anlehnen = nojata, kallistua (pystysuoraan nähden)',
atkalti, ãtkaltìs, atkãltas, ãtkalta '(Rücken)lehne = selkänoja',
ãtkalas, -ùs 'angelehnt, sich stützend' und 'umgekehrt, entgegengesetzt',
Adv. atkaliai 'entgegen, im Gegensatz, umgekehrt, anderseitig, aufs neue', daneben
atkalu, atkaluonis 'adversarius',
lett. atkal(t) 'abermals, hinwiederum'.
Lit. pakalà, -ỹs, pakalas, lett. pakaļa 'Rückenteil, Rückseite, Hinterteil = selkäpuoli, tausta
pakaļ, pakal 'hinterher = takaisinpäin',
als Präp. 'hinter, nach', atpakaļ 'zurµck = takaisin',
cf. ai. kát·aka- 'Bergabhang',
got. wiljahal ei 'Parteilichkeit = puolueellisuus', huls 'hold, geneigt, gnädig',
ahd. heldan 'neigen, auf die Neige bringen = nojata, panna nojalleen',
halden 'sich neigen, abschüssig sein = kallistua',
aisl. hallr '(vorwärts) geneigt = etunoja(ssa)',
als Subst. 'Neigung, Senkung, Halde, Hügel', halla 'neigen, beugen, zu Ende gehen'.
Mit Verallgemeinerung eines Nasalformans abg. kloniti 'neigen, beugen',
poklonú 'Verneigung, Anbetung' etc.
Ũber lit. pakalìkas 'Lakai, Diener' s.s.v. ]


Die von HOFSTRA (1985,156 f.) referierte direkte Zurückführung der finnischen Ba- sis auf das Abstraktum aber erscheint unproblematisch. HOFSTRA konstatiert an an- derer Stelle "eine auffällige Verbindung" zwischen "der fi. Flexion mit Nom. Sg. auf -ea/-eä einerseits und der germ. Adjektivdeklination mit Nom. Sg. mask. auf -jaz andererseits" (1985, 117). Er führt ein Dutzend fin- nischer Adjektive germanischer Provenienz - davon ein Viertel init Fragezeichen - an.

Er sieht hier eine "Substitution von urgerm. -jaz" durch das urostseefinnische Adjek- tivformans -eða/-eða und erwägt die Möglichkeit daß "zweisilbige" Aussprache des urgermanischen jaz die Ursache hierfür sei.


40. Bei den von KATZ vorgenommenen Zusammenstellungen gele- gentlich zu einem Häulfeln KOIVU-LEHTOscher Ideen; vgl. fi. hulpio usw. < urgerm. *stulp(i)jo-, d.h. Unterdrückung des Dentals in st und substitution des *s durch *s', was es bei KOIVULEHTO (noch?) nicht gibt.


80


Es stellt sich indessen die Frage,warum ein germanisches -jaz dann nicht als fi. -ijas realisiert worden ist, wie es in baltischen Entlehnungen des Finnischen der Fall ist und wohl auch in fi. autio/autia ‘wüst, öde’ zu beobachten ist, das auf urgerm. *auþijaz zurückgehen kann 41.

Die von HOFSTRA (1985,120) zitierte Zusammenstel- lung von fi. häpeä ‘Schmach, Scham’ mit an. hað ‘Spott, Hohn’ (<urgerm. *hawiþa-) deutet indessen eine andere Erklärungsmöglichkeit an.Die in Rede stehenden ostseefinnischen Adjektive könnten die zugehörigen germanischen Verbalabstrakta auf *iþo- widerspiegeln,d.h.,fi.ankea ‘bedrängt’ wäre kein urgermanisches *angwjaz,sondern das durch got.aggwiþa be- zeugte Abstraktum *angwiþō- ‘Bedrängnis’. Der Unterschied in der Wortart ist für den Sprachtyp, den das Urostseefinnische repräsentierte,unerheblich. Unter den in SKRK (I § 33,s. 65) angeführten Wörtern des heutigen Finnischen, die sowohl als Adjektive wie auch als Substantive fungieren und für die substantivischer Ursprung erwogen wird, gibt es auch gerade zwei -ea-Fälle: pimeä ‘dunkel’ und valkea ‘weiß’.

Das von HOFSTRA gegen seine eigene Erklärung angeführte Beispiel fi. rapea‚ für das sich nur ein a-Stamm nachweisen lasse (an.frár ‘hurtig,schnell’), fände nun eine Deutung durch das zugehörige germanische Adjektivabstraktum. Die urgermanis- chen *-iþō-Bildungen waren noch einzelsprachlich produktiv.Es wäre demnach gleichgültig, ob eine solche Bildung zu einem potentiellen Etymon eines ostseefinnis- chen Adjektivs belegbar ist oder nicht; es war jederzeit bildbar, wenn es der Kontext erforderte.

Sollte die von HOFSTRA beobachtete Beziehung zwischen -ea-Formans und -ja- Adjektiv statistisch relevant sein,ließe sich das damit erklären,daß bei den ja- Bildun- gen die Übernahme des Abstraktums insofern erleichtert wurde, als der Anlaut des Adjektivformans - bis auf die silbische oder unsilbische Realisation - mit dem Ab- straktformans identisch war;es könnte mithin Attraktion vorliegen.Zur lautlichen Seite der Erklärung sei noch auf fi.apea (<russ.oбыдa,obyda) hingewiesen.

In diesen Zusammenhang gehört möglicherweise auch fi. hapea ‘gierig=ahne, himo- kas, geizig = saita, itara’. Ung. kapzsi (zu kap ‘fassen, ergreifen, bekommen’) und seine deutsche Entsprechung ‘hab- gierig’ bringt einen auf den Gedanken, daß dem finnischen Wort ein Abstraktum zu einer -ja-Bildung von der in haben und heben vorliegenden germanischen Wurzel *hab- zugrunde liegt, vgl.ahd. luggi < *lugja- ‘lügnerisch’ (KRAHE /MEID III 71).

[HM: Sana häpeä on laina baltista slaavikielen kautta,jossa g ääntyy h:na, eli käytän sellaisesta tästä eteenpäin nimeä RUTEENILAINA:

Lie. gabštus m., -i f.  gabšus (taip pat gobštus, gobšus) giminiški gobėtis ‘būti godžiam = olla ahne, pavydžiam = kateellinen ’, gobus ‘pavydus = kateellinen’, (val- kovenäjä) br. habáć ‘imti = ottaa, griebti = tarttua, omia’ ir t.t. žr. godus = ahne, voitonhimoinen.

Gobšus, m. sibst gobšukas, gobši, f. , sibst. gobš(t)yte tarkoittaa nimenomaan lyhytnäköistä, ahdasmielistä tyhmänkankeaa "paskainen loppu"-ahnetta, naista, esimerkiksi pikkutyttöä tarkoittava on vielä koomillisempi kuin mistä tarkoittava. sanan keskellä olvat -t- ilmaisee passiivin partsisiippia ja tarkoittaa, että henkilö on kasvatettu sellaiseksi kuin on.

Kovavartaloisesta maskuliivista voi tulla "hapea", ja pehmeävartaisesta feminiinistä - "häpeä", sillä ludennus lainatuu usein ulos a:n,o:n ja u:n etuvokaalisuutena, ja latvia- kielissä ilmeisesti kasitavuisen sanan jäkitavun liudennus on määrännyt etutavunkin liudennuksen, ennen kuin liudentuneista konsonanteissa on niissä tullut kokonaan eri kansonatteja, mitä ne liettuassa eivät ole, kuten eivät venäjässäkään. Myös kapea ja suomessa myös selskästi negatiivinen kopea, vaikka virossa onkin kabe = lauha, heikko, mutta kobe = lihava, voimakas. K:lliset tulvat suoraan baltista.

Muita näin määiiteltyjä ruteenilainoja ovat esmerkiksi hormi, preussin gorme, venäjän gorm, sekä paha,  baltin blogas, vv.

Lie.
blogas, la. blāgs ‘silpnas, niekingas, blogas’, abu galbūt < br. błahij ‘blogas, bjaurus’, r. blagoj ‘stuobrys, bjaurus’,galbūt giminiškas lo. flaccus ‘nulėpęs, silpnas’ ir t.t.]


41. Ein *auþjaz hätte allerdings auch autia ergeben.


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§ 26.Fi.lenseä,lensiä wird auf ein urgermanisches *lenþja- (>ahd.lindi ‘weich, zart’) zurückgeführt (s. HOFSTRA 1985,86,157), wobei für die Entwicklung folgendes vor- auszusetzen wäre:*lent’iä>*lenc’iä >lensiä, was impliziert, daß der Nasalschwund bereits bei dem ererbten *c´, als es also noch ein *t()i gab, vonstatten gegangen war. Das bedeutet aber, daß zum Zeitpunkt der vorauszusetzenden Zwischenstufe *lenc’iä eine Verbindung *n´c’ nicht zugelassen war. Dann ist aber anzunehmen, daß *lenc’iä aus phonotaktischen Grün- den sein *n´ eingebüßt hätte. Allerdings ist es in phonetischer Hinsicht die weitaus wahrscheinlichere Annahme, daß der Nasal erst mit bzw. nach dem Übergang von *c´ > s geschwunden ist 42.; dann wäre aber ein lensiä vollends unverständlich.

Neben den Möglichkeiten, daß es sich bei lensiä um die Entlehnung eines Wortes mit -ns- handelt oder ein ererbtes *lente- zugrunde liegt, kommt ein grundsprachli- cher Ansatz *len´c´e- als Basis in Betracht.Die in UEW referierte Zusammenstellung des Wortes mit ostj. Vj. lisǝk  ist nicht so sehr wegen der Vokalqualität bedenklich (l.c.), sondern eher wegen der Bewahrung des Nasals. Rechnet man aber wie in be- stimmten ungarischen Lexemen (lágy ‘weich’, langyos ‘lauwarm’ < fugr. *lon´c’a-) mit sporadischer Bewahrung des Nasals für das Ostseefinnische,könnte man anneh- men, daß fi. lense- auf die genannte Grundform mit einem Ersatz des o durch e vor dem palatalen Cluster zurückgeht. Denkbar ist aber auch, daß durch Einkreuzung des Fortsetzers eines *lenЗ´ (>syrj. S len´ ‘ruhig, still (Wet- ter), windstill’ - vgl. UEW) der Nasal restituiert wurde.

[HM: "Lenseä" on kantabalttia tai suorastaan kantaindoeurooppaa, kantabaltoslaa- via on sanottu sen "murteeksi": *len-s-ti (lensia, lend(i)a) = irtoilla, jäädä/jättää jou- kosta, vapautua/vapauttaa (kansa, karja) > löysäillä, upottaa (maa), olla > leuto jne. lujan kovan ankaran tiukan (kuten pakkasen) vastakohta, > laistaa/laittaa (sivuun), > laita, Liettua ("Laitamaa", preussista katsottuna), Yksi keskeisimipiä verbaja ainakin johdannaisten määrällä mitattuna.]


42. Der Typ *kynsi < *kynti spricht nicht unbedingt dagegen, da hier Restitution des n aus den Paradigma- stellen mit *kynte- vorliegen könnte. Fi. viti/viti- müßte als Erbwort auf ein älteres *vita/o/u zurück-gehen. Eine Gleichung fi. viti - lapp. vâccâ ‘dünner gefrorener Schnee’ (< *viče, KORHONEN 1981, 131, 159) aber impliziert, daß der Wandel č´ > ostseefi. t nach dem Wandel *ti > si eingetreten ist,falls man keinen chrono- logischen Unterschied aufgrund der Umgebung annehmen will (*n´č´> ostseefi. nt vor *Vč' > Vt). Da jedoch als Fortsetzer eines *n´č'e- im Ostseefinnischen ein *vite- zu erwarten wäre,das Wort aber wie lasi" (Gen. lasin) flektiert, liegt die Annahme einer Entlehnung nahe. Von der Sache her erscheint lappische Herkunft des finnischen Wortes durchaus plausibel. Es müßte bei der Entlehnung eine Substi-tution von lapp. *č´ bzw. der mutmaßlichen Zwischenstufe zu cc (*, s. KORHONEN 1981, 159) stattgefunden haben.



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§ 27. Eine Möglichkeit, fi. pursi (nach KOIVULEHTO urgerm. *burđa- > an. borð ‘Speisetisch, Brett’ - 979b, 146 ff.) als baltisches Lehnwort zu deuten, bietet sich in der urindogermanischen Wurzel *bherh- ‘schneiden, hauen,die in lit. bùrtas ‘Los’, bùrti ‘zaubern, weissagen’ vorliegen soll (s. FRAENKEL und Toporov s.v. *burt-). Zugrunde liegen soll ein Wort für ‘Zeichen’ (<‘Ritzung’).Die baltischen Wörter werden mit russ. бopТЬ (bort´) ‘Bienenstock’, čech. brt ‘Höhlung im Baum, die den Waldbienen zur Wohnung dient’ (VASMER I, 110) zusammengestellt.

[HM: Burtis voi olla vasrakirveskiletä tarkoittaa "purjeis-tettua (*buren). Venäjä bort ei liity siihen, vaan se liittyy liettuan sanaan bortas = parras, parsi, hylly, reuna, se on mahdollisesti ennen tarkoittanut joen jään reunaa rannalla, kantabalttia.]

Eine Grundbedeutung ‘ausgehöhlter Baumstamm’ wür- de natürlich der Bedeutung der finnischen Wörter gerecht werden; sowohl für Bienenstöcke als auch Tröge wur- den - und werden z.T. noch heute - ausgehöhlte Baumstämme verwendet. Solange aber aus dem Baltischen kein Wort mit einer der als ursprünglich angesehenen näherstehenden Bedeutung nachgewiesen ist, bleibt diese Herleitung äußerst hypothetisch, aber diesen Makel teilt sie mit KOIVULEHTOS Etymologie.

Zugunsten derselben kann man freilich die Existenz der Ableitung purtilo ins Tref- fen führen, da der Wortausgang -ilo/-ilö ein Kandidat für ein germanisches Lehn- suffix ist und somit grundsätzlich die Möglichkeit besteht, daß auch das markierte Nomen instrumenti ein unmittelbares germanisches Etymon hat. Die einschlägigen Bildungen sind in SKRK bei dem Formans -lo/-lö aufgeführt (I § 53.27, S.143).

Dieses Formans liegt z.B. in kohtalo ‘Schicksal, Los’ (dial. ‘die Fleischportion einer Person bei der Mahlzeit’) zu kohta ‘Punkt, Stelle, Situation’ (l.c.) vor. Andere Wörter mit dem Ausgang -lo/-lö legen aber eine Segmentierung -ilo/-ilö nahe,z.B. suppilo ‘Trichter’ (suppea ‘eng’, suppu ‘trichterförmig’); man vgl. allerdings hulpilo ‘Gewebe- rand’ (neben hulpa auch hulpi/hulve- und hulpio) und eben purtilo ‘Trog’ (auch pursilo, purtelo) - SKES s.v.v. hulpilo bzw. pursi.

In mindestens einem Wort wäre aber der Ausgang schon aus dem Germanischen übernommen: verkilö ‘Öse am Handtuch, Aufhänger am Mantel’, das zu an. virgill ‘Strick (zum Erhängen)’ (urgerm. *wergilö-) gestellt wird (KARSTEN 1943/ 44 s.v., HOFSTRA 1985, 380). Prinzipiell ist daher denkbar, daß hier das urgermanische Formans zur Bildung von Nomina instrumenti -ila- (< -ilo-) vgl. KRAHE/MEID III 87) vorliegt.

[HM: Verlilö on laina latviasta: verkls.Tulee läpipujottamista tarkoittavasta sanasta verti (veria vere). Siitä tulee myös suomen sana "väärä" (= nurja puoli)]


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§ 28. KOIVULEHTos "komplizierter Deutung von (os)fi. susi als Entlehnung von idg. (vorgermanischer Prägung) *kynto’- -> *s’unte bzw.*c´unte > s´unti > suzi > susi" ist nach Katz (1988, 90) durch die Zusammenstellung des ostseefinnischen Wortes mit wog. TG  c´es´ usw, "der Boden entzogen"

Damit entfalle eine Parallele für fi. tosi ‘wahr’<< uridg. *dm'to- ‘gebändigt, gezähmt’ (> ai. dāntá-), die aber schon durch lapp. duottâ widerlegt werde, da sich in der von KOIVULEHTO angenommenen Entwicklung kein Glied befinde,auf das die lappische Entlehnung zurückgehen könnte (KATZ l.c.).

[Sana zahm, tame, tam on alunperin kanta-IE:n/-baltin *dem-ta = asetettu, pinottu, takennettu, "rakeenustettu", samaa kuin latinan domus ja tuomiokirkon (kotikirkon) "tuomio". (Ettei siten tuo tuomio tule tästä? Se EI tarkoita "lauhkeaa" (kuten jossakin epäonnistunessa "Tampere-etymologiassa", jonka ainoa tarkoitus on ollut torjua balttilainen), vaan "navettaeläintä", kuten lammasta ainakin jonkin aikaa vuodesta.]

KATZ sieht in fi.tosi ein urgermanisches *stŌdia- ‘fest(stehend)’ (1988).[liett. stotis, HM] Hinsichtlich der Bedeutungsdiskrepanz führt KATZ aus: "zwar bedeutet tosi selbst nicht ‘fest’, doch wird es und ‘vakava (ernst, sicher, beständig)’ glossiert, die beide auch ‘fest (luja)’ bezeichnen". Daß man auf Finnisch tosi aikomus oder ottaa todesta sagt, wo es im Deutschen emste Absicht bzw. ernst nehmen heißt und daß tosin in bestimmten Kontexten varmasti ersetzen kann (‘bestimmt, wirklich, wahr- lich’),kann allenfalls für die umgekehrte Entwicklung in Anspruch genommen werden 43 und sagt nichts darüber aus, ob im Urostseefinnischen tatsächlich ein Bedeu-tungswandel ‘fest’ >‘wahr’ stattgefunden hat. Für ostseefi. -i vs. urgerm. *-ia- sei "ein (wenig beachtetes) ostseefinnisches Lautgesetz ins Kalkül zu ziehen,das besagt,daß auslautendes *a/ä der zweiten Wortsilbe nach *j und *i reduziert wurde, zunächst zu *i, das nach *lj erhalten ist, sonst mit dem voraufgehenden *j oder *i zu *i ver- schmolz". Der zweite Schritt der behaupteten Entwicklung ist für das Finnische Ge- meingut der Handbücher: ji > i, und zwar grundsätzlich auch nach l es heißt schließ- lich fi. neli - und nicht auf die offene Silbe beschränkt,vgl.fi.nurin < *nurjin ‘verkehrt’ zu nurja ‘Kehrseite’ (SKRK I 5 23.H,S.41,SKES s.v. nurea).

Allerdings läßt man ein *nelji (> neli ‘vier’) nicht aus neljä entstehen, sondern nimmt Ableitung mittels des Formans -i/i- an, wofür es reichlich Evidenz gibt:neljä: *nelji (> neli) wie väli (< *velji) ‘Zwischenraum’: väljä ‘weit, ausgedehnt’, lakki ‘Mütze’: lakka ‘Schutzdach, Schirm; Laubkrone’ (vgl.lakkapää ‘dicht belaubt’, lakkipää ‘Bemützter; lakkapää’), koti ‘Haus’: kota ‘Hütte’, nänni ‘Brustwarze’: nännä ‘id.’, huhtikuu ‘April’: huhta ‘Rodung’, sotisopa ‘Rüstung’: sota ‘Krieg’, iki-vanha ‘uralt, antik’: ikä ‘Alter’ u.a.m. - wobei im Falle identischer Bedeutung mit dem Basiswert zumeist eine Kom- positionsform vorliegt; man beachte vor allem auch kolmi (dial.) ‘drei’: kolme ‘drei’ und kolmivuotinen/nelivuotinen ‘drei- bzw. vierjährig’ (s. SKRK I 53.3, S.105 f.; EYEPI /IX 98 f.).


43. Wenn man keine ernste Absicht hat, ist die Absichtsbekundung nicht wahr.


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In fi. kaikkialla, estn. köikjal sieht man ein Formans -ja,das u.a. in fi. jokajalla ‘in jeder Richtung’, kumpajalla ‘in beiden Richtungen’, den Lativformen *kahtijak, *kolmijak > kahtia, kolmia ‘in zwei bzw. drei Teile’ und meijä, teijä, heijä ‘unsere, eure, ihre Gemeinde’ (< *mejä usw. mit Einkreuzung des obliquen Pluralstammes *mei- usw.) vorliegen soll (SKRK I, 5 52.6, S.109, BYBPI/IX l.c.). Diese Auffassung gewinnt eine starke Stütze darin,daß im Wepsischen die erweiterten Formen meja- usw. als Basen für die äußeren Lokalkasus und den Lativ fungieren: vepsä mejal usw. ‘bei bzw. von uns usw.’ (KETTUNEN 1943 ä 630, LAANEST 3.3.5.1).

Fi. kaikki/ansa/-aan ‘zusammen, im ganzen’ (-nsa/-aan Possessivsuffix der 3. Per- son) wird hier nicht eingereiht, da es sich als Part.Pl. analysieren läßt. Auch im Wep- sischen wird für ‘kaikkiaan’ der Part.verwendet: kaiked (Sg.):milän´ kangast kai- ked koume seinad ol’gi ‘Ich hatte insgesamt drei Seina (Stoffmaß) Leinwand’ (fi. kaikkiaan kolme seinämittaa), kaks kaiked om ‘es gibt insgesamt zwei’ (fi. kaksi kaikkiaan on) - KETTUNEN 1943 5 667.Daß im Finnischen der Plural und das Pos- sessivsuffix verwendet werden,ist nicht auffällig. Zum Plural vgl.KALEVALA: sano jo toet totiset ‘Sag schon die ganze Wahrheit (Pl.)’ (Gemein-sprache Sg., z.B. se an totinen tosi ‘das ist die reine Wahrheit’); jos en saa tosia kuulla nicht die Wahrheit (Pl.) zu hören bekomme -18,101,117,119. Auch in der lappischen Entsprechung von fi. tosi wird in der Bedeutung ‘tosiaan’ der Plural verwendet: duadâi (Gen.).

Damit entfiele ein Argument bei der Beurteilung der fi. kaikkiaan parallel gebildeten Form fi. tosiaan ‘wirklich, wahrhaftig’.Man vergleiche andere Adverbien wie hyötä hyviään (hyötään hyviään) ‘grundlos, vergebens’ (im Wepsischen Part. Pl. ohne Possessivsuffix hödhüvid ‘vergebens’, s.KETTUNEN 1943 § 381), järkiänsä/järki- ään ‘gänzlich; sogleich, hintereinander’, karel. järgieh ‘hintereinander’,olon. järgieh ‘sogleich’. Aus fi. tosiaan,karel. toz´ieh auf ein älteres "in gedeckter Stellung" erhal- tenes *tosia ‘tosi’ zu schließen,wird schon durch das umgangssprachliche täysiään ‘vollständig’ zu täysi ‘voll, gänzlich’ widerraten.


85


Im übrigen hätte sich ein *tosia an allen obliquen Paradigmastellen in "gedeckter Stellung" befunden. Ferner befremdet sehr,daß der postulierte Typ Nom.*tosi‚ Gen. *tosian, Nom. Pl. *tosiat nicht zu *tosi, *tosin, *tosit (Typ lasi) oder *tosi*tosen, *toset (Typ kusi) ausgeglichen sein soll, wo ebenfalls alle Paradigmastellen ein -s- vor den Ausgängen aufweisen würden, sondern zu tosi, toden, todet, d.h. mit Kon- sonantenalternation. Es wäre zumindest dialektal auch der Typ *tosi, *tosin zu er- warten. Schließlich verwundert, daß in mehr als hundert Lexemen auf -ja analogis- cher Ausgleich im Nomi- nativ stattgefunden haben müßte. Schließlich müßte eine Nominativforrn *tosiaan analogisch nach *tosiansa sein.

KATZ unterscheidet nicht zwischen einer Entwicklung urostseefi. *veljä ‘Bruder’ zu fi. veli und estn. veli bzw. *karja ‘Klippe’ zu fi. kari und estn. kari. Im Estnischen ist aber in Zweisilblern generell nachkonsonantisches j durch Apokope des Auslautvo- kals zu i geworden,z.B. ahi ‘Ofen’ < *ahja, asi ‘Sache’ < *asja, vali ‘streng’ < *valju, kali ‘ca. 2 rn lange Stange’ < *kalju (s. KETTUNEN 1962 114 f., SKES 148 f.). Es könnte allenfalls estn. koi ‘Motte’ für die Annahme eines schon urostseefinnischen Wandels in Anspruch genommen werden, da es im Estnischen *koja hätte bleiben müssen (KETTUNEN op.cit.5 221). Nun weist dieses Wort im Finnischen noch eine Reihe weiterer Varianten auf:koisa, koisi (koite-), koisio,koihko (SKES s.v.) - was bei einem Wort dieser Bedeutung nicht verwundert,zumal noch eine Homonymie mit dem Wort für ‘Morgenröte’ besteht,vgl.fi. koi,estn. koi(valge). Im Wepsischen gibt es ein kojeg bzw. koje (s. 3AIцEBA 1981,222 f.), das nach ludeg bzw. lude (< *ludek) ‘Laus’ gebildet sein dürfte, dann aber am ehesten von einer Grundform *koje her verständlich wird, aber natürlich auch aus einem *koi < *koji (< koja wie huhti < huhta) gebildet sein kann.

Im Falle von kari ‘Klippe’ fehlt jede Spur eines *karja;hier könnte man freilich mit der Homonymie zu karja ‘Vieh’ operieren; die Ableitung kari hätte sich auf Kosten von *karja durchgesetzt.Zu fi.veli, dessen lappische Entsprechung viel’ljä schwerlich als Lehnwort zu erklären ist (so KATZ 91 mit Amn.l1),da es der einzige Fall einer finnis- chen Entlehnung vor dem Wandel *e > neben palatalen Konsonanten wäre, wie er sich in Erbwörtern recht gut belegen läßt (z.B. lapp. čieǯâ ‘sieben’ < s´ec´em > fi. seitsen, lapp. čielgâs ‘hell’< *s’elke- >> fi.selkeä - s.KORHONEN 1981,84 und 97), ist folgendes zu bemerken: Da es sich bei veli/velje- um einen exzeptionellen Typ handelt,wäre es nicht erstaunlich, wenn aufgrund der Identität des obliquen Plural- stammes mit dem einer Klasse von Nomina auf -jä regional ein neuer Singular veljä entstanden wäre:Gen. Pl. veljien, Sg. veljän, Part.Pl. veljiä,Sg. veljää, I11.Pl. vel- jiin, Sg.veljään wie neljien,heljien/neljän, heljän; neljiä,heljiä/neljää, heljää; nel- jiin,heljiin/neljään,heljään usw.(neljä ‘vier’,heljä - Nebenform von heleä - ‘hell’).


86


Es muß aber eingeräumt werden, daß gegen eine Be- deutungsentwicklung ‘(fest) stehend’ -> ‘wahr’ nichts Entscheidendes vorgebracht werden kann 44; es sei des- wegen vorgeschlagen,fi.tosi aus einem baltischen *statija- (vgl. *statja > lit. stačias ‘stehend, aufrecht, gerade[zu]’“ 45) herzuleiten; zum Vokalismus vgl. fi. lohi ‘Lachs’ - lit. lāšis [lašiša, HM].

[Tässä esityksessä suomen ti > si -vaihtelusta esimerkikit "germaanilainoista" (äiti, tauti, jne ovat myös balttilainoja: olen merkinnyt sellaiset punaisella.


https://fl.finnlectura.fi/verkkosuomi/Morfologia/sivu224.htm

2.2.4                                              t  :  s  -vaihtelu

Tällä sivulla:
Yleistä | Kaksivartaloiset te-nominit | nte-vartaloiset järjestysluvut ja perusluku tuhat | Ute-vartaloiset ominaisuudennimet | tA-vartaloiset verbit, joissa A katoaa suffiksin i:n edeltä | Supistumaverbit | Lisähuomautuksia | >Harjoitustehtäviä (mene sivulle)


Yleistä

t : s -vaihtelu tarkoittaa äännevaihtelua, jossa sanan eri taivutusmuodoissa muuten on t (tai sen <heikko vastine) mutta i:n edellä on s. Esim. vete+nä, mutta ves+iä, jossa ensin vartalon e <katoaa i:n edeltä ja sitten t:n tilalle tulee s.

Nykykielen suhteet kuvastavat historiallista kehitystä. Kantasuomessa* t on i:n edelle jouduttuaan muuttunut s:ksi (äänteenmuutos ti > si). Sellaisissa sanoissa,joiden kai- kissa muodoissa t:tä on seurannut i,vastaa t:tä nyt s (esim.sanoissa sika ja karsina).

Jos sen sijaan sanan joissakin muodoissa t:tä ei olekaan seurannut i vaan jokin muu äänne, tavataan sanan taivutusmuodoissa nykyään vaihtelu t : s. Esim. t:llinen sute + na mutta s:llinen susi.

Kielessämme on kuitenkin  ti-jonoja, sillä ti > si -kehitys ei ulottunut aivan kaikkialle:

  • Muutokseen osallistuivat balttilaiset lainasanat* (esim. karsina,morsian) ja eräät germaanisetkin (esim. kärsiä), mutta se lakkasi vaikuttamasta ennen useimpien germaanisten lainasanojen (esim. tauti, äiti, raitio, valtias) tuloa kieleemme. Myöhemmistä lainoista (esim. slaavilaiset laatia, katiska, kaatiot) ainoakaan ei ole ti > si -muutosta vanhempi.

  • ti > si -muutosta ei tapahtunut, jos t:tä edelsi s, h tai t, esim. paisti, kesti, rakasti, tohtia, lehti, purskahti, voitti, kirjoitti, vietti.

Seuraavassa esitellään ne muotoryhmät, joissa nykykielessä t ja s vaihtelevat. Var- talossa t:tä seuraa e, a tai ä. Ne kuitenkin katoavat i:llisen suffiksin edeltä, niin että t joutuu i:n eteen. Ne tapaukset, joissa t ei ole odotuksenmukaisesti muuttunut s:ksi, ovat analogisia*. Seuraavassa pyritään myös mainitsemaan analogiamalli.


Kaksivartaloiset te-nominit

<Kaksivartaloisten te-nominien yksikön nominatiivissa ja monikon i:n edellä on s, muissa muodoissa on t (tai sen heikkoasteinen vastine), esim.


Yksikön nominatiivin ja monikon kehitys on ollut seuraavanlainen.Nominatiivi: *vete > *veti > vesi. Monikko: *vete+i+ltä > *vetiltä > vesiltä. (Tähti * sanan alussa tarkoit- taa, että muoto on rekonstruoitu eli ennallistettu tai että muoto on epäkieliopillinen.)


nte-vartaloiset järjestysluvut ja perusluku tuhat

nte-vartaloisten >järjestyslukujen yksikön nominatiivissa ja monikon i:n edellä on s, muissa muodoissa on t (tai sen heikkoasteinen vastine), esim.

s:lliset muodot ovat oletettavasti kehittyneet seuraavasti. Nominatiivi: *kolmante > *kolmanti > *kolmansi > *kolmans > kolmas. Monikko: *kolmante+i+na > *kolmantina > kolmansina.

Perusluvussa tuhat monikon i:n edellä on s, muissa muodoissa on t (tai sen heikkoasteinenvastine), esim.

Nominatiivi tuhat on analoginen.Odotuksenmukainen muoto olisi *tuhas,koska sana on samaa tyyppiä kuin järjestysluvut. Analogiamallina lienee ollut ohut, lyhyt -tyyp-pisten sanojen taivutus: koska ohutta : ohut, niin myös tuhatta : tuhat. (Lukusanat ovat esiintyneet tavallista useammin juuri yksikön >partitiivissa.)


Ute-vartaloiset ominaisuudennimet

Ute-vartaloisten >ominaisuudennimien yksikön nominatiivissa on s, muissa sijoissa t (: d), esim.

Ominaisuudennimien monikkomuodot (muut paitsi nominatiivi) ovat analogisia: kal- leuksia. Niihin kuuluvan ks:n mallina on ollut sanatyyppi seuraus : seurauksen : seu- rauksia, jossa >tavunloppuinen s vaihtelee yksikössäkin vokaalienvälisen ks:n kanssa.


tA-vartaloiset verbit, joissa A katoaa suffiksin i:n edeltä

Kaksi- tai useampitavuisten tA-loppuisten verbivartaloiden imperfektissä on t:n sijalla s, esim.

Muutos imperfektissä: kieltä+i > kielti > kielsi.

Tässä ryhmässä tavataan paljon analogisia muotoja:

Lyhyen vokaalin jäljessä on aina t, esim.

Myös pitkän vokaalin, <diftongin ja <resonanttikonsonantin jäljessä on usein t, esim.


Supistumaverbit

Supistumaverbien* imperfekteissä on s, <konsonanttivartalossa t, <vokaalivartalossa vokaalien välissä Ø (nolla eli kato), esim.


Imperfektin kehitys: vastaTa+i > vastaTi > vastasi.


Lisähuomautuksia

>Vesi-tyypin nominien inen-johdoksissa t jää useimmiten vaihtumatta s:ksi, esim. vetinen (ei *vesinen), totinen, (vasen)kätinen, etinen, läntinen, kuukautiset, mahtipontinen jne.

te-loppuisten verbivartaloiden t pysyy ennallaan, esim. kutea : kuti, samoin kyteä : kyti, potea : poti ja päteä : päti. Tuntea-verbin t vaihtuu s:ksi imperfektissä mutta ei konditionaalissa: tunsi, tuntisi. Huom. myös tekijänniminjohdokset potija, tuntija.

Omia sääntöjään noudattaa lähteä-verbi, jolla on sekä t:lliset että s:lliset rinnakkaismuodot: lähti – läksi, lähtiäiset – läksiäiset.

Passiivin imperfektimuodot ovat säännöllisesti analogisia, esim. saatiin, vietiin, syötiin (ei *saasiin, *viesiin, *syösiin). ]



§ 29. Die Annahme germanischer Entlehnungen vor dem ostseefinnischen Wandel *ti > si ermöglicht es KOIVULEHTO,eine weitere neue Lautentsprechung zu etablie- ren. Er sieht in fi. rasva ‘Fett’ ein germanisches *krausa-; vgl. dt. Gekröse ‘(Fett um die) Eingeweide’ (1986, 167 ff.), wobei er eine Metathese von angeblich unzulässi- gem *us zu *su}: annimmt, Nach traditioneller Auffassung muß die Kombination *us für den Beginn der Kontakte mit dem Germanischen als zulässig angesehen wer- den, da es ein urostseefinnisches *kausi (fi. kausi/ kaute- ‘Zeitabschnitt’) < *kauti gegeben hat. Ein urgermanisches *krausa hätte also als *rausa realisiert werden können. Bei KOIVULEHTOs Konzeption müßte rasva vor dem Wandel *ti > si übernommen worden sein 46.


44. Die gleiche Entwicklung zeigt z.B. svan. tkic ‘wahr’ < georg. mtkice- ‘fest’.

45 Vgl. lit. kälis, kelis neben kälias ‘Weg’.

46. Urostseefinnischen Alters ist auch fi. lausua ‘äußern,etwas zum Ausdruck bringen, aussprechen, dekla-mieren’ (vgl. estn. lausuda). KALIMA stellt das Wort mit Bedenken zu lit. klausti, klausiu ‘fragen, nachfra- gen,sich erkundigen’ (129 f.).Im SKES ist diese Deutung - offenbar wegen der Bedeutungsdiskrepanz - nicht erwähnt. Geht man für lausua aber von dem litauischen klausyti,klaüso ‘(zu)hören, lauschen,Gehör schen- ken’ aus, so könnte man den Bedeutungswandel dem altnordischen lexikalischen Morphem hljöð-anlasten: hljöð ‘Stille,Ruhe (zum Hören oder Gehörtwerden);das Zuhören’, (vgl. beiða, krefja, kveðja sär hljóðs ‘sich Ruhe zum Sprechen erbitten, Gehör heischen’), aber auch ‘Laut, Ton, Klang; Stimme’, vgl. hljöða ‘ertönen, klingen; die Stimme ertönen lassen, rufen, singen’. Die alte Bedeu- tung von lausua müßte dann zugunsten der neuen Lehnbedeutung irgendwann aufgegeben worden sein. Es ist natürlich verlockend, fi. lausua direkt auf die germanische Entsprechung des litauischen klausyti zurückzuführen,vgl.ae. hlyst ‘Gehör, Lauschen’, an. hlust ‘Ohr (besonders von Tieren)’, ae. hlysnan ‘lauschen’. ae. hlosnian, ahd. hlösen, an. hlera ‘laus- chen, horchen, spähen‘. Vollstufige Bildungen las- sen sich im Germanischen jedoch nicht ausmachen. Ein Einfluß der Sippe von hljöd auf die Bedeutung wäre freilich auch hier anzunehmen.


87


KOIVULEHTO sieht seine Herleitung dadurch "bestätigt", daß die nämliche Metathe- se auch "der einzige fi. Reimstamm" aufweist. KOIVULEHTO zufolge ist nämlich fi. kasva- die Entlehnung eines indogermanischen *h2aukse/o- ‘wachsen’ mit Substitution des Laryngals durch k.

Wenn es sich bei den beiden Wörtern aber um die einzigen Fälle mit der Lautfolge sv handelt,dann war die Verbindung *sv zur Zeit der Übernahme des Vorläufers von fi. kasva- ja ebenfalls unzulässig und stand somit für die Substitution des *sų gar nicht zur Disposition. Hat es aber die Verbindung auch sonst gegeben, verringert sich die Wahrscheinlichkeit ihres fremden Ursprungs bzw. ihrer Monogenese.

Eine weitere Stütze für diese Metathese glaubt KOIVULEHTO in der Umstellung von ųr zu im Falle von fi. karva ‘Haar’< balt. *gaura- (lit. gaüras) gefunden zu haben. Tatsächlich sind aber Metathesen, an denen eine Liquida beteiligt ist, typologisch merkmallos und besagen überhaupt nichts für *ųs > *sų.

Zusätzliche Evidenz für die vermutete Metathese gibt es mithin nicht. KOIVULEHTOs Etymologie für kasvaa trifft aber ohnehin schwerlich das Richtige. Die von ihm angesetzte urindogermanische Ausgangsform hat es allem Anschein nach gar nicht gegeben. Die indogermanischen Einzelsprachen zeigen bei dem in Rede stehenden Wort folgende Verteilung von Formen mit und ohne s-Erweiterung:

studien87.jpg


88.


Der Befund spricht mithin für ursprüngliche Schwebeablautvarianten *h2ayg (< *h2ey-)/*h2yegs- (schwundstufig *h2ugs- -s. SCHINDLER 1972b, 152). Das Germa- nische würde klar die alte Verteilung, die durch das Arische gestützt wird, reflektie- ren. Im Baltischen und Lateinischen findet sich die hiervon abweichende Form nur in isolierten Bildungen‚ was für einen späteren Ausgleich spricht, z.B. im Falle von lit. aukstas ‘hoch’ zwischen einem regelrecht mit Schwundstufe gebildeten -to- Partizip *ukštas und augti. Im Tocharischen ist ebenso Kontamination anzunehmen wie im Griechischen, wobei hier entweder mit einer älteren s-haltigen Variante oder einer Entwicklung auks- < *h2ugs- zu rechnen ist (s. PETERS 1982, 15). Es ist also fest- zuhalten,daß es gerade in dem für das Finnisch-Wolgaische als Lehngeber in Frage kommende Indogermanischen (Arisch, Baltisch, Germanisch) keinerlei Evidenz für uridg. *h2aykse/o- ‘wachsen’ gibt!

Wenn fi. kasva- und mordw. kasom aber kein urindo-germanisches *h2aygs-reflek-tieren, dann besagt auch das tscheremissische kuikam ‘wachsen’ nichts, das KOI- VULEHTO auf die schwundstufige Form zurückführen will. Die Ähnlichkeit mit dem finnischen und dem mordwinischen Wort, an deren Zufälligkeit KOIVULEHTO nicht zu glauben vermag, beschränkt sich dann nur auf den Anlaut.

Im übrigen wäre ein urtscheremissisches *kukša- gar nicht umgestellt worden, wie die tscheremissischen Entsprechungen von fi.oksentaa ‘erbrechen’ zeigen (uklsän- zam usw.). Ein *kukša- wäre nicht anders behandelt worden als urtscheremissisch *maksa- ‘Leber’ (> makš) oder urfgr. *jäkš3 ‘kalt (werden)’ (> jükše- ‘kalt werden’, vgl.lapp.L jieksö- ‘kälter werden [Wetter]’‚fi. jähty- ‘erkalten’).Es gibt zwar im Tsche- remissischen Metathesen an denen k und s beteiligt sind, die Richtung verläuft aber gerade umgekehrt:tatar. baskač >tscher. paksč ‘Leiter,Treppe’ (vgl. LEWY § 39). Das von KOIVULEHTO angeführte üčküž ‘Ochse’ (ai. uksan-) erklärt sich entweder durch dissimilatorische Metathese in der suffigierten Form oder durch die Übernah- me eines iranischen *uxšaka- (> tscher. *ukška > *uška)‚das in den Pamirsprachen fortgesetzt ist.

 

89


§ 30. Das mit dem Wandel *ti > si in germanischen Lehnwörtern entfallende lautge-schichtliche Argument für höheres Alter der baltischen Elemente ließe sich ohnehin durch eine semantische Analyse des Lehngutes ersetzen 47.

Der einschlägige Wortschatz ist elementarer. Es kom- men z.B.unter den Körperteil- namen fi. hammas ‘Zahn’ (lit. zambas [žam̃bas,HM]; ererbtes pii zu ung. fog ‘Zahn’ bedeutet ‘Stift’), und fi. kaula ‘Hals’ (lit. kaklas), napa ‘Nabel’ (lett. naba; im Germa-nischen beschränken sich die l-losen Formen der Sippe ‘Nabel, Nabe’ auf die Be- zeichnung des terminus technicus) vor.Von den zahlreicheren auf den Körper bezie- henden germanis- chen Entlehnungen ist das elementarste hartia ‘Schulter’ (ererbt ist olka ‘id.’).

Auffallend ist auch das Fehlen jeglicher Farbbezeichnung unter den germanischen Lehnwörtern, während wichtige Zwischentöne des Spektrums mit Wörtern baltischer Herkunft bezeichnet werden:fi. kelta(inen) ‘gelb’, harmaa ‘grau’ (lit. geltas bzw. šir- mas). Besonders bedeutsam ist auch die Bezeichnung des Rades (fi. ratas, vgl. lit. ratas) und des Wagens (fi. rattaat, Pl. von ratas; vgl. lit. ratai, Pl. von ratas); vgl. hierzu KALIMA 1936, 198 ff. (eine detailliertere Analyse bietet SUHONEN).

Insgesamt sehen die baltischen Elemente des Ostsee-finnischen mehr wie Zeugnis- se eines einschneidenden Strukturwandels aus, während die Wörter germanischer Provenienz eher eine Verfeinerung, Vervollkommnung vorhandener Technologien zu belegen scheinen.Sowohl von der Anzahl als auch vom Charakter her können die baltischen Elemente des Ostseefinnischen mit den vor der Landnahme übernomme- nen Turkismen des Ungarischen verglichen werden,wogegen die während und nach der Ansiedlung in Pannonien aufgenommenen slavischen den germanischen Lehn- wörtern des Ostseefinnischen gleichgesetzt werden können - nicht zuletzt auch des- wegen, weil der slavische Einfiuß auf das Ungarische wie der germanische auf das Ostseefinnische bis in die jüngste Zeit nicht abgebrochen ist 48.

47. Auch wenn KOIVULEHTOS einschlägige Etymologien.richtig sein sollten, könnten die germanisch- ostseefinnischen Kontakte natürlich immer noch sehr viel später als die baltisch-ostseefinnischen begonnen haben.

48. Die "auffallende ...Vermehrung der ungarischen Farbenbezeich-nungen in der dem 9. Jh. vorangehenden Periode" wurde nach K.K. CSILLERY "vor allem wegen der Beschaffung und Herstellung der bunt gemuster- ten Textilien notwendig" (1985,96). Bei den unterge-ordneten Schichten der Bevölkerung blieb in der Tracht "die weiß- schwarz-rote Farbenharmonie" dominant. Für das Ostseefinnische ist ein Motiv natürlich nicht auszumachen.


90


Konfrontiert man die germanischen und baltischen Entlehnungen für Begriffe, die in SWADESHs 200 Grundwörtem vorkommen, so ergibt sich unter Einbeziehung der neuesten Herleitungen aus dem Germanischen (fettgedruckt) kein Übergewicht des Baltischen. Berücksichtigt ist jeweils nur die Normalvertretung.


Studien%2090.jpg

.......germanisch baltisch

bad paha

breast rinta

cut leikata

hair

navel

neck

mother äiti

play pelata

sea  meri

seed siemen***

sky  taivas

small pieni

snake käärme

tooth hammas

wide laaja

wipe pyyhkiä

worm mato

 

Die Anzahl der alten germanischen Entlehnungen in diesem Bereich hätte sich mit- hin durch die neuen Ergebnisse verdoppelt.Es ist jedoch zu berücksichtigen, daß die Kontakte mit den Balten nicht mit der gleichen Intensität erforscht wurden wie die mit den Germanen. Außerdem finden sich unter den etablierten germanischen Etymolo- gien Fälle, für die eine baltische Alternativerklärung beigebracht werden kann. So dürfte es kaum Kriterien geben, die eine Deutung des finnischen ranta ‘Strand, Ufer’ aus einem urbaltischen *krantas (lit.krantasUfer’) ausschließen;das litauische Wort erweist sich durch seine Verwandtschaft mit russ. kpymoü usw. als alt.


91


Zum Ausgang vergleicht sich fi.arta ‘Stangengerüst zum Aufhängen von Netzen’ (lit. ardas ‘Stange, an der Flachs zum Trocknen aufgehängt wird’). Finnische Tenuis für baltische Tenuis ist ebenfalls keine Seltenheit. Die Zusammengehörigkeit von urslav. *kratbjb mit lit. krantas wurde von BERNEKER (I 628) bezweifelt.

TPYБAЧHEB hat unter Hinweis auf die nach seiner Meinung semantische Unverein- barkeit des slavischen und des baltischen Wortes lit.krantas,lett. krants mit litauisch kristi (krinta, krito) verbunden, das die Bedeutung ‘fallen’ hat (6 f.).

[HM: Balttiverbi on JYRSIÄ; JÄYTÄÄ, josta on sekä soinniton kantaverbi *kremsti, latvian kriest (kried), ja soinnillinen vastaava gremzti, lt, griauzti, lv. gremzt.

Kun vaikkapa rotta jyrsii palan (tämä pala on tulos, josta näkökulmasta katsotaan), tai tulva pudottaa taas kiven jyrkältä rannalta, jota nuolee, niin verbi, aspekti on *krimsti, josta tulee tuo nykyliettuan kristi (krinta, krito), mutta kun rotta jyrsiikin REIÄN, palsan POIS objektista, vaikka sitten leivästkin, tai tulava muokkaa toisen rannan koveraksi (kramtas > krantas!)

On huomattava,että tuo baltin aspekti ei tarkoita yksin-kertaisesti osaobjektia kuten venäjän aspektit usein ja suomen partitiivi, vaan osaobjekti voidaan noille molem- mille tarvittaessa mm. objektin genetiivimuodolla, Se on siis päin vastoin kuin suo- messa, jossa genetiiviakku-satiivi tarkoittaa kokonaisobjektia. Näille aspekteille ob- jekti on kokaan eri olio: leipä tai haukkapala syödessä, halko tai kärryt lastatessa, koko ranta tai yksittäinen kivi tai puu veden "syödessä" uomaansa.

Baltin, vasarakirveskansan ja preussin "jyrsimisestä ja jäytämisestä" tulevat sellai-setkin kansainväliset sanat kuin KRIISI, kreikan crisis sekä suomen riisi, riiden eli riisitauti, venäjän gryža. Noista mm. täällä lisää:


http://hameemmias.vuodatus.net/lue/2014/08/lalli-myrkkymies Tuolle joen LOIVALLEKIN,

Kasautuvalle rannalle on varmaan oma, todennäköisesti yhtä indoeurooppaläinen nimensä, yksi kandidaatti ovat nämä joidenkuiden tutkimat *Suonto-,Syöntö, San- ta-, kreikan psammon-nimet. Yksi mahdollisuus on juuri kantaindoeuroopan rekon-struitu *psanta. Verbin, siis "syödä", hangata, huuhdella, ja santa sitä "tulosta, on arveltu ollen *bes- , venäjän peska = santa, eli suomen PESTÄ!

http://www.etymonline.com/index.php?term=sand&allowed_in_frame=0

"Pesujäte" erityisenä tuloksena olisi - mitäs muutakaan - paska. Myös *(p)sonta] tarkoittaisi ainakin etyologisesti samaa. Tuollainen tulvan tuoma maa on aina erityisen hedelmällistä.


griaužti, gráužti = kaluta jyrsiä, latviaksi grauzt = jyrsiä, kalvaa pureskella; gremzt; ēst = syövyttää, joista keskimmäinen on kanbalt(oslaav)ia lähimmä oleva muoto. Toinen nykyinen muoto on krimsti (kremta, krimo) = nakertaa, kalvaa, jyrsiä. Edelleen verbi grizinti tarkoittaa tylsällä työkalulla kuten puukolla tai kirveellä tai sahalla tapahtuvaa vaivalloista "jyrsimistä", jyrskyttämistä, nylkyttämistä, ja esimerkiksi sellaiseen liittyvää häiritsemistä.

krimsti   (krem̃ta, ~o) = jyrsiä, kalvaa
1. krimst, grauzt
2. pārn. krimst, grauzt, gremzt

krimsti nagus - kost sev pirkstos = pureskella kynsiään
krimstis  (krem̃tasi, ~tosi) krimsties, gremzties; skumt, sērot; krenķēties sar.;
krimtimas  (2) krimšana, graušana = jyrsiminen, nakertaminen, jäytäminen
riešutų krimtimas - riekstu graušana
krimtimasis (1) krimšanās, gremšanās; skumšana, sērošana; skumjas  dsk., sēras  dsk.

Sana olisi vaoinut olla vaikka *krimstis = "*kalvu(u)", "*jäytö"]


Auch in diesem Fall wäre das Wort aber für das Urbaltische gesichert, und es würde sich an der Möglichkeit einer Entlehnung ins Ostseefinnisehe nichts ändern 49. Die von KOIVULEHTO im Falle von fi. äes ‘Egge’ (<*äketi <*äkete) für möglich gehalte- ne germanische Herkunft wird auch von HOFSTRA berücksichtigt (1985, 121). Die Zusatzannahmen‚ die bei Herleitung des Wortes aus urgerm. *agiþō- ("aus älterem *agejbā-") zu machen sind - Umwandlung in einen e-Stamm und Ersatz des a durch sein palatales Pendant - lassen diese Möglichkeit aber unplausibel erschei- nen. Da (He-Stämme im Baltischen gewöhnlich in ostseefinnische e- Stämme mün- den (s. KALIMA 1936, 82), ist die Zurück-führung des Wortes auf die Vorform von lit. akėčios, ekėčios f. (P1.) unbedenklich.

Die Zusammenstellung von fi.kiivas ‘eifrig,feurig,auffahrend,heftig’ mit ae.ziw ‘Geier’ erscheint nicht zwingend. Die altenglische wo-Ableitung wäre isoliert. Es erscheint glaubhafter,daß das für das altenglische Wort anzusetzende Adjektiv mit der Bedeu- tung ‘gierig’ ein Postverbale ist (ae. ziwian ‘fordern,bitten’, verwandt mit dt. gähnen, als ursprünglich ‘den Mund aufsperren’). Die Bedeutung ‘gierig’ vertrüge sich auch kaum mit den Bedeutungen,die für das finnische Wort zu belegen sind.Näher stünde schon das durch got. qius bezeugte urgermanische *kwiwaz ‘lebendig’ (lat. uīuus, lit. gyvas ‘id.’),das im neuen Paradigma auch für fi. kuiva ‘trocken’ beansprucht wird. Es erscheint aber müßig, die nicht erwartungsgemäße Anlautsvertretung zu diskutieren, denn fi. kiivas entspricht genau dem litauischen gývas.


49. Auch TERENT’EV spricht sich neuerdings für die Möglichkeit der Herkunft des finnischen Wortes aus dem litauischen krantas aus (31).


92


Aus semantischen Gründen überzeugt auch die Zusam-menstellung von fi. ruoko ‘Schilfrohr’ mit urgerm. *broka- (ahd. bruoh ‘Moorboden’, Sumpf) nicht, die bei HOFSTRA im Zusammenhang mit der Möglichkeitwest-germanischer Entlehnungen (s. unten) herangezogen wird. Daß Schilf im bzw.am Sumpf wächst und vielleicht so- gar Parallelen für eine Bedeutungsbeziehung beige- bracht werden können, ändert nichts daran. Unverständlich ist, warum eine auf BUGA zurückgehende baltische Er- klärung des Wortes überhaupt nicht berücksichtigt wird. Apr. drogis ‘Schilf’ kann ein urbaltisches *drögas repräsentieren, aus dem sich das finnische Wort problemlos herleiten ließe. Man könnte allenfalls zu bedenken geben, daß das altpreußische Wort keinen überzeugenden Anschluß gefunden hat (vgl. TOПOPOB 1975 s.v.) 50.

§ 31. Im Falle von fi. rauma ‘Meeresströmung’ (vgl. an. straumr ‘Strom, Strömung’) wird - wohl aufgrund seines eingeschränkten Verbreitungsgebietes (vgl. SKES); laut KLUGE/MITZKA nichtsdestoweniger "früh entlehnt" (s.v. Strom) - baltische Herkunft (vgl. lit. sraumuo ‘Strom, Bach’; lett. sträume ‘Strom, Strömung’) nicht erwogen (s. SKES, HOFSTRA 1985, 324).

[HM: Tämä sana,joka tarkoittaa salmea, merivirtaa ja HITAASTI virtaavaa jokea, tu- lee kantaindoeuroopan sanasta *rem- = levätä, olla hiljaa, etuliittellä s- = pois saa- daan s-rem-ti = "poislevätä", josta tulee länsibalttilaiseen tapaan srauti (*srauma > srauna, srovė̃ < *sremwē) = virrata. Näin liettuassa, koska äänneyhdistelmä -sr- on edelleen sallittu.

Sen sijaan latvia-kielissä ja vasarakirveskielissä -sr- Ei ole sallittu yhdistelmä, joten silloin, kun se aina tavan takaa kuitenkin osuu eteen johdinpäätteitä yhdistellessä, VÄLIIN PANNAAN NS. LOISKONSONANTTI, joka on vsk:ssa ja kuurissa ainakin -t/d- , mutta joskus myös (zemgallissa?) -k/g-. Näin ollen latvian sanaksi virrata tulee *straut > starvet, ja virtaus on straume.

Vasarakirveskielessä sanan loppu ei välttämättä ole ollut tämä,vaan se on voinut olla vaikkapa - strand- = virta, jonka naapurit ovat kuitenkin ymmärtäneet nimenomaan sen virran RANNAKSI,tasan samoin kuin sano- jen Oka/Akaa (vsk) < *ekwa (kb = ub.) > *ekwer- > ežeras jne.!]


In anderen Fällen entscheidet die Bedeutung die Alternative. Fi. heimo ‘Geschlecht, Stamm, Verwandte’,estn. höim ‘Verwandtschaft, Verwandter’, liv. äim ‘Gesinde, Fa- milie’ wäre in lautlicher Hinsicht problemlos auf urgerm.*haima- (dt.Heim, got. haim, an. heimr ‘Dorf,Heimat,Heim’) zurückzuführen - vgl.fi.leipä ‘Brot’< urgerm. *hlaibaz (an. hleifr), keihäs < urgerm.*gaizaz (an.geirr) - ,doch weist das Bedeutungsspekt- rum der ostseefinnischen Vertretungen auf das Baltische (lit.seime ‘Familie, Gesinde’, apr. seimins ‘Gesinde’, s. KALIMA 1936, 99) 51.


50. Die Zusammenstellung des altpreußischen Wortes als *drugīs oder *drugis mit lit. drugys ‘Fieber’ und ‘Schmetterling’ und damit die Zurückführung auf eine  baltoslavische Wurzel *drug- ‘zittern’, Erweiterung einer indogermanischen Wurzel *dher- (s. MAZIULIS 229), hat nicht viel für sich.

51. Zu einem weiteren implicite von HOFSTRA mitgeteilten Argument für höheres Alter der Baltismen vgl. § 66.


93.


§ 32. Nicht ganz so folgenschwer wie die Annahme eines Wandels *ti > si in germa- nischen Lehnwörtern ist eine andere Neuerung. Betrachtet man die Wörter mit "(früh-)urgerm." *s -> "(früh)urfi." (>h), so findet man sich dem befremdlichen Tat- bestand gegenüber, daß die frühesten Übernahmen aus dem Germanischen die Be- griffe ‘suchen’, ‘langsam’,‘Verderben’,‘Schutz’, ‘bemerken’,‘Not’, ‘spröde’, ‘werfen’, ‘seufzen’, ‘billig’, ‘Flöte’ und ‘Seehund’ betreffen. Bei dem letztgenannten Wort wird es sich in beiden Sprachen um ein Substratwort handeln (fi. hylje <*šelkeš, an. selr < *selhaz)‚ Daß die von KOIVULEHTO propagierten Entsprechungen von der frühe- ren Forschung nicht erwogen wurden, dürfte den teilweise erheblichen Bedeutungs-abweichungen zuzuschreiben sein. Bis 1985 lagen laut HOFSTRA (1985, 160 ff.) folgende Gleichungen vor:

Studien93.jpg

fi,... ,,,,,,,,,,,,,,,("früh-")urgerm. einzelspr.

hauta ‘Grube’ *sauþa ae. säap ‘Grube’

hakea ‘suchen’ *säkeja- got. sökjan ‘suchen’

hidas ‘langsam’ *sīþugot. seiþu ‘spät’

hukka ‘Verderben’ *sukka- an. sukk ‘Lärm, Vergeudung’ [SU, HM])

huoma ‘Schutz’ *söman- an. sömi ‘Ehre’

huomata ‘bemerken’ *so'mja- an. saema ‘sich richten nach’



hätä ‘Not, Gefahr’ *sætä- an. sa’! ‘Hinterhalt’ [< kaita < kepta = kuumennettu, kuuma, kuume, kulkutauti (vepsä)]

hapras ‘spröde’ *sauraz an. saurr ‘Schlamm’ [kuuria: tarkoittaa lannoitteeksi kerät- tyä levää ja muuta meren tuomaa moskaa. Lannoitteista oli todellinen pula dyyneillä: hienolla laivolla ei ollut mukava ajaa sontaa, eikä jäitäkään ollut tarpeeksi (eivätkä sikäläiset hevoset edes sovinnolla menneet jäille).

heittää ‘werfen’ *sēja- got. saian ‘säen’ > [HM: kb. *skem(b)ti, alunp. pois-kimmota > ampua jousella,  *skemba = keihään, nuolenkärki, kivikirves > vatjan hampuma, sm. ampua.

huoata ‘seufzen’ *swo'gja ae. swägan ‘rauschen’  (väärin)

halpa ‘billig’ *salwaan. solr ‘schmutzig’   (väärin)

huilu ‘Flöte’ *swiglön- ahd. swegala ‘Flöte’ (väärin)

hajottaa ‘zerstreuen’ *sēja- an. sei ‘säen’ [HM: haja < šēti < žem-ti = panna maahan, kyvää

hylje (s.o.).


Für den Inlaut sind schon lange einige Fälle bekannt,in denen ein ostseefinnisches h einen germanischen Sibilanten vertritt (*z bzw. unter bestimmten Bedingungen s, s. HOFSTRA 1985,97 ff.).Nicht hierher dürfte die von SKÖLD und HOFSTRA gebilligte Zusammenstellung von fi. muha,muhea, für das HOFSTRA die Bedeutung ‘Morast, Schmutz, Matsch’, SKES hingegen ‘mürbe, zerbrechlich’ - die Bedeutung ‘Sumpf’ kommt SKES zufolge erst dem Kompositum muhamaa (maa ‘Land’) zu - angibt, mit an. mosi ‘Moor, Moos’ gehören, die auf COLLINDER zurückgeht (HOFSTRA 1985, 98 mit Anm.).


94.


Es läßt sich auch Zugehörigkeit des Wortes zu russ. mox (moh) ‘Moos’ vertreten, dem ein älteres mьxь zugrunde liegt.In lautlicher Hinsicht vergleicht sich bezüglich der Vertretung des velaren inlautenden Halbvokals fi.tuska ‘Sorge,Schmerz’< aruss. macica (russ. mocka). Bezüglich des Auslauts kann auf fi. hurtta ‘Wolf’ < xpьmь (hr´t´) verwiesen werden, das gleichzeitig die Wiedergabe des russischen x durch fi. h belegt. Unter den für dieses Wort im Finnischen belegten Auslautsvarianten stellt die auf -ea die forma difficilior dar.

Ostseefi.h < s im Anlaut war bisher im Lehngut nur in baltischen Etymologien vertre- ten. Die in jüngster Zeit hinzugekommenen Fälle mit germanischen Originalen basie- ren auf der Annahme einer Substitution von urgerm. *s durch urostseefi. *š (> h). Unter den Etymologien, die als Beweisstücke dienen, enthalten hakea ‘suchen’ und hauras,hapras ‘spröde,morsch’ zwei weitere "nichtklassische" Lautentsprechungen. Die urgemanischen Originale weisen ein bzw. *au in der Stammsilbe auf, für die man ostseefi. *ō (> fi. *uo) bzw. *au erwarten sollte. Im letztgenannten Fall wird eine Substitution durch urostseefi. *ap (karel. ap, fi. au) angenommen.

§ 33. Unter den einschlägigen Etymologien, die nur die in Rede stehende Substitu- tion voraussetzen,scheint die Herleitung desfinnischen huoata/huoka- ‘seufzen,auf- atmen’ bzw. huokua ‘atmen,brausen,rauschen’ aus einem durch got. (gaßwōgjan ‘seufzen’ und ae. swōgan ‘rauschen, tönen’) bezeugten urgermanischen *swōgjan wegen der Belegbarkeit der beiden ostseefinnischen Begriffsbereiche auch bei den germanischen Originalen auf den ersten Blick schlagend.

Tatsächlich ist die Polysemie aber erwartungsgemäß, beispielsweise weist auch das griechische στενω sowohl die Bedeutung ‘seufzen, stöhnen’ als auch ‘laut tönen, brausen, rauschen’ auf, das nämliche gilt für ung. sóhajt ‘seufzen’ mit dem dazuge- hörigen suhog ‘rauschen, seufzen’. Die Verwandtschaft beruht hier aber auf Laut- nachahmung (s.TESz s.vv.). Derselbe Ursprung, d.h. ein deskriptives *sak-, ist auch für die finnischen Wörter die wahrscheinlichste Annahme. Um eine neue Entsprechungsregel etablieren zu können, bedarf es anderer Indizien.


95.


§ 34. Bei hakea ‘suchen’ betrifft die vermeintliche Entsprechung ostseefi. a  urgerm. *ō einen Fall,in dem für das germanische Original ō< uridg.*ā angesetzt wird. Dieser Ansatz beruht auf der völligen Gleichsetzung der germanischen Vertretung mit lat. sāgīre ‘aufspüren’ und griech. ηϒεμαι ‘meinen, glauben’ (urspr.‘verfolgen’). Daß das germanische Verb die gleiche Ablautsstufe wie seine Kognaten vertritt,läßt sich aber nicht zwingend nachweisen.Die zugrunde liegende urindogermanische Wurzel ist als *seh2g ‘aufspüren’ anzusetzen, wozu auch heth. šēkk-, šākk- ‘wissen, erfahren’ ge- hört: 3.Sg.Perf.fakki ‘er hat aufgespürt’= ‘er weiß’< uridg.*(se)-soh2g-ei- (EICHNER 85; OETTINGER 450 f.). Das Bedeutungsverhältnis *‘aufspüren’--> ‘suchen’ usw. läßt nun aber die Deutung zu, daß es sich bei got. sökjan usw.um ein Iterativum/ Intensivum mit o-Stufe vom Typ wrakjan ‘verfolgen’ handelt.

§ 35. KOIVULEHTO schließt hier ferner fi. hidas ‘langsam’ an, das er über "frühurfi." *šitaz zu "frühurgerm." ‘šituz (> got.seiÞus ‘spät’) stellt,wobei er zum Verhältnis germ. -us / fi.-as auf die vermeintliche Parallele fi. harras ‘andächtig’ - got. hardus ‘hart,streng“ 52 und bezüglich der Kürze in der finnischen Tonsilbe auf fi.rikas ‘reich’ gegenüber germ. *rīkjaz verweist (1981b,193). Der semantische Zusammenhang sei banal, die l.c. genannten Parallelfälle für das Nebeneinander von ‘langsam’ und ‘spät’ bei dem in Rede stehenden Wort erübrigten sich.

Nicht ohne weiteres nachzuvollziehen ist hingegen KOIVULEHTOs Bemerkung, daß die Bedeutung schon der zugrunde liegenden indogermanischen Wurzel "innewohne".


52. Die Erwehnung einer Zurückfürung


96.


POKORNYS ‘nachlassen,loslassen,säumen (spät),langsam,langdauernd’ (IEW 889) ist weiter nichts als eine Projektion der verschiedenen einzelsprachlichen Bedeutun- gen in die Grundsprache; die Grundbedeutung der Wurzel *seh,(i)- war nach allen Regeln der Rekonstruktion nichts anderes als ‘nachlassen’. Wenn KOIVULEHTOs Zusammenstellung richtig sein sollte, wäre die im Finnischen reflektierte Stammklas- se das zu Erwartende, denn das zu der in Rede stehenden Wurzel gehörende regu- läre Verbaladjektiv müßte *sh,i-tö- ‘nachlassend’ gelautet haben, wogegen sich das gotische Hapax seiÞu als adverbial gebrauchter Akk. Sg. eines maskulinen -tu- Ab- straktums plausibel machen läßt (vgl. LÜHR 1978,122 f.). Der o-stämmige Ansatz hätte sogar den Vorteil, daß man kein Wort über die Quantitätsdiskrepanz verlieren müßte und daß die Substitution des germanischen Anlauts durch s angesichts des Laryngals in der KoIVULEHTOschen Konzeption a fortiori akzeptabel würde. Das Wort würde dann allerdings unbedingt in KOIVULEHTOs "vorgermanische" Entleh-nungen einzureihen sein. Substitution von h, nimmt KOIVULEHTO auch im Falle ei- nes aus syrj. pöž- ‘bähen, brühen’, ostj. päl- ‘im Fett braten’ rekonstruierten finnisch-ugrischen *püšä an (uridg. *bheh,-) - 198lb, 355, 53.

§ 36. Seine zum ersten Mal in Virittäjä 1976 vorgetragene Deutung von fi. hauta ‘Grab,Grube’ wiederholt KOIVULEHTO in PBB in folgender Form: "Fi. hauta (< früh- urfi.*šauta bzw.*šauδa) ‘Grube,Teergrube,Kochgrube;Vertiefung,Grab’,auch ‘Fang- grube’:sudenhauta ‘Wolfsgrube’ < frühurgerm. *sauþa->> ags.sēaþ ‘Grube, Vertie- fung, Brunnen, Wasserloch’, wulf-sēap ‘Wolfsgrube (Fanggrube)’ usw. Daneben ur- germ. *sauþja -> urn.*sauþia- > gotl.söde (dial.Lautform säide) ‘Teergrube’; aus urn. *sauþia ist südlp. saude ‘Teergrube’ entlehnt worden.

53. Koivulehto vereint lapp. bässe ‘braten, rösten’, syrj. pöä- ‘bähen, brühen, schmoren’, wotj. pyä- ‘braten, backen’, ostj. päl- ‘im Fett braten’ unter fugr. *püšä-, das er über älteres ‘pešä- aus uridg. *bheh,- entlehnt sein läßt (355).Eine Grundform *pisä- würde nach ihm den außerlappischen Vertretungen nicht gerecht. Tat- sächlich weisen aber auch die obugrischen Vertretungen auf urobugr. *i < fugr. *i (s. STEI- NITZ 1955, 216; 1964, 60 f.; HONTI 1982, 173), während die permischen Wörter (wotj. S pḭž, K pǝz‘, syrj. S P pḙž-‚ PO ž-) auf ursprünglichen velaren Vokalismus weisen (UEW 385) und somit auch KOIVULEHTOs *püsä- nicht genügen. KOIVULEHTO müßte mithin motivieren, wie aus uridg. *b”eh,- fugr. *pišä- geworden ist.


97


Die germ.Wörter zu germ. *seiþa- ‘sieden = keittää´ (198lb,193). Hier muß man sich zunächst fragen, welcher Stellenwert in der Argumentation den übereinstimmenden Bedeutungsangaben zukommen soll. Meint KOIVULEHTO, daß die Existenz eines finnischen Determinativsyntagmas sudenhauta im Verein mit dem angelsächsis- chen Kompositum wulfisēap die Richtigkeit seiner Etymologie untermauert?

Natürlich kann ein Wort,wenn es einmal die allgemeine Bedeutung ‘Grube’ erhalten hat, auch in entsprechenden Kontexten in der Bedeutung ‘Fanggrube’ verwendet werden. "Am verbreitetsten waren die wolfsgruben", heißt es bei GRIMM (9, 605 a). Auch ung. verem, zunächst als ‘Vorratsgrube’ entlehnt (vgl.§ 70),wird schon 1335 in der Bedeutung ‘Fanggrube’ verwendet:forcoswerum ‘fovea lupis capiendis’ (OklSz  s.v. farkasverem).

Die von KOIVULEHTO angeführten Spezialbedeutungen besagen also nichts für das Urgermanische bzw. Urostseefinnische. Ähnlich verhält es sich mit der ‘Teergru- be’.Wenn das gotländische Wort tatsächlich nur diese Spezialbedeutung haben soll- te, so ist darauf zu verweisen, daß es sich um eine Ableitung handelt, was wiederum für die Bedeutungsstruktur des vermuteten urgermanischen Etymons von fi. hauta gar nichts bedeutet. Der germanische einzelsprachliche Befund und die Etymologie des in Rede stehenden germanischen Wortes weisen auf eine Grundbedeutung ‘Wasserloch,Quelle’ und auf sonst nichts.Von dieser Bedeutung aus ließe sich sogar die Ableitung im Sinne von ‘Teergrube’, d.h. "grube, woraus ein mit bergtheer oder bergöl durchzogener sand gegraben wird" (GRIMM 1984, 9, 345), direkt erklären, wenn man berücksichtigt,daß man in Gotland den Teer tabuistisch mit vätan ‘Feuch- tigkeit’ und der väta ‘das Nasse’ bezeichnet (KLUGE/MITZKA s.v.). Selbstverständ- lich kann sich die allgemeine Bedeutung ‘Grube’ im Ostseefinnis- chen entwickelt haben, aber diese zusätzliche Annahme mindert den Wert der Etymologie.

Vollends fragwürdig wird diese freilich durch Einbeziehung des lappischen suow’de ‘Kierne; Rachen’. KOIVULEHTO kann noch ein Dutzend Parallelen der Art an. geil ‘längliche Kluft’,aschwed.gel ‘Fischkieme’, gotl. gail ‘großer offener Mund; Schlund, Hals; Fischkieme’ (vgl. HOFSTRA 131) beibringen: frühurgerm. *sauþa- ‘Quelle, Wasserloch’ ist für fi. hauta ‘Grube,Grab’ und lapp.N suow’de ‘Fischkieme, Rachen’ kein Etymon, das zum Nachweis germanischen Einflusses auf das "Frühurfinnische" herangezogen werden kann.


98


Da behält man für fi. hauta besser eine andere, auf LÖNNROT zufückgehende (s. KALIMA 1936,98) Erklärungsmöglichkeit im Auge: Berücksichtigt man die finnischen Wörter haudikas,haudikka, hautanauris ‘in einer erhitzten Grube gekochte Rüben’ und lüd. haud(e) ‘naurishaudikas’, haudriik ‘Rübengrube’, ‘gebähte Rüben (hau- dutettu nauris)’ (SKES s.v. hauta), so drängt sich der Gedanke auf, daß hauta ur- sprünglich die zum Kochen von Rüben benutzte Grube war und mit dem Verb hau- toa ‘bähen, brüten’, estn. haududa ‘brüten, wärmen’ usw. (s. SKES) zusammenzu- stellen ist. Das Verb wird zweifelnd mit lit. šautas ‘Kohlsuppe’ bzw. lett. sautāt ‘hautoa; schlagen’ in Verbindung gebracht (SKES).


[HM: Suomen "hauta" tarkoittaa ennen kaikkea tervan- ja ruukunpoltto- sekä paisto- hautaa. Se tulee liettuan sanosta "džiáuta" (džiáuti: džiáuna (-ja), džióvė) ja latvian sanasta "žauta" (žaut: žauj/žauna, žāva) = "kuiva- maan, paistumaan, savustumaan, poltettvaksi tervaksi, viinaksi, asetettu".

Прабалтийский: *deû- (2) vb. tr., *dǖ- vb. intr.

[Väärin: Tulee kanta-IE:n verbistä *genti, josta tulevat myös liettuan ginti (gena) = ajaa (takaa), ginti (gyna) = puolustaa,latvian dzīt (dzinu) = ajaa tislata, polttaa (vii- naa, tervaa),kuurin *dzautum (*dzauna),peussin guntun, guntwei (gunna) = ajaa, vasarakirvessana lienee ollut *gwaiti, *gwainu, josta voi tulla sekö kainu(u) (tervan-poltto) että vainu, vaino (ajo, metsästys sota), ja siitä tulee myös "tökötiksi tislattava" eli *goivu. Vasarakirveskansa tislasi todistettavasti oivua eikä mäntyä. On saattanut olla myös arkaaisempi muoto (tai sellsinen jopa saattanut tulla myöhemmin etelästä *gwen-ti [gwäänti...] = muuttaa kantabaltista:kääntää ja vääntää!

Значение: dry
PRNUM: PRNUM
Литовский: džiáuti (džiáuja/džiáuna, džiṓvē) `zum Trocknen aufhängen', džiū́ti (džiū́sta/džių̃va, džiùvō) 'trocken, dürr werden'

Латышский: žaût (žaûja/žaûna, žâva) tr. `trocknen, zum Trocknen aushängen', žût (žûstu, žuvu) intr. 'trocknen', žavêt, žâvêt (-ẽju) tr. 'trocknen, räuchern'

[Semema ‘džiūti’ (jos tranzityvinis opozitas yra ‘kabinti,dėti,kad džiūtų’) gali remtis ‘iš- bėgti, ištekėti, išsekti (apie skysčius,sultis)’:] lie. džiū́ti,džiáuti, la.žût ‘džiovinti’, žaût ‘džiovinti, iškabinėti džiovinti’: lie. džiáuti ‘bėgti, greitai eiti’, la. žautiês ‘bėgti’, žaut ‘laistyti, lieti, smarkiai lyti’, s. i. dhavate ‘jis bėga, teka’, gr. θέιο ‘bėgu’.

этимология слова гнать

гоню́, укр. гна́ти, 1 л. ед. ч. жену́, др.-русск. гънати, 1 л. ед. ч. жену, ст.-слав. гънати, женѫ ἐλαύνω (Супр.), сербохорв. гна̏ти, жȅне̑м,чеш.hnáti,ženu, слвц. hnat’, польск. gnać, в.-луж. hnać, н.-луж. gnaś. Родственно лит. genù, giñti «гнать», ginù,gìnti,лтш. dzęnu,dzìt «защищать»,др.-прусск. guntwei «гнать», gunnimai «мы гоним», далее, др.-инд. hánti «бьет», авест. ǰainti, греч. θείνω «бью, рублю», алб. gjanj «гоню», ирл. gonim «раню»,арм.gan «удары, побои», греч. φόνος «убийство»,др.-исл.gandr м. «тонкая палка», gunnr,guðr ж. «борь- ба»; Френкель, IF 51,142; Мейе - Вайан 21.Об алб. gjanj «гоню»,gjah «охота», которые Г.Майер относит сюда жe.Ст.-слав.прич. гънанъ Зубатый сравнивает с др.-инд. (ā)ghnānás «сражаю-щийся», авест. avaɣnāna- «убийца». Не требу- ется разделять женѫ и гънати и сравнивать последнее с лит. gáunu «получаю».


§ 37. Die Tatsache, daß "idg. *sē(i) ‘werfen, schleudern’

[HM: Tämä ei ole kantaindoeurooppaa, eikä kantabalttikaan.

Kantabaltin verbi kylvää on suomeksi "*maattaa", panna maahan eli *žem-ti > žēmē

Tästä voi tulla myös suomen heittää. ]


einem zusammenhängenden alteuropäischen Gebiet zu ‘Samen auswerfen = säen’ spezialisiert wurde" (198lb, 190) nötigt KOIVULEHTO im Interesse einer Verbindung mit fi. heittää (nur ‘werfen’) zu folgender Feststellung: "Im Hinblick auf die Semantik fordert die germ. Etymologie für frühurfi. *fejttä also eine sehr frühe Entlehnungs- zeit. Zur Zeit der Entlehnung muß das urgerm. (oder erst vorgerm.) Verb noch auch im ursprünglichen, generellen Sinne >werfen,fallen lassen< gebraucht worden sein > werfen< >>säen< eine Stufe gegeben hat, - ja, gegeben haben muß -, auf der beide Gebrauchsweisen nebeneinander existierten, eine abrupte Bedeutungsänderung ist nicht vorstellbar" (191).

Er geht mithin von einem Zustand aus, der z.B. im heu- tigen Ungarischen herrscht, wo vetni die beiden in Rede stehenden Bedeutungen aufweist (vgl. auch die Ablei- tung in kocka vetése ‘der Wurf’ - kocka ‘Würfel = arpakuutio’ und kikel a vetés ‘die Saat geht auf’ - kikelni ‘aufgehen’). Diese Phase kann aber zu urgermanischer oder "vorgermanischer" Zeit bereits abgeschlossen ge- wesen sein, d.h., das Nebenein- ander von ‘werfen’ und ‘säen’ im Ur- bzw. Vorgermanischen ist eine Zusatzhypothe- se, die die Güte der Etymologie mindert. Als Be- weis- mittel für germ.*s > "frühurfi." *š > fi. h ist sie von vornherein nur bedingt geeignet.


99


Die von KOIVULEHTO l.c. erwähnten Zweifel an der Richtigkeit der Herleitung von griech. (jemi) ‘werfe,(ent)sende, schicke’ von uridg.*sē(i)-,gegen deren Berechtigung KOIVULEHTO zufolge "einigermaßen die Schlachtreihe, Heer’ und prásita- ‘dahin-schießend (von Vögeln)’ sprechen würden, "die nicht gut von idg. *(i)- getrennt werden können" (189) - was natürlich nichts für {nur besagt 54 - sind aber durchaus angebracht.

FRISK,auf den sich KOIVULEHTO bezüglich der erwähnten Zweifel beruft, vermerkt ausdrücklich: "Die Proportion äünxa (epseha): fēcī: änxoc (epsha): iēcī spricht ent- schieden für einen genetischen Zusammenhang zwischen den beiden letztgenann- ten Formen" (s.v.ί  (jemi)). KOIVULEHTO übersieht 55 außerdem, daß auch in neu- eren Arbeiten dieser Zusammenhang vertreten wird. Der Ansatz *h(ī)i-hieh, -mi wird im Gegensatz zu einem *si-seh‚ -mi (und allerdings auch einem i´i-jeh, -mi’, das RIX angibt - 1976 § 218 b) der genuin attischen Form hīēmi gerecht (s. PE- TERS 1976 und 1980,107); {(jemi) erklärt sich durch den Einfluß von öiöwut (thitho- mi) usw. Zu (jemi) stellt OETTINGER noch heth. (pi)e-mi ‘(hin)schicken’ (348).

[HM:kanta-IE:n/-baltin *žem-ti voi mainiosti tulla myös kreikan ieti- ja jopa liettuan ietis = keihäs (vaikka se ei kylvämiseen mitenkään liitykään, josta sana varsinaisesti olisi lähtenyt).]

Mit der Trennung von (jeti) und uridg. *seh‚- entfällt aber auch FRISKs Argument, durch das Nebeneinander von arm.himn ‘Grundlage’ (mutmaßlich *sēmen-), griech. fiua ‘Werfen, Speerwurf’, lat. sēmen ‘Samen’ werde die "schwerwiegende Einwen- dung, daß idg. *se(i)- ‘entsenden,werfen’ auf europäischem Boden sonst nur im Sin- ne von ‘säen’ vorkommt, und Armenisch einigermaßen abgeschwächt werden". Da im Altindischen das zugrunde liegende Verb nicht belegt ist - es wäre aber noch prásiti-gewaltsames Vordringen, heftiger Andrang’ hierherzustellen (s. IEW 890), während die Zugehörigkeit von prásita-, das nur zweimal als Epitheton des soma- bringenden Vogels (Adlers) belegt ist, nicht sicher zu sein scheint (s. KEWA) - be- schränkt sich die Bedeutung ‘werfen’ auf ein paar nominale Ableitungen und das Hethitische. Dieser Befund spricht dafür, daß die vermutete Grundbedeutung von germ. *sējan bereits im Spätindogermanischen gar nicht mehr vorhanden war.

54. und was natürlich auch niemandem einfällt!

55. Es verwundert, daß sich KOIVULEHTO bei einer so schwerwie-genden Voraussetzung nur auf FRISKs Wörterbuch verläßt.


100.


§ 38. Das bei der Deutung von heittää als strukturelle Parallele fungierende peittää ‘bedecken, verhüllen, verbergen, verhehlen, verheimlichen’, dessen Zusammenstel- lung mit dt. bähen ‘durch Umschläge wärmen; Brot rösten’ nur mittels einer weit- schweifigen semantischen Überlegung zu bewerkstelligen ist - “Wärmen, bähen’ und ‘bedecken, verhüllen’ verbinden sich dadurch, daß man einen Menschen (bzw. eine kranke Körperstelle und dgl.) wärmen und warmhalten kann, indem man ihn warm zudeckt, in >>Umschläge<< hüllt, ihn einwickelt, >einbettet< (KOIVULEHTO 1981b, 196) erklärt sich einfacher mit got. gapaidōn (vgl.auch mhd. enphetten ‘entkleiden; ausschirren’ - LEXER). In semantischer Hinsicht bestehen keine Probleme: ‘beklei- den’ ist schon so viel wie ‘bedecken’; zur Bedeutung ‘bemänteln’ im Sinne von ‘ver- hehlen’ ist es nicht weit. Die Tatsache, daß es unter den Verben auf -Vitta-/ -Vittä- eine Reihe von suffixalen Bildungen gibt (koitta- ‘dämmern’ zu koi ‘Morgenröte’ usw. KOIVULEHTO 1981b.196), kann nun aber nicht bedeuten,daß alle Verben dieser Struktur so analysiert werden müssen.

[HM: Koittaa (vsk.) ja keittää (mlt.) tulevat sanasta *kepti = paistaa,kovattaa kuu- mentamalla. Siitä tulevat myös mm. Koitere ja Keitele. Aurinko "paistoi" myös vasa- rakirveille. Liettuassa se "keittää". Vitsissä Kuu sitten "paistaa": "Saulė virė, saulė virė, menuselis kepė!" (lastenloru)]

Daß eine Segmentierung pej+ttä- "strukturell ... die ein- zige motivierte Lösung" sein soll (KOIVULEHTO l.c.), ist nicht akzeptabel. Gerade ein Lehnwort konnte natürlich aus verschiedenen Gründen in diesen Typ eingebaut werden. So ist nicht auszu-schließen, daß ein *(ga)-paidō-jan ebenso einen ostseefinnischen Verbalstamm *peittä- (d.h. *peit + tä-) liefert wie laut KOIVULEHTO (1981b, 358, Anm. 52) ein ger- manischer Stamm *sniþa- ‘schneiden’ nicht einen finnischen Verbalstamm *nīta - wie nach den bloßen Phonementsprechungsregeln zu erwarten wäre -, sondern fi. niittä- (*nīt + tä-) ‘mähen’ geliefert haben soll.

[HM: Peittää tulee samasta kantabaltin sanasta *pen-ti = liho(tta)a, juottaa (teuraak- si, lt. penus, -i), kuin vasarakirvessana *paita = mahanpeiterasva. Peittää on myö- hemmin ainakin suomeen tullut muoto. Myös piimä on samaa juurta luultavasti vasa- rakir-veskeilen maitoa tarkoittaneesta sanasta *pen-mas (*pinmas, *pynmas), viron piim, liettuan pienas, kuurin *peinas.

http://etimologija.baltnexus.lt/?w=pen%C4%97ti ]

Zum Vokalismus sei auf fi. keihäs ‘Speer’ (< urgerm. *gaizaz) hingewiesen.

§ 39. Damit entfiele eine Etymologie KOIVULEHTOs, die "zusätzlich" eine auf de VRIES zurückgehende Deutung von urgerm. *bada- ‘Bett’ "unterbaut" (1981b 203): Germ. *baþa- ‘Bad’, genauer ‘Dampfbad’ hätte als -to- Bildung von uridg. *b"eh,- ‘bähen,wärmen’ ursprünglich ‘Wärme, Warmes (- Schutz,Obdach)’ bedeutet (201).

Germ.*badja- hieße demzufolge ‘was mit dieser Wärme zusammenhängt’ bzw.‘die warme Stelle, wo man vor der Kälte geschützt ist’: "Dieser Ansatz, der sich aus dem Derivationsverhältnis von selbst ergibt, ist einleuchtend: in der nordischen Urheimat der Germanen konnte das Bett sehr natürlich als die geschützte Stelle benannt werden, wo man sich wärmen, »sich einbähen«, sich warm zudecken konnte" (201).

[Paha on ruteenilaista kanbaltin sanasta blogas, venäjän plohoi, uskonnollisvaikutteinen ruteenilaina.

Lie. blogas, la. blāgs ‘silpnas, niekingas, blogas’, abu galbūt < br. (valkoven.) błahij ‘blogas, bjaurus’, r. blagoj ‘stuobrys, bjaurus’, galbūt giminiškas lo. flaccus ‘nulėpęs, silpnas’ ir t. t.]


101.


Daß der Namengebung ein Prinzip "so richtig nett - ist's nur im Bett" zugrunde gele- gen haben soll, entspricht vielleicht nicht ganz dem Bild,das man sich gemeinhin von den alten Germanen macht,ausschließen kann man eine solche Semantik natürlich nicht. Zur herkömmlichen Deutung des gemeingermanischen Wortes für ‘Bett’ als ‘Grube’ (uridg. *bʰedʰ- graben’) bemerkt KOIVULEHTO noch: "Die >Grube< an sich ist nicht das Wesentliche, sondern >Wärme,Bähung,Schutz, Deckung?“ 56. (203).

Im gleichen Jahr wie KOIVULEHTO äußert auch SEEBOLD Bedenken gegen die bei KLUGE/MITZKA gege- bene Erklärung des germanischen *baaja- (1981 § 338). Er meint, daß es Tacitus sicher erwähnt hätte, wenn die Germanen wie die Fenni auf dem Erdboden geschlafen hätten.

Erdhöhlen als Schlafstätten seien nur für die Busch-männer bezeugt,also aus einem Gebiet mit ganz ande- ren klimatischen Bedingungen und kulturellen Verhältnissen. SEEBOLD weist aber auch darauf hin,daß die Germanen auf - entlang den Wänden angeordneten -"Erdbänken" gesessen und geschlafen hätten.

Nun ist die Erklärung als ‘Grube’ nicht die einzig mögliche Anknüpfung an die Wurzel *bʰedʰ- Geht man von einer Bedeutung ‘stechen, hineinstecken’ aus, wie sie etwa für apr. boadis ‘Stich’, lit. baslys ‘Pfahl’ anzuset- zen ist, könnte man auch an ein in den Boden des Wohnhauses gerammtes Bettgestell denken 57.Diese Herleitung eröffnet die Möglichkeit der Deutung eines weiteren finnischen Wortes.

Urgerm. *bađja- könnte Kollektiv zu einem maskulinen *ƀađjaz in der Bedeutung ‘Pfahl = paalu, Säule = pyväs’ sein. Mit den neuen Ansichten über die Genese der ostseefinnischen "langen Affrikata" (s. HOFSTRA 1985, 165 ff.) ließe sich diese Bil- dung in fi. patsas ‘Säule, Pfeiler = pilari,etwa als Stütze für bühnenartige Aufbewah- rungsräume; Pritsche u.dgl.’ (KOIVULEHTO 1981b,346,Anm. 45) wiederfinden.

56 Gemeint ist offenbar "Bedeckung".

57 Auch für die urslavische Zeit lassen sich Pritschen als Schlafge-legenheit wahrscheinlich machen, vgl. abg.‚ aruss. odpb ‘xlivn (kline), xpöcßßocroc’, russ. odp ‘Bett, Lager’, bg. odbp (od´r) ‘Bret-terdiele, Bett’, skr. òdar ‘Bett, Gestell’ (sln. óder ‘Gerüst’, čech. odr ‘Pfahl’, russ. odëp ‘Wagengestell, Gerüst’) - s. VASMER 256.


102.


KOIVULEHTO führt dieses Wort allerdings auf ein ur- germanisches *bandsaz "pri- mitiver Viehstall mit Säulenkonstruktion = Heustapel, Heubühne u.dgl.’ (> an. báss ‘Kuhstand, Lagerraum’, nd. bōs ‘Viehstall’) zurück (l.c.). Eine Ableitung von diesem Wort findet KOIVULEHTO in fi. pohja ‘Boden, Grund’ wieder (s.u.). KOIVULEHTOs Hinweis auf das Fehlen einer weiteren Kontinuante der urindogermanischen Wurzel *bʰedʰ- im Germanischen (199) ist freilich ernstzunehmen. Das Germanische böte im übrigen die einzige Evidenz für die auslautende Media aspirata der Wurzel (vgl. IEW), was Relevanz für die LACHMANNsche Regel des Latei-nischen hätte: fossus statt *fōssus (fodere ‘stechen, graben’) wäre im Falle von uridg. *ed- eine Ausnahme.

Die Wurzel für ‘bähen’ spielt noch bei einer weiteren Etymologie eine Rolle. HOFST- RA bezieht ohne Vorbehalte KOIVULEHTOs Erklärung von fi. paistaa ‘braten, rösten, der Wärme aussetzen, backen, scheinen (von Sonne und Mond)’ in seine semantische Analyse ein (1985, 344 ff.).

Er gibt die beiden Ansätze nwgerm.*bāja- (mhd.bæjen) und "(früh)urgerm." *baka- (ahd. bahhan) - 193. Wegen der starken Polysemie des Wortes sei ein sehr früher Entlehnungszeitpunkt anzunehmen, der sich dann aber nicht mit dem im Etymon *bāja- reflektierten Wechsel urgerm. *ē > nwgerm. ā vertrage. Die Herleitung aus *baka- wiederum erfordert aber die ad-hoc-Annahme eines Überganges *ayi > ai im Urostseefinnischen (l.c.). Damit beruht die Wertung der Zusammenstellung von fi. paista- mit germ. *bēja, *baka- auf der Überzeugung, daß es kein Zufall sein kann, daß das ostseefinnische und das germanische Wort mit labialem Verschlußlaut an- lauten und ein Ansatz *paßista- eine "in früheren Phasen des Finnisch-Ugrischen innerhalb des Wurzel-morphems unmögliche Verbindung von drei Konsonanten" (l.c.) aufweisen würde.

Urostseefi.‘pajsta- muß nun aber als Erbwort kein altes "Wurzelmorphem" sein,son- dern es kann dem Wort ein Typ *paise- zugrunde liegen, vgl. haise- (intr.); haista- (trans.) ‘riechen’. Der Umstand, daß für paista- keine entsprechende Basis nachge-wiesen werden kann, rechtfertigt zwar den Versuch,es als Lehnwort zu deuten (KOI- VULEHTO 1981b, 351), einen zwingenden Grund für eine Deutung als Übernahme einer primären oder sekundären Kontinuante von uridg. *bʰeh1- gibt es aber nicht.

Solange KOIVULEHTO keine klare Entscheidung zugunsten des einen der beiden germanischen Kandidaten liefern will,kann man die Zusammenstellung nicht zu den sicheren Gleichungen rechnen und die Eruierung des genauen Etymons eine cura posterior sein lassen.


103.


Im übrigen ist die oben erwähnte Beschränkungsregel nicht pauschal zu beurteilen, jedenfalls impliziert ein grundsprachlicher Ansatz *eukk3 (UEW 76), daß unter be- stimmten Voraussetzungen drei konsonantische Moren zugelassen waren. Vgl. auch *jonkc’e (> f. joutsen ‘Schwan’ - UEW 101).

§ 40. Unter den Wörtern, die ostseefi. o für urgerm. *a aufweisen,rangieren bei KOI- VULEHTO auch fi. lovi ‘Einschnitt, Kerbe’ (< urgerm. *law[w]ō-‚ vgl. an. logg ‘Falz in den Dauben eines Fasses’) und fi. ronkka ‘Hüfte = lonkka’ (< urgerm. *wranhō, vgl. schwed. ro ‘id.’) sowie fi. lonkka ‘Hüfte’ (< urgerm. *hlankō-, vgl. mhd. lanke) - s. HOFSTRA 1985,123 f. Daß am Beginn der germanisch-finnischen Lehnbeziehun- gen ausge-rechnet Wörter mit der Bedeutung ‘Kerbe = leikkaus (puuhun ym.), pykälä’ und ‘Hüfte’ gestanden haben sollen, erweckt wiederum Bedenken.

Der Fall lovi dürfte sich durch HOFSTRAs Zusammenstellung des Wortes mit an. klofi ‘Kluft, Riß, Spalt zwischen den Beinen’, norw. klov ‘id.’‚ schwed. (dial.) klov ‘Stelle, wo sich etwas spalten läßt; Spalte im Felsen’ u.a. erledigt haben.

[HM: Lovi on samaa juurta kui liettua lovys = koverrettu ruuhi

lóva = vuode, lepopaikka

Straipsnelis:

lāu- ‘gultis, įduba’: lie. lóva ‘Bett’, lovỹs ‘Trog = ruuhi, lovys yhdestä puusta koverret- tu, "leikattu", Belt (eines Wasserlanfes)’, la. lâva ‘pirties suolas = > sm. lavo, gultas, miego vieta ir t.t.’, r. láva ir t.t. ‘sienos suolas’, dial. ‘lentinė medžiotojų sėdynė medžiuose’

(Vasmer; Walde-Pokorny II 407,Pokorny IEW 682 kaip ‘nupjauta lenta’ su leu- ‘nupjauti, atskirti’;

Kantaindoeuroopan ja -baltin verbi ei ole **leu-, vaan se on sma *len- = irrottaa, irrottautua, vapauttaa, vapau- tua, lentää (?), jättä(yty)ä, jäädä (sivuun), laskeutua, lento, lansi, länsi. Muoto *lauti, launa, lovė" on länsibalttilainen, tätä perua voi olla myös jopa lieti = sataa ("vapauttaa vettä"), lyti on valaa jne.

Fraenkel LEW 387: „Neaišku, ar lie. lóva priklauso lie. liáutis ‘aufhören = sallia’, pr. aulaūt ‘mirti’ šeimai, ar liáutis 2 ‘būti nupjautam, sužabotam’ šeimai)...]


Zwar ist die Einordnung eines späten Lehnwortes in die e-Klasse nicht gewöhnlich, HOFSTRA kann aber zumindest auf den Parallelfall fi. piki ‘Pech’ hinweisen (404). Bei den anderen beiden Kandidaten fällt zunächst der Reimstatus auf, und SKES behandelt lonkka dann auch als Variante von ronkka (s.v.). In der Tat könnte die offenbar nur im Finnischen belegbare l-Form durch Kontamination mit dem in der Wendung olla longallaan ‘krumm stehen, geneigt sein’ vorkommenden lonka ‘schief, krumm’ entstanden sein; die Abweichung in der Quantität des Klusils dürfte hierbei unerheblich sein.

Für ronkka ist zu berücksichtigen, daß die erforderliche Bedeutung nur im Schwe- dischen zu belegen ist; sie kann nicht ohne weiteres ins Urgermanische reprojiziert werden, sie versteht sich am ehesten aus einer Bedeutung ‘Ecke, Kante, Winkel’ (vgl. an.). Die Entsprechungen in den verwandten Sprachen zeigen eine ganz andere Bedeutungspalette, z.B. dt. wringen, engl. wrong ‘falsch, unrecht’, got. wruggō ‘Schlinge = lasso’ (s. HOLTHAUSEN 1934 s.vv. wrang bzw. wringan).

[HM: Wrong on samaa kantaindoeuroopan wer- juurta (kääntää, läpäistä) kuin suomen väärä.]


104


Ostseefi. o für einen germanischen a-Vokalismus wird auch im Falle von fi.olut ‘Bier’ für möglich gehalten (vgl. HOFSTRA 1985,S.29). Wenn ae. ealu(δ), an. Ql, lit. alus, oss. aeluton mit lat. alūta ‘Alaunleder’, alūmen ‘Alaun = aluna’ und griech. (Hesych) (alud(o)imon) ‘bitter’ zusammenzustellen sind, ginge das a hier auf uridg. *a zurück. Wenn es also "zu derselben frühen Lehnwortschicht wie fi. mallas ‘Malz’ hören" könnte (HOFSTRA a.a.O.), müßte germ. a zum gleichen Zeitpunkt mit urostseefi. *a wie mit *o wiedergegeben worden sein; man könnte dann - ad hoc - den folgenden Lateral für die Wahl des gerundeten Vokals verantwortlich machen.Nun hat aber das Altenglische den auslautenden Dental des in Rede stehenden Wortes bis zum Ein- setzen der schriftlichen Überlieferung bewahrt. Auch für das Altnordische ist die Be- wahrung bis zur Wirkung des u-Umlautes denkbar, zumal in an. oldr (< *aluþra-), das wie ol ‘Bier;Trunk,Biergelage’ bedeutet, der Dental noch vorhanden ist. Es kann nicht ausgeschlossen werden, daß das ostseefinnische Wort auf eine altnordische Form mit noch erhaltenem Dental und nicht synkopiertem u der Binnensilbe, aber bereits gerundetem Anlautsvokal zurückgeht.Der "ältere u-Umlaut, bei Schwund des u nach kurzer Silbe" wird von HEUSLER zwischen "700 und 850 datiert. Daß es ge- rade die Wikinger waren,die das "Brauereiwesen" der Ostseefinnen Vervollkommnet haben, ist vom altnordischen Schrifttum her betrachtet sehr plausibel”.

§ 41. KOIVULEHTO weist mit Recht darauf hin, daß die von VASMER irrtümlich KALIMA zugeschriebene Annahme einer russischen Herkunft von fi. ohja(t) ‘Zügel’ nicht möglich ist, da russ. ж nicht mehr durch ostseefi. *š (> h) substituiert sein kann und der Schwund des v nicht erklärbar ist (1986, 288, Anm. 11). Hingegen erscheint baltische Herkunft des Wortes zumindest diskutabel. Die Affrizierung von *dj ist auf- grund des litau-ischen und lettischen Befundes allenfalls für das Urostbaltische anzunehmen (apr. median ‘Baum’ spricht gegen höheres Alter).

 

58. W.P. SCHMID zufolge ist das ossetische Wort eine Entlehnung aus dem Germanischen (1986, 188), das ostseefinnische Wort hingegen eine baltische Entlehnung (189).


105.


Da balt. a im Ostseefinnischen auch durch o repräsentiert sein kann (fi. lohi ‘Lachs’, vgl. lit. lšis; fi. morsian ‘Braut’, vgl. lit. marti; fi. orsi ‘Balken’, vgl. lit. ardas - s. KA- LIMA 1936,65) und die Doppelkonsonanz vor *i nicht hätte wiedergegeben werden können, bliebe bei einer Zurückführung von ohja(t) auf urostbalt. *vadžia- [wad´a] nur der Schwund des v- zu erklären. Nun ist im Lappisch-Ostseefinnischen ein Schwund des ererbten *v- vor Labialvokal eingetreten (lapp. oal’ge, fi. olka ‘Schul- ter’ gegenüber ung. väll ‘id.’, s. KORHONEN 1981, 131). Von daher wäre verständlich, daß ein *vošja- (<balt.*vadžja-) als *ošja realisiert wurde.

Urbalt. ist durch urostseefi. *vō- (fi. vuo-) repräsen-tiert: fi. vuohi ‘Ziege’ (vgl. lit. 0537s), fi. vuota ‘eine ge- schundene,rohe Haut vom Rindvieh oder Pferd’ (lit. òda ‘Haut des lebenden Körpers,nicht der abgezogene Balg, sowohl von Menschen als von Tieren’,lett.āda ‘der Balg, im rohen Zustande, das Fell;im gegerbten Zustande, das Leder; die menschliche Haut ...’) - s. KALIMA 1936, 67 und s.vv. In dem von vuohi schwerlich zu trennenden finnischen vohla ‘Zicke’ (vgl.lit. oželis ‘Zicklein’,s. KALIMA 1936,181) dürfte Kürzung des älteren ostseefinnischen *o vor Doppelkon-sonanz vorliegen. Die Vertretung eines urbaltischen *ō- durch ostseefi.*vo- wird da- mit erklärt, daß es zum Zeitpunkt der Entlehnung kein anlautendes o im Ostseefin-nischen gegeben hat (KALIMA 1936, 67). Das setzt voraus, daß der Schwund des grundsprachlichen *v- auch vor *ō eingetreten ist, wogegen zunächst lapp. vuollät, fi. vuolla ‘schnitzen, kratzen’ (syrj. volavnis, wog. ßalt-) und lapp. vuoggjä, fi. voi < *vōje (< fugr.*voje?) ‘Butter’ (mordw. E oj, syrj. vgj, ostj. uj, ung. vaj) sprechen wür- den. Es kann aber angenommen werden,daß diese Fälle auf einem späteren v-Vor- schlag beruhen (s. KORHONEN l.c.). Zur Zeit der Übernahme der oben genannten baltischen Wörter kann es also be- reits wieder eine Sequenz *vō- gegeben haben, so daß eine entsprechende Substitution eingetreten sein kann. Vor kurzem Labial- vokal hat jedoch ein Vokalvorschlag auf jeden Fall nicht stattgefunden. Demzufolge gibt es vo- nur in späten Entlehnungen bzw.deskriptiven Bildungen. Es ist aber auch jetzt noch selten.

Möglicherweise gibt es noch einen Fall mit ostseefi. o- < urbalt. *va- [wa-, HM]. Fi. orsi ‘Sparren, Balken’ wird in SKES aus urbalt. *ardis hergeleitet, das zu lett. ärds ‘Dörrbalken in der Heizriege; dicke Stangen, die über oder neben dem Ofen Kleider usw. angebracht sind’ (s. KALIMA 1936, 143) geworden sein soll.


106.


Nun hat das lettische Wort aber gewöhnlich den Plural ardi (FRAENKEL s.v. ar- das).Für das Urbaltische ist mithin ein *ardas zu rekonstruieren.Da das bei KALIMA erwähnte ärde auch nur dialektal ist,gibt es mithin für eine andere urbaltische Basis keine Evidenz. Das nahezu gleichbedeutende lettische värde ‘der Streckbalken an der Zimmerdecke; zwei an den Streckbalken aufgehängte Stangen zum Aufbewah- ren von Sachen,auch von Nutzholz und Pergeln (um dort - namentl. über dem Ofen) zu trocknen; eine Stange, wo Fische zum Dörren aufgehängt werden´ usw. (MÜH- LENBACH 5,499 f.) hat aber nun in lit. (apyvardė ‘Hopfenstange = humalistonsalko’ eine genaue Entsprechung (FRAENKEL s.v. virdis ‘Querbalken’).Es ergibt sich mit- hin hier für das Ur- ostbaltische ein (j)ē-Stamm, der im Ostseefinnischen gewöhnlich in den Typ orte- mündete (s. KALIMA 1936, 82).

Fi. morsian, wohl ein urbaltischer Akk. *martian 59, weist auf einen Entlehnungs-zeitpunkt vor der Affrizierung“.Im Falle von tyhjä ‘leer’ hätte sowohl das *t in *tustja- als auch das *č" in *tusčja- eliminiert werden können. Fi. ohja müßte aber nicht zur ältesten Schicht der baltischen Lehnwörter zählen.Fi. o für balt. a könnte auch auf eine Eigentümlichkeit eines urbaltischen Dia- lekts zurückgehen. Auch in KALIMA 1936 wird höheres Alter der o-Wörter nur als eine Möglichkeit erwogen (65). Aber dennoch wird man für das Ostseefinnische von noch nicht eingetretener Affrizierung ausgehen müssen, wenn auch SHEVELEVs Datierung der letz- teren ins 14. bis 15. Jahrhundert (212) schwerlich das Richtige trifft. Man müßte mithin für das Baltische Einkreuzung eines formal und bedeutungsmäßig naheste-henden Verbs annehmen, das in lit. važioti, važiuoti ‘fahren’ fortgesetzt ist. Durch Einkreuzung der russischen Entsprechung dieses Verbs (603- ‘fahren’) auf einer Stufe *vodža- (<*vodia-) ist offensichtlich auch die Geminate in russ. вoжжa (vožža) Zügel’ zu erklären; ein */vozža/ konnte nur als вoжжa realisiert werden 61.

 

59. Anders KOIVULEHTO 1990, 10.

60. Vermutlich wäre aber auch die Affrikate wie in slavischen Entlehnungen durch s substituiert worden.

61. Die von SHEVELEV (184) für das russische Wort ad hoc angesetzte Form *vod-d-i- hat nichts für sich.


107


KOIVULEHTO führt indessen fi. ohja(t) ‘Zügel’ auf urgerm. *ansjō- zurück, das in mnd. öse ‘Handhabe, Handgriff, Schlinge zum Festhalten an einer Leine; Schlinge um den Hals eines Tiers’, an. æs ‘Schnürloch’ vorliegt.Für verwandte Wörtern ist die Bedeutung ‘Zü- gel’ zu notieren: griech. evioz (èvía), ir. ē(i)si (1986,275). Zur Sach- geschichte merkt KOIVULEHTO an: "Der primitive Zügel war... offenbar ein Seil mit Schlinge, die dem Zugtier umgelegt wurde. ...Die an. Bedeutung Schnürloch leitet sich natürlich aus ‘Öse, Schlinge’ ab". Das finnische Wort habe "die alte Bedeutung des germ./ vorgerm. Wortes bewahrt". Diese alte Bedeutung ist aber nach dem Be- fund der Einzelsprachen ‘Schlinge, Schlaufe’;es gibt keinerlei Evidenz dafür,daß das Wort in urger-manischer Zeit auch in der prägnanten Bedeu- tung ‘Zügel’ gebraucht wurde wie im Griechischen oder Keltischen. KOIVULEHTO hingegen behauptet:

" In *ansjā begegnet uns ein altes,bis ins Vorgermanis- che zurückreichendes  Wort für ‘Zügel’. Das Wort ist älter als die erst in germanischer Zeit geschaffenen Wörter Zügel < germ. *tugila- und Zaum < germ. *taugma-, die beide vom Stamm des starken Verbs ‘ziehen’ gebil- det sind. Die neuen Wörter wurden wahrscheinlich zur Bezeichnung einer neueren Zügelform eingeführt" (277).

Die "Vorgermanen" müssen nun aber die primitive Vorform der Zügel nicht unbe- dingt mit demselben Wort bezeichnet haben wie Griechen und Kelten. Die "Vorgrie- chen" und "Vorkelten" mögen unabhängig vonein- ander bei Erfindung des Zügels auf das Erbwort für ‘Schlinge, Schlaufe’ zurückgegriffen haben 62.

Ein Parallelfall wäre das vermeintliche Etymon von fi. pohja ‘Boden, Grundlage’, das eine ja-Ableitung von dem für fi. patsas ‘Säule, Pfeiler’ in Anspruch genommenen urgermanischen *bandsaz (> an. báss ‘Kuh- stand’) zurückgehen soll. Die Ableitung ist aber offenbar im Germanischen nicht nachweisbar,und die Bedeutungen weichen erheblich voneinander ab. Weniger problematisch erscheint ein Wandel von ‘Streu’ über ‘Unterlage’ zu ‘Grundlage,Boden’,der möglicherweise durch ein Nebeneinander der Bedeutungen ‘Unterteil, Unterlage’ (estnisch auch ‘Boden’) und ‘Streu; (eläimen alla olevat) kuivikkeet’ (pahna) für ostseefinnisch al (SKES) begünstigt worden ist.

62. Bei HOFSTRA ist ohja(t) in die Rubrik "Sonstiger Landverkehr" eingeordnet (1985, 314). Das Wort kann aber auch mit dem "Land-verkehr mit Schlitten" (l.c.) in Zusammenhang stehen. Zur Möglichkeit einer bal- tischen Herkunft des Wortes läßt sich darauf verweisen, daß neben dem Wort für den Wagen (fi. rattaat, vgl. ratas ‘Rad’) auch die Bezeichnung des Schlittens (fi. rekz) aus dem Baltischen stammt (s. KALIMA 1934 s.vv.). In diesen Zusammenhang mag auch die Entlehnung von urbalt. *žirgas ‘Pferd’ gehören: fi. härkä, vermutlich ursprünglich ‘Zugtier’.


108.


Im Schwedischen findet sich ein bysia ‘Streu’ (NOREEN 1904, 424) bzw. bössja ‘ströhalm under kreatur; an läger ät svin eller hundar’ (RIETZ). Die beiden Varianten behandelt KOCK im Kapitel über den Wandel y > e (I470),weist aber darauf hin, daß bössja auch eine Form mit i-Umlaut von o sein mag.In der Tat kann man kaum um- hin,die genannten Termini mit dem Neutrum bås < bos (KOCK II 110) ‘halm’ in Ver- bindung zu bringen; sie werden im Dialektwörterbuch auch unter diesem Lemma ge- führt (71).Die altschwedische Variante bysia erklärte sich dann aus einem *bus, vor- aus durch a-Umlaut (s. NOREEN 1904,163.2) die Variante bos entstanden sein könnte (vgl. l.c. aschwed. lof, luf n. ‘Erlaubnis’, lok, luk n. ‘gras’). Das Alter dieses Umlauts (s. NOREEN l.c.) erlaubt den Ansatz eines *bosjōn- (>bössja), aus dem sich fi. pohja auf die nämliche Weise erklären ließe wie ahjo ‘Esse’ und lahja ‘Ges- chenk’ aus einem urgermanischen *asjōn- bzw.nordischen *blahja- (vgl. HOFSTRA 1985, 185 bzw. unten § 101; Anm. 102).

§ 42. Im Zusammenhang mit dem vermeintlich hohen Alter des Wandels urgerm. *ē > nwgerm. ā nennt FROMM in seinem Überblick (vgl.oben § 4) die finnischen Wörter paüas, kalja und malja. Ein unbefangener Beobachter dürfte den Zusammenhang zwischen dt. feil ‘verkäuflich’ und Wendungen wie schwäb. hat feil ‘ist mit unziemli- cher Entblößung, bes. der Brüste, gekleidet’, schweiz. feil han (von Mannspersonen) ‘die Hosenklappen offen haben’, (von Weibspersonen, auch mit dem Zusatz Fleisch) ‘die Brust stark entblößt tragen’, feil han, bieten ‘sich zur Schau ausstellen, z.B. von Mädchen, welche ohne Begleitung eines bestimmten Burschen auf den Tanzplatz gehen’ in bezüglich des "Exhibitionismus" merkmallosen Kontexten begründet se- hen, wo also nackte Körperteile gegen Entgelt zur Nutzung angeboten werden. Der Gedanke, daß die metaphorische Verwendung des Wortes bereits ins Urgermanische zu datieren sei, wird sich dabei zumindest nicht aufdrängen.

Die Zusammenstellung mit fi. paljas ‘bloß,entblößt, bar’ nötigt indessen, sich mit die- sem Gedanken vertraut zu machen; sie setzt nämlich voraus, "daß das germ. Wort von den Urfinnen besonders in solchen Konnexionen vernommen wurde, die den zitierten heutigen Belegen ähnlich waren.

Lehnwörter weisen ja oft einen spezielleren Sinn auf als ihre Originale.


109.


Vgl. noch,daß mhd. veile auch im Sinne von ‘der Gefahr ausgesetzt, preisgegeben’ verwendet wird:den lip veile bieten, dass leben veile fragen" (1981b, 348). KOIVU- LEHTO geht noch einen Schritt weiter:"es ist aber auch nicht ausgeschlossen, daß das germ.Wort eigentlich ursprünglich gerade ‘preisgeben und dgl.’ (preis<frz. prise ‘Beute’) oder gerade ‘unbedeckt, bloß’ bedeutet hat. ‘Feil’ wäre dann erst eine Spe- zialisierung dazu." Sowohl urgerm.*fāl(i)jaz (ahd.fāli) als auch urgerm. *failjaz kom- men für KOIVULEHTO als Original von fi. paljas in Frage“. Das finnische Wort sprä- che überdies für folgende Deutung des indogermanischen Hinter- grundes von ahd. fāli: "Vielleicht ist idg. *pel- etwa identisch mit dem bekannten idg. *pel- ‘verhüllen; Haut, Fell’ (IEW, 803):

idg. *pel+no- ‘Gewinn’ ist dann einfach eben ‘Raub, Beute’ = *‘abgezogene Hülle, (Haut) und dgl.’= idg. *pel+no- >> dt. Fell; idg.*pelio- ist dann eben ‘unbedeckt´" 64. Die in der etymologischen Literatur vorgenommene Verbindung des in Rede stehen- den Wortes mit indogermanischen Wörtern für ‘verkaufen’ kann KOIVULEHTO nicht billigen.

Nun scheint es aber durchaus unstatthaft zu sein, aus den obigen Phrasen eine Bedeutung ‘entblößt’ für feil zu abstrahieren. Es handelt sich doch um die gleichen Wendungen feil haben, bieten, die ‘zum Verkauf anbieten’ bedeuten. Wenn hat feil ‘ist mit unziemlicher Entblößung bes. der Brüste’ bedeutet, kann man daraus nicht schließen,daß das betreffende Zeichen den Sinn ‘hat Gleichung feil = ‘entblößt’ kom- men. Es handelt sich darum, daß der Betrachter eines entblößten Körperteils diesen Tatbestand so interpretiert bzw. böswillig oder parodistisch so darstellt, als geschehe ein Angebot.

Es liegt mutatis mutandis nichts anderes vor als bei dem gut Mus feil der Bauersfrau im "Tapferen Schneiderlein".Hier kann man auch keine Bedeutung ‘abgefüllt’ o.ä. für feil abstrahieren.Im übrigen sind die zitierten Wendungen sicher in der angegebenen Verwendung akzidentiell;bei modernerer,besser sitzender Mode hätte leicht eine Verwendung ‘den (bedeckten) Busen zur Schau stellen’ prägnant werden können.

63. Fi. paljas steht nun unter dem Verdacht westgermanischer Her- kunft,da das Altnordische mit fair < *polos ein für das finnische Wort ungeeignetes Original böte.

64. Die Diktionen "vielleicht lassen vermuten,daß sich KOIVULEHTO bei seinem Vorschlag etwas unbehaglich fühlt.


110


Auch die anderen ins Treffen geführten Zitate besagen überhaupt nichts;den lip vei- le bieten heißt nichts anderes als ‘seinen Leib zu Markte tragen’. Es bleibt natürlich jedem unbenommen,im Interesse einer Klärung der Herkunft von fi. paljas für dt. feil eine Grundbedeutung ‘entblößt’ anzusetzen - vom deutschen Befund wird diese jedoch in keiner Weise gestützt 65.

Die Unbelegbarkeit einer Bedeutung ‘nackt,bloß’ für das vermeintliche germanische Original macht KOIVULEH- TOs Etymologie ungeeignet, irgendwelche Folgerungen aus ihr zu ziehen. Die Fraglichkeit der Zusammenstellung wird noch dadurch erhöht, daß es für den Anlaut des finnischen Wortes vier Herkunftsmöglichkeiten gibt, wenn man die Annahme eines Erbwortes ausschließt: *sp*p,*b und *f; auf die Ähnlichkeit des finnischen Wortes mit seinem vermuteten Etymon ist also nicht viel zu geben.Es kommt hinzu, daß aus ahd. fāli nun ganz und gar nicht auf die Existenz eines west- germanischen, geschweige denn urgermanischen ja-Stammes geschlossen werden kann (s. § 43).

Wenn man KOIVULEHTO darin folgt, daß eine jo-Bil- dung von der Wurzel *pelh- ‘verhüllen’ sozusagen mit Gegensinn eine Bedeutung ‘unbedeckt’ haben kann, also das vermittelnde ‘abgezogene Hülle (Haut) u. dergl.’ sogar ungeachtet seines ande- ren Formans anerkennt, wird man nicht umhin können, für fi. paljas auch ein ‘abge-zogen, abgeschnitten’ als mögliche semantische Grundlage zuzulassen, wie sie das litauische spalis (<*spalijas) ‘Flachsschäbe’ voraussetzt,das mit lat. spolium ‘abge- zogene oder abgelegte Tierhaut’ zu einer urindogermanischen Wurzel *spelh- ‘(ab-) spalten‚ absplittern, abreißen’ gestellt wird (zur Gestalt des baltischen Formans vgl. § 28). Ein urbaltisches ‘*spaljas (< uridg. *spoljo- >lat. spolium) hätte genau ein finnisches paljas ergeben.

Ob nun die Herleitung eines finnischen Wortes für ‘bloß’ aus einem urgermanischen Wort für ‘unbedeckt’, das aus einem deutschen Wort für ‘verkäuflich’ erschlossen wird und zu einer Wurzel mit der Bedeutung ‘verhüllen;Fell,Haut’ gehören soll, wahr- scheinlicher ist als die Zurückführung auf ein durch den Vergleich mit einem formell quasi identischen vJort der Bedeutung ‘abgestreifte Haut, abgezogenes Fell’ einer verwandten Sprache gestütztes urbaltisches, in einer litauischen Bezeichnung für ‘Flachsschäbe’ fortgesetztes Wort mit der Bedeu- tung ‘abgestreift,abgerissen’ - dies zu entscheiden, dürfte Geschmackssache sein.

65. Hinsichtlich der Herkunft des deutschen Wortes könnte man auch an eine Wurzel der Bedeutung ‘ausbreiten’ denken, die lat. palam ‘offen, öffentlich,vor den Augen der Leute’ (eigentlich ‘ausge-breitet vor jemandem’), russ. nO/lblü ‘offen, hohl’ zugrundeliegen dürfte (vgl. VASMER s.v.).


111.


Zumindest ist das vermutete Etymon nicht wie bei einigen Etymologien KOIVULEH- TOs angesetzt (vgl.fi.ohra ‘Gerste’ vs.urbalt.*aštra- ‘spitz’ oder fi.raivo ‘Schädel’ vs. an. treya ‘Korb’- s. §§ 100 bzw. 47), sondern wird unabhängig von der Etymologie in der lehngebenden Sprache vorausgesetzt.Die hier propagierte Alternativlösung zeigt jedenfalls, daß man zur Not immer etwas findet, das schlecht und recht paßt.

§ 43. Ein althochdeutscher ja-Stamm gegenüber einem a-Stamm im Altnordischen findet sich auch in dem Wort für ‘schwer’: ahd. swāri - an. svárr. Das Nordische stimmt hier mit dem Gotischen überein: swārs. Da aber nun auch as. swār, afränk. svēr und ae. swær (< *swār, vgl. Nom.Pl. swāran, Dat.Pl. swārum) und auch das Althochdeutsche selbst neben dem ja-Stamm einen a-Stamm aufweisen, liegt die Vermutung nahe, daß hier das Althochdeutsche geneuert hat,etwa nach mārz’ ‘be- rühmt’ (got. mēreis,an. mærr). Es fallt auf,daß es unter den ja-Stämmen verhältnis- mäßig viele Adjektive mit ā in der Wurzelsilbe gibt; das Verzeichnis der a-stämmigen Adjektive bei BRAUNE/MITZKA (§ 249) enthält hingegen keinen einzigen ā-Fall, während sich unter den ja-Stämmen die Wörter drāti ‘schnell’,gizāmi ‘ziemend’ und scinbäri - ‘glänzend’ neben swäri finden (§ 251). Es drängt sich daher der Verdacht auf,daß auch im Falle von hāli ‘lubricus,caducus’,dessen altnordische Entsprechung häll ein a-Stamm ist, die ja-Flexion sekundär ist und ebenso im Falle von fāli (an. falr, vgl.§ 42).Der Verdacht erhärtet sich bei Berücksichtigung eines repräsentativen Ausschnitts aus dem althochdeutschen Wortschatz (SCHÜTZEICHEL 1989; mit MATZEL 127 ff. käme noch ein halbes Dutzend ja-Stämme hinzu).

Für die Adjektive mit ā in der Wurzelsilbe ergibt sich nämlich folgender Befund,wobei den komponierten Adjektiven, vor allem den mit dem diskontinuierlichen Formans -ga-ja-gebildeten einen soderbaren status zukommt:


Studien112.jpg

gibāri ‘geartet’ an. bærr ‘berechtigt’

blā — ‘blau’ an. blár

anadähte ‘aufmerksam’

drāti ‘schnell’

fāri (sĩn) ‘lauern (auf)

gāhi ‘schnell’

grā -— ‘grau’ an. grár

hāli ‘glatt’ an háll

lāri ‘leer’ ae, lære

māri ‘berühmt’ an. mærr

nāh nāhi ‘nahe’ ae. nēah

nāmi ‘genehm’ an. næmr ‘gelehrig’

rāzi ‘wild’

smāhi ‘gering’ an. smá

spāhi ‘klug’ an. spár

spāti ‘spät’

gesprāhhe ‘redend’

stāte ‘beständig’

swār swāri ‘schwer’ an. svárr

swās - ‘eigen’

trāgi ‘träge’ ae. trāǯ

wāhi ‘zierlich’ ae. wāh

anawāni ‘glaubwürdig’

wār wāri ‘wahr’ as. wār

gizāmi ‘passend’

Es zeigt sich,daß im Althochdeutschen ja-Stämmigkeit bei Adjektiven mit einem ä in der Wurzelsilbe das Gewöhnliche ist. Mit Ausnahme von swäs und den beiden Farb- namen gibt es auch im Falle der Belegbarkeit einer anderen Stammklasse daneben die ja-Flexion. Daß hier das Althochdeutsche geneuert haben könnte, erscheint des- wegen plausibel, weil offenbar auch viele alte u- Stämme in die ja-Klasse überge- gangen zu sein scheinen: ahd. herti (got. hardus),ahd. trāgi (ae. trāǯ), ahd. truobi (ae. ǯedröf), ahd.strengi (ae.strong) - s. KLUGE 1926, § 181 (vgl. auch ahd. zähi neben zäh ‘zäh’ und engl. tough, s. § 55).


113.


KLUGE vermerkt noch: "Anderseits stellt sich im westgerm., bes. im ahd., ein unbe- rechtigter ausgang i oft auch bei a-Stämmen ein: ahd. wāri neben wār, redi neben rad, ginuogi neben ginuog,giri neben ger,fruoti neben fruot,grimmi neben grim" (ebd. Anm.). Will man nun mit KOIVULEHTO fi. kalja ‘glatt’ mit den genannten ger- manischen Wörtern für ‘glatt’ in Verbindung bringen, ist die erforderliche Basis ur- germ. *hāl(i)ja- durch den einzelsprachlichen Befund nicht gestützt. Diese Form zu postulieren und anzunehmen, daß die alte Flexionsweise im Altnordischen verloren-gegangen ist, da sich die beiden Klassen - vom Umlaut einmal abgesehen - nur durch das i bzw. j nach g, k bei den langsilbigenja-Stämmen unterscheiden, wider-spräche angesichts des oben Dargestellten allen Regeln der Rekonstruktion. Der Umlaut könnte nach dem Substantivhálka rückgängig gemacht worden sein. Für weitreichende Folgerungen für die absolute Chronologie des Germanischen (s. unten) ist die Gleichung von vornherein denkbar ungeeignet.

Die Sippe läßt sich aber auch aus dem Baltischen erklä- ren. Das Lettische hat ein gala ‘Glatteis’ und ein gàle f. ‘dünne Eisdecke’, die als urverwandt mit russ. го́лый ‘nackt, kahl, bloß’ gilt (VASMER 289). Der (j)ē-Stamm gäle könnte im Finnischen direkt durch kalt" vertreten sein - vgl. fi. reki (reke-) ‘Schlitten’ (lit. rāgės), fi. torvi (torve-) ‘Horn’ (lit. taure‘, lett. täure), s. KALIMA 1936, 82 f. - , falls dieses ein e- Stamm sein sollte. SKES gibt s.v. kalju‘ die Klasse nicht an; viel wahrscheinlicher ist aber ein i-Stamm, vgl. kalipää ‘Glatzkopf’, wobei kali Kompositionsform von kalja wäre, vergleichbar mit huhti (von huhta ‘Rodung’) in huhtikuu ‘April’.

Da aber das lettische Wort ursprünglich offensichtlich adjektivische Geltung gehabt hat und zu den femininen (i)ė-Stämmen maskuline -ija-Stämme gehören (Typ lit. medinis, medinė ‘hölzern’), ist der Ansatz eines urbal- tischen *galja- ‘glatt’ (zur Gestalt des Formans vgl. § 28) unproblematisch.


114


§ 44. Fi. malja ‘Schüssel,Trinkschale’,weps. mal´l´ "(aus einem Birkenauswuchs ge- schnitzte) Schale für Speise’ (3AйЦEBA/MYЛЛOHEH), "lange Zeit das einzige all- gemein anerkannte alte Lehnwort aus dem Germanischen,das /a/ für urn. (nwgerm.) // hatte" (HOFSTRA 142), wäre, als *māl(i)ja- zu an. maalir ‘Maß’, ae. maale ‘Becher, Schale, Eimer’ gestellt, in der Tat mit KOIVULEHTO ein bedenkenswerter Beleg, der "als unzutreffend oder unwahrscheinlich" erweisen würde, "daß die ä- Qualität erst unmittelbar vor ihren ersten Bezeugungen in den alten Runeninschrif- ten aufkam (RAMAT 1981, 24)" (FROMM 1986, 219), denn die Wieden gabe des germanischen * durch ostseefi. a wiese ebenso auf eine relativ frühe Zeit wie das wahrscheinlich im ostseefinnischen Wort reflektierte Fehlen des SIEVERsschen Gesetzes. Nun ist aber das nordwestgermanische Wort offensichtlich eine Sekundärableitung.

Die ursprüngliche Bildung von der germanischen Wurzel *- ‘messen’ ist in got. mēla- (m.) ‘Scheffel’ belegt. Es spricht nichts dagegen, daß die Nordwestform erst nach dem Übergang von *ē’> ä entstanden ist,d.h. aus einem der gotischen Form entsprechenden *māla-.

Rechnet man nun auch für das Germanische mit der Wirkung des OSTHOFFschen Gesetzes,hätte ein vor der Wirkung des SIEVERsschen Gesetzes gebildeter Stamm *mālja-, da es dann keine Bildungen mit *VRC gegeben haben konnte, als *malja- realisiert werden müssen. Die belegten Formen mit Länge ließen sich unschwer durch Wiederherstellung nach dem Verb, etwa *mālidō ‘ich maß’, bzw. anderen Bil- dungen wie an.maaling erklären. Das finnische malja würde mithin die zu erwarten- de Form reflektieren. Da es sich bei dem in an. mælir vorliegenden i-Umlaut um die letzte Phase mit erhaltenem i handelt,könnte durchaus eine recht späte altnordische Entlehnung vorliegen, was sich im übrigen mit der Verbreitung des Wortes verträgt (fi.‚ karel.‚ olon., lüd. und weps.). Es gibt mithin kein verläßliches Beispiel, das die FROMMsche Behauptung stützen würde, da auch paljas und kalja entfallen (s. oben). Ein "älteres osfr. mālja", aus dem fi. malja "mit einer  Kürzung des Langvo- kals vor einer Konsonantenverbindung erklärt werden könnte" (so HOFSTRA 1985, 145, nach T. ITKONEN 1982,133),hat es den ostseefinnischen phonotaktischen Regeln zufolge schwerlich gegeben;auch das Urostsee- finnische hatte wie das Finnische einen "Sievers".

§ 45. Gegen das OSTHOFFsche Gesetz verstieße eine lautgesetzliche germanische Vorform von fi. vierre/vierte- ‘Bierwürze’: *wērtez-. Die Vertretung ie für *e oder *i (an. virtr, ahd. wirz ‘Bierwürze’ < *wirtiz-) wäre dagegen singulär. Im Indogermanis- chen findet das Wort u.a.in griech. ρiξα (riksa), ράδαμνος (radamnos),lesb. ßρiσδα (brisda), lat. rādix, got. waúrts, ahd. wurz Anschluß. Die Formen werden unter einem Ansatz fiterázd- vereinigt, von dem kein direkter Weg zu *wērtez- führt.


115.


Man müßte daher für diegermanische Vorform von einer Dehnstufe ausgehen (vgl. den s-Stamm as.hon ‘Huhn’ - RAMAT 1969 § 79, S.102 f.; KRAHE/MEID III 5 111, S. 133), der später mit "Osthoff" gekürzt worden wäre. Die Dehnung müßte dann freilich als Verdeutlichung der Zugehörigkeit angesehen werden:*wertez-: *wun‘-> *wērtez- (> *wertez-, ahd. wirz): *wurt- nach *hönez-,:*hanan- 66.

§ 46.Nach LUICK ist *ē nach Ausweis der Eigennamen im Gebiet des Oberdeut- schen nicht vor dem 3. - 4. Jh. - im Norden noch später - eingetreten (I/1, 114). Die Behauptung eines Wandels *ē im 1. Jh. v.Chr. bedeutet in Anbetracht des süd- germanischen Befundes (s. STREITBERG, 5 77; BRAUNE/MITZKA 5 34), daß der Herd dieses Wandels in Skandinavien lag.KOIVULEHTO vermutet,daß nichts gegen diese Möglichkeit spreche.Das mag zutreffen;wie die west- und insonderheit die süd- germanischen Verhältnisse bei dieser Konzeption zu interpretieren sind, hätte aber zumindest angedeutet werden müssen.Das Angelsächsische macht aufgrund der ur- sprünglichen, kontinentalen Wohnsitze der beteiligten Stämme keine Schwierigkei- ten. Im Südgermanischen deutet sich indessen eine Süd-Nord-Bewegung des Wan- dels an (Literatur s.o.).Das würde bedeuten,daß irgendein germanischer Stamm den skandinavischen Impuls nach Süden verfrachtet hat, um ihn dann an die nördlichen Nachbarn abzugeben. Waren es vielleicht die Markomannen, für die ein sicherer Beleg mit ä schon für das Jahr 170 n. Chr. vorzuliegen scheint (BRAUNE/MITZKA l.c.; doch s. auch STREITBERG l.c.)?

In Frage kämen dann auch die Langobarden, die auf ih- rem Zug über Böhmen und Pannonien nach Italien wohl nur mit Ostgermanen und sächsischen Bundesgenos- sen aus der Nachbarschaft ihrer Heimat - bei denen sich ē aber am längsten bewahrte (BRAUNE/MITZKA l.c.) - in engeren Kontakt kamen.


66. THIEME hat kürzlich die Zugehörigkeit von lat. radix zu got. waurts usw. als "keineswegs zwingend, nicht einmal wahrscheinlich" bezeichnet (493 f.,497 Anm.15). Er stellt das lateinische Wort mit an. rät ‘Wur- zel’ zu einer urindogermanischen Wurzel *rod- ‘graben’, die auch in der altpersischen Postposition rädix ‘wegen’ vorliegen soll. Dann wäre wohl auch griech. ράδαμνος (radamnos) abzutrennen. THIEME setzt für das persische Wort einen Nominativ *rdi ‘Ergebnis’ an und verweist auf skrt. müla- ‘eßbare Wurzel’, das in der Bedeutung ‘(wichtiges nützliches) Ergebnis’ verwendet werde, hält aber wohl selbst den Bedeutungsansatz für nicht sicher (492).


116


Für das Langobardische ist aber nur ä zu belegen (l.c.). In das Elbegebiet seien die Langobarden aus Schweden eingewandert (HALLER/DANNENBAUER 64;vgl.hierzu GERMANEN 54,376 f. und zu Skandinavien als Ursprungsgebiet germanischer Stämme generell HACHMANN 1970). Wenn aber KOIVULEHTOs Konzeption zum Ursprung des Wandels *e' > ä das Richtige trifft, stünde ein brauchbares Kriterium für die Herkunftsfrage südgermanischer Stämme zu Gebote.

§ 47. Anders als beim Versuch,germanische Entlehnungen nachzuweisen, die einen ostseefinnischen Wandel *ti > si mitgemacht haben, handelt es sich bei der Leitety- mologie der mit der ostseefinnischen Phonotaktik motivierten Metathese urgerm. *auj -> urostseefi. aiv um eine in semantischer Hinsicht einwandfreie Glei- chung: fi. laiva ‘Schiff’ < urgerm. *flauja- (vgl. an. fley) ‘Fähre, Schiff’.

KOIVULEHTO setzt diese Etymologie an die Stelle der auf MUST zurückgehenden Zusammenstellung mit got. hlaiwa ‘Grab’, der sich bezüglich der abweichenden Bedeutung nur auf die Tatsache berufen kann, daß die Gräber der Bronzezeit schiffsförmig waren (s. hierzu § 74).

[Tämä on niin paskainen juttu tämä "Koivulehdon-laiva", ettei pidetä kansaa kauempaa jännityksessä, vaan pläjäistään tyhjentävä vasarakirvesseltys tiskiin:



laev : laeva : laeva = laiva 'suur veesõiduk (vedamiseks, transportimiseks)'
lõunaeesti laiv, kirderanniku laiv(a)
alggermaani *flauja-
vanaislandi fley 'laev, (väike) parv'

Nämä kermaanisanat eivät liity laivaan mitenkään. Laiva tulee kantabaltin sanasta *lengwa = liettuan lengva(s), kevyt < kelluva = len-g-wa


Sudesta uudesta viron etymologisesta:

http://hameemmias.vuodatus.net/lue/2015/10/viron-pan-germanistinen-susi-etymologinen-sankirja-2

liivi lōja 'paat'  [tämäkään ei liity näiden muiden, vaan venäjän lotjan yhteyteen.

vadja laiva 'laev'
soome laiva 'laev'
isuri laiva 'laev'
karjala laiva 'laev'
vepsa laiv '(kehv) paat'

Álgun mukaan balttikielissä ei ole laivasta mitään, vaik- ka laiva on liettuaksi laivas, latviaksi laiva, preussiksi laigwan, kuuriksi laigus, jotvingiksi laivan ja vasarakir- veskielellä laiva(s), josta se on lainautunut takaisin suomen kautta latviaan ja liettuaan!


laiva  = inkeroinen   [laiva]  SSA 2
laiva  = karjala   [laiva]  SSA 2
laiva  = vepsä   [laiv]  SSA
laiva  = vatja   [laiva]  SSA 2
laiva  = viro   [laew]  SSA 2
laiva  = liivi   [lō̬ja]  SSA 2
[laiva]  ?= suomal.volgal.kk.   [lajwa]  UEW

laiva: itämerensuomi > pohjoissaame   laiˈve  SSA 2
[laiva]:itämerensuomi > pohjoissaame   laiˈva  UEW 1
laiva  < germaaniset kielet     Junttila,
laiva  < germaanisetkielet:     SSA 2


kantagermaani [flauja-


muinaisnorja [fley


fääri [floy


norja [fløy
laiva  !< germaanisetkielet:     LÄGLOS


kantagermaani flauja- 


muinaisnorja [fley


kantaskandinaavi [flauja
laiva  !< germaanisetkielet:     LÄGLOS


kantagermaani [χlaiwa-


kantaskandinaavi [hlaiwa


muinaisenglanti [hlāw


gootti [hlaiw

laiva   balttilaiset kielet     Junttila,


Täysin uskomatonta perseilyä viralliselta valtiolliselta lähteeltä. Jorma Kovulehdon mukaan yksinkertaisesti "kaikki muut kuin nämä magiset "persermaanit" olivat liian tyhmiä liikkumaan laivoilla ja tekemään sellaisia".


Keskustelua:

Jaska [Häkkinen]: " Arkkis kirjoitti: "Laiva" on yhtä kuin liettuan sana "laivas", joka on kuurismi sanasta "lengvas" (lt.,jt.) = kevyt, kelluva,"liegs" (lt.), "lāngus" (pr.), "*laigūs" (pr.) "

Jaska [Häkkinen]: " Tutkijat näyttävät olevan yksimielisiä siitä, että liettuan laivas on lainattu itämerensuomen sanasta laiva, joka puolestaan on germaaninen lainasana (<-- *flauja). Tuossa olet siis keksinyt päästäsi balttilaisen johtosuhteen, jollaista kukaan muu ei tunne. "

Näin varmaan on Baltian ulkopuolella,mutta minusta tuo ei ole sen kauempaa haettu kuin "flau-":kaan, varsinkaan kun se flau- tulee samasta lähteestä kuin baltin "plauti", joka on "pestä", mutta myös "kellua".

Arkkis: Ei "laiva"-sanojenkaan varaan mitään ajoituksi voida rakentaa, sillä esimer- kiksi suoraan kantakielestä seuraava "*laigvas" on voinut vaikka liivin kautta, jonka äännejärjestelmään se ei sovi, poukata muotoon "laivas", varsinkaan kun sanaa ei ole haluttu johdannaissakaan, joissa g olisi liudetunut kuten "*laig'vinis ("laiva-") > "*laidžvinis sekoittaa sanaan "laisvas" = vapaa.

Sekin on mahdollista, että -ng- ännettä, joka ääntyy sa- malla tavalla SAMASSA TAVUSSA kuin suomessakin, on voitu käsitellä tavun lopussa olevan -n-;n, -m-:n tai -p-:n tapaan ja silloin olisi sanasta "lengvas" suoraan tullut "laivas", vaikkapa juuri kuurilaisen kaavan mukaan. "

(HM: "Laiva", joka alun perin on tarkoittanut "kelluvaa", "kevyttä" ja "helppoa" ja tulee säännöllisesti kanbaltin sanasta "lengva", saattaa myöskin olla vasarakirvessana, ja sellainen jopa "laina suomesta", mutta yhtä kaikki IE- ja balttitaustainen sana! sana "loiva" on silloin todennäköisesti samaa perua.) "

http://hameemmias.vuodatus.net/lue/2014/06/suomen-sanat-fraenkelin-liettuan-etymologisessa-sanakirjassa

Lithuanian: laĩvas = laiva

Etymology: 'Schiff' = laiva,

laĩvė (= laivùžis, laivẽlis) 'Boot = vene, Barke = parkki, Kahn, Nachen',
(an der letzten Stelle láiwe arba aldia; s. über das zweite Wort s.v. eldijà).
Daukša Post. 527, 9 (Or.) gebraucht noch laiva.

Im Lett. entspricht laiva 'Boot, Kahn, bootförmige Wolke, Schiff, grosser Loffel',
im Russ. lajba, lojva.

Von einigen Forschern werden die balt. Wörter für einheimisch gehalten, während nach anderen (Hjemselv Et. balt. 182, sowie besonders Mikkola IMM 1930) die in Rede stehende balt. Schiffsbezeichnung aus dem finn.-ugr. entlehnt ist

(vgl. estn. laew 'Schiff, grosses Boot',

liv. lāja 'Boot, Kahn' = lotja, lapp. laive 'Schiff').

Russ. lajba, lojva stammt sicher aus ostsee finn. laiva.

Auch Must leitet balt. laiva(s) usw. aus dem finn. her.

Er meint, dass die finn. Dialekte die diesbezüglichen Wörter aus dem Germ. entlehnt haben,und verweist auf urnord. hlaiwa 'Grab(hügel) = hautakumpu', got. hlaiw 'Grab' usw. Es handle sich um 'Schiffsgräber = laivahauta'.

" hláins, sm. hill.
hláiw, sn. grave, tomb,
hláiwasna, sf. (only found in plural), tomb.
*hlathan, sv. VI, to
load, lade = latoa, pinota, kasata, lt. klóti = levittää sijata. OE. hladan, OHG. (h)ladan. "

Aus got. hlaiw stammt auch abg. chlévú 'Stall = talli, navetta, läävä', chlévina 'Be- hausung = asumus, Gebäude = aitaus' (Meringer, Berneker, anders Machek Slavia, der lat. caulae 'Gehege oder Schranken um Altäre und Tribunale = aitaus alttarin tai oikeusistuimen ympärillä, Schafhürden = lammastarha' zur Erklärung von slav. chlévú heranzieht).

http://www.tiede.fi/keskustelut/post1106438.html#p1106438

http://www.tiede.fi/keskustelut/post1106672.html#p1106672

http://www.tiede.fi/comment/1487934#comment-1487934

" Vastine-sanaa käytetään vain sanoista, jotka liittyvät toisiinsa: niinpä *flauja -sanan vastine on laiva, muttei *krausa. Paralleeleja substituutiolle *auj > *aiv löytyy kyllä: kaivata <-- G *kaujan, raivata <-- *straujan, raivo <--*traujōn. Nämäkin on sinulle kerrottu jo aikaisemmin, mutta jostain syystä ne eivät pysy muistissasi."

Tuollaisia "flauja" ja "plauja" -muotoja ei ole, eikä varmaan "kaujakaan"...:

http://www.etymonline.com/index.php?allowed_in_frame=0&search=stream&searchmode=none

http://www.etymonline.com/index.php?term=fleet&allowed_in_frame=0

Nuo kermaani-sanankirjainmuunnokset ovat tasan yhtä paksua potaskaa kuin slaavi- laiset läävät ja roomalaiset alttarinaidatkin "laivan" etymologioina.Tännekin tuo pan- kermanistinarutus on päätynyt, Suomen (puoskari)valtion sivuille:

http://kaino.kotus.fi/algu/index.php?t=sanue&lekseemi_id=42760&hakusana=laiva&sanue_id=22802

Se on kuitenkin IE-sana, ja balttisana. Se on yksi niista sanoista, joka on lähtenyt kantabaltin muodosta, joka on yhä liettuassa, kehittymään aluksi SEELIn kielen mukaan. Tuota kieltä ainakin suurin piirtein varmaan puhuivat myös Volgan goljadit paikannimien perusteella.

Tuo kantabaltin sana on "lengvas" = kevyt, helppo, vasen, huono, nykyliettuaksi lengvas = kevyt,helppo (laivas = laiva),latviaksi säännöllisesti "liegs" = kevyt, help- po len-gvas on jaettu tavuihin kuten slaavikielissä ja -en- > -ie-),preussikielillä tuo muutos olisi "*langw(a)s", joka menee muotoon "langus". Preussissa on kuitenkin kaksi muutakin laiva-sana: "laiwan", joka on jotvingin sanan kaltainen ja "laigus", joka jälkimmäinen hieman epäsännöllinen on myös kuuria.

Siloin taas kun -ng- on SUOMEN tapaan miellety yhtenä äänteenä, joka sulkee ne- näpuolivokaalina tavun leng-vas samoin se olisi len-, lep-, lem tai leb-, kaikki nuo tavut muuttuvat v:n edellä liettuassa yleensä tavuksi -lie-, kuurissa tavallisesti tavuksi lei-, selissä ja jotvingissa tavuksi lai-, skalvissa tavuksi lau- ja preussissa murteesta riippuen tavuiksi lai-, lau-, tai lan-. Seelissäkin se voi muuttua tavuksi lan-, ja liettu- assa ja latviassa ja jotvingissa taas len- voi säilyä sellaisienaan. Tuo valikoima riip- puu myös seuraavasta vokaalista:jos v:n paikalla olsi ollut p tai b, niin jotvingissa en- olisi muuttunut pitkäksi o:ksi, preussissa pitkäksi a:ksi ja kuurissa pitkäksi u:ksi, kuten vartalossa "lemp-" = liekki: liep- (lt), leip- (lv). lap- (kr.), lop- (jtv.), laip- (sl.).

http://www.suduva.com/virdainas/

" lengvas light, easy
lengvaseilingas light-hearted
lengvaseiliskas simplistic, easy
lenkt to bend (Inf)

laivas Left (direction)

ship laivan "

Preussi: http://donelaitis.vdu.lt/prussian/Lie.pdf

LAÎWAN  [hlaiw + laivas + laiva MK] = laiva

LANGUS  [Langiseiliskan 95 VM] = kevyt "

(Myös suomen san "loiva", jolla on myös merkitys heikko,kevyt saattaa liittyyä tähän yhteyteen, mahdollisesti lapin kautta lainautuneena. Sen sijaan Algu-tietokannan tä- hän yhteyteen yhdistmä saamen sana "låihtto" = loitto  liittynee tuohon seuraavaan sanaan "lieta" = kaukai- nen ääri,laita.Jos näin on se voisituoda valaitusta sellaisiin sanoihin kuin "koira" (kuonollinen), Koitere (vrt. Keitele) jne.)

Preussi:

preitlāngus = lievä, mieto

preitlāngus „gelinde – švelnokas“ III 875 [5513–14] (= lengwas VE375) nom. sg. masc., kurio nei rekonstrukcija, nei kilmė nėra aiški.

Manyčiau, kad pr.(III 875) preitlāngus „gelinde“ taisyti- nas į *preilāngus ir buvo ne „gelinde“ [t.y. vok. (III 865) gelinde] = „švelnus, lengvas“, o „švelnokas, lengvokas“ – prefikso pr. *prei- „prie“ (žr. prei) vedinys iš adj. pr. *languslengvas, švelnus“.

adj. (nom.sg.masc.) pr.*lāngus „lengvas…“ kildinu iš pr. *lēngus „t. p.“, dėl kurio kilmės žr. s.v. lāngiseiliskan.

Tämä liittyy sanaan "langeta", mutta "leng-" voi olla samaa alkuperää:

erlāngi = ylhäältäpäin

erlāngi „erhoͤht (erhöht) - išaukština“ III 977 [6117] (conj. 3 sg. reikšme;= paauksch- tintu VE425), „erhebe - (te)iškelia“ III13317[8121] (opt.3 sg.reikšme) praes.3 sg. = er- (žr.) + lāngi - galbūt*lāngii̯a, kuriai atsargiai suponuotinas inf. *langītvei. Jis būtų *-ī-sufikso iteratyvinis vedinys (su šaknies vokalizmo kaita) iš pr.verb. *leng- (praes.) resp. (inf.) *ling-tvei (plg., pvz., lie. iterat. karp-ý-ti ker̃p-a resp. 286 kir̃p-ti = leikata), kuris galėjo reikšti „supti = keinua“ = „kelti↔leisti“ (žr. s. v. v. lanxto, lingo = jalustin (lenkki)), t.y.pr. (iterat.) *langītvei „supinėti = pudota“ = „kil(n)oti ↔ (žemyn) leisdinėti = päästä irti“ > „kil(n)oti = siirtää“,plg.lie.(Ds) pasakymą: vìsą nãktį vaĩką añt rañkų nešiójau ir kilójau („supinėjau = tuuditin“). Pr. *langītvei „kil(n)oti = keinua, nousta ja laskea (kellua aalloilla)“ vėliau - ar pačioje pr. kalboje, ar dėl A.Vilio kaltės - lengvai galėjo netekti iteratyviškumo, t.y. išvirsti į „kelti = nostaa“ (pr. erlāngi „erhöht, -hebt = kohottaa“ = „iškelia“). Pr.*langītvei „supinėti“ (> „kilnoti“ > „kelti“) :

lie. langóti „suptis ore, sklandyti = leijailla ilmassa“, lingúoti „supti, siūbuoti = keinut- taa“, liñg-inti „supti(s) = keinua“, lung-úoti „linguoti, siūbuoti“, lìng-ė „kartis lopšiui pakabinti = tanko kehdon ripustamiseksi“,

la. (kurš.) ļengât „wackeln = huojua, keinua, "lenkata", ontua, sana ei tulekaan turkin sanasta lenk = rampa)“, luodzîtiês „ļuôdzîtiês“ bei ļuôdz-ît „zum Wackeln, Wanken bringen = saataa huojumaan, keinumaan“, lĩg-uôt „suptis = keinua, siūbuoti = keinuttaa“ ir pan.,

toliau – rus. (dial.) ляг-аться „suptis, siūbuoti“,

s. sl. lǫgъ „δρυμός“ = rus. луг ir kt.,  (Eivät tule tästä, vaan verbistä *lenk- = taipua, taivuttaa, HM)

s. ind. raṅg-ati „sich hin und her bewegen“ ir kt. < ide. *leng- „supti(s) ir pan.“,

plg. Vasmer ESRJ II 527 (s.v. луг), 548 (s.v. ляга I).

lingo = jalustin(lenkki)

[Ei liity sananaan *leng- = leijua,kellua, vaan sanaa *lenk- = taivuttaa. Kummankaan alussa ei ole ollut kanta-IE:ssä/kantabaltissa ollut p-:tä, sillä länsibaltissa olisi pudonnut -l- poiseikä p-, kuten sanassa *plem- > pannu = tuli.]

lingo „stegerefe (Steigbügel = jalustin, "astinkaari") – balnakilpė = jalustin, "satula-silmukka“ E 447 nom. sg. fem. [dėl vok. (E 447) stegerefe „balnakilpė“ plg. v.v.a. stëgereift.p.“, v.v. ž. stegerêp „t.p.“(s.v. Stegreif)] = *lingɔ̄, t.y. *lingā. Apie šio pr. (E) substantyvo giminai- čius jau ne kartą rašyta, bet pagrindinė jo etimologijos problema – jo darybos istorija nebuvo analizuota.

Manau, kad pr. (E 447) *lingā buvo „kilpa (Schlinge = lasso, silmukka); balnakilpė“ (plg. lie. kìlpa „t.p.“) < *„kilpa“ = „tam tikras lankelio pavidalo lenktumas“ < *„tam tikras lenktas išdubimas (iškilimas)“- fleksijos ve- dinys iš verb.pr.(balt.) *ling-/*leng- „išdumbančiai (išky-lančiai)↔įdumbančiai (nusvyrančiai) linkti/lenkti“ (dėl jo žr. s.v. lanxto); plg.,pvz.,(subst.) lie. skilà „skeveldra…“ 67 (= la.šk̦ila „t.p.“) < *„(at)skilimas“ verb. lie. skìl-ti (= la. šil̃-t).

lanxto = ikkuna (myös: kaari)

lanxto „fenster (Fenster) – langas = ikkuna“ E 213 nom. sg. fem.= pr.*lankstɔ̄, t.y. *lankstā (žr. dar perstlanstan) < pr. *langstā „t.p.“ Jis jau seniai laikomas giminaičiu su lie. lángas „t.p.“ = la. luôgs „t.p.“.Tačiau šių pr. ir lie. -la. žodžių darybos (bei se- mantikos) istorija nėra atskleista, o dėl to ir pati jų etimologija vis dar nėra aiški (plg., pvz., Fraenkel l. c.: „Etymologie unklar“).

Pirmiausia reikia pasakyti,kad lie.lángas „langas (Fenster)“ bei la. luôgs „t.p.“ kildin- tini iš (subst.) ryt.balt.*lánga- tam tikra anga = aukko,skylė = reikä“; pastarą jo reikš- mę atspindi la. luôgsLoch = kolo, Öffnung = aukko; Fenster = ikkuna “ ir lie. lángas langas (Fenster); tam tikra skylė. 39 Pr. *langstā savo rašytinės fiksacijos (E žody- nėlio sudarymo) laikais (t.y.XIII–XIV a.) matyt buvo irgi „tam tikra skylė; langas (Fenster)“ [ar „langas (Fenster); tam tikra skylė“], kildintinas iš (subst.) vak. balt. *langstā „tam tikra anga, skylė“.

Subst. ryt. balt. *langa- „tam tikra anga, skylė“ ir vak. balt. *langstā „t.p.“ [jų reikšmę anksčiau esu kitaip su- vokęs] bus atsiradę iš subst. *„lenkta kiaurymė = taivutettu kierous, käyryys“ < *„lenktas įdubimas = kaareva syvennys“,ir jie du darybiškai santy- kiuoja panašiai kaip, pvz., subst. lie. brãdas „(per)bridimas, brasta (Furt = kahlaa- mo)“ su lie. brastà „t.p.“, kurie yra fleksijos *-a- (lie. brãdas) resp. sufikso *-(s)tā- (lie. brastà = kahlaa- misen ääni) vediniai (su šaknies vokalizmo apofonija) iš verb. balt. *bred- „bristi (waten = kahlata)“ (dėl jo žr. s.v. brast). Kitaip sakant, tie subst. ryt. balt. *langa- „lenktas įdubimas“ ir vak. balt. *langstā „t.p. ("lonksutus") laikytini fleksijos *-a- resp. sufikso *-stā vediniais (su šaknies balsio apofonija) iš verb.balt. *leng- =*leng-/*ling-, kurio reikšmė buvo,man rodos,*„įdumbančiai (nusvyrančiai) ↔ išdumbančiai (iškylančiai) lenkti/linkti“ (tam tikra enantiosemija, plg. s.v. etwiērpt). To- kią jo reikšmę gana gerai atspindi, pvz., verb. lie. ling-úoti „suptis = heilua, keinua“ = la. lĩg-uôt „t.p.“ (žr. dar s.v. erlāngi = yläpuolelta), kur „suptis“ = „su nusvirimais (tam tikrais įdubimais) bei su iškilimais (tam tikrais išdubimais) linkčioti“; tos pačiõs šaknies yra dar verb. lie. léng-ti „silpnėti = heikentyä, nykti = vähetä, kulua hävitä ("lentää", "karata"?), džiūti = kuihtua (nuo ilgos lėtos ligos)“ (LKŽ VII 330; < *„dubti + linkti“), ling-ti „svirti žemyn = taipua alas“ ir pan. Žr. dar lingo, nolingo.

Iš to verb. balt.*leng-/*ling- „įdumbančiai ↔ išdumbančiai lenkti/linkti“ = balt.-sl. *leng-/*ling- „t.p.“ buvo išvestas subst. sl. *langa- „lenktas įdubimas ↔ išdubimas“ > *lǫgъ serb.-chorv. lȗg „miškas, krūmai; užžėlusi žemuma“ ir kt.Čia pridera ir verb. sl. *lęg-ati () „supti(s)“ s.v. *lęgati () II, plg. lie. ling-úoti „suptis“ = la. līg-uôt „t. p.“.

Verb. balt.-sl. *leng-/*ling- „įdumbančiai ↔ išdumbančiai lenkti/linkti“ yra iš verb. ide. *leng-/*ln̥g- „t.p.“ (s.v. leng-), kuris galėtų būti verb. ide. *lenk-/*ln̥k- „lenkti“ variantas.

40 Dėl pr. (E) lanxto ir lie. lángas = la. luôgs etimologijos plg. Toporov l.c." ]

Die Lautentsprechung sollen nach KOIVULEHTO drei weitere Gleichungen stützen. Die Herleitung von fi. raivata ‘urbar machen, bahnen’ aus urgerm *straujan (dt. streuen) ist nach HOFSTRA "semantisch ‘niederstrecken,(auf der Erde) ausbreiten, bestreuen, ebnen’ und auf fi.Seite Bedeutungen wie ‘roden‚ ebnen, räumen’ " (1985, 175). Nun genügt aber der Hinweis auf eine gewisse Überlappung des Bedeutungs-Spektrums nicht. Im Hinblick auf die Bedeutung der zugrunde liegenden urindoger-manischen Wurzel ist dann einzelsprachlich eine Entwicklung von ‘ausbreiten’ zu ‘ebnen’ anzunehmen, die nicht ohne Bedenken in urgermanische Zeit verlegt wer- den kann. Mit der letztgenannten germanischen Bedeutung müßte das Verb aber ins Ostseefinnische gekommen sein, wo es dann zu einer Weiterentwicklung von ‘zum Zwecke der Ebnung räumen’ zu ‘roden’ gekommen wäre.

Auch der Umstand,daß in vielen Sprachen Bezeichnungen für ‘Schädel, Kopf’ ur- sprünglich Bezeichnungen für "kopfartige Gefäße" sind (HOFSTRA 175), ist etwas zu wenig Evidenz für einen Zusammenhang von fi. raivo ‘Schädel’ mit ae.triz ‘Schüssel, Hohlmaß’ bzw. an. treya ‘eine Art Korb, Tragekorb’.


117.


Die Etymologie erfordert die Zusatzhypothese, daß die Bedeutung ‘Schädel’ im Ger- manischen oder die Bedeutung ‘Schüssel’ bzw.‘Tragekorb’ im Osteefinnischen verlo- ren gegangen ist (Vgl. hierzu § 100). Die Annahme einer spontanen Bedeutungs- übertragung käme darauf hinaus, daß die Urgermanen beim Anblick der Köpfe der Ostseefinnen an Töpfe erinnert wurden und die Ostseefinnen den Kraftausdruck übernommen haben.

Beim dritten Beweisstück, fi. kaivata ‘vermissen, nachtrauern, sich sehnen’,älter und dialektal auch ‘(an)klagen’,sollen die zum Verb *kaujan (ae. ci[e]zan ‘rufen, nennen, anrufen’, ahd. gikewen ‘nennen’) gestellten Nomina ahd. küma und gotl. kaum ‘(Weh-) klage’ die "semantische Brücke" für die Bedeutung des finnischen Verbs schlagen.

Man hat es demnach mit einer semantisch einwandfrei- en Gleichung, die eine über- raschende Lautentspre- chung beinhaltet (Fall laiva) und drei Zusammenstellungen zu tun, bei denen die Brückenköpfe zur Uberwin- dung der semantischen Diskrepanzen recht weit auseinanderstehen.

HOFSTRA übernimmt die genannten Etymologien ohne zu zögern in seine seman-tische Gruppierung des Lehnguts. Es bleibt zu erörtern, wie begründet die Annahme - HOFSTRA spricht freilich bereits von "Entdeckung" - der "metathetischen Substitu- tion" ist. Wenn das nach KOIVULEHTO aus germ. *flauja zu erwartende ostseefin- nische *lapia, *lavia wegen seiner Dreisilbigkeit "eine noch weniger adäquate Wie- dergabe von germ. *flauja als urfi. *lapja" gewesen wäre, so muß hingewiesen wer- den, daß schließlich auch das zweisilbige darauf urgermanische *ubjön- im Finnis- chen als dreisilbiges upia realisiert ist. Es spricht mithin nichts dagegen, daß ein urgermanisches *flauja- als *lavia realisiert worden wäre. Andererseits ist eine Metathese 55i -> fit natürlich keine absonderliche Erscheinung 67.

 

67. Eine Metathese von ui läßt sich auch im Griechischen beobachten: “witj-etos (vgl. lat. auis ‘Vogel’) > (Qflfsrög (rxißsrög Hesych) > griech. (altattisch, Homer) (xieröz; ‘Adler’.Allerdings wird der Vorgang mit einer auch bei. Entwicklung von a/orfli, a/onj eingetretenen Epen- these des t mit anschließender Assimilation des i4 a das voraufgchende i (koukku-) beschrieben (Rix $ 73).


118.


Im Finnischen ist die umgekehrte Entwicklungsrichtung im Falle von avio ‘Ehe’ zu beobachten, das man ungern von dt. Ehe usw. (< ur germ. *aiwo’-) trennen möchte. KOIVULEHTO will die Diskrepanz durch die Annahme eines Homonymenkonflikts mit aivo(t) ‘Gehirn’ bzw. im Falle laiva mit lapia ‘Spaten’ lösen, was dann eigentlich seine Ausführungen über die Tendenz, die Silbenzahl zu erhalten (s.o.), erübrigte.

Bei avio und laiva wäre also unter dem Druck homophoner Formen die Verbindung der beiden Halbvokale jeweils in die andere Richtung verändert worden. Es ist aber zu konstatieren, daß die Ähnlichkeit der semantisch identischen Wörter fi. laiva und an. fley frappierend ist. KOIVULEHTOs Etymologie bleibt auch ohne zusätzliche Evidenz durch andere Entlehnungen die bisher beste Deutung des finnischen Wortes (vgl. § 74).

Den umgekehrten Vorgang zeigt auch lapp. sawja ‘fresh water,water in river or lake; lake without any (fairly large) river flowing into it ...’, das über sai‘va "irgendwie mit awn. sjär, sjör, saer m. ‘See usw.’ zusammengehören" müsse (SKÖLD 1961, 125), wobei sich der Vorbehalt darauf bezieht, daß der fehlende Anschluß von urgerm. *saiwa- die Möglichkeit einer Entlehnung "aus einer ausgestorbenen «Proto»-Spra- che" ins Lappische und Germanische nahelegt (125.f.). Das lappische Wort kann auf *saiwi- zurückgehen (l.c.). SKÖLD meint,man dürfe "aus dem lp. Worte keine positi- ven Schlüsse auf den urn. Stammauslaut ziehen" (126), da ein urnordisches *saiw durch Anfügung eines ä der lappischen Wortstruktur angepaßt worden sein könnte.

Da aber der i-Stamm durch das Althochdeutsche und das Altenglische gesichert ist (BRAUNE/MITZKA § 216, Anm. 5, S. 200) und der gotische Befund zumindest nicht dagegen spricht (BRAUNE/EBBINGHAUS § 101, Anm. l), ist eine Basis urn. *saiwi- das Wahrscheinlichere‚ wenn man an germanischer Herkunft festhält.

Was fi. raivo (t) betrifft, so ist ein alter Vorschlag KARSTENs (1843/44) nicht unbe- dingt von der Hand zu weisen. Unter der Annahme, daß raivo, raiva ursprünglich ‘Hirnschale,Totenschädel’ bedeutete,läßt sich an eine Abstraktion aus einem germa-nischen Wort für ‘Leiche’ (got. hraiw, an. hræ ‘Leiche, Wrack, Trümmer’, ae. hræw, ahd. hrēo ‘Leichnam, Tod, Grab’) denken. Das germanische Wort wäre dann zwei- mal ent- lehnt worden, vgl. - späteres? - räivä (fi. dial.) ‘Wrack, unnützes Ding’ (s. HOFSTRA 1985, 1).

Daß dem Begriff ‘Schädel’ eine Bedeutung ‘Gebogenes, Gekrümmtes’ zugrunde liegt, erscheint ebenfalls denkbar.Man könnte mithin für fi. raivo (t) auch Übernahme eines urbaltischen *kraivas erwägen, das in ostlit. kraivas (vgl. zum Vokalismus lett. krails von der gleichen Wurzel), lit. kreivas ‘schief’ vorliegt; zum Ausgang wäre fi. arm, arto ‘Stangengerüst’ zu lit. afdas zu vergleichen (vgl. auch fi. dial. raiva neben raivo).


119.


Die Bedeutungskonstellation wäre mit der bei KOIVU-LEHTOS Deutung identisch. Im Baltischen fehlt die durch das finnische Wort belegte Bedeutung ‘Schädel’, im Finnischen gibt es keine Spur einer früheren Bedeutung ‘schief’.

Wenn man so großzügig mit den Bedeutungsdiskrepanzen umgeht, findet man zu- meist auf Anhieb eine laut- lich passende andere Etymologie: raivata ‘roden’ könn- te dann ein Denominativum von einem germanischen *fraiwa- ‘fruchtbar’ (an. fraar; got. fraiw ‘Same’) sein und ursprünglich ‘(den Boden durch Rodung) fruchtbar ma- chen’ bedeutet haben. Andererseits müßte die Nicht-zulässigkeit der Segmentenfol- ge auj dann auch nach traditioneller Auffassung sogar a fortiori für die Periode der baltischen Kontakte gelten. Wenn man mit dieser Metathese rechnet, würde der bal- tische Verbalstamm rauja- (lit. räuti, lett. raüt ‘ausreißen‚ jäten’, vgl. auch lit. raveti ‘jäten’) semantisch wesentlich besser zu fi.raivata ‘roden’ passen als dt.streuen usw.

§ 48. Germanische Herkunft vermutet HOFSTRA aufgrund des Wortausgangs auch im Falle von fi. valmis ‘fertig, reif, bereit, geneigt, bereitwillig’. Trifft diese Vermutung das Richtige, muß es sich um eine Ableitung mit dem Formans *-mi- handeln, denn eine Wurzelstruktur mit *lm# ist für das Urindogermanische nicht belegbar. Das ge- nannte Formans ist im Germanischen aber nicht produktiv geworden; neben den in den Handbüchern verzeichneten Bildungen dürften schwerlich weitere auszumachen sein. Unter den bekannten Bildungen findet sich auch ae. wielm ‘Kochen, Wallung; Schwellen, Woge, Strom; Flamme, Brand, Entzündung, Glut, Eifer’ zu weallan ‘wal- len, wogen, kochen, sieden; quellen, fließen; wüten, toben’. Das Substantiv geht mit Bre- chung und i-Umlaut auf urgerm. *walmiz zurück. Die Diskrepanz in der Wort- klasse würde für das Ostseefin-nische keine Rolle spielen. Einer Erläuterung bedarf allerdings die Art der Bedeutungsbeziehung.Eine Entwicklung von ‘siedend,kochend’ zu ‘fertig’ ist aber sehr wohl denkbar. Wer etwas auf Bedeutungsparallelen gibt, mag dt. gar, ae. gearu, as. garo ‘eifrig’ fertig, bereit’, an. gorr ‘bereit, begabt’ zu uridg. *g"er- ‘heiß’ vergleichen.


120


Zur Bedeutung ‘reif’ von valmis vergleicht sich ai. pakvä- zu pac- ‘kochen 68.

Ein ostseefinnisches Adjektiv für ein substantivisches germanisches Original liegt möglicherweise in fi. runsas ‘reichlich’ vor,das zu ahd. runs m., runsa f. ‘Flut, (flies- sendes) Wasser’ (s. SCHÜTZEICHEL) gehören könnte. Die Metapher bedarf keiner Erläuterung. Auch fi. nauris (< *nakris, vgl. z.B. weps. nagr) ‘Rübe’ ist unter den Wörtern vertreten, die laut HOFSTRA "eine phonotaktische Struktur haben, die dem Frühurfinnischen fremd ist" (1985, 263) und die aufgrund dieses Umstandes als des germanischen Ursprungs verdächtig erscheinen.

Wenn das hypothetische Original im Germanischen ein Erbwort sein soll, müßte es ein Formans *-ri- enthalten, denn eine urindogermanische Wurzelstruktur (C)CVTR ist nicht bezeugt. Das Adjektive bildende Formans *-ri- ist aber nur spärlich nachzu-weisen (KRAHE/MEID § 83). Allerdings ist ein einschlägiges Wort ins Ostseefinnis- che entlehnt worden:fi. tiuris ‘teuer’ (ahd.tiuri,an. dýrr). Es ist nicht wahrscheinlich, daß sich neben dem letzt-genannten germanischen Wort und an. vitr ‘weise’, got. riurs ‘vergänglich’ und skeirs ‘klar’ (l.c.) noch weitere Belege finden lassen.

Allerdings könnten sich unter den zahlreichen Vertretern der -ja-/-jö- Deklination alte -ri-Bildungen verbergen (l.c.). Es mag sich also bei dem germanischen Original von fi. nauris um ein Adjektiv handeln, das aber nicht notwendigerweise ein Merkmal des Referenten selbst, sondern z.B. eine Eigenschaft des Samens charakte-risiert (vgl. KLUGE/MITZKA s.v. Runkelrübe).

Fi. ruumis ‘Körper, Leiche’ leitet HOFSTRA (1985, 268 ff.) von urgerm. bzw. urn. *skruma- her, das durch schwed. skrom, skrum ‘etwas, was viel Platz einnimmt, Masse, Gerippe’ belegt sei.


68. HOLTHAUSEN denkt hier allerdings an eine Bildung *gi-arwa- zu ae. earu ‘bereit, flink’, as. aru, an. ærr ‘rasch, schnell (zufah-rend); freigebig, mildtätig, großzügig’,die formal genau av.auruua- ‘schnell’ entspricht (uridg. *oryo-). In IEW und bei de VRIES ist dieser Deutung der Vorzug gegeben. Da jedoch allen Vertretun- gen in den germanischen Einzelsprachen das Merkmal ‘schnell,spontan’ inhäriert,erscheint die Entwicklung bis zu einem Zustandsadjektiv doch recht unwahrscheinlich. Überdies erweckt eine Präfigierung mit ga- außerhalb einer kollektiven Funktion oder den Bahuvrihi-Bildungen bei einem offensichtlich schon urgermanischen Adjektiv Bedenken.


121


Das Akademiewörterbuch macht deutlich, was unter ‘Gerippe’ zu verstehen ist; es gibt für das in Rede stehende Wort die Erklärung ‘viel Platz einnehmendes (Haus-) Gerippe oder Gebäude bzw. Ruine eines solchen Gebäudes; leerer Raum, Univer- sum; umfangreiche und poröse Masse u. dgl.’. HOFSTRA führt noch für die Dialekt-variante die Bedeutungen “Gerippe,Körper u.dgl. von unbehaglichem Aussehen und unbehaglicher Unvollständigkeit, z.B. altes Haus, dessen Dach und innere Teile weg sind; Schiffswrack;größere Wagen’ an.Er vermerkt weiter:"Daß zu einer Wortgruppe Wörter mit so unterschiedlichen Bedeutungen wie ‘Körper, Masse, umfangreich, po- rös’ gehören können, zeigt auch schwed. skrov" (271), das nach ord för ord die Be- deutungen ‘Körper, Rumpf, Gerippe, Hauptmasse, Tierskelett, Kadaver, Vogelkar-kasse, Schiffsrumpf; Koloß, Klotz, Ungetüm’ habe. Für das vermutete urgermanis- che Etymon von fi. ruumis läßt sich die Bedeutung ‘(lebendiger oder toter) mensch-licher oder tierischer Körper’ aber offensichtlich nicht wahrscheinlich machen. Stört die fehlende Beziehung zum Animalischen nicht, käme ebenso gut norw. trumm, schwed. (dial.) trum, trom, dt. Trumm (vgl. Trümmer) ‘Stock, Baumstamm, abge- hauener Holzklotz’ in Frage. Bei der Quantität des Tonvokals und des Ausgangs besteht die gleiche Diskrepanz wie im Falle der HOFSTRAschen Deutung, falls man nicht bezüglich der Quantität auf die von HELLQUIST angesetzte "Variante *skruma- zurückgreifen will.

[HM: Ruumis ei ole tuota, vaan samaa *rem- = lepo, hilajinen -balttiperua kuin mm. ruoma, remmi, rento, raato ja - rauta (mikä johtuu punamultahautauksesta).]

Ähnliche semantische Beziehungen werden für folgende Herleitungen angenom- men. Der herkömmlichen Deutung von fi. runko ‘Baumstamm; Rumpf, Körper’ aus einem germanischen *þrunho'- (an. þró ‘ausgehöhlter Stock’) ist mit HOFSTRA die auf NIKKILÄ zurückgehende Zusammenstellung mit an. skrokkr ‘Körper, Rumpf’ vorzuziehen. Diese Erklärung setzt wohl voraus, daß urgerm. *skrunkaz ursprüng- lich ‘Baumstamm’ o.ä.bedeutet haben muß,da aus einer Grundbedeutung ‘Körper’ die Bedeutung ‘Baumstamm’ schwer zu verstehen wäre. Das tertium comparationis zwischen ‘Rumpf’ und ‘Baumstamm’ dürfte ‘gestutzt’ sein, vgl. lat. truncus ‘verstüm- melt; der Aste, der Glieder beraubt’ bzw. ‘Baumstamm ohne Äste; der Rumpf des menschlichen Körpers’ (WALDE/HOFFMANN). Der Bedeutung ‘stam, kronstam’ bzw. ‘djup skog där trädstammer faller kors o. tvärs’ (KARSTEN) für runko kommt die Bedeutungspalette des deutschen Strunk nahe.


122.


Dieses zwar spät bezeugte, aber durch norw. strokk ‘kleiner Holzkübel, Butterfaß, Tonne’ als ererbt erwie- sene Wort bedeutet ‘truncus, caulis’, insonderheit ‘so ziem- lich jeder theil des gefällten oder abgebrochenen baumes, wenn nur eine verstüm-melung erkennbar ist’ bzw. ‘der lose (abgehauene oder -gebrochene theil des bau- mes, und zwar in jeglicher gestalt;z.b. der grosze stamm,der im wege liegt’, ‘häufiger jedoch der stehen gebliebene theil des baumes, a uch von beträchtlicher höhe’ (GRIMM). Das germanische wort gehört nach KLUGE/MITZKA zu altlit. strùngas gestutzt, mit gekapptem Schwanz’.Geht man für das finnische Wort von baltischer Herkunft aus, läßt sich auch nach traditioneller Auffassung mordw. E rurjga ‘Rumpf, Körper’ anschließen.

Auch für das anklingende ranka ‘gefillter und entästeter Baum-(stumpf)’ wird germa-nischer Ursprung angenommen. SKES verweist auf an.strangaviör ‘gefällte und ent- ästete lange Bäume’. Von diesem Wort soll fi. rangaista ‘bestrafen’ abgeleitet sein (SKES), wobei auf dial.rankeloita ‘zerstören,schaden’ hingewiesen wird, Bedeutun- gen, die auch für rangaista nachgewiesen werden können. Geht man von der am weitesten verbreiteten Bedeutung als der ursprünglichen aus, wäre eine Zugehörig- keit zu dt. Strang, an. strengr ‘Strang, Seil, Tau’ zu erwägen. Strangulieren als Mittel zur Voll streckung der Todesstrafe ist für die Germanen überliefert. Für dt. Strang ist allerdings nur die i-Stämmigkeit als alt zu erweisen. Von einem i-Stamm wäre aber ein *rangita, vgl. villitä ‘anstacheln, wild machen’ u.ä.zu villi ‘wild’, zu erwarten. Das Formans -aise-,-äise- ist über dies deverbal (zu seiner Genese s. SKRK I § 66. 2,S. 245).

[Tulee baltin sanasta ranka = käsi.]


§ 49. KOIVULEHTO geht von der Prämisse aus,daß im Urostseefinnischen eine Se- quenz *aic’c’ nicht zugelassen war, und führt ratsas über ein *rac’c'az auf urgerm. *raidjaz (ae. raade ‘beritten’) zurück (l979a,290;1981e,78). KOIVULEHTOs Prämis- se bedeutet, daß Bildungen wie paitsi ‘außer’ (Postposition), maitse ‘über Land’ (Prolativ), suitset ‘Zaumzeug’, päitset ‘Halfter’, veitsi ‘Messer’ entweder nicht alt sind oder daß der Diphthong in jedem Fall auf Vrj zurückgeht (wie in päitset < *pärngc'c'et - vgl. SKRK I §21. S.32). Den Entlehnungszeitpunkt vor diesen Laut- wandel zu setzen, ist in der KOIVULEHTOschen Konzeption bezüglich des Alters solcher Entlehnungen natürlich keine Affäre.


123.


Wenn aber das j mit der palatalen Geminate "ver- schmolzen" sein soll, müßte man motivieren,warum dieses nach dem Wandel *n´g` > j assiert ist.Im übrigen erscheint es nicht plausibel, daß eine Sprache, die Diphthonge der Form Vj hat, ein Vrngc´c’ duldet, ein Vjc´c´ aber eliminiert.

Fi. ratsas, ratsu ‘Reitpferd’ erinnert an ved. rathya- ‘zum Wagen gehörig; Wagen- roß’ und (?) av. raixiia- ‘attached to a charriot = draught-animal’ (GRASSMANN 1141 bzw. GERSHEVITCH 191); hier läge voriranisches o vor (vgl. lat. rota ‘Rad’). Die finnische Affrikata ließe sich durch Substitution von arisch *tj bzw. iran. þi- durch *ti (>*c'c’ > ts) oder *c’c’ (vgl. hierzu HOFSTRA 1985, 166) erklären. Die Bedeu-tungsdiskrepanz (‘Wagenpferd’ vs. ‘Reit-pferd’) wäre nicht gravierend. Sie ließe sich durch eine Verlagerung der Wohnsitze aus der Waldsteppe in die Waldzone oder einfach mit der Priorität des Fahrens vor dem Reiten deuten. Auch für den germa- nisch-keltischen Raum wird offenbar Priorität des Fahrens angenommen (s. GERMANEN 235).

Beide Erklärungen scheinen sich aber in sachgeschichtlicher Hinsicht nicht unter- mauern zu lassen. In der Literatur zur Vorgeschichte findet sich die Angabe, daß das Pferd erst in der Merowingerzeit in Finnland heimisch geworden ist (vgl. VAJDA 515). Das würde im Falle einer germanischen Herleitung des Wortes bedeuten, daß entwe- der die ältesten Entlehnungen im Ostseefinnischen - denn zu den ältesten müßte fi. ratsas und seine Sippe aufgrund der Lautverhältnisse gehören - doch kein so hohes absolutes Alter aufweisen, wie angenommen wird, oder daß die Begriffe ‘Reittier’ bzw. ‘reiten’ ursprünglich in den Bereich der Cervidenzähmung gehören. Daß aber gerade die Germanen den Ostseefinnen die Verwendung von Elch oder Ren als Reittier vermittelt haben, wird man kaum annehmen wollen.Im übrigen findet sich laut VAJDA kein Indiz dafür, daß es in den ersten Jahrhunderten nach der Zei- tenwende im Norden domestizierte Elche gegeben hat (l.c.). Mit der Rentierzucht kann man offenbar - jedenfalls bei den Lappen - auch nicht vor den letzten Jahrhunderten des ersten nachchristlichen Jahrtausends rechnen 69.

 

69. Nach KATZ (mdl.) spricht aber die einschlägige Terminologie für ein hohes Alter der Pferdehaltung.


124.


Im Falle arischer bzw. iranischer Herkunft müßte man annehmen, daß das Wort in der Periode zwischen seiner Ubernahme und der Einführung des Pferdes in Finn- land auf die Cerviden bezogen wurde. Die Auffassung ALTHEIMs würde hingegen einer Deutung des Wortes aus dem Iranischen entgegenkommen."Reiten, reiterliche Tracht und Waffen" seien erst zur Zeit der "gotisch-alanischen Mischkultur" Südruß- lands "im Austausch gegen das gesuchte Pelzwerk ... zu Finnen und Obugriern" und "bis ... zum baltische Gestade" gelangt (1957, 40)

Die Etymologie von lit. arklis ‘Pferd’ (eigentlich ‘Acker-gaul’) läßt den Gedanken an baltische Herkunft von fi. ratsas auflcommen.Die Übernahme des baltischen Wortes für den Wagen (vgl.lit. ratai,fi. rattaat - jeweils Plural vom Wort für ‘Rad’) könnte mit dem Bekanntwerden des Ackerwagens bei den Ostseefinnen zusammenhängen. Fi. ratsas müßte dann ursprünglich ‘das vor den Wagen gespannte Pferd’ gewesen sein. Für ein urbaltisches *ratias ‘zum Wagen gehörig’,aus dem sich wie in fi. metsä ‘Wald’ (vgl. lit. medis ‘Baum’) die ostseefinnische Affrikate erklären ließe (s. hierzu ausführlich HOFSTRA 1985, 165 ff.)‚ liefern die baltischen Einzelsprachen aber nicht den geringsten Anhaltspunkt.

§ 50. Mit einer phonotaktisch bedingten Restriktion operiert KOIVULEHTO auch im Falle von fi. tahdas, Gen. tahta(h)an ‘Teig,Paste,weiche Masse’ (1981b‚357). Wäh- rend er aber selbst hinsichtlich des germanischen Ursprungs des Wortes noch ge- wisse Bedenken zu haben scheint (es "dürfte ein uraltes germ. Lehnwort sein" - ebd.)‚ rangiert sein Vorschlag bei HOFSTRA 1982 als sichere Etymologie (312). Als Etymon postuliert KOIVULEHTO aufgrund von abg. tevsto ‘Teig’ und air. tois, tafs ‘massa farinacea’ ein urgermanisches þajstaz, woraus sich die finnische Form über ein *taštas anstelle von "phonotaktisch auf die Dauer nicht möglichem" *tajstas erklären lasse. Zur phonetischen Seite der Erklärung verweist KOIVULEHTO auf ein dem finnischen paista- ‘braten’ entsprechendes wepsisches paftaa Der hier zu be- obachtende Lautwandel ist aber von Fällen wie vepsä varišt (fi. varista, Part. Sg. zu varis ‘Krähe’),ahtiätab (fi. ahdistaa 3. Sg.Präs. Ind. ‘bedrängen, beengen’), polifik (fi. puolisko ‘Hälfte’), vepsK koivišt (fi. koivisto ‘Birkenhain’)‚ vepsä iškta (fi. iskeä ‘schlagen’) nicht zu trennen (s. TUNKELO 1946, § 119.2). Ein wepsisches lašk (fi. laiska ‘faul’ - TUNKELO l.c.) ist demnach höchstens eine Parallele dafür, daß ein VjsC "phonotaktisch auf die Dauer" unmöglich ist. In diesem Falle müßte man an- nehmen,daß in urgerm.*þajstaz das s,wie für einige Anlautsfälle von KOIVULEHTO postuliert wird (1981 b‚346),durch urostseefi. s, in dem später der palatale Halbvokal aufging, ersetzt wurde.


125.


Entbehrlich wird die wepsische Parallele, wenn man mit einer Substitution eines durch die Einwirkung des Halbvokals palatalen urgerrnanischen Clusters *js’ durch urostseefi. *š rechnet.

§ 51.Oben wurde bereits auf die Hypothese einer Substitution von urgerm.*aur durch urostseefi. *apr (> fi. aur‚ dial. apr) hingewiesen. lnadäquate Wiedergabe ei- nes au-Diphthonges vor r gibt es in baltischen Lehnwörtern. Hier ist Metathese ein- getreten: fi. karva ‘Haar’ - lit. gaüras; fi. tarvas ‘elchähnliches Tier’ - lit. taüras ‘Büf- fel, Auer- ochse’; fi. torvi ‘Hirtenhorn, Jagdhorn; Röhre’ - lit. taure" ‘Becher, Kelch’, lett. taüre ‘Jagdhorn, Hirtenhorn’ (KALIMA 1936, 75). Daß die Ostseefinnen bei bal- tischen Wörtern einen anderen Weg gewählt haben, ist natürlich kein zwingendes Argument gegen KOIVULEHTOs germanische Etymologien. Der Umstand verstärkt aber zumindest die Bedenken, die die nicht einwandfreie Semantik der Gleichungen erweckt.

KOIVULEHTO rechnet in einem Fall auch mit der Substitution urgerm. *eu -> urost- seefi. *ep (> fi. eu): fi. teuras ‘Schlachtvieh’, estn. tõbras ‘Hirsch, Elch’ < urgerm. *þeuraz (an. þjór ‘Stier’) -  (1979, 284 f). Die alte Herleitung des ostseefinnischen Wortes aus urgerman. *steubraz (< *tibraz; ahd. zebar ‘Opfertier’) ist nach KOIVU- LEHTO allerdings noch im Auge zu behalten. HOFSTRA steuert eine weitere Erklä- rung bei. Er schlägt urgerm.*steuraz (got. stiur ‘Stierkalb,Kalb’, ae. stēor ‘Stier’) als Etymon vor (1985,178), das nach KATZ auch fi. hirvi zugrunde liegt (vgl.§ 9). Gegen die ältere Deutung könne man geltend machen, daß die alten Entlehnungen aus dem Germanischen den Wandel *i > e nicht reflektieren würden (HOFSTRA l.c.). Ganz kann man aber auch für teuras ein germanisches *tibraz als Etymon nicht aus- schließen. Das Wort könnte zu einem Zeitpunkt entlehnt worden sein, als es Wörter mit ti noch nicht wieder gab (vgl. § 6), die erst im Zuge des verstärkten germanischen Einflusses aufamen.

Bei HOFSTRAs Etymon handelt es sich aber offenbar um die Variante mit s-mobile zu *þeuraz (s. KLUGE /MITZKA s.v. Stier). HOFSTRA vermerkt, daß von den vier Belegen des gotischen Wortes drei im Gleichnis vorn verlorenen Sohn "als Bezeichnung des (gemästeten) Kalbes, das aus Anlaß der Rückkehr des Sohnes geschlachtet wird" (178) vorkommen. Man wird daraus aber kaum ein Merkmal ‘zum Schlachten bestimmt’ für das urgermanische Wort für den Stier ableiten können.


126.


Dieses Merkmal inhäriert vielmehr dem germanischen *tibraz. Es kommt damit aus semantischen Gründen am ehesten als Etymon für fi. teuras ‘Schlachtvieh’ und sei- ner Sippe in Frage (teurastaa ‘schlachten, metzeln’, teurasuhri ‘Blutopfer, Opfertier’ u.a.).

Mit Substitution des *u durch ostseefi. p und Metathese operiert KOIVULEHTO gar bei fi. tarpoa, lapp. duor'bot ‘Fische mit der Stange aufstören’,das er aus einem ger- manischen *stauria- (dt. stören) herleitet (1977a,145 f.).

§ 52. Sporadisch tritt auch eine Entsprechung ostseefi. k germ. w auf (s. HOFSTRA 1985,104).Im Falle von fi.raaka ‘roh’ (an. hrár<urgerm.*hráwaz) rechnet KARSTEN (1943/44) mit einer erst altschwedischen Quelle (-w- > aschwed. -gh- ; dagegen HOFSTRA l.c.).

Dieser Wandel ist, wie KARSTEN selbst hervorhebt‚ nicht nach a eingetreten. Er kommt nur dialektal vor, was in Anbetracht der weiten Verbreitung des Wortes (min- destens weps., estn., wot. vielleicht aus dem Finnischen, liv. aus dem Estnischen) Schwierigkeiten bereitet. Außerdem betrifft dieser Wandel nur das bei Hiat (brōar > brōwar > brōghar ‘Brücken’) aus b (owan > oghan ‘oben’) entstandene und in Lehnwörtem übernommene (mnd. nouwe > nögha ‘genau’) w - NOREEN 1904 5 273, S. 213 f.

Im Falle von fi. aika ‘Zeit’ (got.aiws ‘Zeit,Ewigkeit’) rechnet T.ITKONEN laut HOFST- RA (1985,104) mit einem durch den Stufenwechsel bedingten Ausgleich.Der Mecha- nismus wird aber aus HOFSTRAs Angaben nicht klar.Nimmt man an,urgerm. *aiwaz hätte ein zugrunde liegendes ostseefinnisches */aivas/ ergeben, das als aika mit k im Anlaut der offenen Silbe realisiert worden wäre, kommt man mit der Information, daß es im Finnischen den Typ puku/puvun - zwischen zwei u ist *y (schwache Stufe zu k) zu v geworden - und den suffixalen (I) Stufenwechsel k/v gibt (61 f.), nicht wei- ter. Das Verhältnis aiw : aik erinnert an die wenigen Fälle eines Übergangs uridg. *w > germ. k nach i-Diphthong. Allerdings scheint dieser Wandel von einem u oder sil- bischem Liquid oder Nasal abhängig zu sein (s. SEEBOLD 1982,174 f.). In Betracht kommt auch eine k-Ableitung von *aiwa-‚ wie sie in got. *ajuki- (ajukdupi- ‘Ewigkeit’, s. LEHMANN s.v.) verbaut ist.

[HM: Suomen aika on vasarakirveskielen *aig(w)a(s) (*oigᵂa) = kulku, liettuan eiga.

" Pasak recenzento, Liukkonenas darbe „Baltisches im Finnischen“ aptaria dvejopą baltų garsų substituciją Pabaltijo finų kalbose: bl. *ei > Pabaltijo finų ai arba ei. Pirmąją iliustruoja suom. aika ‘laiks’ < bl. *eiga, plg. lie. eiga ‘gaita, norise’, suom. vain ‘tikai’, vaikka ‘kaut gan’. "

Viron (yleensä pan-germanistinen) nettietymologinen:

aeg = aika

aeg = aika: aja : aega 'lõputu, piiramatu kestus, lõputult voolavad tunnid, päevad, aastad jne; piiratud kestus'
lõunaeesti aig, kirderanniku aig
aga
balti *ei-
leedu eiga 'tee = tie = (jonkun kulkema) reitti, käik = (koneen ym.) käynti, kulg = kulku'
liivi āiga 'aeg; ilm = sää, keli; mõõt = mitta(ri)', agā 'võib-olla, küll; aga; või'
vadja aika 'aeg', aka 'küll (alles)'
soome aika 'aeg'
isuri aiga 'aeg'
Aunuse karjala aigu 'aeg'
lüüdi aig 'aeg'
vepsa aig 'aeg'
aga on vana sisseütlevavorm, milles on võinud olla omastusliide. Liivi agā võib olla laenatud eesti keelest. Vt ka aasta, millal, praegu, sellal, tollal.

HM: Aika on vasarakirveskielen "kulku", liettuan eiga, no TÄSTÄ ONKIN NAPPIETYMOLOGIA! "

Gootin aiws on vasarakirveslaina.

Näistä ei ole mitään, vähäisintäkään epäselvyyttä.

Kaikki nuo "kantakermaanin" aiwastukset ja näin "sinne" luodut sanat ovat hörönlöröä.]


127.

 

§ 53. Zu den Fällen, in denen ein urgermanisches *k durch das ostseefinnische *kk ersetzt wird, zählt man neuerdings auch fi. rakas, Gen. rakkaan ‘lieb’, das auf germ. *frakaz (vgl. ae. fræc ‘begierig, dreist’) zurückgehen soll (HOFSTRA 1985,83, 210). Bei den recht zahlreichen finnischen Wörtern germanischer Provenienz mit der Grundbedeutung ‘gierig’ (fi.kiiras ‘plötzlich’ - ahd. gir; fi.kiivas ‘eifrig,feurig’ - ae. giw ‘Geier’, doch s. § 30); fi. ahnas ‘gefräßig, gierig’ - an. agn ‘Lock-speise’) braucht im Gegensatz zum Fall fi.rakas - ae.frazc keine Umpolung der Bedeutungsbeziehung angenommen zu werden:‘lieb’ ist eine Eigenschaft des Objektes der Affektion,‘gierig’ und die anzusetzende Zwischenstufe ‘geil, begierig’ indessen ein Merkmal des Sub- jektes. Ein solcher Richtungswandel ist in der historischen Semantik natürlich eine häufig zu belegende Er- scheinung, stellt aber für die in Rede stehende Etymologie eine zusätzliche Annahme dar.Ohne eine solche Annahme und ohne die Vorausset- zung einer komplizierteren Bedeutungsentwicklung als bei der obigen Erklärung käme die Zusammenstellung von fi. rakas mit an. frægr ‘berühmt, bekannt’, ae. gefræge, as. gifrägi ‘id’) aus. Wer ‘gefragt’ ist, ist ‘beliebt’. Für das ostseefinnische Wort wäre dann von einem germanischen *frägjaz auszugehen und anzunehmen, daß ein zugrunde liegendes *rakjaz als rakas realisiert worden wäre.Die bekannten Fälle für die Substitution betreffen allerdings immer germanisches *kj: fi. rikas, ur- germ. *rikjaz (an.rikr ‘mächtig’),fi. miekka,urgerm. *me'kja- (got.mäkeis ‘Schwert’).

Auch wäre im vorliegenden Fall bedenklich, daß die Vokalqualität des Originals nicht reflektiert ist. Nicht vergleichbar ist der Ersatz eines urgermanischen *kj durch urost- seefi.*kk in fi.rikas oder miekka mit der vermeintlichen Substitution von "westgerma- nisch" *(t)tj durch urostseefi. *tt in fi. mitta ‘Maß’ (HOFSTRA 1985, 390, Anm. 19), denn während man im ersten Fall darauf verweisen kann,daß eine Konsonantenver-bindung kj im Urostseefinnischen nicht möglich war,wäre eine Substitution von tj un- nötig gewesen, da es die Verbindung während der Kontakte schon gab, nachdem zu deren Beginn Substitution durch die Affrikata bzw.den Vorläufer eintrat.Das im Wep- sischen nicht zu belegende Wort kann selbstverständlich, wie KARSTEN bemerkt, mittelniederdeutscher Herkunft sein, falls es nicht doch gotisch ist - "westgermanischer" Ursprung scheidet jedenfalls aus.


128.


§ 54. Fi. mäyrä ‘Dachs’ wird von HOFSTRA zu dt. Marder gestellt (1985,114), wobei "der Bedeutungsunterschied ‘Marder’‚f ‘Dachs’" nicht ins Gewicht falle,da "der Dachs zur Familie der Marder gehört".

Eine zoologische Zuordnung,die im vorliegenden Fall im übrigen vorgenommen wur- de,obwohl Dachse zu den Mardern "wenig Beziehungen" haben,"höchstens in bezug auf die auch bei ihnen vorhandenen Stinkdrüsen am After" (FEHRINGER 112), besagt zunächst einmal nichts 70.

Schließlich gehört auch das Murrneltier, "ein tier alsö michel sö der igil einer Familie. Onomasiologisch jedenfalls gehört der Dachs eher zur "Familie" der Schweine, wie die häufigen Benennungen wie fi. metsäsika wrtl. ‘Waldschwein’ oder alb. balädosä wrtl.‘Bläßschwein’ zeigen.In lautlicher Hinsicht weist die Herleitung von fi.mäyrä, dial. mäkrä aus urgerm. *marþra- zwei Irregularitäten auf. Die Vertretung äk, äy für *ak scheint keine Parallele zu haben,aber immerhin können mögliche Parallelfälle für ur- sprüngliches *au genannt werden (HOFSTRA 1985, 50 f.); der Übergang von *þ zu k ist indessen nicht vergleichbar mit dem Übergang *þl > kl in fi. neula < urostseefi. *nekla < urgerm. *neþla- seula < urostseefi. *sekla < urgerm. *sēþla- (‘Nadel’ bzw. ‘Sieb’), denn hier handelt es sich um den auch sonst zu belegenden Wandel> kl, wie er im Baltischen und Lateinischen bei den Nomina instrumenti zu beobachten ist,vgl. lett. aukla ‘Schnur’ av. aoδra- ‘Schuh’, lat. pöculum ‘Becher’, ai. pätra- ‘Trinkgefäß’.

Zur Semantik der obigen Herleitung wäre noch zu bemerken, daß selbstverständlich der Wal ein "Fisch" ist; das Wort beinhaltet alle semantischen Merkmale, die in der Standardsprache den Fisch ausmachen (vgl. auch SEEBOLD 1986, 169). Die abweichenden Kriterien der Fachsprache sind hier irrelevant.

Man kann schließlich in der Standardsprache auch den Begriff ‘Arbeit’ für Erscheinungen verwenden, die sichnnicht als "Kraft mal Weg" auffassen lassen.


70 Daß in der zoologischen Nomenklatur der Dachs mit einem Namen belegt ist, in den Wörterbüchern des Latein auch mit ‘Marder’ glossiert ist (mäläs), rührt daher, daß die genaue Bedeutung des lateinischen Wortes nicht bekannt ist WALDE/HOFFMANN).



129.


§ 55. KOIVULEHTO hat für drei finnische Wörter mit der Sequenz -aav- germanis- che Originale mit urgerm. -aww- auszumachen versucht (vgl. § 96). Es handelt sich dabei um fi. haava ‘Wunde’, kaava ‘Gestalt, Umriß, Form, Muster’ und naava ‘Bart-flechte’. Es herrscht die Meinung,daß auch urn.*ggw im Finnischen durch v vertre- ten sein könne, weil es die Konsonantenverbindung *kv im Finnischen nicht gebe, daß also z.B. ein finnisches haava ‘Wunde’ sowohl auf urgerm. *hawwa- als auch auf urn. *haggwa- (an. hagg ‘Hieb’) zurückgehen könne (HOFSTRA 1985,103 mit Literatur).

Bezüglich der entsprechenden Konsonantenverbindung mit palatalem Halbvokal wird jedoch die Wiedergabe durch die Klusil-geminate (z.B. urgerm. *kj durch urost- seefi. *kk in rikas /rikkaa- ‘reich’, miekka ‘Schwert’ usw.) ebenfalls mit der Nichtexis- tenz eines urfinnischen Clusters (*kj) begründet (HOFSTRA 1985,83 und 105), wäh- rend in Fällen wie aaja (urgerm. *agjö-, dt. Ecke) gemeinhin ein urostseefinnisches *akja usw.vorausgesetzt wird (HOFSTRA 1985,187).Es fragt sich nun,ob dann nicht auch im Falle eines urnordischen *ggw mit anderen Wiedergabemöglichkeiten zu rechnen ist, d.h., ein *haggwa- entweder durch fi. *hakka oder durch fi. *hakua re- präsentiert sein müßte, ebenso wie urgerm. *tanhwa- (an.‘festgestampfter Platz’) ein finnisches tanhua ‘Viehhürde’ ergeben hat (s. HOFSTRA 1985, 33).

Bei Zugrundelegung dieser Gesichtspunkte und unter Berücksichtigung des ein- schlägigen Falles fi.kuva (urgerm.*skuwwan-) hätte man gegen KOIVULEHTO und HOFSTRA (s. 1985,173) dennoch ein Indiz für eine relativ späte Gültigkeit der Ver- schärfung, falls man annimmt, daß die Entlehnung aus einer Vorform des Gotischen oder Nordischen erfolgte und nicht aus dem Westgermanischen oder einer anderen, nicht überlieferten Variante des Germanischen. Für den Schluß, daß es keine urnor-dischen Entlehnungen im Ostseefinnischen gebe, ist die Anzahl der in Rede stehen- den Wörter zu gering.Es könnte durchaus zufällig sein,daß im Zeitraum nach Einset- zen der Verschärfung und vor Beginn der Umlaut-erscheinungen kein einschlägiges Wort ins Ostseefinnische gelangt ist.


130


HOFSTRA nimmt fi. taaja ‘dicht, häufig’ nicht in seine Liste der "westgermanischen" Lehnwörter auf (s.unten), obwohl er sich bei seinem urgermanischen Ansatz auf die- se Wortgruppe beruft;er will seinen Deutungsvorschlag also offenbar nur als Alterna- tivlösung zu der von ihm als "unsicher" eingestuften Erklärung T.ITKONENs verstan- den wissen,der das finnische Wort auf ein unbelegbares *þakja- ‘(be)deckend’ - von uridg. *(s)teg- zurückführt. HOFSTRA verknüpft das Wort mit dt. zäh, nl. taai usw. (1985,409 ff.). Die Möglichkeit einer Bedeutungsentwicklung von ‘zäh’ zu ‘dicht, häu- fig’ läßt sich natürlich nicht bestreiten, man wird sich den Vorgang aber sicher nicht so vorzustellen haben,wie es HOFSTRA angibt. Er beruft sich auf die Feststellung in TRÜBNERs Wörterbuch,daß zäh "die Bezeichnung für Körper,deren Teile sich zwar leicht verschieben lassen,die aber einer Trennung dieser Teile größeren Widerstand entgegensetzen", sei. Dies ist ohne Frage eine zutreffende Beschreibung der physi- kalischen Gegebenheit, aber wer denkt beim Kauen eines zähen Stück Fleisches oder beim Rühren in einem Teerkübel daran, daß sich dabei irgendwelche Korpus- keln gegeneinander verschieben? Das für einen Bedeutungsübergang von ‘zäh, schwer seine Bestandteile zerlegbar’ über ‘aus (zahlreichen) sehr dicht beieinander befindlichen Teilen bestehend’ zu ‘dicht’ erforderliche gleichsam demokratische Ma- terieverständnis wird man wohl den Urostseefinnen absprechen dürfen. Die Zusam- menstel- lung erweckt aber in erster Linie von der lautlichen Seite her Bedenken. HOFSTRA erwägt für die Wiedergabe des von ihm angesetzten urgermanischen *tanhja- durch das Ostsee-finnische zwei Möglichkeiten. Die erste geht von "urfi." *tankja- aus, das "eine ungewöhnliche Sequenz von drei Konsonanten enthalten" würde. Der urostsee-finnischen Phonotaktik sei durch Unterdrückung des Nasals entsprochen worden.

HOFSTRA führt als Parallelen die von KOIVULEHTO für fi.n otsa ‘Stirn’ und ohja(t) ‘Zügel’ gegebenen Erklärungen aus "frühurgerm." *anþja- (>"frühurfi." *oric’c’a) bzw. *ansja (>*onšja) an. Wegen der unterschiedlichen phonetischen Bedingungen sind diese Fälle jedoch nicht vergleichbar. Ein urostseefinnisches *tankja-hätte als ältere Entlehnung problemlos als /*tankka/, als jüngere als /*tankkia/ realisiert wer- den können. Die zweite Möglichkeit, die Herleitung des finnischen Wortes von einem schon nasallosen urgermanischen Original,führt zu einem Konflikt mit der relativen Chronologie.


131.


Die Realisierung von urgerm. *tanhwa- (>an. ‘festgestampfter Platz,Gang vor dem Haus’) als tanhua zeigt, daß vor dem Schwund des Nasals im Germanischen urost- seefi. h bereits dem Phonemsystem angehörte, d.h., das von HOFSTRA als Original von urostseefi. *takja erwogene *Iāhja- wäre a fortiori als *tahja- wiedergegeben worden.Es wäre auch keine Lösung,wenn man mit einer Substitution von urgerm. *h durch (> ostseefi. h) im Falle tanhua rechnete, denn diese hätte dann auch bei urgerm. *tähja- erfolgt sein müssen, falls es noch ein š gegeben hat.

Wenn inzwischen der Wandel zu h schon abgeschlos- sen war, gab es aber keinen Grund mehr, ein k für urgerm.*h zu substituieren. Auffällig ist,daß die für fi. taaja zu belegende Hauptbedeutung auch für das anklingende urgermanische *þeku-, *þekwja- (an. þykkr, þjokkr, þjukkr ‘dicht gedrängt’, afries. thikke ‘zahlreich’) -> fi. tiukka - anzusetzen ist. Eine germanische o-Stufe, die urostseefi. *takja ergeben haben könnte, läßt sich jedoch nicht nachweisen.Allerdings ist ahd. zähi,mhd. zaehe und nl.taai (nach de VRIES - s.HOFSTRA l.c.- aus *tanhu-> ahd. zäh, engl. tough) auch keine hinrei-chende Evidenz für die von HOFSTRA postulierte urgermanische Stammklasse (s. 5 43).

Das durch got. un-wähs ‘tadellos’, ae. wöh ‘krumm, verkehrt’ und as. wah (HOLT- HAUSEN 1934a, 117) vorausgesetzte urgermanische *wanha- könnte in fi. vanha ‘alt’ vorliegen, wobei sich der Bezug auf den Menschen aus der Bedeutung ‘krumm’ ergäbe (krumm, gebeugt gehen).

Es müßte dann eine Verallgemeinerung wie bei alt statt-gefunden haben (ursprüng- lich ‘herangewachsen’, s.KLUGE/MITZKA s.v.).Zu weiteren Anschlüssen der germa- nischen Sippe s.KLUGE/MITZKA s.v. Wange,HOLTHAUSEN l.c.). Für das finnische Wort gibt es auch eine finnisch-ugrische Etymologie (s. SKES).

§ 56. KOIVULEHTO verweist für haava (vgl. § 96) hinsichtlich der Bedeutung auf schwed. hugg ‘Hieb’ und ‘Wunde’ (l977a,132 f.).Es käme auch eine Bildung *hawja- ‘das Gehauene’, wie sie ahd. houwi, got. hawi ‘Heu’ voraussetzt, in Frage. Es läge dann eine Parallelbildung zu got. banja, an. ben ‘Wunde’ (uridg. *bhen- ‘schlagen’) vor. Das wj könnte als ältere Entlehnung vielleicht ebenso ein urostseefinnisches */ww/ ergeben haben wie *kj ein kk. Weiter wäre die Genese des finnischen Wortes so darzustellen wie bei KOIVULEHTOs Herleitung. Nicht zu gelassenes zugrunde liegendes */ww/ wäre - möglicherweise unter Ersatzdehung des voraufgehenden Vokals - vereinfacht worden.


132.


Man beachte aber, daß KOIVULEHTO zufolge ein urgermanisches *hawja- als urostseefi. *haiva hätte realisiert werden müssen (laiva < *flauja-; s.§ 47).

§ 57. Eine von HOFSTRA (1985, 123) gebilligte Etymologie ist die Herleitung von fi. pyrkiä ‘streben’ aus urgerm. *wurkjan (got. waurkjan, an. yrkja ‘arbeiten’) durch KOIVULEHTO. Im Ostseefinnischen finden sich laut SKES für das in Rede stehende Wort die Bedeutungen ‘streben, bitten, fragen,um Erlaubnis zum Gehen (Kommen) bitten, aufrufen,zu sich bitten,versuchen’.In der lappischen Entsprechung liegt neben ‘versuchen, streben, sich beeilen’ auch die Bedeutung ‘arbeiten, tätig sein’ vor,in der offenbar die Rechtfertigung für die Zusammenstellung mit einem germanischen Verb für ‘arbeiten’ gesehen wird.Der statistische Befund spricht indessen eindeutig für den sekundären Charakter der letztgenannten Bedeutung.Auch vom Standpunkt der his- torischen Semantik neigt sich die Waage zugunsten einer Priorität der bestbezeug- ten Bedeutungen, denn während ein Übergang von ‘streben’ zu ‘arbeiten’ nichts Er- staunliches böte, müßte eine Entwicklung von ‘arbei- ten’ bis zu ‘fragen’ und ‘bitten’ als extrem merkmalhaft gelten.

Setzt man dann noch in Rechnung, daß die Etymologie zwei zumindest nicht die Re- gel darstellende Lautentsprechungen aufweist, nämlich den Ersatz eines anlauten- den germanischen velaren Halbvokals durch p und die Wiedergabe eines germanis- chen *u durch ü auf ostseefinnischer Seite,dann ist die Etymologie als unsicher ein- zustufen. Wenn man schon unbedingt ein germanis- ches Original für das ostseefin-nische Verb haben möchte, sollte man es mit dem althochdeutschen fergön probie- ren, für das in den Glossen die Bedeutungen ‘petere, poscere, exigere’ zu belegen sind, also ein semantisches Feld, das der ostseefinnischen Bedeutungspalette voll gerecht wird.Das althochdeutsche Verb gehört mit Ablaut nach KLUGE/MITZKA zu dt. fragen, also zur urindogermanischen Wurzel *perk’-/prek’-. Bezüglich des ost- seefinnischen Ausgangs kann auf fi. kauppia - ahd. koufön hingewiesen werden. Der Stammsilbenvokalis- mus würde in der KOIVULEHTOschen Konzeption keine Schwierigkeiten bereiten. Da "vorgermanisches" *e in labialer Umgebung im Ostsee- finnischen durch ü (fi. y) reflektiert sein könne (Fall jyvä bzw. fugr. *püš, vgl. § 35), wäre auch gegen eine Ausgangsform *perg- nichts einzuwenden.


133.


Zur Not könnte man das *u (>y) auch von der schwund- stufigen Bildung *fürskön (> ahd. forskön) < uridg. *perk'-sk’o- bezogen sein lassen.Auch die Wiedergabe der germanischen Media durch die ostseefinnische einfache Tenuis entspräche der Erwartung.

Da bei beiden anderen Belegen für ostseefi. p-/urgerm. *w- mit einem Homonymen- konflikt als Ursache für die exzeptionelle Substitution operiert werden muß (s. HOFSTRA 1985, 170), kann diese Entsprechungsregel ad acta gelegt werden.

[HM: Suomen pyrkiä tulee baltin "puhaltaa (purje) pullolleen"-sanasta burkti (buksta, burko) = pullistuu, (*burkia = *burke) = pullistaa (purje).



Valittuja hölmöyksiä:

puri1 : purje : purje = purje 'kolm- v nelinurkne tuulepüüdur, mille abil laev v muu sõiduk pannakse liikuma'
purjus
alggermaani *burja-
vanaislandi byrr 'pärituul = myötätuuli, soodne tuul = suotuisa tuuli'
rootsi mrd bör 'pärituul, soodne tuul'

liivi pūraz, pūŗaz 'puri = purje'
vadja purjõ 'puri'
soome purje 'puri'; mrd 'pärituul; hoog'
isuri purje 'puri'
Aunuse karjala purieh 'puri'
vepsa puŕeh 'puri'
saami borjjas 'puri', borjat 'pärituul'
purjus on u-tüvelise variandi seesütleva käände vorm. Eesti keelest on laenatud läti bura 'puri' ning soome mrd purjus(sa) 'purjus, joobnud = juopunut', isuri purjus 'purjus, joobnud' ja vadja purjuza 'purjus, joobnud' (← purjus).

puri-2 liitsõnas purihammas 'iga silmahambast tagapool asetsev laia mälumispinnaga hammas' purema

Álgun mukaan ei muka ainoatakaan balttisanaa, jolla olsi yhtäänmitään tekemistä purje-sanojen ja niihin liittyvien kanssa...
Täysin uskomatonta perseilyä...

[purje]  = kantasaame   [porje̮s]  Lehtiranta, J.1989 SUST 200
[purje]  = piitimensaame   [pårjas]  Lehtiranta, J. 1989 SUST 200 
[purje]  = luulajansaame   [pårjås]  Lehtiranta, J. 1989 SUST 200 
[purje]  ?= luulajansaame   [pårjåstit]  tietokannan päättelemä
[purje]  ?= luulajansaame   [pårjå̄stallat]  tietokannan päättelemä
[purje]  = pohjoissaame   [borjâs]  Korhonen, M. 1981 Johdatus
purje  = pohjoissaame   borjjadat  Aikio, A. 2009 SaLw 
purje  = pohjoissaame   borjâs  SSA 2 1995  s. 435
[purje]  = pohjoissaame   [borjâs]  Lehtiranta, J. 1989 SUST 200
[purje]  = inarinsaame   [puurjas Lehtiranta, J. 1989 SUST 200 
[purje]  = koltansaame   [pō̭rjɐ̑s]  Lehtiranta, J. 1989 SUST 200
[purje]  ?= akkalansaame   [pårjes]  tietokannan päättelemä
[purje]  = kildininsaame   [porjas]  Lehtiranta, J. 1989 SUST 200 
[purje]  = turjansaame   [pori̯s]  Lehtiranta, J. 1989 SUST 200
[purje]  ?= norjanlappi   [borjastet]  tietokannan päättelemä
[purje]  = suomal.saamel.kk.  [purješ]  Korhonen, M. 1981 Johdatus
[purje]  = suomal.-saamelkk.  [purješ]  

purje  < germaaniset kielet:    LÄGLOS 3 2012  s. 84-85


kantagermaani burja-z 


muinaisnorja [byrr


kantagermaani [buri-z


muinaisruotsi [byr


muinaisenglanti [byre
purje  < germaaniset kielet    Junttila, S. 2012 SUST 266 
purje  < germaaniset kielet:    Aikio, A. 2009 SaLw  s. 133


kantagermaani [burja-


muinaisnorja [byrr
purje  < germaaniset kielet:    SSA 2 1995  s. 435


kantagermaani [burja-


muinaisnorja [byrr
Tuo Junttila on aivan täysi baltofobisekopää...
purje   balttilaiset kielet     Junttila, S. 2012 SUST 266 


Suomen sana ei missään tapauksessa voi olla peräisin kermaanista, sillä kermaaneja on ollut koko Itämeren alueella vasta ajanlaskun alusta alken. Jorma Koivulehdon ja Unto Salon hölpötykset eivät asiaa muuta minnekään.

Lithuanian: bùrė = purje

Etymology: 'Segel' = purje,

lett. bura dass., kein idg. Wort = ei ole IE-sana
und daher auch nicht mit ā. fāroj,
att. föroj 'Stück Zeug = kangaspala, Leinwand = liinakangas'
(woraus russ. parus 'Segel = purje') zu vergleichen;

s. jetzt ausführlich Nieminen KZ 72, 129 ff.
Nach diesem Forscher liegt ein Ausdruck der FINN.-ugr. Sprachen,

cf. FINN. purje 'Segel', estn. purje, liv. *pur´r´i, pūráz zugrumde.

Die liv. Bez. drang zunächst in das livonische und tahmische Lettisch, die das alte Livische ablösten, ein und ging dann von Westkurland aus in das žem. Litauisch über.

Schliesslich wurde bùrė schriftlitauisch und diente als Ersatz des dtsch. Lehnworts zėglas, Žėglas, ŽėglӲs.

(Sana on lainautunut ilmeisimmin juuri muodosta ”purje” kantabalttiin/muinaisliet- tuaan muotoon ”*p'ur'e”, jossa pilkku tarkoittaa liudennusta, ja p:en liudennus tulee siitä, että se ”säilyy” varsinkin kaksitavuisissa sanoissa lainattaessa latvia-tyyppisissä kielissä jälkimmäisen tavun määrätessä.

Edelleen kuuriin lainattaessa/siirryttäessä soinnittoman konsonantin liudennus muuttuu usein soinnilli- suudeksi: (p >) p' > pj > bj > b' > b,sillä kuurissa ei tuossa voi olla liudennusta, ja kova konsonantti soin- nillisen edellä muuttuu soinnilliseksi. Usein noin käy s-äänteillä, ns. ”kuurilais-z”, mutta myös muilla.

http://www.tiede.fi/keskustelut/post1328703.html#p1328703

Tuo soinnillistuminen, eräänlainen monimutkaistuminen lainattaessa balttikielten välillä, on poikkeus. Varsinkin kuurin suuntaan tapahtuu tavallisesti tasan saman-suuntainen yksinker-taistuminen kuin suomeenkin: liudennukset, suhinat ja soinnoillisuudet vähenevät.)

Szyrwid war bùrė noch absolut unbekannt; er bietet die Glossen žagiel do naw, velum, drobė eldinė ('Bootsleinwand'; eldinė für eldijinė von eldijà 'Kahn = vene, pursi, ruuhi, Boot = vene' kann auf einem i-St. *eldis, poln. łódz´ beruhen).

Ferner hat Szyrwid žaglowy drąg, antenna, kartis drobės eldijes ('Segelstange' = purjemasto, eig. 'Stange der Kahnleinwand'; das Epitheton eldijė ist Femininum des Adj. elijis = eldijinids; cf. das Nebeneinander von kasdiẽnis 'alltäglich' = arkinen, und kasdienìnis = jokapäiväinen, etc.).

Lit. bùrpilis, daneben bùrpelis (in žem. Mundarten, in denen offen ausgesprochen wird) 'Giessholz, mit dem die Fischer die aufgespannten Segel benetzen' = purjeenkastelupuu, enthält, wie Nieminen a.a.O. 159 gegen Mikkola IMM 1930, II, 443 sowie gegen Verf. Balt. Spr. 71 mit Recht hervorhebt im 2.Glied kein livisches Wort, sondern
lit. pìlti 'giessen = kaataa, valaa (vettä), schütten = kaataa (esim. jyviä)',
cf. lett. pilt, pilēt 'träufeln, tropfenweise giessen' = kastella pisaroimalla, roiskimalla.
Das Kompos. bedeutet also eig. 'Segelbenetzer' = purjeenkastelija.
Da lit. bùré auf der Ostseite des Kurischen Haffs nichtbodenständig war, so erlitt es dort mannigfache Umgestaltungen;
daher gūrpilas, vurpilis im Fischerlit. des Kurischen Haffs.
Die volksetym. Umgestaltung gūrpilas beruht auf Anschluss an
lit. gùrti 'zerfallen,aufgeweicht werden,zerbröckeln,zerkrümeln,zergehen,zerfliessen' = ”levitä”,
gùrinti 'zerteilen, auflockern, aufweichen, zerbröckeln, zerkümeln' = ”leväyttää”, (s.s.v. gùrti).
Bei lit. vurpilis erwägt Nieminen, ob diese Form durch Angleichung an lit. Vurpilis (Vorpilis), Name des Schlossbergsbei Tilsit, hervorgerufen worden ist.
Das Vorderglied dieses Eigennamens ist lit. võras 'alt' = vanha,
preuss. urs = dass.
Das Hinterglied entspricht dem lit. pilìs, lett. pils, preuss. pil(l)e- 'Burg, Schloss' (s.s.v. pilìs).

Jotta suomen tai viron "purje" olisi voinut lainautua ongelmitta ensin kuuriin muotoon "*pjur(j)e" ja siitä liettuaan muotoon "bùrė", olisi parasta, että muoto olisi "*pyrje", joka edelleen saattaisi olla yhteudessä verbeihin "pyrkiä",pyristellä, ja jos noita on etu- ja takavokaalinen linja, ehkä myös verbiin "purkaa"."Pyrkiminen" tar- koittaa alun perin pakoon pyrkimistä, ja purkaminen vapauttamista esimerkiksi eläinten karja-aidoista tai kalojen verkosta usein säilytys tai kasvatusaltaaseen. (Nykyään kasvatetaan karpppia, muinaisuudessa kasvatettiin mm.toutainta (rapas, kasvatuspaikka "rapola",joka on myös preussilainen sukunimi).Virossa onkin kaksi sanaa, purgima ja pürgima.Sana näyttää olevan saamessa myös vahvasti p-alkui- nen, joskin b-alkuisiakin on. "Kantakermaani" on konstruoitu, eikä sanaa ole todel-lisuudessa missään muusssa IEkielessä kuin balttilaisissa. Jos se on IE-kielissä, se tarkoittaa muita asioista.

http://kaino.kotus.fi/algu/index.php?t=sanue&lekseemi_id=58643&hakusana=purje&sanue_id=39616

http://www.tiede.fi/keskustelut/post1232836.html#p1232836

http://www.tiede.fi/keskustelut/post1247055.html#p1247055

IE-puolelta ei oikein löydy mitään tuohon liittyvää balttikielten ulkopuolelta. Sikäli sana voisi hyvinkin ola SU,että myös mm.latvian kielen vero-sanakin on lainaa SU-kielistä, ja suomessa omaperäinen. Se tarkoitti syksyllä teurastusaikaan pakkasten alkaessa yhdessä sileäksi pistettäväksi kerättyä vuoden ylimääräitä tuotetta.

Sellainen seikka, että bure merkityksessä "purje" on uusi sana balttikielissä, ei tarkoita, ettei se kuitenkin olisi kantabalt(oslaav)iperäinen, mutta jossakin muussa merkityksessä. Balttikielissä burti tarkoittaa mm. puhaltaa, kasata puhaltamalla, kinostaa, loihtia ja parantaa ("vanhoilla konsteilla"). Latviassa se tarkoittaa vielä häkkiä (burts) ja preussissa kasaa, kinosta suurta määrää (burts).

Burėti ja burinti (lt), lv. burīt = purjehtia, jotv. burīt = loihtia, parantaa.

Jos venäjän kielen sana "burja" = myrsky, pyry kuuluu joukkoon, bure ei tule varmasti suomen kautta kuurilaissoinnillistumisen tuloksenä. (Se tarkoittaisi sitäkin, että kuurilaiset olisivat oppineet suomalaisilta/liiviläisiltä purjehtimaan,mikä sinänsä on ihan mahdollista.)

Mutta eräs asia viimeistään saa etsimään edelleen kanttabalttialista etymologiaa. Se on se, että sana "laiva" (kts. "laivas") on ehdottoman takuuvarma balttisana, ja nämä sanat kuuluvat mm. arkeologisesti yhteen.

Yksi keino tunnistaa juuri kantabaltissa läsnäolleeksi, on tutkia, löytyy sopivissa merkityksissä ja kielissä kanbaltille omonaisia johdannaisia tuosta vartalosta. 

Tällaisia johtopäätteitä ovat -k/g-, joka tarkoittaa aiheuttamista, pakottamista ja kiusaamista, -p/b-, joka tarkoittaa edestaksita, vastavuoroista, puuskittaista toimintaa, sekä -*t/*d- (preesensissä, nominatiivissa nykyään yleesnä -s/z/š/ž-, joka tarkoittaa toistuvaa ja sykäyksittäistä toimintaa.

Esim. "*kenti" (kb) = kantaa, kokea (ikäviä), kärsiä, "*kenkti" = kiusata, kiduttaa, *kensti = kestää, sietää, *kempti = taistella, nostella kasaan jne.

Löytyvätkä vartalon bur- lisäksi balttikielistä vartalot *burk(ti)-,*burb(ti)- ja *burs(ti) tai ainakin pari näistä? Kyllä vaan löytyvät, kaksi ensimäistä aivan sellaisenaan liettuasta, ja pilkulleen oikeassa merkiktyksessä:

burkti (burksta, burko) = pullistaa puhaltamalla, esim. tuuli purjetta

burbti (burbia, burbė) = kuplia, pulista, kurlata, engl. burp = röyhtäisy, -stä

Kolmatta sanaa *bursti, kuten engl. burst = purkaus, ryöppy, sarja (-tuli ym.) ei aivan tuossa muodossa ole, mutta sille pn hyvä selitys, koska on peräkkäisillä liitteillä -*k- ja -*s- verbi

burgzti (burzgia, burzgė) = pöristä(ä), pyristä(ä), pyristellä (hyönteinen), päristä(ä) (laite), pärskiä (aivataa), pyrskähtää (nauru), purskahtaa jne.

Erikoista on ainoastaan, että nimeomaan ´purjeen´ kohdalla vanha omaperäinen sana on latviassa ja liettuassa syrjäyttänyt välillä käytössä olleet lainasanat. Tämä taas liittyy epäilemättä merenkulun joutumiseen myöhäisessä vaiheessa joiltakin osin arkaaista seelin kaltaista kieltä puhuneiden kuurilaisten haltuun.

Suomen sanat pyry, purkaa (lentää tuulen mukana pois?) ja pyrkiä (puhjehtia?) ovat varsin todennäköisesti tuota samaa perua.

*werǵ-to do, to workGk. ἔργον (érgon), Lat. urgere, Eng. wyrcan/work; weorc/work, Gm. werkon/werken; werah/Werk, ON verka; verk, Goth. (waurkjan); (gawaurki), Lith veržti = kiristää, puristaa, OCS vragu, Ir. fairged/, Arm. գործ (gorc), Av. vareza, Pers. /barz, Toch. wark/

" ver̃žti (ver̃žia) = vääntää, kiristää, puristaa:

Oset. wyrz|urzpiršto galas = sormenpää’, tiksliau ‘piršto galo minkštimas’. Oset. wyrz|urz priklauso prie av. ərəzu ‘pirštas = sormi’, kaip oset. wyrdug|urdug prie av. ərədva- ‘vertikalus = pystysuora; staigus = äkkinäinen, jyrkkä’. Ir vienu ir kitu atveju reikia suponuoti du pirminius variantus: su pradiniu r̥- (*r̥zu-, *r̥dwa-) ir su pradiniu wr̥- (*wr̥zu-, *wr̥dwa-). Plg. av. dvaeibya ərəzubya ‘dviem pirštais’ (AiW 353), oset. dywwæ wyrzæj. Av. ərəzu- ‘pirštas’ sutapatinamas su ərəzu- ‘tiesus = suora’ ir priskiriamas ide. *reg̑- ‘tiesus’ ir pan. (Pokorny 854) lizdui. Labai abejotina. Pirštų specifika ne jų tiesumas, o atvirkščiai – gebėjimas sulinkti ir tokiu būdu atlikti žmogui naudingus veiksmus: laikyti, sugriebti, suspausti ir pan. Greičiau reikia kildinti iš pagrindo *(w)regh- ‘veržti = kiristää, vääntää (ruuvia ym.), spausti = puristaa’ ir pan. (pirštai = sormet = ‘veržtuvai = puristimet, ottimet’) ir gretinti su lie. ver̃žti, s. v. a. wurgen ‘smaugti = painaa, kuristaa, tukehduttaa’ ir pan., lie. viržỹs ‘virvelė = naru, nuora, köysi’, le. wrzos ‘viržis’ (Pokorny 1154–1155). Plg. ængoylʒ. Žr. Миллер, IF 21, 333; Bailey, Asica 37, TPhS 1960, 81.

Pyrkiä-sana yhteyttä sanaan work ei mitään syytä olettaa. Enemmäkin work liittyy kanta-IE:n/-baltin sanaan *ver- = kääntää (> mm. sm. väärä)]

§ 58. Fremdes e > ostseefi. ü wäre aber nicht in fi. evä ‘Flosse, Finne (eines Fisches)’ eingetreten, zu dem KOIVULEHTO meint: "Man kann kaum umhin, auch dieses Wort aus idg. *ieuo- ‘Korn’ herzuleiten.

Man erinnere sich daran, dass das idg. Wort besonders für ‘Gerste(nkorn)’ galt, de- ren Körner ja lange Borsten, Grannen, Stacheln haben;mehrere Wörter für ‘Gerste’ bedeuten denn auch ursprünglich ‘stachlig o. dgl.’ ..." (1986 b,87). Er bringt weiter Parallelen dafür, daß sich "der Begriff des Stachligen, Borstigen, Spitzen’ anderer- seits als ‘Finne,Flosse’ manifestieren" könne. Er führt weiter aus: "Für idg. “jeyo- selbst kann zwar ein etymo-logischer Zusammenhang mit ‘Stachel, Spitze, Granne, Achel o. dgl.’ nicht nachgewiesen werden, doch vermag dieser Umstand die aufge-stellte Herleitung für fi. evä nicht sonderlich zu gefährden, denn in der außersprach-lichen Erscheinungswelt und in der Anschauung der Sprachteilhaber ist der Zusam-menhang auf jeden Fall vorhanden; je- der Drescher weiß,wie die Grannen stehen - und darauf kommt es ja an.Die lehnnehmende Sprachgemeinschaft weiß ja ohnehin nicht um die etymologischen Zusammenhänge der fremden Originale, und ein Lehn- wort kann mit der Zeit neue Bedeutungen annehmen. Und wir können außerdem zeigen, dass die fiugr.

Parallelentwicklung *jüvä aus derselben (sie!) idg.*j’eyo- Bedeutungen wie ‘Achel u. dgl.’ aufweist" (88). Gegen die Möglichkeit eines Bedeutungswandels von *‘Getreide’ über *‘Getreidegranne’ und *‘Spitze’ zu ‘Flosse’ ist natürlich nichts einzuwenden;daß die Zwischenglieder für evä nicht zu belegen sind, mindert allerdings die Wahr- scheinlichkeit der Etymologie erheblich. Man könnte sich allerdings vorstellen, daß die sprachlichen Vorfahren der Ostseefinnen aus einem indogermanischen Dialekt ein Wort für ‘Getreide’ - oder speziell ‘Gerste’ - übernommen haben und daß ein in- härentes Merkmal des Referenten die Bedeutung des Wortes in der lehnnehmenden Sprache bestimmt hat.


134.


Die Entlehnungssituation rnüßte man sich dann etwa so vorstellen, daß die Indoger- manen den Finno-ugriern fieyo- verkauft haben, das zum größten Teil aus bloßen Grannen bestand, d.h., das Wort müßte ursprünglich minderwertiges Getreide bezeichnet haben.

Die der vorausgesetzten Bedeutungsentwicklung (‘Getreide,Korn’ zu ‘Stachel, Gran- ne’) entgegengesetzte nimmt KOIVULEHTO für ein anderes Wort an. Er sieht in estn. tang (-u-) ‘Korn, Körnchen; Finne (im Gesicht und in Schweinen)’ ein germa- nisches *stangö- zu ‘tstenga- ‘stechen’ (op.cit. 89). "Den semantischen Anschluß wieder über ‘Stachel, Spitze, Granne’ u.dgl.” (89). "Wie nun bereits oben ausgeführt, können sich Inhalte wie ‘Korn,Hülse, Finne’ (>estn. lang) mit ‘Spitze,Stachel, Borste, stechend, scharf” in einem Wort oder einer Wort- sippe leicht verbinden: Körner sind spitz und haben stechende Grannen, Acheln. Den hier nächstliegenden Parallelfall liefert uns fi-ugr. *s’uka-=mordw.s’uva ‘Granne’ = syrj. s’u ‘Roggen, Korn, Getreide, Getreide- körner’, dessen idg. Original u.a.in aind. fükah ‘Granne des Getreides, Stachel eines Insekts’ weiterlebt" (90). Nun handelt es sich bei der Parallele um ei- nen Stoffnamen - ‘Getreide, Roggen, Korn (als Kollektivum)’ - , während als Grund-bedeutung für estn. rang offenbar ‘Korn, etwas Kornförmiges’ anzusetzen ist (89), also ein Individuativum.  Die Etymologie setzt demnach eine weitere zusatzannahme voraus; ein Ableitungsverhältnis, also ‘Korn,Körnchen’als ‘das mit Grannen versehene’, ist ja nicht gegeben.

§ 59. Eine Labialisierungsregel ergibt sich ferner implicite, wenn HAAVIO Ymir, "das doppelgeschlechtige Urwesen der germanischen Mythologie" (FROMM 1967, 86), den lettischen Jumis, den arischen Yima (av.) bzw. Yama (ai.) mit fi. jumi ‘mytholo-gisches Wesen, von dem erzählt wird, daß es mit einer Borste o.ä. auf Menschen schieße Bohrkäfer, dessen Klopfen in der Wand den Tod anzeigt’ (FROMM 1.0.) zu- sammenstellt. "Die allen ge- meinsame Wurzel ist, wie bekannt,*gem- (vgl. lat. gemi- nus, griech. yocuöq - sic!), welche die Träger des Na- mens als zweigeschlechtig, doppelgestaltig u.ä. ausweist", führt FROMM aus.


135.


Bekannter dürfte indessen sein, daß uridg. *g weder dem germanischen Namen ge- recht wird, noch ai. und av.y oder lett.j ergibt,sondern im Indischen die Affrikata j, im Avestischen und Lettischen z.Eine Beziehung zwischen geminus und ai. yamá- ‘ge- paart’ hat FAY unter Annahme eines adhoc-Lautwandels *je-> ge- hergestellt (164), was natürlich ebenso abzulehnen ist (SOMMER/PFISTER 110; WALDE/HOFF- MANN s.v.) wie jetzt der Ansatz bei GAMKRELIDZE/IVANOV (132 bzw. 778).

§ 60. Die Belege für eine Substitution von urgerm.*st- durch urostseefi. *s erwecken den Eindruck, daß die Ostseefinnen sozusagen mit dem "Pokorny" in der Hand ent- lehnt haben: vier der sieben Beispiele (s. HOFSTRA 163-65) gehören zur urindoger-manischen Wurzel *steh2-‘stehen’ (IEW 1004 ff.). Fi. saura, (dial.) sa(a)pra, sapro, ‘(Pfahl im) Schober’, weps. sabr ‘Heuschober’ werden über "frühurfi." *sapra auf frühurgerm. *staura- (> an. staurr ‘Stützpfahl, bes. Zaunpfahl’, vgl. IEW 1009) zu- rückgeführt. In fi.suuri wird ein urgermanisches *stüra- (ahd. stür ‘stark, groß’, vgl. IEW 1009) gesehen. Fi. sietää ‘dulden, vertragen, aushalten’ beruhe auf urgerm. *ste'- ‘stehen’ und fi. (dial.) suota ‘Pferdeherde’ reflektiere ein urgermanisches *stöda- (an. stöö ‘Gestüt, Herde’). Bei den drei anderen handelt es sich um fi. sara ‘Segge’, das mit Substitution der im Urostseefinnischen zum Entlehnungszeitpunkt noch unbekannten Geminata *rr auf urgerm. *starrä- (>an.starr ‘Segge’) zurückge- he, fi. salpa ‘hölzerner Riegel, Schlagbaum, Kolben’, weps. saub ‘Deckel; Fensterla- den’, das mit schwed. (dial.) salpe ‘Pfahl’, an. salpi (Personenname) in Verbindung gebracht wird, und fi. sija ‘Raum, Platz, (Lager-)Stelle’, weps. sija, sijä ‘Platz, Bett, Haus’, dem ein urgermanisches *stija- (an. stia ‘Einhegung, Gehege bes. für Klein-vieh’) zugrunde liege. Mit der nämlichen Substitution des Anlauts rechnet man seit langem schon bei drei baltischen Lehnwörtern des Ostseefinnischen. Hier ist die Sachlage aber insofern anders, als man in zwei Fällen die zu erwartenden Formen mit anlautendem t im Livischen und Estnischen belegt hat, die aber jünger sein mö- gen. Fi. seiväs,weps. seibaz ‘Stange’ entspricht ein nordestnisches teivas und livis- ches täibaz ‘Zaunpfahl’ (lit. stiebas ‘Stock, Pfeiler, Mast’), fi. sapa ‘Schwanz (ohne Haare), saparo ‘kurzer Schwanz’ lautet im Livischen tabär (lit. stäbas ‘Pfosten, Säule’, stäbaras ‘trockener Baumast’).


136.


Fi. sammas, sampas ‘lapis terminalis’, estn. sammas ‘Säule, Pfosten’ hat offenbar keine Entsprechung im Livischen (zu den genannten Wörtern s.KALIMA 1936, 63 und s.v.v.). Der baltische Befund kann aber schon deswegen nicht für die germanis- chen Verhältnisse ins Treffen geführt werden, weil im Baltischen mit einer Metathese von *st- zu *ts (> s) zu rechnen ist, da urslav. *storz'b (russ.cmopom) ‘Wächter’ kaum von lit.sãrgas, lett. sargs ‘Wächter, apr. butsargs ‘Haushalter’ zu trennen ist (s. ENDZELIN 50, mit weiteren Metathesefällen). Im Ostseefinnischen könnten die Beispiele mit anlautendem Sibilanten mithin auf baltische Varianten zurückgehen, die später zugunsten der Ausgangsformen eliminiert wurden, wogegen sich bei dem Wort für ‘Wächter’ die sekundäre Variante erhalten hat.

Vergleicht man die Entlehnungen, für die eine Substitution von *-st durch s ange- nommen wird, mit den Beispielen für die Wiedergabe von germanisch -st durch t, so muß man unter Berücksichtigung des baltischen Befundes - wobei in Rechnung zu setzen ist, daß für die baltischen Elemente -st > t gar nicht belegbar zu sein scheint (s. KALIMA l.c.) — konstatieren, daß der Beweiswert der neueren Gleichungen erheblich geringer einzuschätzen ist:

Studien136b.jpg

Bed. *Bed. Ausl. Lautl.

Schober Pfahl au > ap

Segge rr > r

groß

Riegel

Platz

dulden

Herde

Stange

Stiege

Steuer


137


Freilich findet KOIVULEHTO Parallelen für *au > ap und wertet den Einbau des a- Stammes in die e-Klasse als Indiz für eine frühe Entlehnung; es bleiben aber vom Standpunkt der traditionellen Konzeption Zusatzannah- men (im Falle sara sieht HOFSTRA eine mögliche Pa- rallele in fi. talas ‘Geräteschuppen urgerm. *stallaz > an. stallr ‘Gestell, Krippe, Stall’ - 102). 127. Auch die Diskrepanz in der Bedeutung läßt sich natürlich irgendwie erklären.Im Falle von sija suggeriert die Bedeutungsan- gabe ‘(Lager)Stelle’ eine Beziehung zur Bedeutung ‘Gehege’ des nordischen Wor- tes.Doch liegt hier eine ganz banale Polysemie vor.So kann man aus einem ungaris- chen megcsinälom a helyet ‘ich mach das Bett’ auch nicht auf eine ursprüngliche Bedeutung ‘Bett’ für hely ‘Platz, Ort’ schließen. Was die Zusatzhypothese für sara betrifft, kann man mit einer ähnlichen das Wort aus einem urgermanischen *sahra- (ahd. sahar, bair. Sacher; s. KLUGE s.v. Segge) erklären: *sahra (vgl. fi. tahra ‘Fleck’, an. tär, dt. Zähre - FROMM 1961) > sara wegen sahra ‘Art Pflug’. Aus einer Ableitung der ostgermanischen Entsprechung von ahd. sahar,got. *sahrja bzw. bur- gundisch *sarrj'a sollen span. sera ‘Kohlenkorb’, port. ceira ‘Feigenkorb’ bzw. prov. und katal. sarria kommen (MEYER-LÜBKE 7518). Die einzige laut obiger Tabelle einwandfreie Gleichung erweist sich bei Berücksichtigung aller Dialekte als kaum haltbar, denn es gibt keinen Grund suotia ‘läufig sein’, suotainen ‘läufig’ von suota zu trennen, da sich die Bedeutung ‘Herde’ unschwer aus einer älteren Bedeutung ‘Herde läufiger Stuten’, die UEW als Hauptbedeutung von suota angibt (28 - "läufis- che Stutenherde"), verstehen. Dann kann aber das finnische Wort mit lapp.N cuoððe- ‘go outside the herd to look for female reindeer (of a weak male reindeer in the rutting season, of one recently castrated, or of one with its antlers cut, but not castrated)’‚ syrj. Ud. ðual- ‘läufig, brünstig sein (Hund, Pferd, Katze, Schwein)’ u.a. unter f-ugr. *c’aða bzw. *saða vereinigen läßt (UEW). Der Vokalismus (urostseefi. *6) ist in Anbetracht der beiden Parallelen suoja ‘Schutz’ und suola ‘Salz’ (fugr. *saja ‘Schatten’ bzw. *sala ‘Salz’; die in SKES erwogene baltische Herkunft von fi. suola ist aus lautlichen Gründen ausgeschlossen) kein Hindernis (vgl. UEW s.vv.).

§ 61. Das von KOIVULEHTO als "vorgermanisch" be- stimmte pohtaa ‘worfeln’ (< *poyHejo- > urgerm. *fauja- > ahd. fewen, Vgl. HOFSTRA 1985, 375), das aus phonotaktischen Gründen den velaren Halbvokal eingebüßt haben müßte‚ läßt sich ohne Not aus ostseefinnischem Material deuten. Dialektal sind für fi.pohzaa, pohtia, puahtia auch die Bedeutungen ‘puhaltaa, huokua, huohottaa’ bezeugt.


138.


SKES gibt die Belege tuuli pohtaa huoneisiin ‘der Wind bläst in die Stuben’ und lämmin ilma pohtii vastaan ‘warme Luft wehte entgegen’. Es fallt nun schwer, sich vorzustellen, daß aus einer Bedeutung ‘Getreide reinigen’ die Bedeutung ‘wehen, blasen’ entstanden sein soll, auch wenn das Worfeln unter Ausnutzung des Windes durch Hochwerfen des Korns vonstatten geht. Umgekehrt läßt sich jedoch die Ent- wicklung der Bedeutung ‘worfeln’ aus der Bedeutung ‘wehen, blasen’ verstehen. Die Betonung des Anteils des Windes am Vorgang des Worfelns scheint onomasiolo- gisch merkmallos - was für KOIVULEHTO ja stets ein entscheidendes Argument ist, s. § 101 - zu sein: vgl. russ. beam ‘blasen, wehen’ und ‘worfeln’, estn. tuulama (tuul ‘Wind’), ung. szelel (szäl ‘Wind’), wog.K vuotli (vuoti ‘wehen’), tscher. pualtas" (puas' ‘blasen’).

Wenn es nun im Finnischen ein puhua ‘sprechen’ gibt, das dialektal wie die Entspre-chungen in den anderen ostseefinnischen Sprachen und im Lappischen (bossot) ‘wehen’ bedeutet - das also zweifellos die Grundbedeutung von fi. puhua ist - , muß man analog der Argumentation KOIVULEHTOs im Falle von mordw. kažoms, fi. kasvaa vs.tscher. kuikam die Annahme einer zufälligen Ähnlichkeit des Wortes mit pohtaa, das ‘worfeln’ und ‘wehen’ bedeutet, entschieden verwerfen. Schließlich besteht die Abweichung nur in einer Stufe des Öffnungsgrades des Vokals, da sich pohtaa zu puhua formal so verhalten kann wie dial.vaartaa ‘neigen,biegen’ zu vaa- rua ‘sich neigen’, bzw. kierfää ‘drehen’ zu kieriä ‘sich drehen’ (SKRK I § 65. 12, S. 240), wobei sich der Vokalismus unschwer durch eine Kontamination eines der mordwinischen Basis *pondža- ‘worfeln’ (suffigiert pondžaflonts [Inf.]) entspre-chenden ostseefinnischen *ponta- (vgl. § 24 kynte-) mit dem zu puhua gehörenden *puhta- erklären läßt.Man kann hierzu auf die gemeinlivische Form pu’ont’e ‘puhal- taa’ für westlivisches pu’ot’tõ,das wiederum haargenau dem finnischen pohtaa ent- spricht, verweisen - die livischen Wörter werden in SKES zweifelnd zu fi. puhua ge- stellt. Sogar puhdas ‘rein’ dürfte man dann kaum als zufällig an *puhtaa anklingend erachten; das Muster mag ahdas ‘eng, gedrängt´ ahtaa ‘drängen, stopfen’ gewesen sein, wobei belanglos ist, daß das Nomen vielleicht baltisch ist.


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Im übrigen müßte man auch bei dieser Erklärung von pohtaa und puhdas (nach KOIVULEHTO uridg. *puHtas > ai. pütä-) nicht von einem zufälligen Anklarig heirEtyl/Iilnna reden denn uridg. *peyh- vermeint.

[HM: Ei ole kandaindoeurooppaa eikä kantabalttia.]

‘(Getreide) reinigen lndogermamäc h eine deskriptive Wurzel der Bedeutung ‘we- hen, liegt sicherlich dsuc evidenz für die urindogermanischen Laryngale kann blasen’ Zugrllll - mit solchem Material jedenfalls nicht gewonnen werden‘


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